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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Vor­trag Darm­stadt 05.12.

Flucht, Eth­nie, Fremd­sein und bibli­sche Reli­gi­on – hat das etwas mit den Men­schen­rech­ten zu tun?

Der Titel for­mu­liert eine Fra­ge, die sich mir in den letz­ten 25 Jah­ren deut­li­cher gestellt hat. Mir hat es nie genügt, wenn bibli­sche Tex­te zu die­sen The­men in den Vor­der­grund gestellt wur­den – und dann gefor­dert wur­de, Politiker/innen han­delt bit­te so! In den Jah­ren 2015ff hat sich der Rats­vor­sit­zen­de der EKD Bed­ford-Strohm z. B. in Talk­shows in die­se Rol­le drän­gen las­sen. Wor­um es aber gehen müss­te, ist zu über­prü­fen, ob wesent­li­che Gehal­te der bibli­schen Reli­gi­on mit den Men­schen­rech­ten über­ein­stim­men – oder ob das nicht der Fall ist. Ob also Men­schen wie Bea­trix von Storch recht haben, wenn sie ein beson­de­res Recht des Schut­zes des deut­schen Vol­kes anneh­men, das etwa durch die angeb­li­che Grenz­öff­nung durch Ange­la Mer­kel im Sep­tem­ber 2015 infra­ge gestellt wor­den sei.

Ich behan­de­le das in zwei Schrit­ten, die zur Dis­kus­si­on ein­la­den sol­len – und daher man­che Sach­ver­hal­te the­sen­haft auf den Punkt brin­gen:

  1. Wor­in besteht die bibli­sche Bot­schaft zu den ange­spro­che­nen The­men?

Für mich sind das die aus­schlag­ge­ben­den Tex­te der Men­schen­rech­te, die nor­ma­tiv sind.

1. Die bibli­sche Bot­schaft zu Flucht, Eth­nie, Fremd­sein

Ich erzäh­le das nach, das ent­spricht einem der wesent­li­chen Modi des bibli­schen Spre­chens.

1.1 AT

Die wesent­li­chen alt­tes­ta­ment­li­chen Tex­te zum The­ma sind Erzäh­lun­gen, Geset­zes­tex­te und Pro­phe­ten­sprü­che. Den Sinn ver­steht man/frau leich­ter, wenn sie oder er die­se in Erzäh­lun­gen ein­bet­tet. Ich gehe nur exem­pla­risch vor.

Das beginnt mit Gen 12,10ff. Abra­ham und Sara flie­hen nach Ägyp­ten. In Kana­an herrscht Hun­ger wegen Preissei­ge­rung. Die Ägyp­ter schie­ben die Wirt­schafts­flücht­lin­ge nicht ab. Abra­ham gibt Sara als sei­ne Schwes­ter aus – und der Pha­rao bedient sich sexu­ell an der schö­nen Frau. Das miss­fällt dem „Herrn“ und der Pha­rao fragt an, war­um ihm Abra­ham nicht die Wahr­heit gesagt habe. Nun, weil er befürch­tet hat­te, dass der Pha­rao ihn sonst umbringt, um ihm Sara weg­zu­neh­men.

Der bibli­sche Text geht ganz ruhig mit die­sen Sach­ver­hal­ten um, er setzt dar­auf, dass sich sei­ne Leser/innen ein Urteil bil­den kön­nen. Der ers­te Text zum The­ma setzt selbst­ver­ständ­lich vor­aus, dass Wirt­schafts­flücht­lin­ge flie­hen dür­fen und dabei auch Vor­sichts­maß­nah­men tref­fen kön­nen.

Der in der Fol­ge wich­tigs­te Text ist die Sto­ry von Josef und sei­ne Brü­dern. Vie­le sei­ner Brü­der ver­kau­fen Josef nach Ägyp­ten, er macht Kar­rie­re am Hof Pha­ra­os – und wird nicht zuletzt wegen sei­ner traum­deu­te­ri­schen Fähig­kei­ten zu einem der wich­tigs­ten Mit­ar­bei­ter des Pha­rao. In die­sem Traum war von Ähren und Kühen die Rede – und Josef deu­te­te das auf sie­ben fet­te und sie­ben mage­re Jah­re im Blick auf die Nah­rungs­pro­duk­ti­on. Das sei ein pro­gnos­ti­scher Traum, der ent­spre­chen­des Han­deln erfor­der­lich mache. Josef wird der ent­spre­chen­de Mana­ger und schafft in den sie­ben fet­ten Jah­ren Vor­rä­te. In den fol­gen­den sie­ben Jah­ren bricht auch in Kana­an wie­der der Hun­ger aus und Jakob schickt zehn sei­ner Söh­ne nach Ägyp­ten, um Nah­rung zu beschaf­fen. Josef ver­stellt sich neun der Brü­der kön­nen zurück­keh­ren, sol­len aber den jüngs­ten dem­nächst mit­brin­gen. Auch Jakob kommt mit und die Fami­lie ist wie­der­ver­ei­nigt. Jakob hat­te beim Kampf am Jabbok mit dem „Herrn“ den Namen „Isra­el“ erhal­ten – und so kam Isra­el nach Ägyp­ten.

