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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Vier­ter Sonn­tag nach Epi­pha­ni­as: Gen 11,1-9 (EfG Gries­heim)

 

Gen 11 1Es war so, dass die gan­ze Erde eine ein­heit­li­che Sprech­wei­se und über­ein­stim­men­de Wor­te hat­te. 2Da geschah es, als sie von Osten auf­bra­chen, dass sie eine Ebe­ne im Lan­de Schi­nar fan­den und sich dort nie­der­lie­ßen. 3Und sie spra­chen, ein Mensch zu sei­nem Mit­men­schen: »Wohl­an! Wir wol­len Lehm­zie­gel zie­geln und im Brand bren­nen!« Und der Zie­gel dien­te ihnen als Stein, und das Erd­pech dien­te ihnen als Mör­tel. 4Und sie spra­chen: »Wohl­an! Wir wol­len eine Stadt und einen Turm bau­en, und sei­ne Spit­ze soll him­mel­hoch sein. So wol­len wir uns einen Namen machen, dass wir uns nicht zer­streu­en über die gan­ze Erd­flä­che!« 5Da stieg der Herr hin­ab, um die Stadt und den Turm zu bese­hen, wel­che die Men­schen bau­ten. 6Und der Herr sprach: »Ja, ein Volk sind sie und eine ein­heit­li­che Sprech­wei­se haben sie alle – und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Und nun: Nichts wird ihnen unaus­führ­bar blei­ben, was immer sie sich zu tun vor­neh­men. 7Wohlan! Wir wol­len hin­ab­stei­gen und dort ihre Rede durch­ein­an­der brin­gen, sodass kein Mensch mehr die Rede der Mit­men­schen ver­steht.« 8Da zer­streu­te der Herr sie von dort über die gan­ze Erd­flä­che, und sie hör­ten auf, die Stadt zu bau­en. 9Von daher nennt man ihren Namen Babel, ›Durch­ein­an­der‹, dort hat ja der Herr die Sprech­wei­se der gan­zen Erde durch­ein­an­der gebracht, und von dort hat der Herr sie über die gan­ze Erd­flä­che zer­streut. (Vgl. Bibel in gerech­ter Spra­che, z. St.)

Lie­be Gemein­de,

Gott, der Herr, hat es nicht leicht mit den Men­schen in der Urge­schich­te, in Gen 1-12,3. Zunächst erschafft er sie als weib­li­che und männ­li­che Wesen, wel­che als sei­ne Bil­der die Schöp­fung beherr­schen und bewah­ren sol­len. Mit­hil­fe der Schlan­ge essen Eva und Adam vom Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen, sie wer­den dadurch sitt­lich genau­so klug wie Gott – und müs­sen des­halb das Para­dies ver­las­sen, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und wie Gott unsterb­lich wer­den. Gott, der Herr, ach­tet also dar­auf, dass die Men­schen ihm nicht völ­lig gleich wer­den.

Als­bald tre­ten aber Pro­ble­me mit der sitt­li­chen Urteils­kraft der Men­schen auf. Obgleich sie „gut“ und „böse“ unter­schei­den kön­nen, bringt Kain sei­nen Bru­der Abel um, weil Gott, der Herr, Abels Opfer sei­nem vor­ge­zo­gen hat­te. Auch die fol­gen­den lang leben­den Patri­ar­chen sind schwie­rig, ein­zig Hen­och lebt ganz auf Gott, den Herrn, bezo­gen – und wird des­we­gen zu Leb­zei­ten zu Gott auf­ge­nom­men. Ja, da gibt es noch Noah, der fromm lebt. Als es aber in der himm­li­schen Welt eine klei­ne Jugend­re­vol­te gibt und die Engel Sex mit mensch­li­chen Frau­en haben und gewal­ti­ge Kin­der ent­ste­hen, Rie­sen, da reicht es Gott, dem Herrn. Er zwei­felt dar­an, ob es wirk­lich gut oder sehr gut war, die­se Men­schen als sei­ne Bil­der zu schaf­fen. Und er bereut es. Daher beschließt er die Him­mels­schleu­sen zu öff­nen – und die Men­schen, aber auch die Tie­re zu erträn­ken. Nur Noah mit sei­ner Fami­lie geht mit ein­zel­nen Tier­paa­ren in die Arche. Nach­dem die Sint­flut abnimmt, bereut auch Gott, der Herr, sei­ne Gewalt­tä­tig­keit. Und er ver­spricht anzu­neh­men, dass die Men­schen böse von Jugend an sei­en. Und er wer­de nicht mehr so aus­ras­ten, wie bei der Sint­flut­ak­ti­on.

