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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Bad Rap­penau, Phi­lo­so­phie in Nord­ame­ri­ka I: Peirce

Das Pro­gramm im Som­mer: Peirce und Whitehead

Der Phi­lo­so­phie­bei­trag knüpft an die Erwä­gun­gen im letz­ten Herbst an, die das us-ame­ri­ka­ni­sche Sys­tem von der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung her erklä­ren und mit dem deut­schen Sys­tem nach Art. 137 WRV ver­glei­chen bzw. pro­fi­lie­ren woll­ten. In den bei­den phi­lo­so­phi­schen Bei­trä­gen in die­sem Semes­ter bespre­chen wir Charles Peirce und Alfred North Whitehead, bei­des Phi­lo­so­phen, die das Poten­zi­al der us-ame­ri­ka­ni­schen Ent­wick­lung deut­lich machen kön­nen. Bei­de Phi­lo­so­phen akzep­tie­ren die expe­ri­men­tel­le Metho­de in den Natur­wis­sen­schaf­ten, sind aber auch den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten gegen­über offen. Die­se Offen­heit hängt u. a. damit zusam­men, dass in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jhdts. inner­halb der Mathe­ma­tik Ent­wick­lun­gen wie die Men­gen­leh­re, die Wahr­schein­lich­keits­ma­the­ma­tik und die Theo­rie der Rela­tio­nen ent­stan­den. Dadurch wur­de phi­lo­so­phisch man­ches neu denk­bar. Bei­de knüpf­ten an pro­zes­sua­le Vor­stel­lun­gen an, die im 19. Jhdt. bei Schlei­er­ma­cher, Schel­ling und Hegel ent­wi­ckelt wor­den waren.
Ein Aspekt der Kul­tur ist außer den Wis­sen­schaf­ten für bei­de Phi­lo­so­phen wesent­lich, der Aspekt der Reli­gi­on. Und daher liegt in bei­den Ent­wür­fen auch eine pro­zessphi­lo­so­phi­sche Got­tes­leh­re vor. Bei­de Phi­lo­so­phen sind Prag­ma­tis­ten, d. h., sie unter­stel­len, dass wir han­delnd auf die Wirk­lich­keit zugrei­fen – und dass die­ser Zugriff der Wirk­lich­keit nicht äußer­lich ist. Wir klä­ren die genaue Bedeu­tung von „Prag­ma­tis­mus“ sofort bei Peirce.

Charles San­ders Peirce (1839-1914)

Wir nähern uns zuerst die­sem prag­ma­tis­ti­schen Aspekt, des­sen Erör­te­rung zudem einen wich­ti­gen zeit­ge­nös­si­schen Hin­weis ent­hält, wie der pro­zessphi­lo­so­phi­sche Zugang sich auf­dräng­te (I). Sodann bele­ge ich den inno­va­ti­ven Cha­rak­ter des Prag­ma­tis­mus an der soge­nann­ten „prag­ma­ti­schen Maxi­me“ (II). Peirce hat einen bedeu­ten­den Bei­trag zur Semio­tik erbracht, das stel­le ich kurz dar (III). Der Abschluss­teil wid­met sich sei­nem reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schem Bei­trag (IV).

I. „Prag­ma­tis­mus“: der Mensch als Mit­spie­ler

Spä­tes­tens bei Kant wird das Pro­blem auf­ge­wor­fen, dass es kei­nes­wegs selbst­ver­ständ­lich ist, wel­che Ein­stel­lung man zum Erken­nen ein­nimmt. Dies stellt er auf den ers­ten Sei­ten der „Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Absicht“, Darm­stadt 1975, dar. Aus der phi­lo­so­phi­schen Lite­ra­tur ist dazu hilf­reich: Micha­el Ham­pe, Eine klei­ne Geschich­te des Natur­ge­setz­be­griffs, 2007 (stw 1864), 131-134. Die­ser Text Kants ist des­halb wich­tig, weil er 1902 von Charles San­ders Peirce in einem Arti­kel in Bald­wins Dic­tiona­ry of Pycho­lo­gy and Phi­lo­so­phy, 321f, ver­wen­det wur­de.
Danach gibt es drei Ein­stel­lun­gen:

