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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Grund­zü­ge, Mar­kus und Mat­thä­us

 

Wir nah­men die Theo­ri­en seit dem 19. Jhdt. zur Kennt­nis, die das Ent­ste­hen der syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en der Evan­ge­li­en­samm­lung erklä­ren sol­len. Das Johan­nes­evan­ge­li­um muss geson­dert erklärt wer­den. Dazu beschäf­tig­ten wir uns mit dem Mar­ku­sevan­ge­li­um und dem Mat­thäu­sevan­ge­li­um.
me galt, dass man am ehes­ten an Jesus her­an­kommt, wenn man his­to­risch zurück­geht. Zugleich war man der Über­zeu­gung, dass man dann auch der reli­giö­sen Wahr­heit näher­kä­me. Dabei war klar gewor­den, dass die Tex­te nicht über­ein­stimm­ten. Vgl. hier  .

Die Ent­ste­hung der Evan­ge­li­en

Die Theo­rie, die sich durch­setz­te, war die Zwei­quel­len­theo­rie, nach der Mt und Lk Mk benutz­ten und die Logi­e­n­quel­le, die aber nur aus den Mt und Lk gemein­sa­men nicht auf Mk zurück­ge­hen­den Tex­ten erschlos­sen wur­de. Dazu kam jeweils Son­der­gut.
Wei­ter zurück ging es dann nur auf Ein­zel­tex­te, die typisch erschie­nen – und daher in regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Situa­tio­nen ent­stan­den zu sein schie­nen („Sitz im Leben“). Der Ver­gleich mit ande­ren anti­ken Tex­ten zeig­te dann aber, dass die­se Text­ty­pen in der Rhe­to­rik vor­ge­se­hen waren:
Weis­heits- und Pro­phe­ten­sprü­che ➡ Gno­me, Sen­tenz
Gleich­nis­se                                           ➡ Para­beln
Wun­der­erzäh­lun­gen                           ➡ Mythoi
Streit­ge­sprä­che                                     ➡ Chrien
Aus­führ­lich vgl. hier.

Das Mar­ku­sevan­ge­li­um

Es gilt als das ältes­te Evan­ge­li­um, wahr­schein­lich ist die Logi­e­n­quel­le etwas älter, 70 d. Z.
Immer stär­ker tritt die Beach­tung des erzäh­le­ri­schen Moments in den Vor­der­grund, sodass man gan­ze Tex­te nach einem Erzähl­mo­dell inter­pre­tie­ren kann, vgl. hier: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2016/06/26/einfuehrung-in-die-hermeneutik-des-neuen-testaments-viii/ .
Das Mar­ku­sevan­ge­li­um folgt dem Modell der Pro­blem­ge­schich­te. Der Aus­druck „Pro­blem­ge­schich­ten“ nimmt auf eine bestimm­te Wei­se, das Wort „Pro­blem“ zu ver­wen­den, Bezug:

Kein Pro­blem!“, „Damit haben wir kein Pro­blem!“, „alles kein Pro­blem!“ – ver­weist dar­auf, dass es schwie­rig wäre, wenn doch ein Pro­blem bestün­de oder man ein Pro­blem hät­te … Genau dar­auf nimmt der Aus­druck „Pro­blem­ge­schich­te“ Bezug.

Es gibt ein Pro­blem, hier mit der Erlö­sung. Kom­ple­xe Fas­sun­gen des Erlö­sungs­bil­des ver­su­chen es mit Pro­blem­ge­schich­ten, weil damit ein­fa­che, leicht ver­ständ­li­che und beherrsch­ba­re „Lösun­gen“ als irre­füh­rend begrif­fen wer­den müs­sen. Die in die­sen Pro­blem­ge­schich­ten bild­lich aus­ge­drück­te exis­ten­zi­el­le Erfah­rung ist mit­hin sehr kom­plex. „Pro­blem­ge­schich­ten“ ent­fal­ten in der Regel zunächst drei Schrit­te.

Dar­stel­lung einer nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on
Erzäh­lung der Über­win­dung die­ser nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on durch eine Erlö­sungs­fi­gur
Dar­stel­lung der gewen­de­ten nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on.

