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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Gott als ler­nen­des Sys­tem

Jonas Schrö­der

 

Das The­ma die­ser Semi­nar­sit­zung han­del­te von dem, nicht ganz unum­strit­te­nen, Kapi­tel der Fein­des­lie­be. Wir lasen den Text aus der Bibel: Mat. 5, 43-48 („Die neu­en The­sen“ Ein­heits­über­set­zung)
Dar­in ver­langt Jesus, dass man sei­ne Fein­de nicht has­sen, son­dern lie­ben soll. Er geht vor­her auf die Schrif­ten des alten Tes­ta­ments ein, in denen steht, dass man sei­nen Nächs­ten lie­ben und sei­ne Fei­ne has­sen soll. Er schließt den Satz mit „Ich aber sage euch: Liebt eure Fein­de und betet für die, die euch ver­fol­gen, damit ihr Kin­der eures Vaters im Him­mel wer­det; …“ (Mat. 5, 44-45). Die­se Aus­sa­ge allei­ne ist schwer zu ver­ste­hen. Im alten Tes­ta­ment, das vie­le Jahr­hun­der­te gegol­ten hat, ver­langt Gott, dass man sei­ne Fein­de has­sen soll. Plötz­lich ver­langt Jesus, dass man sei­ne Fein­de lie­ben soll. Jesus hat die­se schwer ver­ständ­li­che Aus­sa­ge natür­lich durch­dacht und hat eine gute Erklä­rung an die Aus­sa­ge gehängt. Sie beginnt mit der Zei­le 45 des Tex­tes: „…, damit ihr Kin­der eures Vaters im Him­mel wer­det; denn er lässt sei­ne Son­ne auf­ge­hen über Guten und Bösen und er lässt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te.“. Jesus zeigt also auf, dass Gott alle Men­schen liebt und sie alle gleich­be­han­delt, egal ob sie ihn lie­ben oder has­sen. Im dar­auf­fol­gen­den Text (Mat. 5,46-47) führt er Bei­spie­le an. Er fragt, war­um man sich gut ver­hält, wenn man nur die­je­ni­gen liebt, die einen auch lie­ben, das wür­den schließ­lich auch die Zöll­ner tun. Zöll­ner hat­ten zu Zei­ten Jesu einen sehr schlech­ten Ruf und gal­ten als kor­rupt. Eben­so führt er die Hei­den an, wel­che auch nur ihre Brü­der grü­ßen wür­den. Er ver­langt also von sei­nen Zuhö­rern, bes­se­re Men­schen zu wer­den. Es reicht nicht mehr nur sei­ne Freun­de und Fami­lie zu lie­ben, man soll auch sei­ne Fein­de lie­ben und für sie beten. Dadurch wür­de man ein bes­se­res, voll­kom­me­ne­res Leben füh­ren. Im letz­ten Satz (Mat. 5, 48) schließt Jesus das Kapi­tel: „Seid also voll­kom­men, wie euer himm­li­scher Vater voll­kom­men ist!“. Er bekräf­tigt damit noch­mal das Vor­an­ge­stell­te und ver­deut­licht, dass Gott es sel­ber auf die­se Wei­se so hält.
Die Fein­des­lie­be ist eine gro­ße Abwei­chung vom alten Tes­ta­ment und den dar­in ent­hal­ten­den Tex­ten. Im Lau­fe der bibli­schen Geschich­te tötet Gott immer wie­der sei­ne Fein­de, er sieht, dass die Men­schen nicht nach sei­nem Sin­ne leben und schickt eine Sint­flut, die alles Leben auf der Welt aus­löscht, dabei ret­tet er nur eine Fami­lie und je zwei Tie­re jeder Art. Gott erwählt sein Volk Isra­el und führt es aus Ägyp­ten in ein neu­es Land, dabei tötet er die Ägyp­ter, die die Israe­li­ten ver­fol­gen. Man sieht auf den ers­ten Blick im alten Tes­ta­ment also noch nicht viel von der ver­lang­ten Fein­des­lie­be. War­um ver­langt Gott plötz­lich so etwas wie Fein­des­lie­be? Ist Gott wirk­lich so voll­kom­men, wie Jesus es behaup­tet, wenn er plötz­lich von uns etwas ver­lang, an das er sich frü­her sel­ber nicht gehal­ten hat? Die­se Fra­ge ist gerecht­fer­tigt und birgt eine inter­es­san­te Ant­wort. Viel­leicht ist Gott nicht voll­kom­men, denn er macht Feh­ler und bereut die­se. Er erschafft den Men­schen und sieht was der Mensch mit der Erde macht. Er bereut, dass er den Men­schen erschaf­fen hat. Dar­auf­hin ver­nich­tet er alles Leben auf der Welt und ret­tet nur Noah mit sei­ner Fami­lie und je ein Paar der Tie­re. Nach­dem er das getan hat, bereut er sei­nen Zorn und sei­ne Tat. Gott begeht also Feh­ler und erkennt die­se, er bereut und reagiert auf sei­ne Feh­ler. Gott lernt also. Eine Voll­kom­men­heit ist in die­sem Punkt also umstrit­ten, könn­te aber auch dadurch gerecht­fer­tigt wer­den, dass ihn gera­de die­ser Umstand voll­kom­men macht. Ein wei­te­rer inter­es­san­ter Punkt die­ser Erkennt­nis ist, dass Gott den Men­schen nach sei­nem Eben­bild erschaf­fen hat. Der Mensch als ein Feh­ler bege­hen­des, bereu­en­des und ler­nen­des Wesen ist also auch in die­sem Umstand über­zeu­gend erklärt.