Dort sehen wir nun eine Erzäh­lung von Frem­den­feind­lich­keit. (Jan Ass­mann, Exo­dus, 2015) Isra­el ver­mehrt sich in den fol­gen­den 200 Jah­ren und die Ägyp­ter zwin­gen sie zur Skla­ven­ar­beit. Als nicht völ­lig effi­zi­en­te bevöl­ke­rungs­po­li­ti­sche Maß­nah­me ord­net der Pha­rao an, alle jüdi­schen Kna­ben nach der Geburt zu töten. Zwei israe­li­sche Heb­am­men, die Gott ver­eh­ren, wider­set­zen sich – und so lan­det Mose im Nil, in einem Schilfkörb­chen. Eine ägyp­ti­sche Prin­zes­sin fin­det ihn: Der Ret­ter ist gebo­ren, der Isra­el aus Ägyp­ten im Auf­trag des „Herrn“ her­aus­führt.

Offen­bar ändert die bru­ta­le Unter­drü­ckung der Israelit/inn/en in Ägyp­ten die Mei­nung des „Herrn“ zur sitt­li­chen Urteils­kraft. Denn er hat­te ein­ge­stan­den, dass es Eva und Adam mit­hil­fe der Schlan­ge gelun­gen war, zu wer­den wie er selbst. Denn sie konn­ten zwi­schen „gut“ und „böse“ unter­schei­den, mit­hin die sitt­li­che Urteils­kraft ver­wen­den. Das ging nicht immer gut, aber nach den Ereig­nis­sen in Ägyp­ten ent­schloss sich der „Herr“, Gesetz­ge­ber zu wer­den (vgl. Ass­mann).

Dadurch ent­stand im Unter­schied zu ande­ren anti­ken Gesell­schaf­ten gött­li­ches
Recht. Das gilt für Ex und Lev, auch für das Dtn. Dabei zeigt sich eine wesent­li­che Struk­tur. Die Gebo­te und Ver­bo­te ant­wor­ten auf die Ret­tung aus der Skla­ve­rei in Ägyp­ten:

Ex 20,2 Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyp­ten­land, aus der Skla­ve­rei, geführt habe.

Damit gera­ten alle Tex­te des gött­li­chen Rechts in die­sen Hori­zont.

22,20 Einen Fremd­ling sollst du nicht bedrü­cken und bedrän­gen; denn ihr seid auch Fremd­lin­ge in Ägyp­ten­land gewe­sen.

Dies setzt eine Erin­ne­rungs­kul­tur vor­aus, die im Juden­tum ins­be­son­de­re um das Pes­sach­fest ver­dich­tet ist.

Einen mög­li­cher­wei­se pro­ble­ma­ti­schen Aspekt die­ser Kon­zep­ti­on sieht man an einer eth­ni­schen Kon­zen­tra­ti­on der Reli­gi­on, sodass wie in Neh und Esra in Ver­hei­ra­tungs­ver­bo­te mit ande­ren Eth­ni­en erlas­sen wer­den. Aber für das Juden­tum typisch sind dann Gegen­ent­wür­fe in den Büchern Rut und Esther.

Die Pro­phe­ten zei­gen ähn­lich wie die Gene­sis Tex­te, dass die Fremd­lings­ethik des Juden­tums nicht aus Ent­wick­lun­gen im Alten Ori­ent her­aus­fällt. Gott schützt den Wai­sen, die Wit­we und den Fremd­ling: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2017/12/03/fremdsein-ethnie-technische-universitaet-darmstadt/ .

In den Pro­phe­ten öff­net sich die Erzähl­per­spek­ti­ve im AT wie­der hin zu den ande­ren Völ­kern, so in den Tex­ten zur Völ­ker­wall­fahrt zum Zion in Jes 2 und Mi 4. Die mono­the­is­ti­sche Posi­ti­on Dtjes impli­ziert die Gewalt­lo­sig­keit Got­tes, wie es in Jes 42 und 49 sicht­bar wird. Der eine und ein­zi­ge Gott ist der Gott aller Men­schen.