Das ist grob die Vor­ge­schich­te zu unse­rer heu­ti­gen Erzäh­lung vom Turm­bau zu Babel, lie­be Gemein­de.

Auch in ihr zeigt sich wie­der das Bestre­ben der Men­schen, über sich hin­aus­wach­sen zu wol­len und in Baby­lon einen hohen Turm zu errich­ten, der ein Sym­bol ihrer Bedeu­tung sein soll:

»Wohl­an! Wir wol­len eine Stadt mit einem Turm bau­en, und sei­ne Spit­ze soll him­mel­hoch sein. So wol­len wir uns einen Namen machen, dass wir uns nicht zer­streu­en über die gan­ze Erd­flä­che!«

Der weit­hin sicht­ba­re Turm soll zei­gen, an die­ser Stel­le ist die Zen­tra­le, da kön­nen wir uns her­um ver­sam­meln – und sie­deln. Der Turm sym­bo­li­siert die mensch­li­che Krea­ti­vi­tät und Kunst­fer­tig­keit im Bau­hand­werk und der Archi­tek­tur. Aber es ist auch ein Sym­bol des mensch­li­chen Macht­stre­bens, sich einen Namen zu machen.

5Da stieg der Herr hin­ab, um die Stadt und den Turm zu bese­hen, wel­che die Men­schen bau­ten. 6Und der Herr sprach: »Ja, ein Volk sind sie und eine ein­heit­li­che Sprech­wei­se haben sie alle – und dies ist erst der Anfang ihres Tuns. Und nun: Nichts wird ihnen unaus­führ­bar blei­ben, was immer sie sich zu tun vor­neh­men. 7Wohlan! Wir wol­len hin­ab­stei­gen und dort ihre Rede durch­ein­an­der brin­gen, sodass kein Mensch mehr die Rede der Mit­men­schen ver­steht.«

Gott, der Herr, erlebt den Turm­bau zu Babel als Bedro­hung. Die Men­schen wol­len in ihrer Krea­ti­vi­tät wie­der die Gren­ze zwi­schen ihm und sich ein­rei­ßen. So wie Adam und Eva aus dem Para­dies muss­ten, um nicht vom Baum des Lebens zu essen und unsterb­lich zu wer­den. Die Zen­tra­li­sie­rung an einer Stel­le in Baby­lon soll die­se Maß­lo­sig­keit bezeich­nen. Alles geht von Baby­lon aus und zieht nach Baby­lon.

Es geht in der Erzäh­lung nicht um Tech­nik­kri­tik. Wir haben heu­te in Frank­furt und ins­be­son­de­re New York höhe­re Tür­me als in Baby­lon, was wir archäo­lo­gisch wis­sen kön­nen. Und dazu wer­den ande­re Bau­ma­te­ria­li­en ver­wen­det als Zie­gel. Gott, der Herr, ist nicht ein Geg­ner des Hoch­baus. Aber er ist über­zeugt davon, er kön­ne die Maß­lo­sig­keit des mensch­li­chen Tuns dadurch brem­sen, dass er die ein­heit­li­che Sprech­wei­se der Men­schen, ihre anfäng­li­che Ein­heits­spra­che ver­wirrt.

Was soll das? Um ein Haus oder einen Turm zu bau­en, sind neben archi­tek­to­ni­schen Kennt­nis­sen, wozu auch etwas Mathe­ma­tik gehört, vor allem leis­tungs­fä­hi­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­men erfor­der­lich, um Zusam­men­ar­beit mög­lich zu machen. Ohne Ver­stän­di­gung von Men­schen kein Turm. Kei­ne Archi­tek­tin kann ihre Plä­ne ins Werk set­zen, wenn Meis­ter und Arbeiter/innen sie nicht ver­ste­hen und die­se als Hand­lungs­an­wei­sun­gen akzep­tie­ren. Und nach der Ver­wir­rung der Ein­heits­spra­che wird der Bau des Turms nicht fer­tig – und bleibt eine Rui­ne. Das Zen­tra­li­sie­rungs­pro­jekt ist geschei­tert – und die Men­schen wer­den auf der Erde ver­streut.

