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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Fremd­sein, Flucht, Eth­nie, Reli­gi­on

 
Semi­nar­pro­to­koll vom 14.11.2017
Bibel­stel­len: Exo­dus 20,2; Exo­dus 22,20; Exo­dus 23,9-12 und Levi­ti­kus 19, 33-35

FB 02: Geschichts- und Kul­tur­wis­sen­schaf­ten

Insti­tut für Theo­lo­gie und Sozio­lo­gie

Ver­an­stal­tung: Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments

Dozent: Prof. Dr. Mar­tin Pött­ner

Refe­ren­tin Ange­la Wenz

17.11.2017

Semi­nar­pro­to­koll

Zu Beginn des Semi­nars wer­den orga­ni­sa­to­ri­sche Details, wie die Anwe­sen­heit und die Erbrin­gung des Leis­tungs­nach­wei­ses einer Teil­neh­me­rin geklärt.

Im Rück­blick auf die letz­te Sit­zung fragt Herr Pött­ner, ob es noch Rück­fra­gen zum Pro­to­koll von der letz­ten Ver­an­stal­tung gibt. Dies ist nicht der Fall, wes­halb direkt zur Bespre­chung und Erläu­te­rung der Bibel­stel­len Exo­dus 20,2; Exo­dus 22,20; Exo­dus 23,9-12 und Levi­ti­kus 19, 33-35 über­ge­gan­gen wird. Die­se Stel­len sei­en zwar sehr knapp gehal­ten, dafür aber sehr tief­grün­dig.

Exo­dus 20,2 Die hei­li­gen 10 Gebo­te

20,2 Ich bin der Herr, dein Gott, der ich dich aus Ägyp­ten­land, aus der Knecht­schaft, geführt habe.

Gemein­sam wird der Kon­text die­ses Ver­ses bespro­chen. Vor der Ver­fas­sung die­ser Gebo­te iden­ti­fi­ziert sich Gott als der­je­ni­ge, der Isra­el aus der Skla­ve­rei aus Ägyp­ten führt. Im Chris­ten­tum wird die­ses Phä­no­men kaum beach­tet. Gott ist der­je­ni­ge, wel­cher sich so offen­bart hat, dass er sie aus dem Land der Knecht­schaft her­aus­ge­führt bzw. befreit. Das Aus­schlag­ge­ben­de ist, dass Gott sich sei­nem Volk gezeigt hat. Anschei­nend war er aus dem All­tag ver­schwun­den. Eine wei­te­re Sze­ne aus Exo­dus 3 wird beschrie­ben: der bren­nen­de Dorn­busch und das Gespräch zwi­schen Gott und Moses.

Eine Teil­neh­me­rin über­trägt den Inhalt des Refe­renz­mo­dells „Ägyp­ten und Isra­el“ auf alle Men­schen, die befreit wer­den müs­sen. Ers­tens muss der Gott als Ret­ter in unser Leben tre­ten und zwei­tens hat der Mensch zu ent­schei­den, ob er in einem Land blei­ben möch­te.

Herr Pött­ner fasst zusam­men, dass die­ser Gott auf das Phä­no­men der Skla­ve­rei bezo­gen ist und aus der Skla­ve­rei her­aus­führt. Auf die­ses Prin­zip bezie­hen sich alle fol­gen­de Gebo­te. Abgren­zen­der­wei­se wur­de von Jan Ass­mann, Exo­dus, 2015 betont, dass in ver­gleich­ba­ren Gesell­schaf­ten, wie Meso­po­ta­mi­en, Ägyp­ten und Grie­chen­land kein ent­spre­chen­des Phä­no­men exis­tiert, dass Gott selbst als Gesetz­ge­ber auf­tritt, son­dern Köni­ge oder ande­re Insti­tu­tio­nen. Gene­rell erlas­sen Herr­scher die Geset­ze und die Göt­ter wachen über die Ein­hal­tung. Aber an die­ser Stel­le tritt Gott das ers­te Mal als Gesetz­ge­ber auf. Somit herrscht gött­li­ches Recht.

