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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Amerika 2 Bad Rappenau

US-VIZEPRÄSIDENT Pence, katho­lisch, Anhän­ger von Intel­li­gent Design

Zunächst möch­te ich fest­hal­ten, dass ich die Dis­kus­si­on zur Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung sehr gut fand:

  • Das Prin­zip des pur­su­it of Hap­pi­ness fand die gebüh­ren­de Auf­merk­sam­keit, lös­te aber auch Nach­denk­lich­keit aus, „Ego­is­mus“, „Indi­vi­dua­lis­mus“ o. Ä.
  • Es wur­de auch wahr­ge­nom­men, dass die­ses Prin­zip nicht zuletzt wg. der Ver­fol­gung pro­tes­tan­ti­scher Grup­pen durch reichs­re­li­giö­se (staats­kirch­li­che) Grup­pen im Ver­ein mit ter­ri­to­ria­len oder städ­ti­schen staat­li­chen Herr­schaf­ten phi­lo­so­phisch ver­tieft in die Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung auf­ge­nom­men wur­de.
  • Die Erklä­rung lässt sich zugleich reli­gi­ös („crea­tor“), aber auch phi­lo­so­phisch pan­the­is­tis­tisch inter­pre­tie­ren, weil eini­ge Auto­ren Frei­mau­rer waren („god of natu­re“), natur­recht­lich bild­li­che Inter­pre­ta­ti­on von Gen 1,26f. – Wider­stands­recht.

In der Dis­kus­si­on wur­de auf das Pro­blem krea­tio­nis­ti­scher Grup­pen in den USA hin­ge­wie­sen, wel­che die dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie wis­sen­schaft­lich über­bie­ten wol­len, was nicht nur bei pro­tes­tan­ti­schen Fundamentalist/inn/en beliebt ist, son­dern auch ent­spre­chen­den katho­li­schen, mus­li­mi­schen oder jüdi­schen Brü­dern und Schwes­tern.

Das kann in man­chen Staa­ten zu Kon­flik­ten füh­ren, wenn es um den Bio­lo­gie-Unter­richt in der Schu­le geht. Die­se Ten­den­zen feh­len in Deutsch­land nicht ganz, haben aber nicht eine der­ar­ti­ge Bedeu­tung. Wir ver­su­chen erst zu klä­ren, wie das deut­sche Sys­tem nach der Revo­lu­ti­on in 1918f funk­tio­niert.

Die Bedeutung des Art. 137 Weimarer Reichsverfassung

In der Wei­ma­rer Koali­ti­on kam es nicht zuletzt durch den Unter­staats­se­kre­tär Ernst Tro­eltsch zu fol­gen­der For­mu­lie­rung:

1) Es besteht kei­ne Staats­kir­che.

(2) Die Frei­heit der Ver­ei­ni­gung zu Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wird gewähr­leis­tet. Der Zusam­men­schluß von Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten inner­halb des Reichs­ge­biets unter­liegt kei­nen Beschrän­kun­gen.

(3) Jede Reli­gi­ons­ge­sell­schaft ord­net und ver­wal­tet ihre Ange­le­gen­hei­ten selb­stän­dig inner­halb der Schran­ken des für alle gel­ten­den Geset­zes. Sie ver­leiht ihre Ämter ohne Mit­wir­kung des Staa­tes oder der bür­ger­li­chen Gemein­de.

(4) Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten erwer­ben die Rechts­fä­hig­keit nach den all­ge­mei­nen Vor­schrif­ten des bür­ger­li­chen Rech­tes.

(5) Die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten blei­ben Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rech­tes, soweit sie sol­che bis­her waren. Ande­ren Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten sind auf ihren Antrag glei­che Rech­te zu gewäh­ren, wenn sie durch ihre Ver­fas­sung und die Zahl ihrer Mit­glie­der die Gewähr der Dau­er bie­ten. Schlie­ßen sich meh­re­re der­ar­ti­ge öffent­lich-recht­li­che Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten zu einem Ver­ban­de zusam­men, so ist auch die­ser Ver­band eine öffent­lich-recht­li­che Kör­per­schaft.

