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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Joh 1,4-18 (Uni Hd 23.10.)

Der Übung gelang es Joh 1,4-18 zu über­set­zen und wich­ti­ge Aspek­te von 1,1-14 zu ver­ste­hen. Seg­men­tiert sieht der Text so aus:

4 a ν ατ ζων,

b κα ζων τ φς τν νθρπων·

5 a κα τ φς ν τ σκοτίᾳ φανει,

b κα σκοτα ατ ο κατλαβεν.

6 a γνετο νθρωπος,

b πεσταλμνος παρ θεο,

c νομα ατωννης·

7 aα οτος λθεν ες μαρτυραν

aβ να μαρτυρσ περ το φωτς,

b να πντες πιστεσωσιν δι‘ ατο.

8 a οκ ν κενος τ φς,

b λλ‘ να μαρτυρσ περ το φωτς.

9 a ν τ φς τληθινν,

b φωτζει πντα νθρωπον,

c ρχμενον ες τν κσμον.

10 a ν τ κσμν,

b       κα κσμος δι‘ ατογνετο,

c        κα κσμος ατν οκ γνω.

11 a ες τδια λθεν,

b       κα οδιοι ατν ο παρλαβον.

12 a σοι δλαβον ατν,

b      δωκεν ατος ξουσαν τκνα θεο γενσθαι,

c       τος πιστεουσιν ες τνομα ατο,

13 a ο οκ ξ αμτων

b       οδκ θελματος σαρκς

c         οδκ θελματος νδρς

d          λλ‘ κ θεογεννθησαν.

14 aα Κα λγος σρξ γνετο

aβ       κασκνωσεν ν μν,

b          καθεασμεθα τν δξαν ατο,

c           δξαν ς μονογενος παρ πατρς,

d            πλρης χριτος καληθεας.

15 aα ωννης μαρτυρε περ ατο

aβ        κα κκραγεν λγων·

b           οτος ν ν επον·

c            πσω μου ρχμενος μπροσθν μου γγονεν,

d           τι πρτς μου ν.

16 aα τι κ το πληρματος ατομες πντες λβομεν

aβ       κα χριν ντ χριτος·

17 a τι νμος δι Μωϋσως δθη,

b       χρις καλθεια διησο Χριστοἐγένετο.

18 a Θεν οδες ἑώρακεν πποτε·

bα     μονογενς θες ν ες τν κλπον το πατρς

bβ      κενος ξηγσατο.

Die Teilnehmer/innen waren sehr enga­giert, es ergab sich eine inten­si­ve und erfreu­li­cher­wei­se kon­tro­ver­se Sach­dis­kus­si­on.

Ver­stan­den wur­de der Zusam­men­hang von 1,1-14, der zunächst durch das homo­se­me Wort­spiel von λγος, ζω … und φς geprägt ist. Die Lexe­me wer­den auf die­se Wei­se als Syn­ony­me ver­stan­den, die das­sel­be bezeich­nen. Zugleich ergibt sich die Mög­lich­keit, eine Erzähl­dy­na­mik zu erzeu­gen. Sobald das Licht als φς τν νθρπων bezeich­net wird, stockt der Pro­zess:

5 a κα τ φς ν τ σκοτίᾳ φανει,

b    κα σκοτα ατ ο κατλαβεν.

Anders als in Gen 1 ergibt sich mit­hin ein Pro­blem, das den Fort­gang der Erzäh­lung bestimmt. In Gen 1 kann Gott erfolg­reich sein Sechs-Tage­werk voll­enden, denn alles war „sehr gut“ (Gen 1,31). Aber in Joh 1 scheint das Licht in der Fins­ter­nis – und die Fins­ter­nis hat es nicht ange­nom­men, rezi­piert bzw. in die­sem Sinn „ergrif­fen“, wie Luther κατλαβεν (1,5b) über­setzt.