(1) Die­je­ni­ge, nach wel­cher der Mensch als Natur­we­sen ist, was die Natur aus dem Men­schen macht – bzw. wie er in der Natur vor­kommt.
(2) Die­je­ni­ge, nach wel­cher der Mensch als frei han­deln­des Wesen auf­tritt. Man könn­te sagen: was der Mensch aus sich macht. Kant drückt hier alter­na­ti­ve Mög­lich­kei­ten aus, er kön­ne an einem Spiel als Zuschau­er sozu­sa­gen pas­siv teil­neh­men – oder mit­spie­len.
(3) Die von Peirce und Ham­pe the­ma­ti­sier­te drit­te Mög­lich­keit fin­det sich im kur­zen Text von Kant nicht, aber in einem bedeu­ten­den Teil von Kants Schrif­ten. Es han­delt sich um die tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phi­sche . Ein­stel­lung, der­zu­fol­ge der Mensch auf­grund sei­ner Anschau­ungs­for­men und kate­go­ria­len Ver­stan­des­leis­tun­gen die zu erken­nen­de Welt kon­sti­tu­iert. Für Peirce und viel­leicht noch stär­ker für sei­nen Schü­ler John Dew­ey wird die Per­spek­ti­ve des akti­ven Mit­spie­len­den dann aus­schlag­ge­bend, ich zitie­re einen wich­ti­gen Text aus Dew­eys berühm­ten Auf­satz „Besitzt die Rea­li­tät einen prak­ti­schen Cha­rak­ter?“:

Sofern sich jemand schon auf die Über­zeu­gung ver­pflich­tet hat, dass die Rea­li­tät sau­ber und abschlie­ßend in einem Paket mit einem Band ver­packt ist, das nicht mehr auf­ge­schnürt wer­den kann, es mit­hin kei­ne unvoll­ende­ten The­men oder neue Aben­teu­er gibt, wird er der Auf­fas­sung wider­spre­chen, dass Wis­sen eine Dif­fe­renz erzeugt, wie man auch sonst jedem unver­schäm­ten auf­dring­li­chen Men­schen wider­spricht. Doch sofern man davon über­zeugt ist, dass sich die Welt selbst im Über­gangs­pro­zess befin­det, war­um soll­te dann die Über­zeu­gung, dass das Wis­sen der bedeu­tends­te Modus ihrer Modi­fi­ka­ti­on und das ein­zi­ge Organ ihrer Lei­tung sei, a prio­ri schäd­lich sein?“ (Does Rea­li­ty Pos­sess a Prac­tical Cha­rac­ter?, The Essen­ti­al Dew­ey I, 124ff, 125)

Dew­ey führt aus, dass die Dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie u. a. Bele­ge dafür gezeigt hät­ten, dass das Uni­ver­sum nicht sta­tisch sei, zudem zei­ge die Varia­ti­on der Erkennt­nis­se in den Ein­zel­wis­sen­schaf­ten, dass sich alles im Pro­zess befin­de. Die­se Ein­sicht sei­nes Schü­lers teil­te auch Peirce.
„Prag­ma­tis­mus“ ist mit­hin eine Auf­fas­sung, in wel­cher der Mensch als mit­spie­len­der Teil der Wirk­lich­keit ver­stan­den wird, die sich im Pro­zess befin­det. Der Mensch ist stets Teil der Rea­li­tät, sie/er steht ihr nie­mals gegen­über wie einem „abge­pack­ten Paket“. Der Mensch ist mit­hin nicht nur als Embryo im Wer­den, son­dern lebens­lang – und er/sie nimmt wahr, dass sich die Rea­li­tät gegen­über seiner/ihrer Jugend­zeit ver­än­dert hat.
Der vom berühm­ten bri­ti­schen Mathe­ma­ti­ker zum ame­ri­ka­ni­schen Har­vard­phi­lo­so­phen gewor­de­ne Whitehead hat im Blick auf Peirce und des­sen Freund Wil­liam James behaup­tet, dass sich in der Anfangs­pha­se des Prag­ma­tis­mus eine Neu­for­mu­lie­rung der Phi­lo­so­phie­ge­schich­te ereig­net habe. Die Grund­la­gen von Pla­ton und Aris­to­te­les stün­den im Licht der Ent­wick­lun­gen der Mathe­ma­tik in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts und der bei James und Peirce erfolg­ten prag­ma­tis­ti­schen Wen­de zu einer Art Neu­be­grün­dung an. Der Uni­ver­sal­ge­lehr­te Peirce hat das vor­sich­ti­ger gese­hen. Nicht nur, dass er die Mit­spie­ler­me­tapher in der „Anthro­po­lo­gie in prag­ma­ti­scher Absicht“ fand. Er war zudem ein sehr genau­er Ken­ner der Logik­ent­wick­lung in Anti­ke und Mit­tel­al­ter. Vor allem aber unter­stell­te er m. E. zu recht, dass bedeu­ten­de Den­ker wie Aris­to­te­les, aber auch reli­gi­ös wich­ti­ge Figu­ren wie Jesus jeden­falls auch prag­ma­tis­tisch gedacht hät­ten. Whitehead hat aber dar­in recht, dass sich der Prag­ma­tis­mus von Phä­no­me­no­lo­gie, Neu­kan­tia­nis­mus, (Neo-)Positivusmus, Tran­szen­den­tal­phi­lo­so­phie u. a. Ent­wür­fen klar unter­schei­den lässt. Dass wir als wer­den­de Men­schen mit­spie­len­de Tei einer wer­den­den Rea­li­tät sind, ist das prag­ma­tis­ti­sche Allein­stel­lungs­merk­mal geblie­ben. Und wie Peirce u. a. beton­ten, es ist eine nord­ame­ri­ka­ni­sche Phi­lo­so­phie, die aber schon 1905 auf einem Kon­gress in Hei­del­berg rezi­piert wur­de.

