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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


TUD)">Flucht, Ethnie und Religion usf. (07.11. TUD)

Ver­an­stal­tung: Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments

Dozent: Prof. Dr. Mar­tin Pött­ner

Datum: 07.11.2017, 09.50-11.30 Uhr

The­ma: Fremd­sein und Flucht, Bibel­stel­len Gen 41,56-42,38 und Ex 1,1-2,10

Pro­to­koll­füh­re­rin: CG

Zu Beginn des Semi­nars wur­de Orga­ni­sa­to­ri­sches bespro­chen, u. a. Fol­gen­des:

Herr Pött­ner wird sei­nen ange­kün­dig­ten Vor­trag am 05.12. (auch) wäh­rend der plan­mä­ßi­gen Semi­nar­zeit hal­ten.

Im Rück­blick auf die letz­te Sit­zung mach­te Herr Pött­ner dann noch auf die Bibel­stel­le Gene­sis 26,1-11 auf­merk­sam, da die­se Geschich­te gro­ße Ähn­lich­keit mit dem zuletzt bespro­che­nen Text Gene­sis 12,10-13,1 auf­weist, nur dass die Prot­ago­nis­ten hier Isaak und Rebek­ka anstatt Abra­ham und Sara sind: Das Paar muss auf Grund einer Hun­gers­not flie­hen. Im frem­den Land hat der Mann, weil sei­ne Frau so schön ist, Angst um sein Leben. Da er befürch­tet, um ihret­wil­len umge­bracht zu wer­den, gibt er sie als sei­ne Schwes­ter aus. Der Schwin­del fliegt auf, aber das Paar genießt von dem Moment an den (Geleit-)Schutz des Königs.

Zum Ver­ständ­nis der heu­ti­gen Bibel­stel­le wur­de zunächst eine Zusam­men­fas­sung der soge­nann­ten „Josefs­no­vel­le“ gege­ben: Isaaks Sohn Jakob hat­te nach einem Rin­gen mit Gott den neu­en Namen Isra­el erhal­ten; sei­ne zwölf Söh­ne (von vier ver­schie­de­nen Frau­en) sym­bo­li­sie­ren die Ahn­vä­ter der zwölf Stäm­me Isra­els. Von die­sen Söh­nen ist Jakob Josef der liebs­te, weil des­sen Mut­ter sei­ne Lieb­lings­frau Rahel ist. Die­se Son­der­stel­lung Josefs hat Riva­li­tä­ten zwi­schen den Brü­dern zur Fol­ge und gip­felt dar­in, dass die Brü­der ihn zuerst in einen Brun­nen wer­fen und dann an ägyp­ti­sche Skla­ven­händ­ler ver­kau­fen. Dem Vater brin­gen sie Josefs zer­ris­se­nen und mit Zie­gen­blut getränk­ten Man­tel, um den Tod des Lieb­lings­sohns vor­zu­täu­schen. Josef wird unter­des­sen in Ägyp­ten vom Hof­be­am­ten Poti­far gekauft, des­sen Frau Gefal­len an Josef hat und ihn ver­füh­ren will. Als die­ser ablehnt, rächt sich die Gekränk­te mit dem Vor­wurf der ver­such­ten Ver­ge­wal­ti­gung, sodass er ver­haf­tet wird. Im Gefäng­nis schafft es Josef, durch klu­ge Traum­deu­tun­gen Kar­rie­re zu machen, und schließ­lich wird er zum Bera­ter des Königs. Des­sen Träu­me von den Korn­äh­ren und den Kühen legt Josef so aus, dass dem Land zuerst sie­ben fet­te und ertrag­rei­che Jah­re bevor­ste­hen und im Anschluss sie­ben mage­re, dür­re Jah­re fol­gen wer­den. Man legt also in der Erwar­tung einer Hun­gers­not Vor­rä­te an, was am Ende nicht nur Ägyp­ten ret­tet, son­dern auch Men­schen aus umlie­gen­den Län­dern, die die­ses Korn kau­fen kön­nen (heu­te wür­de man sie Wirt­schafts­flücht­lin­ge nen­nen). So machen sich auch Josefs Brü­der in Kana­an auf den Weg, um vom Getrei­de des Pha­ra­os zu kau­fen.