Dann baut sich in ihnen ein ambi­va­len­ter vier­ter Schritt auf, in dem red­un­dant betont wird, dass die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on in der Zeit nur vor­über­ge­hend oder nicht blei­bend über­wun­den ist. Das „Pro­blem” ver­schwin­det daher auch durch „Erlö­sung” nicht voll­stän­dig, son­dern bleibt in der Zeit bestehen, kann gemil­dert, muss aber stets beach­tet und ernst­ge­nom­men wer­den.

Schritt 2 und Schritt 4 sind die am schwers­ten zu ver­ste­hen­den Ele­men­te der Pro­blem­ge­schich­ten in Erlö­sungs­er­zäh­lun­gen.

Schritt 1 und Schritt 3 ste­hen ein­an­der kon­tra­dik­to­risch gegen­über:

nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on (z. B. tot sein) und Dar­stel­lung der über­wun­de­nen nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on (leben­dig sein)

Grund­le­gend wird in Erzäh­lun­gen die­ser Art unter­stellt, dass man mit mensch­li­cher Kraft nicht von Schritt 1 zu Schritt 3 kom­men kann.

Daher bedarf es einer Erlö­sungs­fi­gur, die die­sen Über­gang von 1 nach 3 ermög­licht. Sie wird in Schritt 2 dar­ge­stellt. Sie muss immer den kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­satz von 1 und 3 reprä­sen­tie­ren, also z. B. muss sie zugleich tot und leben­dig sein.

Schritt 4 zeigt die Ambi­va­lenz von Pro­blem­ge­schich­ten beson­ders stark. Denn auch dann, wenn Schritt 3 mit­hil­fe der Erlö­sungs­fi­gur erreicht wird, kann man in der Ten­denz wie­der hin­ter die Über­win­dung der nega­ti­ven Aus­gangs­si­tua­ti­on zurück­fal­len, also z. B. wie­der tot sein oder vom Tod stark gefähr­det sein.

Die Sturm­stil­lungs­er­zäh­lung bei Mk lebt von dem kras­sen Gegen­satz des im Sturm auf einem Kopf­kis­sen schla­fen­den Jesus und den von Todes­angst geplag­ten Schü­lern, deren Boot unter­zu­ge­hen droht.

Leh­rer, küm­mert es dich nicht, dass wir unter­ge­hen?“

Eine nach­voll­zieh­ba­re Reak­ti­on? Aus der Sicht des Mk eher nicht. Er lässt Jesus den Sturm stil­len, dann aber setzt die har­te Kri­tik Jesu an sei­nen Schü­lern ein:

Was seid ihr [so] furcht­sam?

Habt ihr noch kein [exis­tenz­be­stim­men­des] Ver­trau­en?“

Trotz Sturm­stil­lung gera­ten die Schü­ler ange­sichts die­ser Kri­tik in immer grö­ße­re Furcht:

Und sie fürch­te­ten sich mit gro­ßer Furcht

und sag­ten zu ein­an­der:

Wer ist die­ser, dass sowohl der Wind als auch der See ihm gehor­chen?“

Wie­so kri­ti­siert Jesus die Schü­ler ange­sichts einer an sich doch ver­ständ­li­chen Reak­ti­on?

Was soll der Hin­weis auf das „exis­tenz­be­stim­men­de Ver­trau­en“? Wor­auf sol­len sie ver­trau­en? Und wie­so gera­ten die Schü­ler in immer grö­ße­re Furcht?

Der schla­fen­de Jesus im Sturm ver­kör­pert die­ses Ver­trau­en (auf die schöp­fe­ri­sche Macht Got­tes). Und wenn die Schü­ler exis­tenz­be­stim­mend ver­trau­ten, ihr gan­zes Leben dar­auf­hin wag­ten, dann könn­ten sie selbst den Sturm stil­len:

Ver­traut auf Gott! … Wer dar­auf ver­traut, dass das, was er sagt,
geschieht, dem wird es zu Teil wer­den!“ (Mk 11,22f)

Aber wie man an den Schü­lern exem­pla­risch sieht, ver­trau­en die Men­schen auch in der nächs­ten Nähe zu Jesus gera­de nicht, son­dern sie fürch­ten sich. Die nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on im Mkev ist mit­hin die Furcht. Ihr gegen­über steht als über­wun­de­ne nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on das Ver­trau­en auf Gott, als Teil­ha­be an der Schöp­fer­macht Got­tes.