Der Ein­wurf, Gott hat etwas für das Volk getan und stellt dafür Ansprü­che, wird zur Dis­kus­si­ons­grund­la­ge. Viel­leicht lei­tet Gott ab, dass er dem Volk hilft und somit die Her­kunft bzw. Wur­zeln des Vol­kes in Erin­ne­rung rufen will. Bezo­gen auf das Juden­tum geschieht genau die­se Rück­be­sin­nung auf die Ver­gan­gen­heit, um dar­aus etwas für die Gegen­wart abzu­lei­ten. Im Neu­en Tes­ta­ment fehlt das Handeln/etwas Gutes tun ohne etwas dafür zu erwar­ten. Dies lässt sich erken­nen, wenn man das Neue Tes­ta­ment nicht auto­ri­tär liest. Wider­legt wird es im Johan­nes-Evan­ge­li­um, dort wen­det sich Gott durch Jesus dem Men­schen zu. Dar­aus folgt, dass wir ein­an­der lie­ben sol­len.

Herr Pött­ner wen­det ein, dass die­se Stel­le zwei Pro­ble­me auf­wirft. Ers­tens die Zuwen­dung und das geleb­te Leben, das als Skla­ve­rei ver­stan­den wird. Zwei­tens, dass der König nicht nach ande­ren schau­en darf. Da das als Skla­ve­rei ver­stan­den wird, wen­det sich Gott dem Volk zu und ent­wi­ckelt eine Metho­de, um sie aus der Skla­ve­rei zu füh­ren. An die­ser Stel­le betont Herr Pött­ner, dass die christ­li­che Kir­che am Ende des 2. Jahr­hun­derts akzep­tiert hat, dass die­se Tex­te für das Chris­ten­tum kano­nisch sind und die­ses Got­tes­kon­zept „sich dem Glau­ben­den zuzu­wen­den“ tat­säch­lich schon immer ein The­ma gewe­sen ist.

Aber war­um will Gott der Ein­zi­ge sein? Im Ver­gleich mit den Göt­tern aus dem römi­schen Rei­che hat­te jeder Gott sei­ne Auf­ga­be und Zustän­dig­keits­be­reich. Har­mo­nisch ver­lief die Ver­tei­lung anschei­nend aber nicht. Got­tes Macht wird als all­um­fas­send auf­ge­fasst, des­we­gen muss er sich mit nie­man­den arran­gie­ren und kei­ne Auf­ga­ben auf­tei­len. So kann Gott sagen, „ich bin für alles zustän­dig und ich bin eifer­süch­tig, wenn es noch jemand ande­ren neben mir gibt.“ Herr Pött­ner wirft ein, dass offen­bar noch an ande­re Göt­ter und Göt­ti­nen gedacht wird, die ähn­li­che Funk­tio­nen ein­neh­men könn­ten. Die­ser ist laut Bibel bei­spiels­wei­se der Wet­ter­gott Baal. Als das judäi­sche Volk nach Baby­lon muss­te und wie­der zurück­ge­kehr­te, da kehr­ten bei eini­gen auch ange­hei­ra­te­te Frau­en außer­halb ihres Vol­kes mit zurück. Mit die­sen kam der Göt­ter­kult wie­der zurück in das Volk. Dadurch wur­de der Zorn Got­tes aus­ge­löst und danach wur­de bemes­sen, ob die Köni­ge nach Got­tes oder Davids Wegen gut oder abtrün­nig waren. Die Erzähl­schie­ne beginnt bei Exo­dus 20 und endet im Zwei­ten König­buch bzw. Chro­nik­buch und Esra/Nehemia. In die­ser Welt ist Gott, vor allem der Gott Isra­els, ein Gott von vie­len ande­ren. Denn ande­re Völ­ker haben ande­re Göt­ter. Somit gibt es ande­re Göt­ter neben ihm. Außer­dem gibt es auch wei­te­re (angeb­lich) mono­the­is­ti­sche Sys­te­me. Trotz­dem gibt es den Gott Baal, der Teil­be­rei­chen ähn­lich ist. Es gab schon damals Kon­zen­tra­tio­nen einer Eth­nie auf einen Gott, aber dann wur­de gesagt, die ande­ren haben einen ande­ren Gott. Dagon, Gott der Phi­lis­ter, hat sich mit JHWH aus­ein­an­der­ge­setzt und jener ist dann umge­fal­len.