  1. Gen 41,56-42,38

41,56 Als nun im gan­zen Lan­de Hun­gers­not war, tat Josef alle Korn­häu­ser auf und ver­kauf­te den Ägyp­tern; denn der Hun­ger ward je län­ger je grö­ßer im Lan­de.

57 Und alle Welt kam nach Ägyp­ten, um bei Josef zu kau­fen; denn der Hun­ger war groß in allen Lan­den.

42,1 Als aber Jakob sah, dass Getrei­de in Ägyp­ten zu haben war, sprach er zu sei­nen Söh­nen: Was seht ihr euch lan­ge an?

2 Sie­he, ich höre, es sei in Ägyp­ten Getrei­de zu haben; zieht hin­ab und kauft uns Getrei­de, dass wir leben und nicht ster­ben.

3 Da zogen hin­ab zehn Brü­der Josefs, um in Ägyp­ten Getrei­de zu kau­fen.

4 Aber den Ben­ja­min, Josefs Bru­der, ließ Jakob nicht mit sei­nen Brü­dern zie­hen; denn er sprach: Es könn­te ihm ein Unfall begeg­nen.

5 So kamen die Söh­ne Isra­els, Getrei­de zu kau­fen, samt andern, die mit ihnen zogen; denn es war Hun­gers­not im Lan­de Kana­an.

6 Aber Josef war der Regent im Lan­de und ver­kauf­te Getrei­de allem Volk im Lan­de. Als nun sei­ne Brü­der kamen, fie­len sie vor ihm nie­der zur Erde auf ihr Ant­litz.

7 Und er sah sie an und erkann­te sie, aber er stell­te sich fremd gegen sie und rede­te hart mit ihnen und sprach zu ihnen: Woher kommt ihr? Sie spra­chen: Aus dem Lan­de Kana­an, Getrei­de zu kau­fen.

8 Aber wie­wohl er sie erkann­te, erkann­ten sie ihn doch nicht.

9 Und Josef dach­te an die Träu­me, die er von ihnen geträumt hat­te, und sprach zu ihnen: Ihr seid Kund­schaf­ter und seid gekom­men, zu sehen, wo das Land offen ist.

10 Sie ant­wor­te­ten ihm: Nein, mein Herr! Dei­ne Knech­te sind gekom­men, Getrei­de zu kau­fen.

11 Wir sind alle eines Man­nes Söh­ne. Wir sind red­lich. Dei­ne Knech­te sind kei­ne Kund­schaf­ter.

12 Er sprach zu ihnen: Nein, son­dern ihr seid gekom­men, zu sehen, wo das Land offen ist.

13 Sie ant­wor­te­ten ihm: Wir, dei­ne Knech­te, sind zwölf Brü­der, eines Man­nes Söh­ne im Lan­de Kana­an, und der jüngs­te ist noch bei unserm Vater, und der eine ist nicht mehr.

14 Josef sprach zu ihnen: Es ist, wie ich euch gesagt habe: Kund­schaf­ter seid ihr.

15 Dar­an sollt ihr geprüft wer­den: So wahr der Pha­rao lebt – ihr sollt nicht von hier weg­kom­men, es kom­me denn her euer jüngs­ter Bru­der!

16 Sen­det einen von euch hin, der euren Bru­der hole, ihr aber sollt gefan­gen sein. Dar­an will ich prü­fen eure Rede, ob ihr mit Wahr­heit umgeht. Andern­falls – so wahr der Pha­rao lebt! – seid ihr Kund­schaf­ter!

17 Und er ließ sie zusam­men in Gewahr­sam legen drei Tage lang.

18 Am drit­ten Tage aber sprach er zu ihnen: Wollt ihr leben, so tut nun dies, denn ich fürch­te Gott:

19 Seid ihr red­lich, so lasst einen eurer Brü­der gebun­den lie­gen in eurem Gefäng­nis; ihr aber zieht hin und bringt heim, was ihr gekauft habt für den Hun­ger in euren Häu­sern.

20 Und bringt euren jüngs­ten Bru­der zu mir, so will ich euren Wor­ten glau­ben, sodass ihr nicht ster­ben müsst. Und sie gin­gen dar­auf ein.

21 Sie spra­chen aber unter­ein­an­der: Das haben wir an unse­rem Bru­der ver­schul­det! Denn wir sahen die Angst sei­ner See­le, als er uns anfleh­te, und wir woll­ten ihn nicht erhö­ren; dar­um kommt nun die­se Trüb­sal über uns.