II. Die prag­ma­ti­sche Maxi­me

Das ist kei­ne typisch „ame­ri­ka­ni­sche“ Ent­de­ckung. Aber im ame­ri­ka­ni­schen Prag­ma­tis­mus bra­chen sich – ver­mit­telt durch den „Ame­ri­ka­ni­schen Tran­szen­den­ta­lis­mus“ (Emer­son, Tho­reau, Ful­ler u. a.) die Ide­en, die von den Frühromantiker/innen, Goe­the, Schlei­er­ma­cher und Hum­boldt stam­men, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kon­text der Demo­kra­tie ver­wie­sen, der für das Ver­ständ­nis der Wer­ke von Peirce, James und Dew­ey sehr aus­schlag­ge­bemd ist, der natür­lich in Deutsch­land in einem ernst­haf­ten Sinn erst nach 1968 exis­tier­te, im Kern erst in den 1970er Jah­ren bestim­mend wur­de. Denn die Mög­lich­kei­ten poli­ti­scher Frei­heit setz­ten die Ener­gi­en frei, wel­che ein Leben in Selbst­be­stim­mung schön machen kön­nen. Das for­mu­liert in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung die Rede vom „pur­su­it of hap­pi­ness“). Aber – so reflek­tiert die soge­nann­te „prag­ma­ti­sche Maxi­me“, wel­che prak­ti­sche Fol­gen bzw. Wir­kun­gen eine wis­sen­schaft­li­che Theo­rie haben kann, soll­te abge­schätzt wer­den.

Beden­ken Sie, wel­che Wir­kun­gen, die denk­ba­rer­wei­se prak­ti­sche Rele­vanz haben könn­ten, wir dem Gegen­stand unse­rer Kon­zep­ti­on zuschrei­ben. Folg­lich besteht die Kon­zep­ti­on die­ser Wir­kun­gen aus dem Gan­zen unse­rer Kon­zep­ti­on des Gegen­stands! (Charles Peirce, How to make our ide­as clear , 1878)

