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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


1Kor 11,3ff Uni Hd, 14.05.

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Ent­schei­dend war die Ein­sicht, dass Pau­lus nicht ein­fach das Gesag­te vor­schreibt, son­dern an die Urteils­kraft der Korinther*innen appel­liert, die sie als Gemein­de­glie­der hät­ten (11,13ff). Pau­lus ver­steht hier ἐκκλησία (Gemein­de, Kir­che) als Rats­ver­samm­lung, was wohl schon in der LXX so ist. Damit knüpft er an Gen 3,1ff an, wo Eva und Adam mit­hil­fe der Schlan­ge die sitt­li­che Urteils­kraft erwer­ben.

Der Vor­schlag fand Zustim­mung, die letz­te Sit­zung statt­fin­den zu las­sen. Die wei­te­ren Gene­sis­tex­te, die den schrift­ge­lehr­ten Hin­ter­grund der pau­li­ni­schen Argu­men­ta­ti­on in Gal und Röm bil­den könn­ten, wer­den par­al­lel zur Behand­lung der Pau­lus­tex­te zur Kennt­nis genom­men. alltagundphilosophie.com/1Hen6_bis_11.pdf (Link zu einer Über­set­zung.)

1. Die mut­maß­li­che Pro­ble­ma­tik

Die Aus­le­gung des Tex­tes ist kon­tro­vers, zumal er in sich gespannt erscheint. Vgl. http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2016/05/28/einfuehrung-in-die-hermenutik-des-neuen-testaments-%c2%a7-5-magdalene-l-frettloeh/ zu bestimm­ten femi­nis­ti­schen Fra­gen. Wir erör­ter­ten zunächst, ob es um die Haar­tracht der Frau­en oder eine zusätz­li­che Kopf­be­de­ckung geht. Die Wen­dung ἡ κόμη ἀντὶ περιβολαίου δέδοται [αὐτῇ] in 11,15 spricht für Ers­te­res. Nur κατὰ κεφαλῆς ἔχων im Blick auf Män­ner (11,4) könn­te eine zusätz­li­che Kopf­be­de­ckung im Blick haben, ist aber auch als lan­ges Haar inter­pre­tier­bar. Die Über­set­zung von Lui­se Schott­roff in der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ fin­det mei­ne Zustim­mung. Sehr wahr­schein­lich wird es, dass es um Pro­ble­me der Haar­tracht geht, wenn man/frau die For­men von ξυράω bzw. κείρω in 11,6f ein­be­zieht. Selbst „die Gescho­re­ne“ als Bezeich­nung einer Hetä­re kommt vor.
Die zwei­te Schwie­rig­keit ergibt sich dadurch, dass Pau­lus inkon­sis­tent zu argu­men­tie­ren scheint. Ist in 11,3ff klar eine Unter­ord­nung der Frau unter den Mann im Blick, so scheint es im Bereich der Chris­tus­ge­mein­de ab 11,11ff eine sym­me­tri­sche Struk­tur zu geben. In 11,3ff nimmt Pau­lus schrift­ge­lehrt auf Gen 2f Bezug, wäh­rend er in 11,11ff eher zur Posi­ti­on von 1,26ff zu nei­gen scheint.
In 11,10 fiel τοὺς ἀγγέλους auf, der bestimm­te Arti­kel zeigt an, dass es sich um bekann­te Engel han­deln muss, Gen 6,1ff mit dem Par­al­lel­text in 1Hen 6ff legt sich nahe. Ohne Haupt­haar kön­nen die Frau­en der aggres­si­ven Sexua­li­tät der bzw. die­ser Engel oder Söh­ne Got­tes nicht wider­ste­hen, weil sie als Hetä­ren inter­pre­tiert wer­den.
Die Teilnehmer/innen erkann­ten, dass die Frau­en über Pro­phe­zei­en und Beten aktiv am Got­tes­dienst in Korinth nach Kap. 11 betei­ligt sind, wäh­rend sie in 14,33b-35 klar von der Akti­vi­tät aus­ge­schlos­sen sind – und ihre Män­ner fra­gen sol­len, wenn sie etwas nicht ver­stan­den haben soll­ten, ein patri­ar­cha­ler Klas­si­ker. M. E. spricht viel dafür, dass die­ser Text im Edi­ti­ons­pro­zess der ech­ten Brie­fe des Pau­lus aus tri­t­opau­li­ni­scher Per­spek­ti­ve ent­stan­den ist (vgl. 1Tim 2,8ff). Die ent­ge­gen­ge­setz­ten Über­le­gun­gen aus kon­ser­va­ti­ver, aber auch z. T. aus femi­nis­ti­scher Sicht benö­ti­gen sehr viel Fan­ta­sie, um zu erklä­ren, was dazu moti­viert haben könn­te, so etwas zu schrei­ben, wo doch 1Kor 14 durch den Man­n/­Frau-Dual nicht bestimmt ist, son­dern es dar­um geht, die Ver­ständ­lich­keit der Zun­gen­re­de inner­halb der Gemein­de durch Über­set­zung sicher­zu­stel­len. Sogar für τις ἄπιστος ἢ ἰδιώτης, der am Got­tes­dienst teil­nimmt. M. E. ist für Pau­lus die akti­ve Rol­le von Frau­en im Got­tes­dienst klar.

