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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Flucht, Eth­nie, Reli­gi­on, Men­schen­rech­te (Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt)

Ver­an­stal­tung: Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments
Dozent: Prof. Dr. Mar­tin Pött­ner
Datum: 5.12.2017, 09.50 – 11.30 Uhr
Pro­to­koll: Bet­ti­na Rei­chelt

Vor­trag von Herrn Pött­ner:
Flucht, Eth­nie, Fremd­sein und bibli­sche Reli­gi­on – hat das etwas mit den Men­schen­rech­ten zu tun?

Der Vor­trag beginnt mit der Fra­ge­stel­lung: ob wesent­li­che Gehal­te der bibli­schen Reli­gi­on mit den Men­schen­rech­ten über­ein­stim­men und bezieht sich dabei auf die

  1. allg. Erklä­rung der Men­schen­rech­te von 1948 und 1951
  2. und die Gen­fer Men­schen­rechts­kon­ven­ti­on

Zunächst wer­den eini­ge bibli­sche Geschich­te als Bei­spie­le für Flucht­er­fah­run­gen des Alten Tes­ta­ments von Herrn Pött­ner erzählt:

1. „Abra­ham und Sara“ flie­hen nach Ägyp­ten als sog. Wirt­schafts­flücht­lin­ge. Abra­ham macht unwah­re Anga­ben. Dies lässt sich auf unse­re Zeit über­tra­gen.

2. Josef: Der in der Fol­ge wich­tigs­te Text ist von „Josef und sei­ne Brü­dern„. Josef deu­tet die Träu­me des Pha­rao (von den sie­ben fet­ten und den sie­ben mage­ren Jah­ren) und wird zum Mana­ger des gan­zen Lan­des. Infol­ge sei­nes klu­gen Wirt­schaf­tens hat Ägyp­ten Getrei­de­vor­rä­te und sei­ne Fami­lie flieht in der Hun­gers­not nach Ägyp­ten.

3. Mose: In der Fol­ge die­ser Ereig­nis­se lebt das Volk Isra­el in Ägyp­ten und erlebt zuneh­men­de Frem­den­feind­lich­keit: Isra­el ver­mehrt sich in 200 Jah­ren und die Ägyp­ter zwin­gen sie zur Skla­ven­ar­beit. Um das Volk zu schwä­chen, befiehlt der Pha­rao, alle jüdi­schen Kna­ben nach der Geburt zu töten. Zwei israe­li­sche Heb­am­men wider­set­zen sich – so wird Mose geret­tet und zum Ret­ter Isra­els.

Gott selbst greift in das Gesche­hen ein: Offen­bar ändert die bru­ta­le Unter­drü­ckung der Israelit/inn/en die Mei­nung des „Herrn“ zur sitt­li­chen Urteils­kraft der Men­schen, die der Mensch vom Baum der Erkennt­nis bekom­men hat. Gott ent­schließt sich, Gesetz­ge­ber zu wer­den. Das Lei­den sei­nes Vol­kes bewegt ihn ein­zu­grei­fen. Er hört das Schrei­en, obwohl die Israe­li­ten in die­ser Situa­ti­on nicht expli­zit zu Gott schrien.

(An die­ser Stel­le möch­te ich den Aspekt ergän­zen, dass Isra­el als Refe­renz­mo­dell für die gan­ze Mensch­heit gel­ten kann, und die Erret­tung durch Got­tes Ein­grei­fen dafür steht, dass wir alle der Ret­tung bedür­fen.)

4. Wen­de­punkt: Als Mose Isra­el aus Ägyp­ten führt, kon­zen­triert sich die bibli­sche Erzäh­lung von da an auf Isra­el. Vor­her war der all­ge­mei­ne Schau­platz die gan­ze Welt war (Turm­bau zu Babel). Gott ent­wi­ckelt sich als ein auf die Eth­nie Isra­el bezo­ge­ner Gott, selbst auf die Gefahr hin, dass Isra­el auch ande­re Göt­ter ver­ehrt.