Hel­mut Pape hat schon in den 1980er Jah­ren (z. B. Ein­lei­tung zu „Phä­no­me­no­lo­gie und Logik der Zei­chen“) dar­auf ver­wie­sen, dass Grund­fra­gen des „Prin­zips Ver­ant­wor­tung“ (Hans Jonas ( http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Jonas), ein Hei­deg­ger­schü­ler) von Peirce völ­lig klar for­mu­liert wer­den. Wenn also zu den abge­schätz­ten mög­li­chen Wir­kun­gen sol­che gehö­ren, die sitt­lich miss­bil­ligt wer­den müs­sen, erge­ben sich kon­flikt­rei­che ethi­sche Auf­ga­ben. Wie ist z. B. eine demo­kra­ti­sche Kon­trol­le der Wis­sen­schaf­ten mög­lich? Peirce setzt also dar­auf, dass neben der phi­lo­so­phi­schen Tätig­keit der Wissenschaftler/innen ein uni­ver­sa­ler Hori­zont in der Gesell­schaft ent­steht, der eben ver­ant­wort­lich dar­über ent­schei­det, wel­che tech­ni­schen und kunst­mä­ßi­gen Pro­jek­te durch­ge­führt wer­den – und wel­che bes­ser unter­las­sen wer­den soll­ten, weil ihre Wir­kun­gen die Mög­lich­keit der Frei­heit negie­ren. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof (EuGH) hat 2011 in die­sem Sin­ne eine ent­spre­chen­de Ent­schei­dung zur Stamm­zel­len­for­schung getrof­fen, die den Wün­schen und gedank­li­chen Ambi­tio­nen der Zivil­ge­sell­schaft in Tei­len Euro­pas ent­spricht – ein Bei­spiel für die Insti­tu­tio­na­li­sie­rung sol­cher demo­kra­ti­scher Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se, die auch Peirce für not­wen­dig hielt. Natür­lich lässt sich öko­no­misch bes­ser mit (finan­zi­el­ler und tech­ni­scher) Indus­trie­un­ter­stüt­zung for­schen. Aber die hier­zu erfor­der­li­che Paten­tie­rung von bestimm­ten prak­tisch her­vor­ge­ru­fe­nen Zell­ver­än­de­run­gen wider­spricht ele­men­ta­ren Prin­zi­pi­en der Men­schen­rech­te. Um dies zu ver­ste­hen, muss man nur all­ge­mein gebil­det sein, wel­ches eine Vor­aus­set­zung von Demo­kra­tie im Sin­ne von Peirce und sei­nem Schü­ler Dew­ey ist. Die in den Wis­sen­schaf­ten ent­wor­fe­nen Abduk­tio­nen (Hypo­the­sen) wer­den auf Über­prü­fungs­kon­tex­te in der kunst­mä­ßig oder tech­nisch model­lier­ten Erfah­rung (etwa des Labors) bezo­gen, wo sie auf ihre induk­ti­ve Trag­fä­hig­keit über­prüft wer­den. Die „prag­ma­ti­sche Maxi­me“ for­mu­liert die­sen durch und durch prak­ti­schen Zusam­men­hang. Und Hand­lun­gen gehö­ren ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den nega­ti­ven – und wie wir heu­te u. a. an der Kli­ma­ka­ta­stro­phe und Fuku­shi­ma sehen fata­len Fol­gen des Erfolgs von Posi­ti­vis­mus und Neo­po­si­ti­vis­mus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ide­en „klar“ gemacht wer­den, aus dem Bereich der Ethik in einen angeb­lich „neu­tra­len“ wis­sen­schaft­li­chen Bereich trans­for­miert haben, wo (was nicht so ger­ne zuge­ge­ben wird) letzt­lich öko­no­mi­sche Inter­es­sen ent­schei­den.
Logisch-semio­tisch ver­hält es sich so: Das Abduk­ti­ons-Ziel wäre eine The­ra­pie für Par­kin­son. Die lau­tet: Die­ses Ziel kann durch gen­tech­no­lo­gi­sche Mani­pu­la­ti­on von Zel­len „über­zäh­li­ger Embryo­nen“ erreicht wer­den, weil sich hier­aus geeig­ne­te Prä­pa­ra­te gegen Par­kin­son gewin­nen las­sen. Eine Über­prü­fung, die das sicher­stel­len könn­te, ist noch nicht in Sicht. Der EuGH ver­langt also, man müs­se bele­gen, den Erfolg eini­ger­ma­ßen sicher­stel­len zu kön­nen. Er hat klar aus der Sicht der Men­schen­rech­te die Kon­se­quen­zen für nicht sicher gehal­ten.

III. Semio­tik

Es war das von allen ande­ren auch aner­kann­te Ver­dienst Peirce’ bestimm­te Grund­la­gen logisch-semio­ti­scher Art gelegt zu haben, die manch­mal nicht direkt zitiert wer­den, aber noch bis zu Dew­eys Theo­ry of Inqui­ry (1938 [vgl. wich­ti­ge Aus­zü­ge in: The Essen­ti­al Dew­ey II]), die akzep­tier­te Grund­la­ge bil­de­ten. Dew­ey hat­te bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerk­bar.

Gra­fik 1: Genu­in Tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on, kei­nes der drei Rela­ta der Bezeich­nungs­re­la­ti­on Zei­chen, Objekt und Inter­pre­tant darf feh­len, alle sind stets durch die genu­in tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on ver­bun­den, der Inter­pre­tant ist stets eine refle­xi­ve Inter­pre­ta­ti­on eines schon vor­han­den Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zes­ses.