Span­nend ist fest­zu­stel­len, dass Gott mensch­li­che Züge zuge­schrie­ben wer­den. Dies nennt man eine anthro­po­mor­phe Struk­tur. Vie­le Reli­gio­nen machen die­se Zuschrei­bung, auch die israe­li­ti­sche Reli­gi­on. Aber wie kommt man von aus der anthro­po­mor­phen Beschrei­bung her­aus? Dies stellt sich als ein Aspekt her­aus, der in der Bibel wohl nie zu Ende geht. Es ist sehr schwer, weil der Erzäh­ler in einer ande­ren Ebe­ne schwe­ben müss­te. Herr Pött­ner ergänzt mit einer Erzäh­lung, die sowohl im Alten als auch im Neu­en Tes­ta­ment fest­ge­hal­ten ist: die post­mor­ta­le Exis­tenz. Gemeint ist das Auf­ste­hen oder Auf­ge­weckt wer­den vom Tod. Die Lese­rIn­nen erken­nen, dass dies nichts mit dem all­täg­li­chen Auf­ste­hen aus dem Bett zu tun hat. Man ver­sucht im All­tag vor­kom­men­de Momen­te aus­zu­deh­nen. Im letz­ten Semi­nar wur­de bereits betont, dass die Bibel nicht ver­stan­den wer­den kann, ohne dass der/die Lese­rIn aktiv etwas macht. Zum Bei­spiel glaubt der Dog­ma­ti­ker, die Auf­er­ste­hung müs­se nur auf die Aus­sa­ges­i­tua­ti­on unter­sucht wer­den und mit Hil­fe phi­lo­so­phi­scher Hin­ter­fra­gung gewinnt man eine Theo­rie und ver­brei­tet die­se. Die Bibel geht davon aus, dass die Lese­rIn­nen sich mit dem The­ma aus­ein­an­der­set­zen und selbst in der Lage sind mit den Tex­ten umzu­ge­hen und ver­su­chen eige­ne Kon­zep­te dar­aus zu ent­wi­ckeln. Anders kann die Ent­wick­lung der Got­tes­kon­zep­ti­on im Alten Tes­ta­ment nicht ver­stan­den wer­den. Anschei­nend ist es immer so, dass die lesen­den Men­schen die Tex­te gele­sen und fort­ge­schrie­ben haben und die­se somit immer wei­ter­ent­wi­ckelt wur­den. Des­we­gen sind die Tex­te wie Exo­dus 20,2 pre­kär, wegen der erlas­se­nen Geset­ze und des Got­tes­kon­zepts. Denn die­ser Gott ist nicht der ein­zi­ge Gott und er ist ein eifer­süch­ti­ger Gott. Es kann miss­ver­stan­den wer­den, dass Gott der Ein­zi­ge sein will, aber so ist es nicht. Nach der Weg­füh­rung vie­ler Juden nach Baby­lon hat sich der Mono­the­is­mus im Juden­tum aus­ge­bil­det. Ent­schei­den­de Quel­le ist der Jesa­ja. Bereits in per­si­schen Zei­ten wird sich bereits in Gene­sis 1-12 auf die Urge­schich­te, der Kon­zep­ti­on Got­tes, bezo­gen. Dabei bezieht sich Gott auf alle Men­schen als ein­zi­ger Gott. Im Juden­tum ist die­se Sicht­wei­se grund­le­gend gewe­sen. Die Mus­li­me haben die­se Sicht­wei­se mit einem ande­ren Akzent fort­ge­schrie­ben. Die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie bil­det hier­bei eine Par­al­le­le zum Juden­tum, aber dort ist es theo­re­tisch statt theo­lo­gisch-prak­tisch begrün­det.