22 Ruben ant­wor­te­te ihnen und sprach: Sag­te ich’s euch nicht, als ich sprach: Ver­sün­digt euch nicht an dem Kna­ben, doch ihr woll­tet nicht hören? Nun wird sein Blut gefor­dert.

23 Sie wuss­ten aber nicht, dass es Josef ver­stand; denn er rede­te mit ihnen durch einen Dol­met­scher.

24 Und er wand­te sich von ihnen und wein­te. Als er sich nun wie­der zu ihnen wand­te und mit ihnen rede­te, nahm er aus ihrer Mit­te Sime­on und ließ ihn bin­den vor ihren Augen.

25 Und Josef gab Befehl, ihre Säcke mit Korn zu fül­len und ihnen ihr Geld wie­der­zu­ge­ben, einem jeden in sei­nen Sack, dazu auch Zeh­rung auf den Weg; und so tat man ihnen.

26 Und sie luden ihr Getrei­de auf ihre Esel und zogen von dan­nen.

27 Als aber einer sei­nen Sack auf­tat, dass er sei­nem Esel Fut­ter gäbe in der Her­ber­ge, sah er sein Geld, das oben im Sack lag,

28 und sprach zu sei­nen Brü­dern: Mein Geld ist wie­der da, sie­he, in mei­nem Sack ist es! Da stock­te ihnen das Herz, und sie spra­chen erschro­cken zuein­an­der: Was hat Gott uns ange­tan?

29 Als sie nun heim­ka­men zu ihrem Vater Jakob ins Land Kana­an, sag­ten sie ihm alles, was ihnen begeg­net war, und spra­chen:

30 Der Mann, der im Lan­de Herr ist, rede­te hart mit uns und hielt uns für Kund­schaf­ter.

31 Und wir ant­wor­te­ten ihm: Wir sind red­lich, wir sind kei­ne Kund­schaf­ter,

32 son­dern zwölf Brü­der, unse­res Vaters Söh­ne; der eine ist nicht mehr, und der jüngs­te ist noch bei unserm Vater im Lan­de Kana­an.

33 Da sprach der Herr im Lan­de zu uns: Dar­an will ich mer­ken, ob ihr red­lich seid: Einen eurer Brü­der lasst bei mir und nehmt für eure Häu­ser, wie viel ihr bedürft, und zieht hin

34 und bringt euren jüngs­ten Bru­der zu mir, so mer­ke ich, dass ihr nicht Kund­schaf­ter, son­dern red­lich seid; dann will ich euch auch euren Bru­der wie­der­ge­ben und ihr mögt im Lan­de Han­del trei­ben.

35 Und als sie die Säcke aus­schüt­te­ten, fand ein jeder sei­nen Beu­tel Geld in sei­nem Sack. Und als sie sahen, dass es die Beu­tel mit ihrem Geld waren, erschra­ken sie samt ihrem Vater.

36 Da sprach Jakob, ihr Vater, zu ihnen: Ihr beraubt mich mei­ner Kin­der! Josef ist nicht mehr da, Sime­on ist nicht mehr da, Ben­ja­min wollt ihr auch weg­neh­men; es geht alles über mich.

37 Ruben ant­wor­te­te sei­nem Vater und sprach: Wenn ich ihn dir nicht wie­der­brin­ge, so töte mei­ne zwei Söh­ne. Gib ihn nur in mei­ne Hand, ich will ihn dir wie­der­brin­gen.

38 Er sprach: Mein Sohn soll nicht mit euch hin­ab­zie­hen; denn sein Bru­der ist tot, und er ist allein übrig geblie­ben. Wenn ihm ein Unfall auf dem Wege begeg­ne­te, den ihr reist, wür­det ihr mei­ne grau­en Haa­re mit Her­ze­leid hin­un­ter zu den Toten brin­gen.

Die Geschich­te geht so aus, dass die Brü­der wie­der ver­söhnt sind und am Ende der gesam­te Fami­li­en­clan nach Ägyp­ten kommt, sich für die nächs­ten 200 Jah­re dort nie­der­lässt und zu einem gro­ßen Volk her­an­wächst.

