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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Röm 7: das Problem der Anerkennung (EfG Griesheim)


7 Was folgt nun dar­aus? Sind das [jüdi­sche] Gesetz [, die Tora] und Sün­de das­sel­be? Gewiss nicht! Aber ohne das Gesetz hät­te ich die Sün­de nicht erkannt. Ich wüss­te näm­lich nicht um die Begier­de, hät­te das Gesetz nicht gesagt: »Du sollst nicht begeh­ren!« 8Ihren Angriffs­punkt hat die Sün­de im Gebot gefun­den. Sie hat in mir Begier­den aller Art bewirkt. Außer­halb des Geset­zes ist die Sün­de tot. 9Ich leb­te einst außer­halb des Geset­zes. Als das Gebot kam, leb­te die Sün­de auf. 10Ich aber starb. Das Gebot, das ins Leben füh­ren soll­te, erwies sich für mich als Weg in den Tod. 11Weil die Sün­de ihren Angriffs­punkt durch das Gebot nahm, hat sie mich gründ­lich getäuscht und das Gebot benutzt, um mich zu töten. 12Daher ist gewiss: Das Gesetz ist hei­lig, und das Gebot ist hei­lig, gerecht und gut. 13Brachte mir also das Gute den Tod? Gewiss nicht! Im Gegen­teil – es war die Sün­de. Damit die Sün­de in Erschei­nung tre­ten konn­te, hat sie das Gute benutzt, um mir den Tod zu brin­gen. Durch das Gebot erwies sich die Sün­de als über alle Maßen böse. 14Wir wis­sen doch, dass das Gesetz vom Geist bestimmt ist. Ich aber bin durch mein aufs Fleisch begrenz­tes mensch­li­ches Dasein angreif­bar, ver­kauft unter die Gewalt der Sün­de. 15Was ich bewir­ke, durch­schaue ich nicht. Ich mache näm­lich nicht das, was ich will, son­dern was ich has­se, das tue ich. 16Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bestä­ti­ge ich damit, dass das Gesetz heil­brin­gend ist. 17Jetzt! jedoch bewir­ke ich es nicht mehr selbst, son­dern die Sün­de, die mich besetzt. 18Denn ich weiß, dass in mir, das heißt in mei­nem aufs Fleisch begrenz­ten, angreif­ba­ren mensch­li­chen Dasein, das Gute nicht wohnt. Der Wil­le, das Heil­brin­gen­de zu tun, ist da, aber bewir­ken kann ich es nicht. 19Denn das Gute, das ich will, ver­wirk­li­che ich nicht. Aber das Schlech­te, das ich nicht will, das voll­brin­ge ich. 20Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bestim­me ich nicht mehr selbst über mein Han­deln, son­dern die Sün­de, die mich besetzt. 21Ich sehe nun ein, dass das Gesetz für mich, der ich es tun will, das Heil­brin­gen­de ist, weil mir das Schlech­te nahe liegt. 22Denn mit allem, was mein Mensch­sein im Innern aus­macht, habe ich Lust am Gesetz Got­tes. 23Ich sehe aber ein ande­res Gesetz, das mit den Glie­dern mei­nes Kör­pers gegen das Gesetz mei­ner Sin­ne zu Fel­de zieht. Mit­hil­fe des Geset­zes der Sün­de, das in allen Tei­len mei­nes Lei­bes gegen­wär­tig ist, ver­sklavt es mich in die Kriegs­ge­fan­gen­schaft. 24Ich geschun­de­ner Mensch! Wer ret­tet mich aus die­sem von den Mäch­ten des Todes beherrsch­ten Dasein? 25Dank sei Gott durch Jesus, den Chris­tus, dem wir gehö­ren. (Vgl. Bibel in gerech­ter Spra­che, z. St.)