Laut der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Bibel, soll­ten die Men­schen evtl. gar nicht zwi­schen Gut und Böse unter­schei­den kön­nen. Gott pflanz­te den Baum der Erkennt­nis ins Para­dies und ver­bot Adam und Eva von ihm zu essen. Die Schlan­ge erkann­te dies und ver­führ­te Eva dazu, eine Frucht vom Baum zu pflü­cken und ihn mit Adam zu essen. Erst danach waren sie in der Lage, zwi­schen Gut und Böse zu unter­schei­den. Dar­auf­hin ver­bann­te Gott Adam und Eva aus dem Para­dies und sorg­te für Sicher­heits­maß­nah­men, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen kön­nen. Der Baum des Lebens hät­te Adam und Eva unsterb­lich gemacht. Gott schuf den Men­schen nach sei­nem Eben­bild, ver­wei­ger­te ihnen aber zwei Eigen­schaf­ten. Das ewi­ge Leben und die Ent­schei­dung zwi­schen Gut und Böse. Die­se Eigen­schaf­ten ent­hielt er dem Men­schen vor. War­um aber pflanz­te Gott dann einen Baum der Erkennt­nis und einen Baum des Lebens, mit deren Früch­te man die­se Eigen­schaf­ten erhal­ten konn­te? Viel­leicht war sich Gott in die­sem Punkt nicht ganz sicher. Auch die­se Fra­ge lässt an der Voll­kom­men­heit Got­tes (zumin­dest zum Zeit­punkt der Gene­sis) zwei­feln.
Die Fein­des­lie­be ist seit jeher ein Streit­the­ma zwi­schen den Men­schen. Las­sen sich z. B. Staat und Kir­che mit der Fein­des­lie­be ver­ei­nen? Die­se Fra­ge stell­ten sich die Regie­ren­den immer wie­der, das zeig­te sich dadurch, dass immer die Fra­ge da war, Wer setzt wen in sein Amt ein? Der Papst den Kai­ser? Der Bischof den Fürs­ten oder doch anders­her­um? Ist nicht der Kai­ser vor der Kir­che bemäch­tigt sei­ne Fürs­ten und Köni­ge ein­zu­set­zen? Heut­zu­ta­ge sind Kir­che und Staat in Deutsch­land getrennt, es herrscht Reli­gi­ons­frei­heit. Doch immer wie­der tre­ten und tra­ten der Staat und die von Jesus ver­lang­te Fein­des­lie­be in den Kon­flikt mit­ein­an­der. Mar­tin Luther King z. B. bewies, dass die Fein­des­lie­be mög­lich und ein gewalt­frei­er Kon­flikt mög­lich ist und Erfolg haben kann. Auch der Pfar­rer Eppe­l­mann, der mit dem „Ber­li­ner Appell“, einem Text, der zum Frie­den auf­rief und gegen Waf­fen gerich­tet war, zeig­te, dass ein fried­li­cher Kon­flikt mög­lich und die Fein­des­lie­be umsetz­bar ist. Der Ber­li­ner Appell gilt als der Aus­lö­ser für die fried­li­che Revo­lu­ti­on in der DDR.
Jesus ver­langt von uns, bes­se­re Men­schen zu wer­den als die­je­ni­gen, die sich nicht nach dem Wort Got­tes rich­ten und danach stre­ben, voll­kom­men zu wer­den. Über die Umsetz­bar­keit des Gefor­der­ten, strei­ten sich die Men­schen nach wie vor.

 

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Info:
Gott als ler­nen­des Sys­tem ist Beitrag Nr. 7027
Autor:
Martin Pöttner am 2. Juni 2018 um 11:58
Category:
Bergpredigt
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