Im Evan­ge­li­um reprä­sen­tie­ren nur sehr weni­ge Erzähl­fi­gu­ren jenes Ver­trau­en auf Gott, die blut­flüs­si­ge Frau (Kap. 5), der blin­de Bar­ti­ma­i­os (Kap. 10), teil­wei­se die Frau­en, die Jesus in Gali­läa nach­ge­folgt sind und nahe am Kreuz ste­hen (15). Doch auch sie ereilt – wie zuvor schon die geflo­he­nen Schü­ler – die Furcht. Das alles sind erzäh­le­ri­sche Reprä­sen­ta­tio­nen, die in Rich­tung des ambi­va­len­ten Schrit­tes 4 im Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dell gehen. Die ver­trau­en­de Nähe zu Jesus schlägt in Furcht um.

Jesus selbst steht im Evan­ge­li­um ganz über­wie­gend auf der Ver­trau­ens­sei­te. Aber er könn­te im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells kei­ne erlö­sen­de Erzähl­fi­gur sein, wenn er nicht auch von der Furcht betrof­fen wäre. Das ist in der Get­se­ma­ni­sze­ne im Mkev der Fall:

Und er nimmt den Petrus und den Jako­bus und den Johan­nes mit sich und fängt an zu erschre­cken und hef­tig zu zit­tern. Und er sagt zu ihnen: „Ich bin zu Tode betrübt! Bleibt hier und wacht!“

Wäh­rend Jesus also Todes­furcht erlebt, sol­len die Schü­ler wachen. Doch ihre Augen wer­den ihnen schwer – und sie schla­fen ein.

Die Get­se­ma­ni­sze­ne ist nar­ra­tiv eine raf­fi­nier­te Umkeh­rung der Sturm­stil­lungs­pe­ri­ko­pe. Wäh­rend die Schü­ler den Schlaf und zumin­dest als Anspie­lung das Ver­trau­en reprä­sen­tie­ren, bezeich­net die Erzähl­fi­gur Jesus hier die Furcht. Das ver­such­ten wir in der Sit­zung zu ver­ste­hen.

Daher kann Jesus erzäh­le­risch im Sin­ne des Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells als Erlö­sungs­fi­gur im Mkev gel­ten.

Er reprä­sen­tiert das (exis­tenz­be­stim­men­de) Ver­trau­en und die Furcht, mit­hin nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on und gewen­de­te nega­ti­ve Aus­gangsi­tua­ti­on. Die ande­ren Erzähl­fi­gu­ren reprä­sen­tie­ren in der Regel die Furcht, bes­ten­falls aber Schritt 4 als Zurück­fal­len hin­ter die gewen­de­te nega­ti­ve Aus­gangs­si­tua­ti­on.

Mar­kus ent­wirft also eine etwas vom Geset­zes­kri­ti­ker Pau­lus abwei­chen­de Stra­te­gie. An sich scheint es unpro­ble­ma­tisch, das Gesetz zu erfül­len:

Sie­he das sind mei­ne Mut­ter und mei­ne Brü­der. Wer den Wil­len Got­tes tut, der ist mir Bru­der und Schwes­ter und Mut­ter!“ (Mk 3,31)

Aber die­ses Modell funk­tio­niert nicht, weil die Furcht so tief die Men­schen bestimmt, dass es nicht zur Erfül­lung des in der Tora reprä­sen­tier­ten Wil­lens Got­tes kommt.

Mar­kus ver­tritt also eine an den Emo­tio­nen, grie­chisch an den Lei­den­schaf­ten (den pathe­ma­ta) ori­en­tier­te Anthro­po­lo­gie.