Daher star­tet Gott eine neue Initia­ti­ve, indem er einen Men­schen sen­det, Johan­nes, den Täu­fer. Die impli­zi­ten Leser/innen wer­den als sol­che ver­stan­den, wel­che die syn­op­ti­schen Tex­te ken­nen. Das Johan­nes­evan­ge­li­um nimmt mit­hin auf die ent­spre­chen­den Erzäh­lun­gen eini­ger oder aller syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en Bezug – und unter­stellt, dass sei­ne Leser/innen dies eben­falls kön­nen. Die­ser Johan­nes bezeugt (mit sei­nem Leben) das Licht. Damit soll der kon­tra­dik­to­ri­sche und anschei­nend sta­bi­le Gegen­satz von Licht und Fins­ter­nis dyna­mi­siert wer­den.

Als  expli­zi­ter Text­au­tor kommt er m. E. eher nicht in Betracht, man dürf­te dann eine Selbst­be­zug­nah­me in der 1.  Pers. Sg. erwar­ten, vgl. 20,30f; 21,20-25.

ν in 1,9 nimmt die vor­he­ri­gen Ver­wen­dun­gen des Wor­tes seit 1,1a wie­der auf, sodass es sicher erscheint, dass der λγος gemeint ist. Er ist in den κσμος gekom­men (1,9c). Aber auch da klappt es nicht beschwer­de­frei. Die Eige­nen nah­men ihn nicht auf, obgleich er in das Eige­ne gekom­men war, wie 1,11 schön rhe­to­risch vari­iert – und die Rede vom κσμος näher bestimmt. Den­noch läuft die neue Initia­ti­ve nicht ganz schief. Denn eini­ge neh­men ihn auf und wer­den Kin­der Got­tes. Sol­che Kin­der wer­den von Gott gebo­ren. Sie ent­stam­men nicht mensch­li­chem Sex, nicht dem Wil­len von Män­nern, auch nicht dem der σρξ … Es berei­te­te etwas Mühe zu ver­ste­hen, was das besa­gen soll. Neben die Licht­se­man­tik tritt die gesamt­bi­bli­sche Seman­tik von Fleisch und Blut, wobei der Gegen­satz seit Gen 6,3LXX dazu der Geist Got­tes sein kann. Wie etwa Joh 3 zeigt, ist das auch im Johan­nes­evan­ge­li­um der Fall, hier wird es den Leser/inne/n vor dem bibli­schen Hin­ter­grund über­las­sen, die­sen Gegen­satz selbst­tä­tig zu bil­den. Seit Gen 2,21f.24 ist σρξ … sexu­ell kon­no­tiert, was Johan­nes nutzt (vgl. z. B. Daten­bank­ana­ly­se).

Die Lexe­me … σκοτίᾳ und σρξ … bil­den eben­falls ein homo­se­mes Wort­spiel. Das gilt eben­so für die Deri­va­te von ο λαμβάνειν und οκ γνω. Neben den kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­satz von Licht und Fins­ter­nis (wenn Licht, dann kei­ne Fins­ter­nis – und umge­kehrt) scheint nun der ent­spre­chen­de von Geist und Fleisch zu tre­ten. Das scheint aber nur so: Denn es gibt die von Gott gebo­re­nen Kin­der, die an sei­nen Namen glau­ben – wohl wie­der bes­ser für Leser/innen zu ver­ste­hen, die mit den oder eini­gen syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en ver­traut sind. Gro­ße Tei­le der Exege­se im 20. Jhdt. hiel­ten ange­sichts sol­cher kon­tra­dik­to­ri­scher Gegen­sät­ze das Johan­nes­evan­ge­li­um teil­wei­se oder ganz für einen (gnostisch-)dualistischen Text (vgl. die Dar­stel­lung der For­schung bis 2015 bei Thy­en [HNT 6]).

