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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Das Johan­nes­evan­ge­li­um

 

Das Johan­nes­evan­ge­li­um  (Johev) ist viel­leicht um die Jahr­hun­dert­wen­de vom 1. zum 2. Jahr­hun­dert der Zeit­rech­nung geschrie­ben wor­den. Das bleibt aber sehr unsi­cher.

Sehr wahr­schein­lich kann­te der tat­säch­li­che Autor des Tex­tes das Mkev. Jeden­falls steht er ihm nar­ra­tiv sehr nahe, näher als die bei­den kla­ren Benut­zer des Mkev bei Mat­thä­us und Lukas. Thy­en, Das Johan­nes­evan­ge­li­um (HNT 6), 2015, unter­stellt, das er alle drei syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en benutzt. Wir bespra­chen den Pro­log (Joh 1,18ff), Joh 17 und den Epi­log (20,30-21,25).

Das Johev ist mit hoher Wahr­schein­lich­keit ein rela­tiv spä­ter Text. Es ver­wen­det ver­schie­de­ne Bil­der­wel­ten und ver­sucht sie zu inte­grie­ren.

Als Modell dient das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell. In der Regel wird in der Inter­pre­ta­ti­on des Tex­tes ver­mu­tet, es han­de­le sich um einen dua­lis­ti­schen Text. Joh ver­wen­det (schein­bar) kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­sät­ze wie Licht vs. Fins­ter­nis, Fleisch vs. Geist (bzw. Gott), Fleisch vs. Logos (Rede, Wort, Ver­nunft):

Er (der Logos, die Rede, das Wort, die Ver­nunft) kam in das Sei­ne. Aber die Sei­ni­gen nah­men ihn nicht auf. Den­je­ni­gen, die ihn den­noch auf­nah­men, gab er die Voll­macht Kin­der Got­tes zu sein – jene, die an sei­nen Namen glau­ben.

Sie sind nicht aus Blut oder aus dem Wil­len des Flei­sches, auch nicht aus dem Wil­len eines Man­nes gezeugt, son­dern aus Gott (Joh 1,11-13).

Dass es sich bei der dua­lis­ti­schen Inter­pre­ta­ti­on des Johev um einen gro­ben Miss­griff han­delt, zeigt aber 1,14:

Und der Logos (die Rede, das Wort, die Ver­nunft) wur­de Fleisch und wohn­te unter uns. Und wir sahen sei­nen Glanz, einen Glanz wie ihn der ein­zi­ge Sohn von sei­nem Vater hat, voll Gna­de und Wahr­heit.

Das „Fleisch“ ist hier als eigen­mäch­ti­ge, sich selbst von der gött­li­chen Sphä­re abschlie­ßen­de Sphä­re ver­stan­den:

… die Sei­ni­gen nah­men ihn nicht auf.

Doch der gött­li­che Logos wird Fleisch, nimmt also die Gestalt der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on an.

Inso­fern stellt das Johev einen beson­ders deut­li­chen Fall des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells dar. Zwei­fel­los ist der reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Hin­ter­grund die­ses Tex­tes stark durch das alex­an­dri­ni­sche Juden­tum mit sei­ner Weis­heits­auf­fas­sung geprägt.

Die „Weis­heit“ heißt hier gött­li­cher Logos, weil die Erlö­ser­fi­gur des Johev kon­kret als die Men­schen anre­dend ver­stan­den ist –

und er wohn­te unter uns“.

Die­ser Logos wird Fleisch, er nimmt das Fleisch nicht nur an oder erscheint im Fleisch, wie spä­ter häu­fig gesagt wur­de. Er wird Fleisch, wie Chris­tus bei Pau­lus zur Sün­de und zum Fluch wird – und sich fürch­tet wie bei Mar­kus.

Die Erlö­sungs­fi­gur ist eine Zeit­lang da, dann geht sie wie­der zum Vater:

Nie­mand hat Gott jemals gese­hen, der ein­zi­ge Sohn, der an der Brust des Vaters liegt, der hat ihn aus­ge­legt … (Joh 1,18)

Der Sohn (bzw. Logos) liegt an der Brust des Vaters, ein sinn­li­ches Bild der Lie­be. Und die­se himm­li­sche Lie­bes­be­zie­hung hat­te der Sohn aus­ge­legt, mit­ge­teilt und offen­bart:

Ein neu­es Gebot gebe ich euch, dass ihr ein­an­der lie­ben sollt,

wie ich euch geliebt habe. (Joh 13,35)

Das Sym­bol die­ser Lie­bes­be­zie­hung ist der namen­lo­se „Schü­ler, den Jesus lieb­te“, der beim letz­ten Mahl an Jesu Brust liegt – eine sym­bo­li­sche Wie­der­ho­lung der gött­li­chen Lie­bes­be­zie­hung in der himm­li­schen Welt.