Von einer Teil­neh­me­rin wird der Gedan­ke ein­ge­bracht, dass das Bibel­ver­ständ­nis von der eige­nen Lebens­ge­schich­te geprägt ist. Der Text wird dem Lesen­den nicht total unter­ge­ord­net. Man weiß nicht, wel­che Lebens­ge­schich­te die­ser hat. Herr Pött­ner gibt der Sicht­wei­se Recht, dass die Inter­pre­ta­ti­on nicht total dem Lesen­den unter­ge­ord­net wer­den kann. Die Deu­tung des Tex­tes gibt aller­dings nicht die Auf­fas­sung des Autors wie­der. Dies bedarf einer wis­sen­schaft­li­chen Unter­su­chung.

Ein Teil­neh­mer gibt mit eige­nen Wor­ten die Bibel wider. „Ich bin der ein­zi­ge, der für euch da ist. Und ihr lebt in einer Umwelt von lau­ter Göt­tern. Die Köni­ge sind gott­gleich. Bei uns gibt es kei­nen König, den könnt ihr des­we­gen gar nicht anbe­ten.“ Die Juden wur­den von den Rich­tern geführt und die­se waren nie in der Posi­ti­on Gott zu sein. Aber die Umwelt der Juden hat meh­re­re Göt­ter. Hier kommt der auto­ri­tä­re Gedan­ke auf, „ich bin der­je­ni­ge und kein ande­rer. Das was ich jetzt will, ist rich­tig und so wird es gemacht!“. Bis­her wur­den die Juden von Rich­tern geführt. Haben die Rich­ter die Auf­ga­be des Königs? Die Fra­ge bleibt offen.

Eine The­se von Freud ist, dass eine Zeit in der nur der Son­nen­gott in Ägyp­ten ver­ehrt wur­de, kei­nen Mono­the­is­mus bezeugt. Ass­mann betont in sei­ner The­se, Gott als Gott Isra­els. Ass­mann ist ein von Freud inspi­rier­ter Mensch und emp­fin­det die Dar­stel­lung der Ägyp­ter als unge­recht. Dadurch ent­steht die The­se des eifer­süch­ti­gen Got­tes. Herr Pött­ner ist der Über­zeu­gung, dass die Über­zeu­gung des Mono­the­is­mus nir­gends außer­halb Isra­els gelun­gen ist.

Was die Juden als JHWH mit der Tora erklä­ren, macht der Islam durch Allah mit dem Koran. Die­ses Phä­no­men wird kaum in der Öffent­lich­keit dis­ku­tiert. Selbst in der Scha­ria gibt es gute Gebo­te, aber auch ande­re, wel­che mit heu­ti­ger Sicht auch dis­ku­tiert wer­den kön­nen. In Isra­el wird die Pro­ble­ma­tik unglück­lich for­mu­lier­ter Gebo­te gelöst, indem die Tex­te fort­ge­schrie­ben wer­den. Bei Herrn Pött­ner wirft dies die Hoff­nung auf, dass sich das Fort­schrei­ben auch im Islam eta­blie­ren könn­te, da die­ser Glau­be aus sei­ner Sicht der­zeit in der Kri­se steckt.

Exo­dus 22,20 Rechts­schutz für die Schwa­chen

22,20 Einen Fremd­ling sollst du nicht bedrü­cken und bedrän­gen; denn ihr seid auch Fremd­lin­ge in Ägyp­ten­land gewe­sen.