Die­se Lei­den­schaf­ten sind vor allem auf Ver­trau­en (pis­tis) und Furcht (pho­bos) zen­triert. Aus der Furcht erwächst aber vor allem der Herr­schafts­trieb. So gel­ten Mk die Jeru­sa­le­mer Aris­to­kra­ten (Pries­ter, Ältes­te und die meis­ten der mit ihnen asso­zi­ier­ten Schrift­ge­lehr­ten) und der Römer Pila­tus immer als fei­ge und furcht­sam. Sie ste­hen ent­spre­chend nicht zu Ein­sich­ten – und so kommt Jesus gewalt­sam zu Tode.

Sieht man genau­er zu, dann ist der Gegen­satz von Furcht und Ver­trau­en im Mkev mit einem zwei­ten Gegen­satz hin­ter­grün­dig kom­bi­niert, dem Gegen­satz von Macht und Ohn­macht. Dabei gibt es im Macht­phä­no­men eine wei­te­re wich­ti­ge Dif­fe­ren­zie­rung: Unter­schie­den wird zwi­schen poli­ti­scher Herr­schaft und gött­li­cher schöp­fe­ri­scher Macht. An letz­te­rer nimmt das Ver­trau­en Teil. Die ers­te­re tötet Jesus von Naza­reth. Aller­dings wird er als Men­schen­sohn auf den Wol­ken des Him­mels wie­der­kom­men – und dann auch die Herr­schaft des Römi­schen Rei­ches been­den (Mk 13,24ff).

Die­se End­zeit­vi­si­on ist als gegen­satz­los zu ver­ste­hen. Wenn der Men­schen­sohn wie­der­kommt, sind alle Gestir­ne ver­lo­schen, es ist ganz dun­kel. Nur er leuch­tet. Aber es gibt kein Gegen­licht und kein rele­van­tes Dun­kel …

 

Das Mat­thäu­sevan­ge­li­um

Ver­mut­lich ca. 90 d. Z.
Dabei liegt m. E. auch den lehr­haf­ten Kon­zep­tio­nen eine ele­men­ta­re erzäh­le­ri­sche, nar­ra­ti­ve Struk­tur zugrun­de. Aris­to­te­les hat in sei­ner Poe­tik nüch­tern fest­ge­stellt, Erzäh­lun­gen besä­ßen einen Anfang, eine Mit­te und ein Ende. Für dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen gilt dann, dass in der­ar­ti­gen Erzäh­lun­gen am Anfang, in der Mit­te und am Ende immer ein kon­tra­dik­to­ri­scher Gegen­satz zwi­schen einer posi­ti­ven Grö­ße und einer nega­ti­ven Grö­ße vor­liegt: Das Eine ist das aus­schlie­ßen­de Gegen­teil des Ande­ren – und umge­kehrt. Wenn man eine der­ar­ti­ge Posi­ti­on aus­drü­cken will, sie kom­mu­ni­ka­tiv prä­sent m möch­te, muss man über die gewöhn­li­che Spra­che hin­aus­ge­hen. Logi­sche Kor­rekt­heit ist dann völ­lig unzu­rei­chend. Dua­lis­ti­sche Per­spek­ti­ven lie­ben das Para­dox, den tat­säch­lich aus­ge­drück­ten kon­tra­dik­to­ri­schen Wider­spruch. Das ist rhe­to­risch erlaubt und üblich. Ent­spre­chend ist die Bil­der­welt von einer fas­zi­nie­ren­den bizar­ren Wider­sprüch­lich­keit: die Welt ist aus den Fugen gera­ten:

Die reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Bedeu­tung sol­cher dua­lis­ti­schen Erzähl­wei­sen bzw. Kon­zep­tio­nen für das Ent­ste­hen des Chris­ten­tums ist durch grö­ße­re Text­fun­de nach dem zwei­ten Welt­krieg gut doku­men­tiert. So wur­den in den Höh­len von Qum­ran am Toten Meer eine Rei­he von dua­lis­ti­schen Schrif­ten des Juden­tums gefun­den. In Ägyp­ten, in Nag Ham­ma­di fand man eine (über­wie­gend) kop­ti­sche Biblio­thek von gnos­ti­schen Schrif­ten, die eben­falls dem dua­lis­ti­schen Mus­ter fol­gen. Schon immer aber hat­te man die früh­jü­di­sche Apo­ka­lyp­tik als Fall einer dua­lis­ti­schen Anschau­ung erkannt.