Lie­be Gemein­de,

die evan­ge­li­schen Got­tes­diens­te am Refor­ma­ti­ons­tag waren bre­chend voll – für man­che ver­un­si­cher­ten Protestant/inn/en sicher ein eher uner­war­te­tes Wun­der, für Beobachter/innen mög­li­cher­wei­se auch ein Pro­blem. Berech­tig­te Luther-Kri­tik, Kir­chen­kri­tik hin und her – eine den Kir­chen-Besuch an Ostern und Weih­nach­ten über­schrei­ten­de Reso­nanz ist doch ein Hoff­nungs­zei­chen, dass die eher am Mar­ke­ting ori­en­tier­te Stra­te­gie man­cher EKD-Ver­tre­ter/in­nen nicht ganz die reli­giö­se Sehn­sucht erstickt hat, die sich um Mar­tin Luther rankt, die sich an ihm fest­zu­ma­chen sucht.

Zu den gro­ßen Leis­tun­gen Luthers gehört es zwei­fel­los in vie­len Aspek­ten zu den Tex­ten des Pau­lus zurück­ge­führt zu haben, zu unse­rem Pre­digt­text zumal. Denn er ent­wi­ckel­te eine Lek­türe­hy­po­the­se, die den schwie­ri­gen Text schlag­ar­tig erhellt. Gelei­tet von den vie­len bibli­schen und ins­be­son­de­re pau­li­ni­schen Tex­ten, die vom Selbst­ruhm der Men­schen im Unter­schied zum Ruhm bzw. Preis Got­tes spre­chen, unter­stell­te er, dass der Zustand ohne Gesetz bzw. außer­halb des Geset­zes sozu­sa­gen para­die­sisch war, wie Eva und Adam mit­hil­fe der Schlan­ge die sitt­li­che Urteils­kraft erwar­ben – und „gut“ und „böse“ unter­schei­den konn­ten. Das lief nicht nur gut, wer gut und böse unter­schei­den kann, kann aus Furcht vor Benach­tei­li­gung oder der Empö­rung dar­über das Böse tun – wie es Kain an sei­nem Bru­der Abel tat. Aber auch nach der Sint­flut blieb Gott dabei, auf die sitt­li­che Urteils­kraft der Men­schen zu ver­trau­en. Erst nach den Ereig­nis­sen in Ägyp­ten, als die Israelit/inn/en bedrückt und ver­sklavt wur­den, ent­schloss sich Gott als Gesetz­ge­ber auf­zu­tre­ten und da fiel fol­gen­de For­mu­lie­rung:

17 Du sollst nicht das­je­ni­ge begeh­ren, was zu dei­nem Mit­men­schen gehört, weder nach sei­ner Part­ne­rin oder sei­nem Part­ner, noch nach sei­nem Skla­ven oder sei­ner Skla­vin, nicht nach sei­nem Rind oder Esel, noch nach irgend­et­was, das ihm oder ihr gehört. (Ex 20,17)

Du sollst nicht begeh­ren …!“, die­ser Anfang des zehn­ten Gebots vom Sinai wird im Juden­tum zum geflü­gel­ten Wort, zur stell­ver­tre­ten­den Kurz­form für alle Gebo­te – und dar­auf nimmt auch Pau­lus Bezug. Erst mit der Begeg­nung mit die­sen Gebo­ten kommt es zur dra­ma­ti­schen Rol­le der Sün­de, so Pau­lus.

Ich wüss­te näm­lich nicht um die Begier­de, hät­te das Gesetz nicht gesagt: »Du sollst nicht begeh­ren!« 8Ihren Angriffs­punkt hat die Sün­de im Gebot gefun­den. Sie hat in mir Begier­den aller Art bewirkt.