Es gibt noch vie­le ande­re Gebo­te, die dar­auf abzie­len, dass Men­schen unter­ein­an­der gerecht mit­ein­an­der umge­hen. Bei­spiels­wei­se wird auch das Sab­bat­ge­bot genannt. Durch den gesetz­ge­be­ri­schen Akt wird in stän­di­ger Wie­der­auf­grei­fung der The­ma­tik der frü­he­ren Unter­drü­ckung ent­ge­gen­ge­wirkt. Dar­aus wird abge­lei­tet, dass die Zeit schreck­lich war und dies nicht selbst fort­ge­führt wer­den soll. Aller­dings erin­nert man sich bes­ser an Situa­tio­nen, wel­che selbst erlebt wur­den als im Ver­gleich mit weit ver­gan­ge­nen Erzäh­lun­gen. Somit ver­wächst über die wei­te­ren Gene­ra­tio­nen das schlim­me Erleb­nis. Aus die­sem Grund sind die Erleb­nis­se ver­bal zu wie­der­ho­len, um es nicht zu ver­ges­sen. Denn für die fol­gen­den Gene­ra­tio­nen sind es nur noch Wort­hül­sen, da die Ver­knüp­fung fehlt. Herr Pött­ner merkt an, dass im Juden­tum alle bei der Ver­le­sung der Tora anwe­send sind und des­we­gen alle in der Lage sind die Tex­te aus­zu­le­gen. Aus die­sem Grund ist die Anre­de in der 1. Per­son Plu­ral Absicht.

Die Juden haben fes­te Riten. Am Pes­sach­a­bend, Grün­don­ners­tag bei den Chris­ten, kommt die Fami­lie zusam­men. Das jüngs­te Mit­glied erkun­digt sich nach dem Grund des Pes­sach­fes­tes und der Ältes­te erklärt den his­to­ri­schen Hin­ter­grund. So wird die Erfah­rung wei­ter­ge­ge­ben.

Die Grup­pe stellt fest, dass Exo­dus 14 ein Ritu­al­text ist. Die­ser beschreibt das letz­te fei­er­li­che Mahl bevor die Israe­li­ten aus Ägyp­ten aus­zie­hen. Dabei wer­den die Details wie Rei­se­klei­dung und ent­spre­chen­de Ele­men­te der Nah­rungs­auf­nah­me auf­ge­grif­fen. Durch die jähr­li­che Wie­der­ho­lung hat das Juden­tum eine star­ke geschicht­li­che Erin­ne­rung. Ob die Über­tra­gung immer gelingt, ist zwei­fel­haft. Dies ist an der jet­zi­gen Situa­ti­on in Isra­el zu sehen. Die Fra­ge ist, war­um Paläs­ti­nen­ser Ter­ro­ris­ten gewor­den sind. Dies kann hier abschlie­ßend nicht geklärt wer­den. Die libe­ra­len Juden sind ande­rer Mei­nung als der jüdi­sche Zen­tral­rat. Nach Auf­for­de­rung zur Erläu­te­rung, wird geschil­dert, dass vor Ort die Men­schen­rech­te ver­letzt wer­den. Begrün­det wird dies mit „wir machen das nur, weil die uns sonst ver­til­gen wol­len.“ Ursprüng­lich droh­te die Hamas damit, sie ins Meer zu jagen. Als Deut­scher sieht man das nicht, weil wir zurück­hal­ten­der sind und so etwas nicht äußern wür­den.

Exo­dus 23,9-12 Gebo­te der Gerech­tig­keit und Nächs­ten­lie­be

23,9 Einen Fremd­ling sollst du nicht bedrän­gen; denn ihr wisst um der Fremd­lin­ge Herz, weil ihr auch Fremd­lin­ge in Ägyp­ten­land gewe­sen seid.

Sab­bat­jahr und Sab­bat

23,10 Sechs Jah­re sollst du dein Land besä­en und sei­ne Früch­te ein­sam­meln.

23,11 Aber im sie­ben­ten Jahr sollst du es ruhen und brach lie­gen las­sen, dass die Armen unter dei­nem Volk davon essen; und was übrig bleibt, mag das Wild auf dem Fel­de fres­sen. Eben­so sollst du es hal­ten mit dei­nem Wein­berg und dei­nen Ölbäu­men.