 

Es gibt also in der Spät­an­ti­ke in der Reich­wei­te des Chris­ten­tums ver­schie­de­ne dua­lis­ti­sche Strö­mun­gen, die dann auch  sich in beson­de­rer Wei­se als Evan­ge­li­um der exis­ten­zi­el­len Ver­häng­nis­se. Fort­wäh­rend wer­den nar­ra­tiv a rhe­to­risch Situa­tio­nen ima­gi­niert, die ein­zel­ne Per­so­nen oder Grup­pen in aus­weg­los erschei­nen­de Lagen brin­gen, denen sie sich nur schwer oder gar nicht zu ent­zie­hen ver­mö­gen.

Wer sich zusam­men mit einem Rechts­geg­ner auf dem Weg zum Gericht befin­det, soll­te bes­ser unter Rechts­ver­zicht den Streit mit ihm schlich­ten, bevor bei­de ihr Ziel errei­chen. Denn der Rechts­geg­ner wer­de sei­nen Beglei­ter dem Rich­ter, die­ser ihn dem Gerichts­die­ner über­ge­ben, sodass er schließ­lich im Gefäng­nis lan­den wer­de mög­li­cher­wei­se der Fol­ter aus­ge­setzt, wie man aus der Para­bel vom Schalks­knecht ent­neh­men mag (5,25f; vgl. 18,23ff). Wer im Namen Jesu pro­phe­zei­te, Dämo­nen aus­trieb und Wun­der tat, wird vom Men­schen­sohn im Gerichts­sze­na­rio nicht gekannt, weil er nicht dem Wil­len Got­tes, son­dern der Gesetz­lo­sig­keit folg­te (7,15ff).

Unter den reich­lich spon­tan ein­ge­la­de­nen Ersatz­gäs­ten eines könig­li­chen Hoch­zeits­fes­tes (22,1ff) fin­det sich ein Mann, der kein Hoch­zeits­ge­wand trägt – ange­sichts der merk­wür­di­gen Ein­la­dungs­si­tua­ti­on eigent­lich nicht sehr ver­wun­der­lich. Doch der Mann muss hin­aus in die Fins­ter­nis – der Ort, wo „Heu­len und Zäh­ne­knir­schen sein wird“, ein mat­t­häi­scher Topos, den er mit einer beacht­li­chen Red­un­danz vor­trägt (Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30).

So kann es schließ­lich nicht ver­wun­dern, dass aus mat­t­häi­scher Per­spek­ti­ve einem Men­schen, der Per­len vor die Schwei­ne wirft, abson­der­li­che Gefah­ren dro­hen (7,6). Nicht nur, dass die Schwei­ne die wert­vol­len Per­len zer­tre­ten wer­den, nein: Wer gewor­fen hat, muss damit rech­nen von den Schwei­nen zer­ris­sen zu wer­den.
Die­se abson­der­li­chen Situa­tio­nen las­sen sich noch ver­meh­ren, ihnen allen ist ein Zug gemein­sam, dass ein Moment der schreck­li­chen Über­ra­schung, des eigent­lich undurch­schau­ba­ren, des fins­ter Ver­häng­nis­vol­len ein­tritt.

Vie­le Sze­nen im Mtev haben etwas Traum­haft­t­rau­ma­ti­sches. Man erwacht aus einem Alb­traum, merkt aber, dass es glück­li­cher­wei­se nicht „bloß“ ein Traum war, son­dern es ist erschre­cken­de Wirk­lich­keit.