Dafür, dass sich die­se schö­ne Novel­le tat­säch­lich so ereig­net hat, gibt es lei­der kei­ne his­to­ri­schen Bele­ge – es ist Lite­ra­tur. Was für uns inter­es­sant ist: Die Brü­der Josefs müs­sen auf Grund der gro­ßen Hun­gers­not ihre Hei­mat Kana­an ver­las­sen und in Ägyp­ten neue Lebens­mit­tel beschaf­fen. Sie erken­nen ihren ver­ra­te­nen und ver­sto­ße­nen Bru­der zunächst nicht, aber die­ser kann die Gescheh­nis­se ver­zei­hen und holt sei­ne gesam­te Fami­lie in das siche­re Land. Die­se „Fremd­lings­schaft“ hat sich jedoch nicht mit der Zeit und der Abfol­ge der Gene­ra­tio­nen ega­li­siert, son­dern ist immer The­ma des Vol­kes Isra­el geblie­ben. So beginnt auch das jüdi­sche Glau­bens­be­kennt­nis mit den Wor­ten: „Mein Vater war ein hei­mat­lo­ser Ara­mä­er. Er zog nach Ägyp­ten, leb­te dort als Frem­der mit weni­gen Leu­ten und wur­de dort zu einem gro­ßen, mäch­ti­gen und zahl­rei­chen Volk. (…)“

Eine Stu­den­tin frag­te, ob man die Hun­gers­not der Israe­li­ten mit der Erb­sün­de in Ver­bin­dung brin­gen kön­ne. Dazu erklär­te Herr Pött­ner, dass sich eine Deu­tung von über­ge­ord­ne­ten Zusam­men­hän­gen der Bibel­ge­schich­ten nicht durch die Tex­te bele­gen lie­ße, und dass die Aus­le­gung der Erb­sün­de in der jüdi­schen Tra­di­ti­on kei­ne Rol­le spie­le.

Die Geschich­te um Josef und sei­ne Brü­der ist das Ver­bin­dungs­glied der Eltern­ge­schich­te zur wei­te­ren Ent­wick­lung des Vol­kes Isra­el, das spä­ter unter Moses Füh­rung Ägyp­ten ver­lässt und nach Kana­an zurück­kehrt. Die hier auf das Volk und die Gegend fokus­sier­te Erzähl­wei­se erwei­tert ihren Hori­zont erst ab dem 2. Buch Köni­ge. Mit Jesa­ja und Deu­tero­je­sa­ja tritt wie­der die Welt­per­spek­ti­ve her­vor, indem Abra­ham als der Vater vie­ler Völ­ker und nicht nur Isra­els beti­telt wird.

Nun aber zur Situa­ti­on der Israe­li­ten in Ägyp­ten:

  1. Ex 1,1-2,10

1,1 Dies sind die Namen der Söh­ne Isra­els, die mit Jakob nach Ägyp­ten kamen; ein jeder kam mit sei­nem Hau­se:

2 Ruben, Sime­on, Levi, Juda,

3 Iss­achar, Sebu­lon, Ben­ja­min,

4 Dan, Nafta­li, Gad, Asser.

5 Und alle zusam­men, die von Jakob abstam­men, waren sieb­zig an der Zahl. Josef aber war schon vor­her in Ägyp­ten.

6 Und Josef starb und alle sei­ne Brü­der und alle, die zu der Zeit gelebt hat­ten.

7 Die Israe­li­ten aber waren frucht­bar, und es wim­mel­te von ihnen, und sie mehr­ten sich und wur­den über­aus stark, sodass von ihnen das Land voll ward.

8 Da kam ein neu­er König auf in Ägyp­ten, der wuss­te nichts von Josef

9 und sprach zu sei­nem Volk: Sie­he, das Volk der Israe­li­ten ist mehr und stär­ker als wir.

10 Wohl­an, wir wol­len sie mit List nie­der­hal­ten, dass sie nicht noch mehr wer­den. Denn wenn ein Krieg aus­brä­che, könn­ten sie sich auch zu unsern Fein­den schla­gen und gegen uns kämp­fen und aus dem Land hin­auf­zie­hen.

11 Und man setz­te Fron­vög­te über sie, die sie mit schwe­ren Diens­ten bedrü­cken soll­ten. Und sie bau­ten dem Pha­rao die Städ­te Pitom und Ram­ses als Vor­rats­städ­te.

12 Aber je mehr sie das Volk bedrück­ten, des­to stär­ker mehr­te es sich und brei­te­te sich aus. Und es kam sie ein Grau­en an vor den Israe­li­ten.