23,12 Sechs Tage sollst du dei­ne Arbeit tun; aber am sie­ben­ten Tage sollst du ruhen, auf dass dein Rind und Esel sich aus­ru­hen und dei­ner Skla­vin Sohn und der Fremd­ling sich erqui­cken.

Pött­ner fasst die Ver­se zusam­men als Form der Sozi­al­ge­setz­ge­bung. Dies wird begrün­det mit der Situa­ti­on in Ägyp­ten. Eine Teil­neh­me­rin führt aus, dass dadurch die Empa­thie geför­dert wird; wenn ein Kind an die eige­nen Schmer­zen erin­nert wird und auf­for­dert, dies kei­nem ande­ren anzu­tun. Herr Pött­ner unter­stellt, dass die Israe­li­ten empa­thi­sche Men­schen sei­en. Die­ser Aspekt stellt einen der Hin­ter­grün­de für die Erin­ne­rungs­kul­tur der Juden dar, um den ethi­schen Aspekt der Geset­ze auf­recht zu erhal­ten. Dar­aus wird gefol­gert, dass es wie eine Recht­fer­ti­gung ist, um die Geset­ze und deren Bedeu­tung zu stüt­zen. Alles zusam­men för­dert es das mensch­li­che Mit­ein­an­der.

Ein Teil­neh­mer geht auf Vers 12 ein, da er ver­steht, dass selbst dem Skla­ven Rech­te zuge­stan­den wer­den. Dabei hat­te der Skla­ve doch gar kei­ne Rech­te. Herr Pött­ner kor­ri­giert, dass die Juden bei bestimm­ten Berei­chen der (Schuld-) Skla­ve­rei ver­schie­de­ne Aspek­te ein­ge­ge­renzt haben. Das Feld wird 6 Jah­re bear­bei­tet und im 7. Jahr ruht es, die­ser Sach­ver­halt wird auf den Skla­ven über­tra­gen. Das Gesetz besagt, dass nach 6 Jah­ren Arbeit, der Mensch im 7. Jahr eine Frei­las­sung erfährt. Die Häu­fig­keit der Umset­zung kann nicht nach­voll­zo­gen wer­den. Eine Teil­neh­me­rin ergänzt, dass Luther kei­ne Skla­ven kann­te und es Knecht nann­te. Im Ver­gleich zum Neu­en Tes­ta­ment hat der Skla­ve kei­ne Rech­te. Im Juden­tum ist es aller­dings anders. Auch bei Phi­lo von Alex­an­dria wird die Skla­ve­rei ablehnt. Herr Pött­ner führt an, dass Gott Isra­el aus der Skla­ve­rei her­aus­ge­führt hat, ein Wider­spruch zu sein scheint. Bei Luther hieß der Begriff Skla­ve Knecht und Magd. Chris­ti­an Nürn­ber­ger legt den Sach­ver­halt so aus, dass am 7. Tag alle gleich sind, auch die Arbei­ter, um sich kul­tu­rell bil­den zu kön­nen. Laut Gene­sis 1,1-2,4 wird der 7. Tag gehei­ligt. Dies wird eben­falls für die Deplat­zier­ten ange­wen­det, so dass eine gewis­se Art Frei­heit exis­tiert. Von einer Teil­neh­me­rin kommt der Ein­wand, dass die unun­ter­bro­che­ne Tätig­keit den Men­schen zu Grun­de rich­tet und folg­lich der Sonn­tag eine Erho­lungs­mög­lich­keit bie­ten soll. Herr Pött­ner weist aller­dings dar­auf­hin, wenn der Tag für Gott gehei­ligt ist, dann soll­te an die­sem Tag Gott gehul­digt und sich mit der kul­tu­rel­len Wei­ter­bil­dung beschäf­tigt wer­den. Die Teil­neh­me­rin rezi­tiert die Stel­le, dass die Magd den Tag nut­zen soll um Atem zu schöp­fen und die Kul­tur mit­ein­an­der zu pfle­gen. Herr Pött­ner greift wie­der­um die Schwie­rig­keit von Fremd­ling und Skla­ven auf, da dies ein Ver­such ist, die Per­so­nen­grup­pen zu inte­grie­ren. Die Fol­ge ist, dass die Tex­te in der Hei­li­gen Schrift Aus­wir­kun­gen auf die Gesell­schaft hat.