 

Ein Zei­chen oder Reprä­sen­ta­men ist alles, was in einer sol­chen Bezie­hung zu einem Zwei­ten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drit­tes, das sein Inter­pre­tant genannt wird, dahin­ge­hend zu bestim­men, in der­sel­ben tria­di­schen Rela­ti­on zu ste­hen, in der es selbst steht. Das bedeu­tet, dass der Inter­pre­tant selbst ein Zei­chen ist, das ein Zei­chen des­sel­ben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 64)

 

Dass Erken­nen und wis­sen­schaft­li­ches Erken­nen Zei­chen­pro­zes­se sind, ist eigent­lich auch ein tru­ism, aber lei­der wird die­ser häu­fig nicht beach­tet. Noch heu­te meint man, eine wis­sen­schaft­li­che Behaup­tung sei eine Vor­stel­lung, ein men­ta­les Urteil, mög­li­cher­wei­se han­delt es sich sogar um – bis­lang unbe­ob­acht­ba­re – Gehirn­pro­zes­se. Davon kann kaum eine Rede sein, wis­sen­schaft­li­che Behaup­tun­gen wer­den öffent­lich gemacht, öffent­lich dis­ku­tiert usf. Mit­hin sind sie Zei­chen­pro­zes­se. Die Poin­te Peirce’ besteht in zwei wesent­li­chen Punk­ten:

(1) Der wis­sen­schaft­li­che Pro­zess ist als Erken­nen mit dem Objekt in einer genu­in tria­di­schen Rela­ti­on rela­tio­nal ver­bun­den, die sinn­li­che Wahr­neh­mung des „Objekts“ im „Zei­chen“ wird im „Inter­pre­t­an­ten“ dar­ge­stellt. Da der Inter­pre­tant selbst­re­fle­xiv dar­stellt, ist auch unter­stellt, dass schon die sinn­li­che Wahr­neh­mung im Zei­chen auf einen sol­chen tria­di­schen Pro­zess zurück­geht, mit­hin: Sofern sinn­li­che Wahr­neh­mung selbst ein Zei­chen­pro­zess ist, sind die angeb­li­chen Sin­nes­da­ten als abso­lu­ter Aus­gangs­punkt wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis, wie dies die Posi­ti­vis­ten unter­stell­ten, Tei­le eines unend­li­chen Zei­chen­pro­zes­ses, ein Punkt, den beson­ders Bert­rand Rus­sell als über­aus bedroh­lich emp­fand; vgl. die Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen Rus­sell und Dew­ey in: The Essen­ti­al Dew­ey II, 201ff; 408ff; mit aus­führ­li­chen und fai­ren Rus­sell­zi­ta­ten, in denen Rus­sell auf der Mach­schen Posi­ti­on beharrt.) Dew­ey hat spä­ter mit Recht betont, dass die Ide­en von Peirce mit denen von Whitehead beson­ders ver­wandt sei­en, weil bei­de auf unter­schied­li­che Wei­se, den fal­schen Gemein­platz infra­ge­ge­stellt hät­ten, es gäbe so etwas wie eine Sub­jekt-Objekt-Spal­tung usf. bzw. eine fak­tisch siche­re Aus­gangs­ba­sis in Sin­nes­da­ten. Auch Sin­nes­da­ten beru­hen auf einem Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess, so Peirce, mit­hin müs­sen vie­le sol­che Inter­pre­ta­tio­nen mit­ein­an­der ver­gli­chen wer­den. Folg­lich ist anders als Pop­per mein­te, nicht nur die Induk­ti­on pro­ble­ma­tisch, wie also die Sin­nes­da­ten zu einer Theo­rie zusam­men­ge­fügt wer­den, schon die sinn­li­che Erfah­rung stellt eine prin­zi­pi­ell fal­li­ble Inter­pre­ta­ti­on dar.
(2) Für alle Prag­ma­tis­ten bis hin zu Haber­mas heißt das dann, dass der Wis­sen­schafts­pro­zess zukunfts­of­fen ist, er hat als Ziel mit­hin die Zustim­mung aller der­je­ni­gen, die sich wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent enga­gie­ren. Bzw. man kann zurück­hal­ten­der sagen, dass er die­ses Ziel haben kön­nen muss, wenn man gründ­lich nach­denkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sin­ne der „Prag­ma­ti­schen Maxi­me“ Peirce’ stets die Kon­se­quen­zen des eige­nen wis­sen­schaft­li­chen Han­delns mit­be­den­ken muss, Ethik­ko­mis­sio­nen wer­den heu­te addi­tiv sozu­sa­gen stan­dard­mä­ßig auf­ge­baut. Für Dew­ey bedeu­te­te dies, dass die Zahl der­je­ni­gen, die wis­sen­schaft­lich kom­pe­tent sind, durch geeig­ne­te demo­kra­ti­sche Erzie­hung mög­lichst weit gefasst wer­den muss; vgl. dazu mei­ne Dar­stel­lung. Anders als in der spät­po­si­ti­vis­ti­schen oder neo­po­si­ti­vis­ti­schen Posi­ti­on Pop­pers liegt also kein prin­zi­pi­el­ler Erkennt­nis­zwei­fel vor. Statt­des­sen besteht die Erwar­tung, dass die Wis­sen­schaf­ten vor dem Hin­ter­grund einer brei­ten Kom­pe­tenz in der Bevöl­ke­rung ihre hoch­kom­ple­xen und uni­ver­sal ange­setz­ten Auf­ga­ben eini­ger­ma­ßen lösen und dabei die Rea­li­tät zuguns­ten sitt­li­cher Zie­le ver­än­dern könn­ten. Es sind hier also kei­nes­wegs die wis­sen­schaft­li­chen Expert/inn/en gefragt, son­dern die ursprüng­li­che prag­ma­tis­ti­sche Idee besteht dar­in, dass es zu einer Demo­kra­tie gehört, dass das Wis­sen­schafts­sys­tem mög­lichst vie­le Men­schen durch All­ge­mein­bil­dung und in die Tie­fe gehen­de unend­li­che Bil­dungs­be­mü­hun­gen betei­ligt. Dies ist beson­ders ein­drück­lich von Dew­ey bedacht wor­den, der auch die ent­spre­chen­den sozia­len Vor­aus­set­zun­gen immer deut­li­cher erkann­te, z. B. einen Sozi­al­staat, der deut­lich über gewöhn­li­che „ame­ri­ka­ni­sche Ver­hält­nis­se“ hin­aus­geht; vgl. „Demo­cra­cy is Radi­cal“, in: The Essen­ti­al Dew­ey I, 337ff, aber Dew­ey zufol­ge sehr wohl in den klas­si­schen Doku­men­ten der ame­ri­ka­ni­schen Revo­lu­ti­on und Demo­kra­tie ange­legt sei.