(6) Die Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten, wel­che Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rech­tes sind, sind berech­tigt, auf Grund der bür­ger­li­chen Steu­er­lis­ten nach Maß­ga­be der lan­des­recht­li­chen Bestim­mun­gen Steu­ern zu erhe­ben.

(7) Den Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten wer­den die Ver­ei­ni­gun­gen gleich­ge­stellt, die sich die gemein­schaft­li­che Pfle­ge einer Welt­an­schau­ung zur Auf­ga­be machen.

(8) Soweit die Durch­füh­rung die­ser Bestim­mun­gen eine wei­te­re Rege­lung erfor­dert, liegt die­se der Lan­des­ge­setz­ge­bung ob.

Der Art. 140 GG über­nimmt die­se Bestim­mun­gen für das Grund­ge­setz. Wich­tig ist, dass nicht von „Kir­chen o. Ä.“ die Rede ist. Son­dern es wird der Auf­fas­sung gefolgt, dass es sich um Reli­gio­nen han­delt, die eine sozia­le Form auf­wei­sen, mit­hin ist von „Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten“ die Rede. In Art. 135 wird zunächst fest­ge­hal­ten:

  1. Alle Bewoh­ner des Reichs genie­ßen vol­le Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit. Die unge­stör­te Reli­gi­ons­aus­übung wird durch die Ver­fas­sung gewähr­leis­tet und steht unter staat­li­chem Schutz. Die all­ge­mei­nen Staats­ge­set­ze blei­ben hier­von unbe­rührt.

Art. 137 bestimmt jetzt die Sozi­al­form der Reli­gio­nen. Es han­delt sich nicht um „Staatskirche[n]“, als die zuletzt der kon­ser­va­ti­ve Pro­tes­tan­tis­mus im Kai­ser­reich als Reichs­re­li­gi­on fun­giert hat­te (z. B. „Kul­tur­kampf“ gegen den Katho­li­zis­mus als reichs­fremd). Wich­tig dar­an ist, dass die indi­vi­du­el­le Reli­gio­si­tät als sozi­al­för­mig inter­pre­tiert wird.

Reli­gi­ons­ge­sell­schaf­ten sind dann zu geneh­mi­gen,

wenn sie durch ihre Ver­fas­sung und die Zahl ihrer Mit­glie­der die Gewähr der Dau­er bie­ten.

Spon­ta­ne Bil­dun­gen kön­nen also nicht den Sta­tus einer sol­chen „Kör­per­schaft des öffent­li­chen Rechts“ errei­chen, aber z. B. Mus­li­me. Die jüdi­sche Gemein­schaft war als­bald eine sol­che Kör­per­schaft. Eben­so sind man­che Frei­kir­chen Kör­per­schaf­ten gewor­den.

Die Wei­ma­rer Koali­ti­on hat­te das so ein­ge­rich­tet, weil unbe­scha­det der indi­vi­du­el­len Prä­fe­renz jedes Men­schen den reli­giö­sen Sozi­al­for­men ein ethi­sches Poten­zi­al zuge­traut wird. Phi­lo­so­phisch-ide­en­ge­schicht­lich folgt die WRV daher Spi­no­za, Trac­ta­tus theo­lo­gi­co-poli­ti­cus (PhB 93), Kapi­tel 19, der unter­stellt reli­giö­se Gemein­schaf­ten könn­ten zum inne­ren Frie­den in einer Gesell­schaft bei­tra­gen, wenn man sie nicht an der poli­ti­schen Macht betei­li­ge – und die reli­giö­se Bil­der­welt nicht als wis­sen­schaft­li­che Theo­ri­en inter­pre­tie­re, was er an der Bibel aus­führ­lich nach­zu­wei­sen ver­sucht (vgl. pas­sim). Das ist eine Prä­mis­se, die evan­ge­li­sche, katho­li­sche, jüdi­sche und mus­li­mi­sche Theo­lo­gi­en an Uni­ver­si­tä­ten ein­hal­ten müs­sen, wenn ihnen erlaubt wird, Lehrer/inn/en und Geist­li­che dort aus­zu­bil­den. Damit wird aber zugleich die Kon­trol­le des Wis­sens­be­reichs an das Wis­sen­schafts­sys­tem über­tra­gen, das in sei­nen Uni­ver­si­tä­ten und Hoch­schu­len wie­der­um durch Kör­per­schaf­ten des öffent­li­chen Rechts bestimmt ist. So nimmt der Staat kei­nen direk­ten Ein­fluss auf Wis­sens- und Reli­gi­ons­frei­heit.