Im Semi­nar wur­de dis­ku­tiert, wie es sich mit Mono­the­is­mus und Poly­the­is­mus in die­ser Zeit ver­hielt:

– 500 v. u. Z. wur­de z. B in einer ägyp­ti­schen Kolo­nie neben JHWH auch eine weib­li­che Gott­heit ver­ehrt
– außer­dem Ver­eh­rung der Astar­te
– Wiss. Ansatz: 300 v. u. Z. setz­te sich der Mono­the­is­mus in Isra­el (u. a. Ass­mann) durch.

Isra­el hat eine star­ke Erin­ne­rungs­kul­tur (aus­ge­rich­tet am Pes­sach­fest), die das Volk stets dar­an erin­nern soll, das sie selbst Fremd­lin­ge waren: Ich bin der Herr dein Gott, der Dich auch Ägyp­ten her­aus­ge­führt hat (Ex 20,2). Durch die Geset­ze Got­tes wer­den die Israe­li­ten auf die Gebo­te ver­pflich­tet (Pflich­ten­ethik): „Einen Fremd­ling sollst Du nicht bedrü­cken, denn ihr seid auch Fremd­lin­ge gewe­sen“.

Ver­hei­ra­tungs­ver­bo­te (als eth­ni­sche Abgren­zung): Hier lei­tet Herr Pött­ner über zum Aspekt der Ver­hei­ra­tungs­ver­bo­te wie in Esra und Nehemia. Isra­el wird zu einer Kul­tur der Abgren­zung ermahnt (Hei­rats­ver­bot mit Nicht-Israe­li­ten), da dadurch Kon­takt zu frem­den Göt­tern ent­steht.

Gegen­po­si­ti­on: Zu die­ser Posi­ti­on fin­den wir aber in der Bibel auch eine Gegen­po­si­ti­on bei Ruth und Esther auf Moa­bi­ter und Per­ser bezo­gen: Hier darf gemischt gehei­ra­tet wer­den!

Die Pro­phe­ten ste­hen mit ihren Aus­sa­gen im alt­ori­en­tal. Kon­text (nach wiss. For­schung des Ägyp­to­lo­gen Ass­man): Der Wai­se, der Arme und die Wit­we müs­sen geschützt wer­den. Doch die gesell. Pra­xis in Isra­el ent­spricht dem nicht.

Das Bei­spiel von Abra­ham zeigt, dass die Ägyp­ter nicht immer so böse waren wie zur Zeit Moses, denn Abra­ham und Sara wur­den vom Pha­rao gut behan­delt.
Die Pro­phe­ten sind hier inter­es­sant, weil die Per­spek­ti­ve wech­selt. Es ist nicht immer der Fokus auf Isra­el, son­dern ande­re Völ­ker tau­chen auch auf.

Die Bibel spannt den Bogen vom Beginn des Mono­the­is­mus bis zu sei­ner Voll­endung: 5 Jh v. u. Z. bis zur Offen­ba­rung: Völ­ker­wall­fahrt zum Zion. Dort wer­den alle Völ­ker gerich­tet.
In Römer 11 weist Pau­lus auf die Ver­söh­nung der Juden mit den Hei­den hin. Isra­el befin­det sich geschicht­lich lan­ge in einer escha­to­lo­gi­schen War­te­schlei­fe.

Aspek­te der Weih­nachts­ge­schich­te: Der Engel ver­kün­det „Freu­de, die allem Volk“ zuteil wird. „Ehre sei Gott, Frie­den auf Erden … bei den Men­schen sei­nes Wohl­ge­fal­lens“. Hier zeigt sich eine uni­ver­sa­le Kon­zep­ti­on: Das Juden­tum wird wei­ter­ge­führt. Gott zeigt in Jes. 42 Züge der Gewalt­lo­sig­keit.
Der Ret­ter wird in einer Krip­pe gebo­ren, unkom­for­ta­bler als bei Mose. Jesu Ret­tung betrifft alle sozia­len Schich­ten. Das Ele­ment der Armut ist im Blick­feld. Das Kind in der Krip­pe hat die glei­che Bedeu­tung wie der Röm. Kai­ser, der von sich behaup­tet, den Pax Roma­na zu brin­gen.