In der Gra­fik 2 wird sicht­bar, wie Peirce‘ Zei­chen­mo­dell in bio­se­mio­ti­schen Kon­tex­ten ver­wen­det wird.

Gra­fik 2: Quel­le: Thu­re von Uex­küll u. a., Psy­cho­so­ma­ti­sche Medi­zin, 2008, 9.

Das „Mer­ken“ führt zum „Wir­ken“, wodurch die Rea­li­tät, die wahr­ge­nom­men wur­de, ver­än­dert wird. Dies geht Uex­küll zufol­ge nur durch eine ent­spre­chen­de Inter­pre­ta­ti­on, die u. a. am eige­nen Bedürf­nis ori­en­tiert ist.

Zwi­schen den Prag­ma­tis­ten und dem Vater von Uex­külls scheint kei­ne wech­sel­sei­ti­ge oder auch nur ein­sei­ti­ge Wahr­neh­mung zustan­de gekom­men zu sein. Hier liegt aber eine wesent­li­che wis­sen­schaft­li­che Chan­ce, um Ein­sei­tig­kei­ten in der Bio­lo­gie infra­ge zu stel­len.

IV. Reli­gi­on: die Extra­va­ganz reli­giö­ser Zei­chen

Einen  roman­tisch inspi­rier­ten Ver­such hat auch Peirce vor­ge­legt:

Und was ist Reli­gi­on? Sie ist eine Art Gefühls­re­gung in jedem ein­zel­nen Men­schen, oder auch: eine ver­bor­ge­ne Wahr­neh­mung – eine tie­fe Erkennt­nis von etwas im uns umge­ben­den All; und wenn wir ver­su­chen, die­sem Gefühl Aus­druck zu geben, so wird es sich in mehr oder weni­ger extra­va­gan­te For­men klei­den und als mehr oder wenig zufäl­lig erschei­nen, immer aber wird es sich zu einem Ers­ten und Letz­ten, dem Α (Alpha) und Ω (Ome­ga), beken­nen und in der­sel­ben Wei­se auf jenes Abso­lu­te bezo­gen sein, dem das indi­vi­du­el­le Selbst eines Men­schen als rela­ti­ves Sein gegen­über­steht. Doch Reli­gi­on ist in ihrer Tota­li­tät nicht auf das ein­zel­ne Indi­vi­du­um beschränkt. Wie jede Gestalt von Rea­li­tät ist sie wesent­lich eine sozia­le und öffent­li­che Ange­le­gen­heit. Sie besteht in der Idee einer umfas­sen­den Kir­che, in der sich alle ihre Glie­der zu einer orga­ni­schen, sys­te­ma­ti­schen Wahr­neh­mung der Ehre des Höchs­ten ver­bin­den – einer Idee, die von Gene­ra­ti­on zu Gene­ra­ti­on wächst und einen Vor­rang in den Ent­schei­dun­gen über unser Ver­hal­ten, das pri­va­te wie das öffent­li­che, bean­sprucht. (Reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Schrif­ten, 2005, 208f)

