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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Segen, Fluch und dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung (Gal 3,1ff)

Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments VIII

Wir näher­ten uns einem der ers­ten Tex­te zur pau­li­ni­schen Geset­zes­kri­tik, im Sin­ne der jüdi­schen Tora. Wir wer­den das in den nächs­ten Sit­zun­gen ver­tie­fen. Zunächst wur­den wir mit dem pau­li­ni­schen Gegen­satz von ἐξ ἔργων νόμου vs. ἐξ ἀκοῆς πίστεως kon­fron­tiert. Dabei wird gefragt, woher die Geis­ter­fah­rung der gala­ti­schen Gemein­de­glie­der stam­me (Gal 3,1ff). Pau­lus betont, er habe ihnen Chris­tus als Gekreu­zig­ten vor Augen gestellt bzw. gemalt (vgl. auch 6,17). Und dass nun eine Ori­en­tie­rung an der Beschnei­dung erfol­ge, hält Pau­lus für unbe­son­nen.

Das Pro­blem

In der Tat ist das The­ma der Beschnei­dung (περιτομή), vgl. 5,6ff, zen­tral für Gal. Zunächst ver­such­ten wir anhand von Ex 4,24ff zu ver­ste­hen, was gemeint ist. Dort will der Herr Mose töten. Moses Frau Zip­po­ra beschnei­det zuerst ihren Sohn und berührt mit dem Blut Moses Scham. Dar­aus lässt sich ent­neh­men, dass die­se schmerz­haf­te Ver­let­zung des Penis ein Ersatz für die Tötung ist, denn der Herr lässt nach. Da es ein patri­ar­cha­les Initia­ti­ons­ri­tu­al ist, wer­den die Frau­en ein­be­zo­gen.
Es stell­te sich die Fra­ge, was das hier soll? Wahr­schein­lich behaup­te­ten eini­ge Mis­sio­na­re, man müs­se sich beschnei­den las­sen, damit man so das Gesetz der Väter ach­te – und dem römi­schen Staat kei­nen Anlass gebe, die Christ*innen als Aufrührer*innen zu ver­däch­ti­gen (vgl. auch B. Kahl in der Bibel in gerech­ter Spra­che). Das könn­te erklä­ren, war­um Pau­lus betont, wenn man ein Gebot erfül­le, müs­se man das gesam­te Gesetz hal­ten (vgl. 3,10).

Segen und Fluch, die dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung

Gal 3 ist ein bedeu­ten­des Bei­spiel für die im schrift­ge­lehr­ten Juden­tum ent­wi­ckel­te Metho­de der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung. Zu einer Dar­stel­lung vgl. hier. Die Idee, dass Pau­lus anti­ju­da­is­tisch inter­pre­tiert wer­den kön­ne, beruht auf einer unge­nau­en Kennt­nis des Juden­tums. Gleich­wohl wer­den bis zur Edi­ti­on der Pau­lus­brief­samm­lung vor allem wg. des The­mas „Geset­ze der Väter“ („Sit­ten der Älte­ren“) die vom tat­säch­li­chen Autor Pau­lus stam­men­den Brie­fe über­ar­bei­tet, durch Brie­fe mit „Pau­lus“ als fik­ti­vem Autor ergänzt – und nicht zuletzt durch eine anders­ar­ti­ge Dar­stel­lung des Pau­lus flan­kiert, vgl. dazu.
Bei der Debat­te sahen wir, dass im NT in der Regel die LXX als AT betrach­tet wird. Denn Pau­lus nimmt auf die Abra­hams­fi­gur Bezug. Das ist abso­lut ent­schei­dend, denn nach Gen 12,3 gilt:

προευηγγελίσατο τῷ Ἀβραὰμ ὅτι
ἐνευλογηθήσονται ἐν σοὶ πάντα τὰ ἔθνη. (Gal 3,8)

Wir mach­ten uns klar, dass „Natio­nen“ hier durch eine Ent­wick­lung im 19. Jhdt. bedingt ist und „Völ­ker“ bzw. „Eth­ni­en“ gewählt wer­den soll­te. Sowohl in der Urge­schich­te als auch bei Amos und Jesa­ja ist Gott mit­hin nicht aus­schließ­lich auf Isra­el kon­zen­triert, son­dern inter­agiert mit ande­ren Völ­kern, welt­weit. Dar­auf nimmt Pau­lus hier Bezug, zumal in der Urge­schich­te klar ist, dass es kei­ne Beschnei­dung gibt – und der Bund mit Noah (Gen 9) auch kei­ne Spei­se­ge­bo­te vor­sieht. Die­sen Punkt ver­tie­fen wir noch. Jeden­falls ist der Bezug auf eine frü­he Stel­le der Hei­li­gen Schrif­ten der Jüdin­nen* typisch für die schrift­ge­lehr­te dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung. Daher gehört der „Segen Abra­hams“ auch den eth­nisch anders ori­en­tier­ten Christ*innen in Klein­asi­en.
Wer das aber durch die Beschnei­dung ergänzt, zieht sich den Fluch zu, alle Gebo­te erfül­len zu müs­sen, wie Pau­lus mit Bezug auf Lev 18,5 for­mu­liert. Und Pau­lus löst mit Bezug auf Dtn 21,3 die­ses Pro­blem pro­blem­ge­schicht­lich. Da Chris­tus am Pfahl starb, wur­de er vom Gesetz ver­flucht – und „für uns“ zum Fluch, sodass wir den Segen Abra­hams emp­fan­gen kön­nen. Die Erlö­ser­fi­gur muss in Pro­blem­ge­schich­ten stets bei­de Ele­men­te des Haupt­ge­gen­sat­zes der Erzäh­lung an sich tra­gen, so wird er vom Gesetz ver­flucht, sodass er „für uns“ zum Fluch wur­de (vgl. 2Kor 5,21). Dar­aus ent­steht die Mög­lich­keit, ohne Beschnei­dung und Gesetz den Segen Abra­hams zu emp­fan­gen.
Wir hat­ten das pro­blem­ge­schicht­li­che Modell schon an der Schlan­ge in Gen 2f ken­nen­ge­lernt.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

1. Über­set­zen Sie Gal 3,15-29 und glie­dern Sie den Text!
2. Was meint Pau­lus mit den Zah­len­an­ga­ben in 3,17?
3. Was oder wer ist mit dem μεσίτης in 3,20 gemeint – und was ist die Poin­te?
4. Wor­auf läuft die gesam­te Argu­men­ta­ti­on hin­aus?

 

 

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Info:
Segen, Fluch und dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung (Gal 3,1ff) ist Beitrag Nr. 7118
Autor:
Martin Pöttner am 22. Juni 2018 um 11:20
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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