Die gan­ze Erde ist im Fokus des Chris­ten­tums. Die Kind­heits­ge­schich­te Jesu erzählt von den Wei­sen aus dem Mor­gen­land, die den Stern astro­no­mi­sche berech­nen. Hero­des befürch­tet Kon­kur­renz. Den Wei­sen wird klar, dass sie das, was in Beth­le­hem statt­fin­det, Hero­des ver­schwei­gen müs­sen. Hero­des lässt dar­auf­hin alle klei­nen Kin­der töten. Hier wie­der­holt sich der Sohn­mord aus der Zeit Mose. Die Eltern müs­sen mit Jesus nach Ägyp­ten flie­hen, weil Josef einen Traum hat (wie in Gen 12: Flucht aus polit. Ver­fol­gung). In der Traum­deu­tung fin­den wir ähn­li­che Erzähl­strän­ge wie bei Josef.

Die Bibel ist frem­den­freund­lich, kennt auch den Modus der Frem­den­feind­lich­keit. Die­se wird nega­tiv bewer­tet. Isra­el soll es anders hal­ten, näm­lich in Erin­ne­rung an sei­ne Befrei­ung. Es geht um alle Eth­ni­en in der Welt. Nach der Bibel sol­len nicht nur Chris­ten und Juden so han­deln, son­dern alle Men­schen. Das Gute wird nicht nur christ­lich getan, son­dern auch von den Ägyp­tern (Abra­ham) und von ande­ren Völ­kern. Gott bezieht sich auf alle Men­schen. Bei­spiel dafür in Apg. 8: Es gibt auch schwar­ze Juden. der Käm­me­rer aus Ätho­pi­en, ist Schwarz­afri­ka­ner und Eunu­che (also stark benach­tei­ligt).

Bezug zur Gegen­wart mit zwei gro­ßen Flücht­lings­kri­sen: im 2. WK und jetzt gera­de.
Nach neu­er Gesetz­ge­bung dür­fen Wirt­schafts­flücht­lin­ge ihre Fähig­kei­ten in den Wirt.markt ein­brin­gen. Hier ist die Dis­kus­si­on fort­ge­schrit­ten im Gegen­satz zu den Gege­ben­hei­ten vor 25 Jah­ren.

Die AfD plä­diert dafür, die Flucht­ur­sa­chen dort zu bekämp­fen, wo die Ursa­chen lie­gen. Die C- Par­tei­en in der BRD müss­ten eine pro-Flücht­lings-Posi­tio­nen beson­ders ver­tre­ten.

Fazit:
Arti­kel 1 und 2 der „All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te (1948)“ for­mu­lie­ren:
Arti­kel 1: Alle Men­schen sind frei und gleich an Wür­de und Rech­ten gebo­ren. Sie sind mit Ver­nunft und Gewis­sen begabt und sol­len ein­an­der im Geis­te der Brü­der­lich­keit begeg­nen.

Arti­kel 2: Jeder hat Anspruch auf alle in die­ser Erklä­rung ver­kün­de­ten Rech­te und Frei­hei­ten, ohne irgend­ei­nen Unter­schied, etwa nach Ras­se, Haut­far­be, Geschlecht, Spra­che, Reli­gi­on, poli­ti­scher oder sons­ti­ger Anschau­ung, natio­na­ler oder sozia­ler Her­kunft, Ver­mö­gen, Geburt oder sons­ti­gem Stand.

Das ent­spricht der jüdi­schen und christ­li­chen Reli­gi­on, und ist nun aber als Men­schen­recht auch für are­li­giö­se Men­schen ver­pflich­tend. 1951 zog die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on für Ver­folg­te dar­aus Kon­se­quen­zen. Die­se Bestim­mun­gen wer­den von Deutsch­land akzep­tiert. Der Sta­tus von Wirt­schafts­flücht­lin­gen ist aktu­ell in Dt. nicht so gut gere­gelt.

Buch­tipp zur The­ma­tik: Hans Joas: „Die Sakra­li­tät der Per­son“ (2011) . Der Sozio­lo­ge unter­sucht den Bei­trag des Chris­ten­tums an den Men­schen­rech­ten.

 

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Info:
Flucht, Eth­nie, Reli­gi­on, Men­schen­rech­te (Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät Darm­stadt) ist Beitrag Nr. 6720
Autor:
Martin Pöttner am 11. Dezember 2017 um 09:28
Category:
Theologie des Neuen Testaments
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