  1. Der neu­tes­ta­ment­li­che Bei­trag

Zunächst
geht er nicht über das AT hin­aus, son­dern zieht die Kon­se­quen­zen aus der dar­ge­stell­ten Ent­wick­lung.

Ich gehe knapp auf die Vor­ge­schich­te im Luka­sevan­ge­li­um und Mat­thäu­sevan­ge­li­um ein. In Lk 2 wird genau dar­auf geach­tet, dass die Bot­schaft uni­ver­sal ist:

9Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klar­heit des Herrn leuch­te­te um sie; und sie fürch­te­ten sich sehr. 10Und der Engel sprach zu ihnen: Fürch­tet euch nicht! Sie­he, ich ver­kün­di­ge euch gro­ße Freu­de, die allem Volk wider­fah­ren wird; 11denn euch ist heu­te der Ret­ter gebo­ren, wel­cher ist Chris­tus, der Herr, in der Stadt Davids.

12Und das habt zum Zei­chen: Ihr wer­det fin­den das Kind in Win­deln gewi­ckelt und in einer Krip­pe lie­gen. 13Und als­bald war da bei dem Engel die Men­ge der himm­li­schen Heer­scha­ren, die lob­ten Gott und spra­chen: 14Ehre sei Gott in der Höhe und Frie­de auf Erden bei den Men­schen sei­nes Wohl­ge­fal­lens.

Also die gan­ze Erde ist im Fokus des Chris­ten­tums.

Die Kind­heits­ge­schich­te in Mt 2 erzählt von den Astro­lo­gen aus Meso­po­ta­mi­en, die einen Stern beob­ach­tet hat­ten, der auf einen neu­en König Isra­els deu­ten soll. Sie fra­gen bei Hero­des nach, der befürch­tet einen Kon­kur­ren­ten – und lässt die Kna­ben um Beth­le­hem umbrin­gen, eine Anspie­lung auf die Exo­dus­sto­ry. Und das Baby Jesus flieht ent­spre­chend mit Mut­ter und Vater nach Ägyp­ten.

Es ist daher völ­lig klar, dass die Bibel nir­gends unter­stellt, dass nur Christ/inn/en oder Ju/ü/d/inn/en so han­deln, son­dern alle Men­schen soll­ten so han­deln.

  1. Men­schen­rech­te

Der Arti­kel 1 und 2 der „All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te (1948)“ for­mu­lie­ren:

Arti­kel 1

Alle Men­schen sind frei und gleich an Wür­de und Rech­ten gebo­ren. Sie sind mit Ver­nunft und Gewis­sen begabt und sol­len ein­an­der im Geis­te der Brü­der­lich­keit begeg­nen.

Arti­kel 2 Jeder hat Anspruch auf alle in die­ser Erklä­rung ver­kün­de­ten Rech­te und Frei­hei­ten, ohne irgend­ei­nen Unter­schied, etwa nach Ras­se, Haut­far­be, Geschlecht, Spra­che, Reli­gi­on, poli­ti­scher oder sons­ti­ger Anschau­ung, natio­na­ler oder sozia­ler Her­kunft, Ver­mö­gen, Geburt oder sons­ti­gem Stand.

Das ent­spricht sowohl der jüdi­schen als auch der christ­li­chen Reli­gi­on, ist aber jetzt Men­schen­recht – und auch für are­li­giö­se Men­schen ver­pflich­tend zu beach­ten. 1951 zog dann die Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on für Ver­folg­te dar­aus Kon­se­quen­zen. Die­se men­schen- und völ­ker­recht­li­chen Bestim­mun­gen wer­den von Deutsch­land akzep­tiert. Der Sta­tus von Wirt­schafts­flücht­lin­gen ist nicht so gut gere­gelt. Aber die Mehr­heit der Bürger/innen akzep­tiert, Dass es ein Ein­wan­de­rungs­ge­setz geben wird, zudem steht die mög­li­che Rol­le der Ent­wick­lungs­po­li­tik Streit­fra­ge.

Die bibli­sche Reli­gi­on hat mit­hin zur Ent­wick­lung der Men­schen­rech­te bei­ge­tra­gen. Zum Ent­ste­hungs­pro­zess der Men­schen­rechts­er­klä­rung H. Joas, Die Sakra­li­tät der Per­son, 2011.

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Info:
Vor­trag Darm­stadt 05.12. ist Beitrag Nr. 6701
Autor:
Martin Pöttner am 3. Dezember 2017 um 15:12
Category:
Menschenrechte
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