Neben der tech­ni­schen Funk­ti­on der Spra­che kennt die Urge­schich­te eine zwei­te wich­ti­ge Funk­ti­on der Spra­che. Die Men­schen müs­sen sich über das ver­stän­di­gen, was „gut“ und „böse“ ist. Und auch das macht der Ver­lust der Ein­heits­spra­che schwie­ri­ger. Um frem­de Auf­fas­sun­gen zu ver­ste­hen, müs­sen wir über­set­zen. Das ist auf­wän­dig und kos­tet Zeit. So ist es für vie­le Men­schen in der Mit­te Deutsch­lands nicht immer ganz leicht zu ver­ste­hen oder gar ein­ver­stan­den damit zu sein, was man­che Bay­ern sagen.

Unse­re Erzäh­lung ver­tritt also eine tie­fe Weis­heit. Die mensch­li­che Krea­ti­vi­tät und Kunst­fer­tig­keit ist dann nicht maß­los, wenn wir immer ihre indi­vi­du­el­le und auf ande­re mensch­li­che Krea­ti­vi­tät bezo­ge­ne Gestalt beach­ten. Auch ein Wol­ken­krat­zer ist Stück­werk. Und die sitt­li­che Urteils­kraft, die Fähig­keit zwi­schen „gut“ und „böse“ zu unter­schei­den, ist plu­ral, viel­fäl­tig struk­tu­riert, sodass wir mit ande­ren Men­schen dar­über spre­chen soll­ten – und immer fra­gen, was uns ande­re zu sagen haben, ob wir viel­leicht davon infra­ge gestellt wer­den kön­nen, was sie sagen.

Ich will das kurz an einem Pro­blem unse­rer Gegen­wart auf­zei­gen, der Digi­ta­li­sie­rung. Die­se hat min­des­tens zwei Fol­gen:

  • Es fal­len gan­ze Indus­trie­zwei­ge weg – und damit auch Beru­fe.
  • Es ent­steht zum ers­ten Mal tech­nisch die Mög­lich­keit, dass alle Men­schen mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren kön­nen, wobei das Über­set­zungs­pro­blem jetzt welt­weit auf­tritt.

Wie das schief gehen kann, sehen wir in den USA. Weil dort der indus­tri­el­le Ver­än­de­rungs­pro­zess sehr weit fort­ge­schrit­ten ist, kommt es in eini­gen Tei­len zu sozia­len Ver­wer­fun­gen. Da das aber nicht sozi­al abge­fe­dert wur­de, setzt sich der größ­te Twit­te­rer vor dem Herrn, Donald Trump durch. Denn er hat die Stim­men der sozi­al Aus­ge­grenz­ten gehört. Es gehört zu den inter­es­san­ten Phä­no­me­nen, dass Trump sexis­tisch, ras­sis­tisch und vul­gär sein darf, solan­ge die Aus­ge­grenz­ten den Ein­druck haben, er tue etwas für sie.

Das hängt damit zusam­men, dass alle Sprech­wei­sen und Spra­chen nicht von sich aus zu einem ver­nünf­ti­gen Ein­ver­ständ­nis ten­die­ren. Son­dern sie ermög­li­chen ver­schie­de­ne Ori­en­tie­run­gen, die sich gegen­ein­an­der abschlie­ßen kön­nen. Trump twit­tert nicht ver­stän­di­gungs­ori­en­tiert und erwar­tet Zustim­mung und Gefolg­schaft von sei­nen Follower/inne/n. Des­we­gen beschimpft er hem­mungs­los mög­li­che Gegner/innen. Und er macht es z. T. wit­zig und geschickt.

Die Weis­heit unse­rer Erzäh­lung ist es aber uns zu ermu­ti­gen, mit ande­ren ernst­haft zu spre­chen, uns auch als rela­tiv und indi­vi­du­ell zu ver­ste­hen – und bereit dazu wer­den, mit uns frem­den Men­schen zu spre­chen. Dar­in besteht unse­re Krea­ti­vi­tät als Bil­der Got­tes, die nur wenig von Gott ver­schie­den sind, wie unse­re Schrift­le­sung aus Psalm 8 sagt.

Amen

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Info:
Vier­ter Sonn­tag nach Epi­pha­ni­as: Gen 11,1-9 (EfG Gries­heim) ist Beitrag Nr. 6833
Autor:
Martin Pöttner am 2. Februar 2018 um 15:40
Category:
Bildung,Religiöse Rede
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