Levi­ti­kus 19,33-35 Von der Hei­lung des Lebens

19,33 Wenn ein Fremd­ling bei euch wohnt in eurem Lan­de, den sollt ihr nicht bedrü­cken.

19,34 Er soll bei euch woh­nen wie ein Ein­hei­mi­scher unter euch, und du sollst ihn lie­ben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremd­lin­ge gewe­sen in Ägyp­ten­land. Ich bin der HERR, euer Gott.

19,35 Ihr sollt nicht unrecht han­deln im Gericht, mit der Elle, mit Gewicht, mit Maß.

Der letz­te Vers wirft die Fra­ge auf, war­um die­ser im Bei­spiel auf­ge­nom­men wur­de. Eine Teil­neh­me­rin unter­stellt die Absicht mit dem Bei­spiel Maß nach Abstand von Elle und Spei­che zu mes­sen. Dies klingt wie außer­halb vom Kon­text, aber weist dar­auf hin, alle Men­schen gleich zu behan­deln sind. Herr Pött­ner unter­streicht das Bei­spiel des Maßes als hoch reli­gi­ös, da es sich bis in die Berg­pre­digt wie­der­fin­det. Im Bezug auf die Frem­den­pro­ble­ma­tik wird die Zuge­hö­rig­keit der Volkgs­ge­mein­schaft glei­cher­ma­ßen ange­wen­det wie das Maß.

Der Vers 35 impli­ziert die Gleich­be­hand­lung von Men­schen, auch gegen­über Frem­den. Von einem Teil­neh­mer wird ver­mu­tet, dass das Gericht höchst anfäl­lig ist und es dort anschei­nend Kon­flik­te gibt. Ein Fremd­ling könn­te unge­recht behan­delt wer­den, auf Grund der Tat­sa­che, dass er fremd ist. Dabei soll­te die Her­kunft aus­ge­schlos­sen wer­den. Außer­dem gel­ten für ihn die jüdi­schen Geset­ze nicht, denn er ist kein Jude. Es wird die Ver­mu­tung auf­ge­stellt, dass der Fremd­ling ein­ge­mein­det wird. Herr Pött­ner greift auf, dass wie heu­te eine Schutz­be­dürf­tig­keit besteht und danach gehen die wie­der weg. Es kommt die Fra­ge der Behand­lung die­ser Per­so­nen­grup­pe auf. Bei den Juden gibt es die Auf­for­de­rung nur geschäch­te­tes Fleisch zu essen. Aller­dings ist dies ein Ver­such mög­lichst ega­li­tär zu han­deln. Außer­dem ist hier zu beden­ken, dass die reli­giö­sen Regeln gleich­zei­tig die Regeln des Lan­des sind.