Den­noch lässt sich sagen, dass der deut­sche Staat seit 1919 die expe­ri­men­tel­le Metho­de und geis­tes-kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Ver­fah­ren in Super­vi­sio­nen bevor­zugt, weil wis­sen­schaft­li­che Irr­tü­mer nur wis­sen­schaft­lich kor­ri­giert wer­den kön­nen. Das gilt natür­lich auch für pri­va­te Hoch­schu­len.

Überlegungen zur Möglichkeit der Verzerrung des US-Systems

Ich dis­ku­tie­re das am Pro­blem des Krea­tio­nis­mus, all­ge­mei­ne Über­sicht vgl. hier. Im Lau­fe der Zeit wur­de die­ses Modell supra­na­tu­ra­lis­tisch erwei­tert, Evo­lu­ti­ons­schü­be wur­den einem intel­li­gen­ten Urhe­ber zuge­schrie­ben, ohne dass dafür expe­ri­men­tel­le Bele­ge gelie­fert wer­den konn­ten.

Anders als in der Unab­hän­gig­keits­er­klä­rung wird der Schöp­fungs­vor­gang, dass alle Men­schen gleich mit unver­äu­ßer­li­chen Rech­ten geschaf­fen wor­den sei­en, so inter­pre­tiert, dass das nur als hand­werk­li­cher Vor­gang ver­stan­den wer­den kann, wie offen­bar Gen 2,7 ff nahe­le­gen könn­te:

7Da mach­te Gott der HERR den Men­schen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in sei­ne Nase. Und so ward der Mensch ein leben­di­ges Wesen. … 18Und Gott der HERR sprach: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei; ich will ihm eine Gehil­fin machen, die um ihn sei.

19Und Gott der HERR mach­te aus Erde alle die Tie­re auf dem Fel­de und alle die Vögel unter dem Him­mel und brach­te sie zu dem Men­schen, dass er sähe, wie er sie nenn­te; denn wie der Mensch jedes Tier nen­nen wür­de, so soll­te es hei­ßen. 20Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Him­mel und Tier auf dem Fel­de sei­nen Namen; aber für den Men­schen ward kei­ne Gehil­fin gefun­den, die um ihn wäre. 21Da ließ Gott der HERR einen tie­fen Schlaf fal­len auf den Men­schen, und er schlief ein. Und er nahm eine sei­ner bei­den Sei­ten und schloss die Stel­le mit Fleisch.

22Und Gott der HERR bau­te eine Frau aus der Sei­te, die er von dem Men­schen nahm, und brach­te sie zu ihm. 23Da sprach der Mensch: Das ist doch Bein von mei­nem Bein und Fleisch von mei­nem Fleisch; man wird sie Män­nin nen­nen, weil sie vom Man­ne genom­men ist. 24Darum wird ein Mann sei­nen Vater und sei­ne Mut­ter ver­las­sen und sei­ner Frau anhan­gen, und sie wer­den sein ein Fleisch. (Luther, leicht kor­ri­giert)

Gott, der Herr, agiert in der Erzäh­lung zunächst wie ein Töp­fer, dann wie ein Chir­urg. Den aus Lehm geform­ten Men­schen, dem er gött­li­chen Atem zur Ver­le­ben­di­gung in die Nase bläst, lässt er in Tief­schlaf fal­len – und schnei­det ihn in zwei Hälf­ten, die eine wird zu Eva, der Frau, gebas­telt, der Rest ist Adam, der Mann.