Das funk­tio­niert zum einen nach dem Modell: „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß!“ Das wer­den wir aus unse­rer Kind­heit, viel­leicht auch Jugend noch ken­nen. Sobald ich weiß, dass ich ein begeh­ren­des Wesen sein kann, kommt es vor, dass ich es auch sein möch­te. Ist es aber ver­bo­ten, ein begeh­ren­des Wesen zu sein, dann tritt das Pro­blem auf, das Pau­lus sieht und das Luther in den Vor­der­grund gestellt hat: Ich kann mir ein­bil­den, ich wür­de gut dadurch, dass ich nicht begehr­te. Damit wäre die Erfül­lung des Ver­bots die Bedin­gung dafür, dass ich gut bin. Und ich könn­te mich rüh­men, dass ich dem Ver­bot gefolgt bin – und nicht begehrt habe, wie es der Pha­ri­sä­er in der Para­bel von Zöll­ner und Pha­ri­sä­er tut. Und genau da greift die Sün­de an und macht mich von einem leben­di­gen Men­schen zu einem Toten. Sie macht mich aus einem frei­en Men­schen zu einem Skla­ven, der das Gesetz befolgt, weil er gut wer­den möch­te. Man/frau tut das Gute vor allem, um vor Gott gut zu wer­den. Das aber ist ein Betrug der Sün­de, eine Täu­schung, eine Selbst­ver­klei­ne­rung – eine Selbst­ver­kla­vung, eine Selbst­tö­tung. Es ist aber auch nicht im Sin­ne des Guten, denn die­ses ist für Ande­re und Ande­res da – und es soll nicht auf mich, mei­nen eige­nen Nut­zen beschränkt sein.

Wie bei Kain zei­gen sich das Böse und die Sün­de daher im Ver­hält­nis zu Gott. Weil sich Kain im Ver­hält­nis zu sei­nem Bru­der Abel von Gott miss­ach­tet fand, ermor­de­te er Abel. Und Pau­lus unter­stellt, weil wir Gebo­te und Ver­bo­te Got­tes um unse­rer selbst wil­len erfüll­ten, bräch­ten wir uns selbst um und zumin­dest um unse­re Frei­heit – und um die Fähig­keit, klar zu den­ken. Wenn wir das Gesetz nur um unse­rer selbst wil­len tun, dann tun wir das Schlech­te, obwohl wir eine mora­lisch anstän­di­ge Hand­lung voll­zie­hen – einer der unge­wöhn­li­chen Auf­fas­sun­gen des Pau­lus. Ohne Frei­heit kei­ne ernst­haf­te Sitt­lich­keit. Ohne Frei­heit kei­ne Lie­be.

Die­se Frei­heit ist aber das Wesent­li­che des Mensch­seins, wie Luther rich­tig sah – und damit Pau­lus in sei­ner Schrift über die Frei­heit eines Chris­ten­men­schen zu neu­em Leben erweck­te. Nach Pau­lus und Luther kommt nie­mand aus der Selbst­ver­skla­vungs- und Selbst­tö­tungs­fal­le des Aner­ken­nungs­pro­blems durch eige­ne Anstren­gung her­aus, eine nach mei­ner Ein­schät­zung wohl zutref­fen­de Pro­gno­se. Dar­in liegt unse­re reli­giö­se Sehn­sucht, dass wir aner­kannt sind. Daher kommt Gott den Men­schen ent­ge­gen, indem sein Sohn den Men­schen zugu­te Skla­ve wird und für sie stirbt, also ihre töd­li­che Selbst­ver­stri­ckung teilt. Das Aner­ken­nungs­pro­blem des Men­schen wird dadurch gelöst, dass wir das als Men­schen glau­ben und dar­auf ver­trau­en, dass Gott es für uns in Chris­tus gelöst hat.

25Dank sei Gott durch Jesus, dem Chris­tus, dem wir gehö­ren.

Wir soll­ten Gott dafür dan­ken, dass die­ses Aner­ken­nungs­pro­blem gelöst ist – und uns zu einem frei­en und leben­di­gen Leben ermu­tigt füh­len, dass ein Leben in der Lie­be ist. Dann kön­nen wir Men­schen sein, wie sie uns Psalm 8 vor­ge­stellt hat.

Amen


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Info:
Röm 7: das Problem der Anerkennung (EfG Griesheim) ist Beitrag Nr. 6596
Autor:
Martin Pöttner am 12. November 2017 um 10:55
Category:
Religiöse Rede
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