2. Haar als „natür­li­ches“ Gen­der­zei­chen

Wie kommt es nun dazu, dass es eine Dif­fe­renz der männ­li­chen und weib­li­chen Teilnehmer*innen an got­tes­dienst­li­chen Hand­lun­gen in Bezug auf ihre Haar­tracht geben soll? Die hier­ar­chi­sche Ein­füh­rung in 11,3 könn­te viel­leicht an den deu­ter­opau­li­ni­schen Ephe­ser­brief erin­nern: http://www.bibelwissenschaft.de/wibilex/das-bibellexikon/lexikon/sachwort/anzeigen/details/epheserbrief/ch/3734e27b1b1d687b286596a75b556d20/#h13 . Aber m. E. ist das kei­ne nach­hal­ti­ge Idee. Pau­lus scheint zu expe­ri­men­tie­ren, was tau­gen könn­te und kumu­liert Ver­schie­de­nes. In 11, 3ff bezieht er sich am ehes­ten auf Gen 2,4ff, aber auch auf Gen 1,26ff, was der εἰκών-Begriff zeigt. Pau­lus inter­pre­tiert Gen 1 aus der Per­spek­ti­ve von 2,4ff – und kehrt dann ab 11,11ff wie­der zur sym­me­tri­schen Auf­fas­sung von Gen 1 zurück, die Dif­fe­renz bleibt aber erhal­ten. Bei­de Geschlech­ter sind gleich, aber zugleich auch ver­schie­den. Es ist eine Par­al­le­le zur Behand­lung der weib­li­chen und männ­li­chen Homo­se­xua­li­tät, die Homo­se­xu­el­len μετήλλαξαν τὴν φυσικὴν χρῆσιν εἰς τὴν παρὰ φύσιν (Röm 1,26), sie hät­ten den natür­li­chen mit dem wider­na­tür­li­chen Sex ver­tauscht, was an der Ver­eh­rung von Gött*innen anstel­le des einen Got­tes lie­ge, wie Pau­lus in Fort­schrei­bung von Sap­Sal 13f sagt. So ist auch 1Kor 11,14 zu ver­ste­hen. Die rhe­to­ri­sche Fra­ge sug­ge­riert, dass Män­ner „natür­lich“ kur­ze, Frau­en lan­ge Haa­re tra­gen, was nach Bil­dern im 1. Jhdt. d. Z. wohl der domi­nan­te Stil gewe­sen sein dürf­te. Das müs­sen wir in der nächs­ten Sit­zung noch wei­ter erör­tern.
Anhand der Dif­fe­renz von sex/gender han­delt es sich bei der Haar­tracht daher um ein Gen­der­zei­chen, das Pau­lus für „natür­lich“ hält. In Chris­tus sind die Geschlech­ter gleich, aber ver­schie­den, was sich s. E. an der Haar­tracht zeigt.

3. Das Frei­heits­be­stre­ben der Korin­the­rin­nen

Die Teilnehmer*innen schlu­gen vor, das ent­stan­de­ne Pro­blem vor dem Hin­ter­grund des berühm­ten Slo­gans der Korinther*innen zu ver­ste­hen: Πάντα ἔξεστιν ἀλλ’ οὐ πάντα συμφέρει· (1Kor 10,23), eine Anti­the­se bzw. cor­rec­tio des Pau­lus, deren ers­te Hälf­te weit­hin kon­sen­su­ell den Slo­gan dar­stellt, alles ist erlaubt, aber nicht alles ist nütz­lich bzw. dient dem Guten. Wir befas­sen uns spä­ter genau­er damit (vgl. 6,12).
Für den Zusam­men­hang von 11,3ff ent­wi­ckel­te sich die Hypo­the­se, dass die Frau­en in dem Slo­gan ein ἐλευθερία-Bewusst­sein sahen (vgl. z. B. 10,29), das Frei­heit nur so ver­ste­hen konn­te, wel­che alle Vor­rech­te der Män­ner aus­schloss. Sym­bol des­sen war die Auf­he­bung der Dif­fe­renz in der Haar­tracht.
Natür­lich wur­de wei­ter auf der Sex-Ebe­ne dis­ku­tiert. Das ist wg. 6,12ff und 7,1ff über­aus berech­tigt. Pau­lus ist wg. der πορνεία bemüht, die Korinther*innen zu ermu­ti­gen, häu­fig Sex zu haben. In 6,12ff ist dem­ge­gen­über ver­mut­lich die sexu­el­le Pra­xis von Ober­schich­ten­män­nern im Blick, für „guten“ Sex zur Hetä­re zu gehen.
Das führ­te auch zu wei­te­ren Debat­ten zu Sex und Pro­sti­tu­ti­on in der Bibel, nach Gen 2f und dem Hohen­lied ist die Bibel nicht sexu­al­feind­lich. Zum Stamm­baum Jesu gehört die Pro­sti­tu­ier­te Rahab aus Jos 2. Das ist z. B. der Bibel in gerech­ter Spra­che zufol­ge unein­deu­tig, nicht aber nach der LXX: εἰς οἰκίαν γυναικὸς πόρνης, die Spio­ne gin­gen in Jeri­cho in das Haus einer Pro­sti­tu­ier­ten, vgl auch Prov 6,26 in der BgS.

 

 

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

1. Über­set­zen und glie­dern Sie Gal 3,26-29!
2. Vgl. Sie das mit 1Kor 11,3ff!
3. Wor­auf nimmt Pau­lus Bezug?
4. Wie ist der pau­li­ni­sche Bezug auf φύσις zu ver­ste­hen?
5. Lesen Sie Gen 12-16 sorg­fäl­tig!
6. Ver­schaf­fen Sie sich über Bible Works 8 oder eine Kon­kor­danz einen Über­blick über ἐλευθερία, ἐλευθεϱοῦν usf. in der Bibel!

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Info:
1Kor 11,3ff Uni Hd, 14.05. ist Beitrag Nr. 6965
Autor:
Martin Pöttner am 17. Mai 2018 um 15:40
Category:
Das Freiheitsverständnis im Neuen Testament
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