So ver­hält es sich auch in der para­bo­li­schen Erzählung[1] von den fünf törich­ten und fünf wei­sen jun­gen Frau­en (25,1ff): Die­ser Text hebt beson­ders ein­drucks­voll den Zug des Biz­za­ren, Uner­wart­ba­ren, fins­ter Ver­häng­nis­vol­len her­vor – ein Zug, in dem gewöhn­li­che Erfah­rung in äußerst ver­frem­de­ter, extra­va­gant umko­dier­ter Erzähl­wei­se erscheint. Das Reich der Him­mel wird in der ima­gi­nier­ten Situa­ti­on, wenn der Men­schen­sohn kommt, dem Han­deln von 10 jun­gen Frau­en ver­gleich­bar sein, die auf einen Bräu­ti­gam war­ten. Der poly­ga­me Bräu­ti­gam kommt aller­dings ziem­lich zu spät zur Hoch­zeit. Als er schließ­lich ange­kün­digt wird, ist es schon Mit­ter­nacht. Die düpier­ten Frau­en war­ten erstaun­li­cher­wei­se immer noch, statt ihn sau­sen zu las­sen. Doch nur fünf hat­ten Öl bei sich, kön­nen in der Nacht also sehen. Den ande­ren wird der Rat erteilt, sie soll­ten in der Nacht noch Öl kau­fen. Als sie zurück­keh­ren, ist ihre Chan­ce dahin. Der Bräu­ti­gam hat sich mit fünf Frau­en begnügt und bekun­det, er ken­ne die ande­ren nicht. Die Erzäh­lung ist nicht nur alle­go­risch über­dehnt, sie ist gro­tesk kon­zi­piert. Sie wirkt wie ein Traum, aus dem Mann oder Frau schweiß­ge­ba­det auf­wacht, hof­fend, dass alles anders, irgend­wie nor­mal ist. Doch lei­der sind bizar­rer Traum und ver­häng­nis­vol­ler Wach­zu­stand iden­tisch.

Im Neu­en Tes­ta­ment reizt ins­be­son­de­re Mt die bizar­ren Mög­lich­kei­ten des dua­lis­ti­schen Erzähl­mus­ters aus. Den Höhe­punkt bil­det das soge­nann­te Gleich­nis bzw. die Para­bel vom „Gro­ßen Welt­ge­richt“ (Mt 25,31ff), die wir dis­ku­tiert haben.
Ver­fluch­ten zu erken­nen. Sie stan­den ja links, sodass sie hören konn­ten, was der Men­schen­sohn den rechts Ste­hen­den sag­te. Daher brauch­ten sie nur die
kon­tra­dik­to­ri­sche Nega­ti­on zu bil­den, um ihr Schick­sal zu erfas­sen. Doch auch sie sind über­rascht, in gestei­ger­ter Wei­se über­rascht, obgleich jetzt eine Über­ra­schung nicht mehr ange­sagt wäre – son­dern Auf­be­geh­ren oder viel­leicht depres­si­ve Resi­gna­ti­on.
Dar­in zeigt sich ein recht typi­sches dua­lis­ti­sches kom­mu­ni­ka­ti­ves Para­dox:
Der schrift­li­che Text teilt selbst­re­fle­xiv mit, dass es im Welt­ge­richt eine Über­ra­schung geben wird, obgleich es zuvor schon bekannt und schrift­lich fest­ge­hal­ten ist, dass es im Welt­ge­richt eine Über­ra­schung geben wird. Auch die Regel, die im Welt­ge­richt so viel Über­ra­schung her­vor­ruft, wird im Text schrift­lich fest­ge­hal­ten. Und trotz­dem die­se Über­ra­schung!

Der Haupt­ty­pus der Rezep­ti­on des Tex­tes im Chris­ten­tum miss­ver­steht ihn pro­duk­tiv: Z. B. Dia­ko­nie und Cari­tas leben von der sozi­al­mo­ra­li­schen Poin­te des Diens­tes an den sozi­al Rand­stän­di­gen – und an die­ser Pra­xis gibt es m. E. auch nichts zu kri­ti­sie­ren.