In den Ver­sen 33-34 wird den Juden schein­bar vor­ge­hal­ten, dass sie nur Geset­ze für sich selbst gemacht haben. Im Mit­tel­al­ter war es den Chris­ten ver­bo­ten Zin­sen zu neh­men, den Juden jedoch nicht. Damit wur­de unter­stellt, dass das Zins­ver­bot nur unter den Juden gilt. Herr Pött­ner möch­te wis­sen, wel­cher Bezug zur Lie­be her­ge­stellt wird? Das ist ein Gebot, wel­ches in Vers Levi­ti­kus 19, 18 „Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben wie dich selbst“. Herr Pött­ner merkt an, dass die­se For­mu­lie­rung für den Fremd­ling auf­ge­nom­men wird und unter­stellt dem Absicht. Paläs­ti­nen­ser fin­den das nicht so gut, da sie das Lie­bes­ge­bot über­tre­ten. Die Paläs­ti­nen­ser woh­nen, wo sie woh­nen, und als Fremd­lin­ge wie Ein­hei­mi­sche behan­delt wer­den sol­len. Das ist laut Herr Pött­ner ein signi­fi­kan­ter Grund aus den Geset­zen und spricht nicht für die Poli­tik der israe­li­ti­schen Regie­rung. Es ist aus jüdi­scher Sicht kei­nes­falls gerecht­fer­tigt, da aus reli­giö­ser Sicht das Prin­zip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ gilt. Die Men­schen wer­den auf­ge­for­dert mei­nen Nächs­ten zu lie­ben, wie mich selbst, und das eben­falls außer­halb der eth­ni­schen Zuge­hö­rig­keit. Die Anwen­dung soll hier eben­falls bei Frau­en und zuge­wan­der­ten Men­schen statt­fin­den. Dadurch soll es kei­ne Hier­ar­chie geben. Herr Pött­ner fin­det hier die Grund­la­ge für das Gebot der Fein­des­lie­be im Jesus-Bezug. Ergänzt wird hier durch eine Teil­neh­me­rin, dass Juden nicht mis­sio­nie­ren und eine Auf­nah­me in die Gemein­schaft schwer ist. Dies wirft die Fra­ge auf, ob jeder in die Gemein­de auf­ge­nom­men wird? Herr Pött­ner ver­weist auf Regeln, die für die Gemein­schaft gel­ten und als „Leit­kul­tur“ die­nen, die für sie/ ihn gel­ten, wie bei­spiels­wei­se geschäch­te­tes Fleisch zu essen. In Bezug auf Deutsch­land gel­ten für die Frem­den die Geset­ze der Bun­des­ver­fas­sung. Damals sind die Got­tes­ge­bo­te die Geset­ze. Dar­aus folgt, wenn man in die Grup­pe möch­te, muss man den glei­chen Glau­ben anneh­men, da die Geset­ze und der Glau­be mit­ein­an­der ver­bun­den und dadurch eins sind. Ergänzt wird dies mit dem Arti­kel 137 aus der Wei­ma­rer Reichs­ver­fas­sung. Deutsch­land ist zu die­ser Zeit ein mul­ti­re­li­giö­ser Staat aus Pro­tes­tan­ten, Katho­li­ken, Mus­li­men, Juden und Bud­dhis­ten. In der Wei­ma­rer Repu­blik stel­len die unter­schied­li­chen Reli­gio­nen kein Pro­blem dar, was in das Grund­ge­setz über­nom­men wur­de. Es gibt kei­ne Staats­re­li­gi­on, Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten kön­nen aber in Arti­kel 137 Kör­per­schaf­ten öffent­li­chen Rechts wer­den. Der deut­sche Staat unter­stellt, dass man glau­ben oder Frei­den­ker sein darf. Bezo­gen auf die Israe­li­ten wird von den Frem­den nicht ver­langt, dass sie JHWH anbe­ten. Men­schen wer­den akzep­tiert, wenn sie ande­re reli­giö­se Optio­nen haben, aber es sind bestimm­te Regeln zu beach­ten. Herr Pött­ner wird das Gesetz beim nächs­ten Tref­fen ergän­zen. Im Lukas wird das Gesetz so ver­wen­det, dass Chris­ten Fremd­lin­ge in Isra­el sind. Im Lukas Kapi­tel 15 steht das Apos­tel­kon­zil, wel­ches fest­hält, dass kein unge­schäch­te­tes Fleich geges­sen wer­den soll. Dies hat sich im Chris­ten­tum nicht durch­ge­setzt. Eine ande­re Reli­gi­on wird nicht in Fra­ge gestellt, selbst wenn ein ande­rer Gott ver­ehrt wird.

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Info:
Fremd­sein, Flucht, Eth­nie, Reli­gi­on ist Beitrag Nr. 6627
Autor:
Martin Pöttner am 19. November 2017 um 08:25
Category:
Theologie des Neuen Testaments
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