Der Text stammt vom Ende der 1870er Jah­re und plä­diert dafür, dass die Reli­gi­on nicht ver­sucht, stän­dig sich hin­ter den Ent­wick­lun­gen ins­be­son­de­re der Natur­wis­sen­schaf­ten her zu dif­fe­ren­zie­ren, weil Peirce der Mei­nung ist, dass die Natur­wis­sen­schaf­ten am Ende mit der expe­ri­men­tel­len Metho­de erfolg­reich sein wür­den. Daher plä­diert er dafür, das eige­ne Prin­zip zu ent­de­cken. Wie bei Schlei­er­ma­cher bezieht sich die Reli­gi­on auf das Uni­ver­sum bzw. das All. Ein Ele­ment des­sen ist das Abso­lu­te, wel­ches in der Reli­gi­on ver­ehrt wird. Die unter­schied­li­chen For­men der Reli­gi­on ten­die­ren zu einer Ver­ei­ni­gung, Peirce denkt dabei nicht nur an das Chris­ten­tum, son­dern er hat sich auch mit dem Neo­hin­du­is­mus aus­ein­an­der­ge­setzt.

Peirce ent­stamm­te einer Ost­küs­ten­fa­mi­lie, sein Vater war der damals füh­ren­de Mathe­ma­ti­ker in den USA, sei­ne Mut­ter führ­te einen roman­ti­schen Salon. Bei­des kommt bei Peirce zum Tra­gen, sei­ne Rela­tio­nen­lo­gik wird die Grund­la­ge sei­ner Semio­tik – und sie stellt bis heu­te ein kon­kur­rie­ren­des Modell zu den Princi­pia Mathe­ma­ti­ca von Bert­rand Rus­sell und Alfred North Whitehead dar, was die­ser auch klar erkannt hat­te. Aber zugleich war Peirce von den roman­ti­schen Ide­en Ralph Wal­do Emer­sons beein­druckt. Und so ver­such­te er bei­de Aspek­te in sei­ner Arbeit zu ver­bin­den. Die­se Viel­fäl­tig­keit erklärt es wohl neben der Schwie­rig­keit der Rela­tio­nen­lo­gik, wie­so Peirce vor allem in den Kul­tur­wis­sen­schaf­ten rezi­piert wor­den ist. Dabei steht an aller­ers­ter Stel­le Umber­to Eco, der die Rela­tio­nen­lo­gik Peirce’ ver­stan­den  und ganz rich­tig in eine kom­mu­ni­ka­ti­ons­ori­en­tier­te Erzähl­theo­rie über­setzt hat, von der ich dank­bar pro­fi­tiert habe. Wer Ecos Roman „Der Name der Rose“ kennt, auch die Ver­fil­mung, kann in Wil­liam von Bas­ker­vil­le nicht nur „post­mo­der­ne“ Anspie­lun­gen auf Wil­liam von Ock­ham und Sher­lock Hol­mes erken­nen, son­dern auch auf Charles San­ders Peirce. Dabei drückt Eco erzäh­le­risch sei­ne Ent­schei­dung aus, dass Peirce am bes­ten nomi­na­lis­tisch gele­sen wer­den müs­se.