Gleich­wohl ist die Bot­schaft des Tex­tes noch tie­fer ange­sie­delt: Der Text knüpft an die in Dtn 30 geäu­ßer­te Auf­fas­sung an, dass „Segen“ und „Fluch“ auf­grund der gött­lich ein­ge­räum­ten Hand­lungs­macht und Refle­xi­ons­kraft in die Hand der Men­schen gelegt sind. Wer den Wil­len Got­tes tut, hier also sozia­len Ein­schluss und sozia­le Wech­sel­sei­tig­keit beför­dert, erlangt regel­mä­ßig Segen und umge­kehrt. Zugleich negiert der Text aber die­se Auf­fas­sung.
Er respek­tiert ihr hohes Ethos. Doch er glaubt nicht an die Mög­lich­kei­ten der gött­lich ein­ge­räum­ten Hand­lungs­macht und Refle­xi­ons­kraft. Er ver­län­gert auch nicht bloß den Tun-Erge­hens­zu­sam­men­hang in die End­zeit, sodass sich posi­ti­ves und nega­ti­ves Erge­hen erst im Escha­ton zeig­ten. Mt ent­fal­tet dem­ge­gen­über ein radi­kal dua­lis­ti­sches Erzähl­kon­zept.
In dua­lis­ti­schen Erzäh­lun­gen wird der kon­tra­dik­to­ri­sche Grund­ge­gen­satz der Erzäh­lung am Anfang eta­bliert und sowohl in der Mit­te als auch am Ende auf­recht­erhal­ten. Der Grund­ge­gen­satz wird mit­hin in Erzäh­lun­gen die­ser Art nicht ver­mit­telt und in kei­ner Wei­se besei­tigt. Das Mtev gehört zu die­sem Erzähl­ty­pus. Dies erklärt die erzäh­le­ri­sche Begeis­te­rung für aus­weg­lo­se exis­ten­zi­el­le Desas­ter, für fins­ter Ver­häng­nis­vol­les, für schreck­li­che Traum­si­tua­tio­nen, die lei­der iden­tisch mit dem Wach­zu­stand sind. Irgend­wann hat sich der kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­satz von „Reich der Him­mel“ und „ewi­gem Feu­er“, von „Men­schen­sohn“ und „Teu­fel“ aus­ge­bil­det. Bei­de säen, der eine Unkraut, der ande­re Wei­zen (Mt 13). Bei­de haben gegen­wär­tig ihren frei­lich nicht sicher bestimm­ba­ren Herr­schafts­be­reich. Und bei­de wer­den am Ende über die Gesell­schaft ihrer Engel hin­aus nicht allei­ne sein.

Her­me­neu­tisch muss vor all­zu nai­ven Schlüs­sen gewarnt wer­den, wir wer­den mit Witt­gen­stein die Lebens­re­geln zu ver­ste­hen ver­su­chen, die bild­haft aus­ge­drückt sind.

Geseg­ne­te und Ver­fluch­te wis­sen nicht, dass sie Geseg­ne­te und Ver­fluch­te sind, obgleich sie den schrift­li­chen Text Mt 25,31-46 ken­nen. Die Wirk­lich­keit wird mit­hin als absurd erfah­ren. Man ist an der gött­lich ein­ge­räum­ten Hand­lungs­macht und Refle­xi­ons­kraft ver­zwei­felt. Trotz­dem ten­diert der Text zu einer radi­ka­len Lebens­än­de­rung, hin zum Dienst an den sozi­al Rand­stän­di­gen. In die­sem Sin­ne haben Dia­ko­nie und Cari­tas Recht. Aller­dings erwächst im Mtev vor dem dua­lis­ti­schen Hin­ter­grund kei­ne Zufrie­den­heit und Sta­bi­li­tät im sozia­len Tun. Denn wer weiß, dass er oder sie nicht weiß, ob sie oder er Ver­fluch­te oder Geseg­ne­ter ist, lebt boden­los. Allein die ernst­haf­te sitt­li­che Lebens­pra­xis steht im Vor­der­grund. Das Ziel des Rei­ches lässt sich dar­aus frei­lich
nicht ablei­ten …

 

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Info:
Grund­zü­ge, Mar­kus und Mat­thä­us ist Beitrag Nr. 7045
Autor:
Martin Pöttner am 7. Juni 2018 um 15:45
Category:
Bibelkunde
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