13 Da zwan­gen die Ägyp­ter die Israe­li­ten mit Gewalt zum Dienst

14 und mach­ten ihnen ihr Leben sau­er mit schwe­rer Arbeit in Ton und Zie­geln und mit man­cher­lei Fron­dienst auf dem Fel­de, mit all ihrer Arbeit, die sie ihnen mit Gewalt auf­er­leg­ten.

15 Und der König von Ägyp­ten sprach zu den hebräi­schen Heb­am­men, von denen die eine Schif­ra hieß und die ande­re Pua:

16 Wenn ihr den hebräi­schen Frau­en bei der Geburt helft, dann seht auf das Geschlecht. Wenn es ein Sohn ist, so tötet ihn; ist’s aber eine Toch­ter, so lasst sie leben.

17 Aber die Heb­am­men fürch­te­ten Gott und taten nicht, wie der König von Ägyp­ten ihnen gesagt hat­te, son­dern lie­ßen die Kin­der leben.

18 Da rief der König von Ägyp­ten die Heb­am­men und sprach zu ihnen: War­um tut ihr das, dass ihr die Kin­der leben lasst?

19 Die Heb­am­men ant­wor­te­ten dem Pha­rao: Die hebräi­schen Frau­en sind nicht wie die ägyp­ti­schen, denn sie sind kräf­ti­ge Frau­en. Ehe die Heb­am­me zu ihnen kommt, haben sie gebo­ren.

20 Dar­um tat Gott den Heb­am­men Gutes. Und das Volk mehr­te sich und wur­de sehr stark.

21 Und weil die Heb­am­men Gott fürch­te­ten, gab er auch ihnen Nach­kom­men.

22 Da gebot der Pha­rao sei­nem gan­zen Volk und sprach: Alle Söh­ne, die gebo­ren wer­den, werft in den Nil, aber alle Töch­ter lasst leben.

2,1 Und es ging hin ein Mann vom Hau­se Levi und nahm eine Toch­ter Levis zur Frau.

2 Und sie ward schwan­ger und gebar einen Sohn. Und als sie sah, dass es ein fei­nes Kind war, ver­barg sie ihn drei Mona­te.

3 Als sie ihn aber nicht län­ger ver­ber­gen konn­te, nahm sie ein Käst­lein von Rohr für ihn und ver­kleb­te es mit Erd­harz und Pech und leg­te das Kind hin­ein und setz­te das Käst­lein in das Schilf am Ufer des Nils.

4 Aber sei­ne Schwes­ter stand von fer­ne, um zu erfah­ren, wie es ihm erge­hen wür­de.

5 Und die Toch­ter des Pha­rao ging hin­ab und woll­te baden im Nil, und ihre Die­ne­rin­nen gin­gen am Ufer hin und her. Und als sie das Käst­lein im Schilf sah, sand­te sie ihre Magd hin und ließ es holen.

6 Und als sie es auf­tat, sah sie das Kind, und sie­he, das Knäb­lein wein­te. Da jam­mer­te es sie, und sie sprach: Es ist eins von den hebräi­schen Kind­lein.

7 Da sprach sei­ne Schwes­ter zu der Toch­ter des Pha­rao: Soll ich hin­ge­hen und eine der hebräi­schen Frau­en rufen, die da stillt, dass sie dir das Kind­lein stil­le?

8 Die Toch­ter des Pha­rao sprach zu ihr: Geh hin. Das Mäd­chen ging hin und rief die Mut­ter des Kin­des.

9 Da sprach die Toch­ter des Pha­rao zu ihr: Nimm das Kind­lein mit und stil­le es mir; ich will es dir loh­nen. Die Frau nahm das Kind und still­te es.

10 Und als das Kind groß war, brach­te sie es der Toch­ter des Pha­rao, und es ward ihr Sohn, und sie nann­te ihn Mose; denn sie sprach: Ich habe ihn aus dem Was­ser gezo­gen.

Der Pha­rao fürch­tet das Volk Isra­el, weil es immer grö­ßer und stär­ker wird und eines Tages eine Bedro­hung dar­stel­len könn­te, z. B. wenn es sich mit Ägyp­tens Fein­den ver­bün­den wür­de. Um die Ver­meh­rung zu stop­pen, bedrückt er die Israe­li­ten mit har­ter Fron­ar­beit (also Skla­ve­rei). Als der gewünsch­te Erfolg aus­bleibt, befiehlt er zuerst den hebräi­schen Heb­am­men und schließ­lich sei­nem gan­zen Volk, dass alle hebräi­schen neu­ge­bo­re­nen Söh­ne getö­tet wer­den sol­len.