Die Kreationist/inn/en lesen das als Pro­to­koll einer hand­werk­li­chen Tätig­keit, das den bibli­schen Auto­ren von Got­tes Geist ein­ge­ge­ben – und dann nie­der­ge­schrie­ben wor­den – sei.

Dar­wins Inter­pre­ta­ti­on beruht dem­ge­gen­über auf Natur­be­ob­ach­tun­gen, die zeit­gleich ähn­lich auch von Rus­sel Wal­lace gemacht wur­den. Bei­de tru­gen vor der Roy­al Socie­ty of Sci­ence vor – und wur­den aner­kannt. Im Wis­sen­schafts­sys­tem wur­de die dar­win­sche Evo­lu­ti­ons­theo­rie unter gewis­sen Modi­fi­ka­tio­nen bis heu­te akzep­tiert, im Reli­gi­ons­sys­tem ergab sich aber vor allem in den angel­säch­si­schen Län­dern eine nach­hal­ti­ge Spal­tung, übri­gens auch unter Mus­li­men.

Eine leich­te Ände­rung die­ser Spal­tung ließ sich dadurch errei­chen, dass kul­tur­wis­sen­schaft­lich ande­re Reli­gio­nen erforscht wur­den – und Par­al­le­len mit ähn­li­chen Erzäh­lun­gen ent­deckt wur­den. Zudem hat­te Pla­ton in sei­nen Dia­lo­gen Sto­rys erzählt, die er als „Mythen“ bezeich­ne­te und von denen alle Dis­kurs­teil­neh­mer unter­stell­ten, dass sie so nicht pas­siert sei­en, aber hel­fen könn­ten, ein Pro­blem zu lösen, dass man den­ke­risch ansons­ten nicht bewäl­ti­gen kön­ne. Vgl. die ins Auge fal­len­de Par­al­le­le im Sym­po­si­on. Phi­lo von Alex­an­dria hat­te zur Zei­ten­wen­de bibli­sche Mythen schon ent­spre­chend inter­pre­tiert. D. h., man/frau darf unter­stel­len, dass schon anti­ke Leser/innen der­ar­ti­ge Tex­te als Mythen und nicht als Hand­wer­ker-Pro­to­kol­le ver­ste­hen konn­ten und m. E. auch soll­ten, zumal deren Ver­wen­dung seit der klas­si­schen Peri­ode in der Rhe­to­rik gelehrt wur­de.

Die Fra­ge, wie man dann reli­giö­se Zei­chen­ge­bil­de gehalt­voll inter­pre­tie­ren kann, wer­de ich bei der Dar­stel­lung Peirce’ beschrei­ben.

Die fun­da­men­ta­lis­ti­schen Kreationist/inn/en neh­men statt­des­sen ganz bewusst in Kauf, dass ihre All­tags­er­fah­rung durch die Umset­zung wis­sen­schaft­li­cher Erkennt­nis­se geprägt ist, vom Arzt­be­such, der Espres­so-Maschi­ne, dem Fern­se­hen, dem Inter­net bis zum Smart­pho­ne. Das ist bei Wahhabit/inn/en genau­so. Fundamentalist/inn/en leben stets mit einem logi­schen Wider­spruch in ihrer All­tags­er­fah­rung. Das Pro­blem tritt in den drei Reli­gio­nen, die den einen Gott unter­schied­lich ver­eh­ren, nach der Auf­klä­rung ver­stärkt auf. Dass sich das in den USA ver­brei­te­ter als hier fin­det, ist m. E. dadurch begüns­tigt, dass leich­ter Insti­tu­te Pseu­do-Wis­sen­schaft betrei­ben kön­nen, ohne ihre Gemein­nüt­zig­keit zu ver­lie­ren. Aber es kann nicht ver­hin­dert wer­den, dass sol­che Insti­tu­te gegrün­det wer­den. Dass Men­schen sich schwer irren, ist ein Preis der Frei­heit.

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Amerika 2 Bad Rappenau ist Beitrag Nr. 6481
Autor:
Martin Pöttner am 14. Oktober 2017 um 10:59
Category:
Bildung,Biologie,Mensch und Universum
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