Wie Schlei­er­ma­cher bezieht Peirce die Reli­gi­on auf das Gefühl und nimmt an, dass die­ses indi­vi­du­ell geprägt ist. Wie Schlei­er­ma­cher meint er, vor dem Hin­ter­grund vie­ler indi­vi­du­el­ler Äuße­run­gen ent­ste­he die Reli­gi­on als öffent­li­che Sozi­al­form, die sich auf das Abso­lu­te bezie­he. Damit meint er nicht, dass reli­giö­se Men­schen ande­ren etwas vor­schrei­ben könn­ten oder dürf­ten. Sein Grund­op­ti­mis­mus bestand dar­in, dass die­se indi­vi­du­ell, roman­tisch gepräg­te Reli­gi­on mit der Wis­sen­schaft kom­pa­ti­bel sein wür­de. Wenn die Reli­gi­on auf­hört, bestimm­te Behaup­tun­gen über den Pro­zess der Natur auf­zu­stel­len, die sich dann ange­sichts der expe­ri­men­tel­len Metho­de nicht hal­ten las­sen, wer­de der Weg frei sein, dass auch Wissenschaftler/innen sich wie­der den Fra­gen des Alls zuwen­den wür­den, wie es bei Schel­ling ange­deu­tet war. Peirce ist also natur­phi­lo­so­phisch einer der spä­ten Ver­tei­di­ger der Annah­me der Roman­ti­ker gewe­sen, die Natur besit­ze eine eige­ne Potenz – und wer­de nicht  nur ver­nutzt, ein Punkt, der auch bei Whitehead wie­der wich­tig wird.

Für uns  ist wesent­lich, dass er der ers­te mir bekann­te Ver­tre­ter des Extra­va­ganz­kon­zepts ist. Als Logi­ker sah er natür­lich, dass reli­giö­se Äuße­run­gen nicht logisch genau und auch nicht empi­risch durch die expe­ri­men­tel­le Metho­de bestä­tig­bar sind. Am Ende der 1870er Jah­re stand das für ihn fest. Daher ver­such­te er, reli­giö­se Äuße­run­gen kom­ple­xer zu ver­ste­hen. Ein Motiv ist jeden­falls gewe­sen, dass Peirce die posi­ti­vis­ti­sche Bewe­gung zwar wis­sen­schaft­lich akzep­tier­te, aber einen star­ken Sinn­lo­sig­keits­ver­dacht heg­te. Man kann das mit Witt­gen­stein ver­glei­chen, der zwar glaub­te, mit dem Trac­ta­tus alle phi­lo­so­phi­schen Fra­gen logisch-mathe­ma­tisch gelöst zu haben, aber zu den Lebens­fra­gen trü­ge das nichts bei. Daher glaub­te Peirce, dass in der Reli­gi­on ein posi­ti­ves Poten­zi­al schlum­me­re, das aber poe­tisch usf. ent­fal­tet wer­den müs­se. Und so schlug er vor, dass All­tags­kon­zep­te in öffent­li­cher Form irri­tiert wür­den – und die gefühls­o­rie­ren­tier­ten Men­schen All­tags­kon­zep­te neu fas­sen wür­den, womit sie ihre Wahr­neh­mung des Alls oder im All zum Aus­druck bräch­ten. So wür­de der All­tag auf das Uni­ver­sum hin geöff­net, womit es mög­lich wer­de, dass posi­ti­vis­ti­sche und uti­li­ta­ris­ti­sche Ver­kür­zun­gen ver­mie­den wer­den kön­nen.

All­tags­kon­zep­te oder gewöhn­li­che Kon­zep­te wer­den in öffent­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­frem­det bzw. irri­tiert, dar­in besteht die Aus­drucks­form jener Wahr­neh­mung im All oder des Alls. Und das ist außer­ge­wöhn­lich bzw. extra­va­gant. Extra­va­gan­te Rede oder sol­che Bezeich­nun­gen kom­men aus dem All­tag, aber irri­tie­ren all­täg­li­che Zwän­ge oder Gewohn­hei­ten – und eben Bezeich­nungs­wei­sen, die sol­che Zwän­ge und Gewohn­hei­ten zum Aus­druck brin­gen. Dazu müs­sen die­se in den Bezeich­nungs­pro­zes­sen aber indi­ziert bzw. reprä­sen­tiert sein. Zunächst sind extra­va­gan­te Bezeich­nun­gen eher ein spon­ta­nes Phä­no­men – und nie­mand weiß zunächst, ob sie in sta­bi­le Kodie­run­gen über­ge­hen. Und sol­cher Art sind eini­ge reli­giö­se Äuße­run­gen Peirce zufol­ge.

Die­sen Punkt nimmt Peirce ernst. Wie Schel­ling unter­stellt er, dass auch Gott zusam­men mit dem Welt­pro­zess wird, also wie die gesam­te Rea­li­tät wird.

 

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Info:
Bad Rap­penau, Phi­lo­so­phie in Nord­ame­ri­ka I: Peirce ist Beitrag Nr. 7063
Autor:
Martin Pöttner am 13. Juni 2018 um 17:37
Category:
Was ist Philosophie?
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