Ein berech­tig­ter Ein­wand war hier, dass die Tötung der neu­ge­bo­re­nen Töch­ter die Ver­meh­rung viel wir­kungs­vol­ler hät­te stop­pen kön­nen, da ein ein­zel­ner Mann noch vie­le Nach­kom­men in einem kur­zen Zeit­raum zeu­gen kön­ne, die Frau­en aller­dings aus bio­lo­gi­scher Sicht nicht ganz so pro­duk­tiv sein könn­ten.

Die Aus­sa­ge in Vers 21, dass die Heb­am­men Gott (den EINEN?) fürch­ten, scheint schon mono­the­is­ti­sche Züge auf­zu­wei­sen – auch das ist ein wich­ti­ger Aspekt.

An die­ser Stel­le gab es auch eini­ge Unstim­mig­kei­ten über die genaue Deu­tung von Vers 22: Soll­ten gene­rell alle männ­li­chen Neu­ge­bo­re­nen im Land getö­tet wer­den oder nur die der Israe­li­ten? Ver­gleicht man ver­schie­de­ne Bibel­über­set­zun­gen und betrach­tet den Sach­ver­halt nach logi­schen Gesichts­punk­ten, spricht alles für letz­te­re Aus­le­gung. Es ist sehr unwahr­schein­lich, dass der Pha­rao sein eige­nes Volk dezi­mie­ren woll­te, viel­mehr sind nur die hebräi­schen Söh­ne gemeint. Das führ­te zu der Rück­fra­ge, war­um dann über­haupt die Bibel­tex­te oft meh­re­re Deu­tun­gen zulas­sen und nicht ein­deu­tig nach­voll­zieh­bar sind. Nach Herrn Pött­ners Ansicht soll­ten die Bibel­tex­te schon bei der Ent­ste­hung in sich plu­ral sein. Dies ist schon ganz am Anfang der Bibel an den zwei Ver­sio­nen der Schöp­fungs­ge­schich­te erkenn­bar und im wei­te­ren Ver­lauf noch oft der Fall. Es ist, so auch Luthers Anlie­gen, gewünscht, dass jeder Mensch die Bibel selbst lesen und ein eige­nes Ver­ständ­nis ent­wi­ckeln soll. Die katho­li­sche Kir­che dage­gen bevor­zugt fest­ge­schrie­be­ne Deu­tun­gen und hat daher die Auto­ri­tät des Lehr­am­tes ent­wi­ckelt.

Dem unter­drück­ten Volk Isra­el wird indes der Ret­ter gebo­ren, näm­lich Mose, der von einem ver­folg­ten Straf­tä­ter zu einer theo­lo­gi­schen Leit­fi­gur wird.

Man sieht an dem Text, dass das Ver­hält­nis von ver­schie­de­nen eth­ni­schen Grup­pen sehr schwie­rig sein kann. Aus der Unter­drü­ckung des Vol­kes Isra­el hat sich ein eige­nes Selbst­ver­ständ­nis ent­wi­ckelt; man hat stets betont, selbst fremd gewe­sen zu sein, und war dem­entspre­chend tole­rant gegen­über Frem­den.

Die­ses Semi­nar über „Fremd­sein und Flucht“ soll ins Bewusst­sein rufen, dass sich aus der Flücht­lings­ethik ein Men­schen­recht ablei­tet. So wur­de es 1948 und auch in den Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­tio­nen for­mu­liert, und die Poli­tik soll­te die­ser Tat­sa­che mehr Beach­tung schen­ken und ihre Trag­wei­te begrei­fen. Denn auch in unse­rer heu­ti­gen Zeit gibt es Völ­ker­grup­pen, die in stän­di­ger Fremd­lings­schaft leben oder erst durch die Ver­schie­bung von Lan­des­gren­zen zu Fremd­lin­gen gewor­den sind (Bei­spie­le dafür sind die Kur­den, Kata­lo­nier, Sor­ben, Bas­ken etc.).

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Info:
Flucht, Ethnie und Religion usf. (07.11. TUD) ist Beitrag Nr. 6586
Autor:
Martin Pöttner am 11. November 2017 um 15:29
Category:
Theologie des Neuen Testaments
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