Jesus gibt die­se himm­li­sche Lie­be in die mensch­li­che Wirk­lich­keit wei­ter an sei­ne Schü­ler und Schü­le­rin­nen, sym­bo­lisch ver­dich­tet dar­ge­stellt durch die Figur des „Schü­lers, den Jesus lieb­te“:

Vater … ich habe ihnen dei­nen Namen offen­bart und wer­de dies wei­ter tun, damit die Lie­be, mit der du mich geliebt hast, in ihnen sei und ich in ihnen (Joh 17, 25f)

Die über­wun­de­ne nega­ti­ve Aus­gangs­po­si­ti­on besteht im Johan­nes­evan­ge­li­um daher in der Him­mel und Erde über­grei­fen­den gött­li­chen Lie­be.

Auch für das Johev ist Schritt 4 ganz wesent­lich. Die Lie­be setzt sich in der Wirk­lich­keit nicht ein­fach so durch. Das soll frei­lich sein:

Nicht nur für die­je­ni­gen, die du mir gege­ben hast, bit­te ich, Vater. Ich bit­te auch für die­je­ni­gen, die durch ihr Wort glau­ben, damit alle eins sei­en, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir … (Joh 17,20f)

So kön­nen die Schü­ler von der Trau­rig­keit der Welt betrof­fen wer­den und sich in der Welt ängs­ti­gen. Sie wer­den gehasst.

Doch es gilt:

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getrös­tet, ich habe die Welt über­wun­den – (Joh 16,33)

weil er den Hass der Welt, ihre Trau­rig­keit am eige­nen Lei­be am Kreuz gespürt hat.

Damit die Schü­ler in der Welt aus­har­ren und ihre Lie­be unter­ein­an­der so attrak­tiv dar­stel­len, dass sich die Lie­be welt­weit aus­brei­tet, bedür­fen sie eines Schut­zes.

Es ist die johan­n­ei­sche Geist­funk­ti­on, die dies über­nimmt. Es han­delt sich um den Geist der Wahr­heit, um den Trös­ter – der vom Vater und vom Sohn aus­geht.

Im Johev ist sie des­halb erfor­der­lich, weil die Schü­ler sonst in ihrer Lie­be wahr­schein­lich zu schwach, zu ängst­lich und zu trau­rig wären. Dage­gen hilft ihnen der „Trös­ter“ und er wird sie in „alle Wahr­heit füh­ren“ (Joh 16,13).

Neben der „ Berg­pre­digt“ (Mt 5‐7) ist das Johev der Text mit der deut­lichs­ten Lie­bes­op­ti­on. Gott ist himm­li­sche Lie­be und sei­ne Ver­wirk­li­chung auf der Erde besteht in der uni­ver­sa­len Lie­be aller Men­schen.

Dies soll frei­lich nicht naiv‐enthusiastisch klin­gen: Alles wird gut! Dafür steht das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell im Johev. Die Erlö­sung kommt durch Ver­mitt­lung der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on und der gewen­de­ten nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on in der Erlö­sungs­fi­gur zustan­de. Und die Gegen­wart Got­tes als Lie­be unter den Men­schen bleibt immer gefähr­det. Daher die Trös­ter­fi­gur des Geis­tes der Wahr­heit.

Das Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell hat im Johev sicher­lich einen gewis­sen Höhe­punkt im NT erreicht: Es geht um eine gro­ße Hoff­nung auf die Gegen­wart Got­tes in der Lie­be der Men­schen unter­ein­an­der. Aber die­se soll nicht naiv‐optimistisch, son­dern rea­lis­tisch dar­ge­stellt wer­den.

 

Pro­blem­ge­schich­te bei Johan­nes

Der Epi­log prä­sen­tiert den Autor des Tex­tes, den Schü­ler, den Jesus lieb­te. Er steht im erzäh­le­ri­schen Kon­trast zu Petrus, der ent­spre­chend zu sei­ner drei­ma­li­gen Ver­leug­nung Jesu drei­mal gefragt wird, ob er Jesus (mehr als alle) lie­be. Der Kom­pa­ra­tiv ver­weist auf die gewöhn­lich selbst­be­zo­ge­ne Art des Petrus, der mehr als alle ande­ren Jesus nach­fol­gen woll­te. So wird ihm jetzt sein Tod am Kreuz vor­aus­ge­sagt.

Der Epi­log betont nar­ra­tiv so, was Sinn des Johan­nes­evan­ge­li­ums ist. Die Iden­ti­tät von Gott und Lie­be schließt ein, dass Gott selbst lei­det und bei den welt­li­chen und mensch­li­chen Lei­den mit­lei­det. Das wur­de erfah­rungs­ge­sät­tigt von Teilnehmer*innen zu beschrei­ben ver­sucht.

Das Johan­nes­evan­ge­li­um ist ein nar­ra­ti­ver Anstoß zu einer pro­zess­theo­lo­gi­schen bzw. pro­zessphi­lo­so­phi­schen Got­tes­kon­zep­ti­on. Wir the­ma­ti­sier­ten auch, dass die Weis­heits­kon­zep­ti­on im Pro­log wirk­lich alles umfasst.

 

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Info:
Das Johan­nes­evan­ge­li­um ist Beitrag Nr. 7150
Autor:
Martin Pöttner am 5. Juli 2018 um 09:49
Category:
Bibelkunde
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