Die Kin­der müs­sen aber irgend­wie ent­ste­hen – und das Ent­schei­dungs­mo­dell schei­det bei einer Geburts­me­ta­pho­rik m. E. eher aus. Kein Mensch ent­schei­det sich dazu, gebo­ren zu wer­den. Mit­hin schla­ge ich vor, das Flei­schwer­den des Logos als wesent­li­chen und grund­le­gen­den Aspekt die­ses Geburts­vor­gangs zu ver­ste­hen. Der Logos wird Fleisch, er kommt nicht ins Fleisch. Das bezeich­net:

Κα λγος σρξ γνετο (1,14aα).

D. h., indem der Logos Fleisch wird, wird er auch das­je­ni­ge, was sich von Gott abschließt bzw. abge­schlos­sen ist. Dar­aus ent­ste­hen jene Kin­der, die sich dann ab 1,14aβ in der 1. Per­son Plu­ral mel­den. Die­se schau­en sei­ne Herr­lich­keit, Ehre, sein Gewicht oder m. E. am bes­ten sei­nen Glanz, wenn man/frau andro­zen­tri­sche oder auto­ri­tär erschei­nen­de deut­sche Begrif­fe mei­den möch­te. Das Lexem δξα gibt sehr häu­fig in der LXX hebr. כּבוֹד ([kabod] Schwe­re, Gewicht, aber auch Glanz wie­der, was m. E. die bes­te, aber nicht ein­zig mög­li­che Über­set­zung ist; vgl. auch M. Frett­löh, Gott Gewicht geben, 2005 u. ö.). Wesent­lich sind die Stel­len, die sich auf Mose bezie­hen, etwa im „Zelt der Begeg­nung“ (Ex 25ff). Der Pro­log scheint dar­auf anzu­spie­len. Es ist mög­lich, dass σκνωσεν in 1,14aβ das tut. Der Logos hat mit­hin eine wahr­nehm­ba­re, sicht­ba­re, schau­ba­re Glanz­ge­stalt, die sei­ne Gött­lich­keit bezeich­net. Und jene Kin­der Got­tes haben sie geschaut. Das ist ein wich­ti­ges The­ma des Johan­nes­evan­ge­li­ums.

Dass hier Glanz, Schwe­re, Herr­lich­keit und Lei­den zusam­men­kom­men, ist beim deu­tero­je­sa­ja­ni­schen Skla­ven JHWHs bzw. Got­tes­knechts wohl zuerst in das bibli­sche Got­tes­ver­ständ­nis ein­ge­führt wor­den – und bestimmt m. E. ganz wesent­lich das johan­n­ei­sche Got­tes­ver­ständ­nis.

Her­me­neu­tisch erör­ter­ten wir auch schon den bild­li­chen Cha­rak­ter des johan­n­ei­schen Spre­chens an der Geburts­me­ta­pho­rik. Gott scheint dabei nicht als Wesen mit Gebär­mut­ter ver­stan­den zu sein. Gleich­wohl ist die­se weib­li­che Asso­zia­ti­on wohl wich­tig, um das johan­n­ei­sche Got­tes­ver­ständ­nis zu ver­ste­hen.

Aufgaben zur nächsten Sitzung

  1. Über­le­gen Sie, ob biblisch nie­mals jemand Gott gese­hen hat.
  2. In wel­cher Zeit ist der Pro­log in Joh 1,18 ange­kom­men?
  3. Was ist die Rede vom Lie­gen des Soh­nes im Schoß/an der Brust des Vaters?
  4. Auf wel­che Tex­te des Johan­nes­evan­ge­li­ums bezieht sich die­se Rede?
  5. Über­set­zen und seg­men­tie­ren Sie Joh 3,1-16!

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Info:
Joh 1,4-18 (Uni Hd 23.10.) ist Beitrag Nr. 6537
Autor:
Martin Pöttner am 25. Oktober 2017 um 16:49
Category:
Griechische Lektüre,Johannesevangelium
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