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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Vhs Bad Rappenau: Unabhängigkeitserklärung — Philosophie

„We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness. — That to secure these rights, Governments are instituted among Men, deriving their just powers from the consent of the governed, — That whenever any Form of Government becomes destructive of these ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government, laying its foundation on such principles and organizing its powers in such form, as to them shall seem most likely to effect their Safety and Happiness. Prudence, indeed, will dictate that Governments long established should not be changed for light and transient causes; and accordingly all experience hath shewn that mankind are more disposed to suffer, while evils are sufferable than to right themselves by abolishing the forms to which they are accustomed. But when a long train of abuses and usurpations, pursuing invariably the same Object evinces a design to reduce them under absolute Despotism, it is their right, it is their duty, to throw off such Government, and to provide new Guards for their future security.“

Mit diesen berühmten Worten beginnt die „amerikanische Unabhängigkeitserklärung“, welche die rechtmäßige Selbstbestimmung der Kolonien gegenüber dem britischen Mutterland rechtfertigt. Für uns in diesem Kurs ist wesentlich, dass der Text grundlegende Elemente des Verhältnisses von Philosophie, Religionssystem und Politiksystem bzw. Staat erkennen lässt, die den Philosophieteil des Kurses über zwei Semester begleiten werden.

Kursprogramm

  1. 2017, 1: Einführung in die Grundstruktur anhand der Unabhängigkeitserklärung
  2. 2017, 2: Probleme des Modells im Vergleich zu Art. 137 Weimarer Reichsverfassung (ins Grundgesetz übernommen)
  3. 2018, 1: Semiotische Prozessphilosophie – Charles Sanders Peirce
  4. 2018, 2: Symbolisch-naturphilosophische Naturphilosophie – Alfred North Whitehead

M. E. kann man durch dieses Programm die Stärken des amerikanischen Entwurfs recht klar erfassen. Ebenso seine Gefährdungen.

Ich selbst halte das Verhältnis von Religion, Philosophie und Politik für unproblematisch. Aber an der Geschichte der USA kann man/frau sehen, welche Verzerrungen auch nach der europäischen Aufklärung möglich sind. Im Allgemeinen wird angenommen, US-Amerikaner/innen seien häufig religiöser als z. B. Deutsche, jedenfalls gibt es eine reiche religiöse Landschaft.

Das ist aber unproblematisch, es geht darum, ob etwa die Mormonen bestimmen können, was politisch gemacht und philosophisch oder auch wissenschaftlich gedacht wird. Das wäre ein grobes Missverständnis des Modells. Das rührt von der ursprünglichen Entstehungs-Situation der USA her.

Die Entstehungs-Situation der USA – und der Hintergrund der Unabhängigkeitserklärung

Religionen und Staat sind in den Vereinigten Staaten scharf getrennt, damit keine religiöse Gruppe anderen aufzwingen kann, was zu tun ist, was gedacht oder geglaubt werden soll. Nehmen wir noch einmal die Unabhängigkeitserklärung wahr:

„Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket. Zwar gebietet Klugheit, daß von langer Zeit her eingeführte Regierungen nicht um leichter und vergänglicher Ursachen willen verändert werden sollen; und demnach hat die Erfahrung von jeher gezeigt, daß Menschen, so lang das Uebel noch zu ertragen ist, lieber leiden und dulden wollen, als sich durch Umstossung solcher Regierungsformen, zu denen sie gewöhnt sind, selbst Recht und Hülfe verschaffen. Wenn aber eine lange Reihe von Mißhandlungen und gewaltsamen Eingriffen, auf einen und eben den Gegenstand unabläßig gerichtet, einen Anschlag an den Tag legt sie unter unumschränkte Herrschaft zu bringen, so ist es ihr Recht, ja ihre Pflicht, solche Regierung abzuwerfen, und sich für ihre künftige Sicherheit neue Gewähren zu verschaffen.“

Eine auffällige Formulierung ist „das Bestreben nach Glückseligkeit“, der „pursuit
of
Happiness„, den die erste deutsche Übersetzung so wiedergibt. Das verweist auf antike philosophische Debatten insbesondere seit Aristoteles zurück, als das Ziel der Ethik als Glückseligkeit, eudaimonia bestimmt wurde, bei Aristoteles wird diese in der Polis, dem Stadtstaat im Sinne eines gemeinsamen guten Lebens angestrebt. Nach der Ablösung der politisch grundlegenden Funktion des Stadtstaates seit Alexander dem Großen ergibt sich vor allem in der Stoa die Konzentration des Bestrebens nach Glückseligkeit auf das individuelle Leben. Vor allem die stoische Variante wird im Humanismus des 15. Jahrhunderts rezipiert – und prägt dann auch die europäischen Vordenker im 16. und 17. Jahrhundert. Der bedeutendste ist Hugo Grotius, aber auch der Namenspatron meines Gymnasiums Johannes Althusius gehört zu den Vordenkern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Wesentlich ist, dass das Streben nach Glückseligkeit auf das individuelle Leben konzentriert bleibt, aber zunehmend deutlicher wird, dass die Staatsform das individuelle Bestreben nach Glückseligkeit behindern kann, daher tritt zu den elementaren Menschenrechten in der Unabhängigkeitserklärung die „Freyheit“ bzw. Liberty. Philosophiesystematisch betrachtet liegt eine Renaissance der für Aristoteles grundlegenden Güterlehre in der Ethik vor.

Der Anteil protestantischer Auswanderer

Entscheidend nun ist es, dass viele der Auswanderer aus Europa von den Staatskirchen abweichende Protestant/inn/en wie etwa Täufergruppen waren. Sie wurden z. T. mit Billigung der Kirchen, die seit dem Westfälischen Frieden streng mit den jeweiligen Landesherren kooperierten, verfolgt. Der Landgraf Casimir von Wittgenstein, meiner Heimat, ließ solche Menschen dort siedeln. Viele von ihnen wanderten nach Amerika aus.

Das ist ein wesentliches Moment, um das US-amerikanische Modell zu verstehen. Wenn ich wegen meiner religiösen Orientierung, die das Zentrum meines individuellen Glücksstrebens darstellt, verfolgt werde, sollte ich sicherstellen, dass in dem neuen Land, in dem ich leben möchte, eine derartige Verfolgung strukturell
ausgeschlossen ist – so der Grundgedanke vieler abweichender Protestant/inn/en.

Daher korreliert in der Unabhängigkeitserklärung die

  • positive mit der
  • negativen
    Religionsfreiheit.

Positiv heißt, ich darf zu meinem Glück diejenige religiöse Option betreiben, die ich für richtig halte.

Negativ heißt, ich darf zu nichts gezwungen werden, das schließt auch Areligiosität ein.

Das Problem von Religion und Philosophie in der Unabhängigkeitserklärung

Der erste Eindruck vom Text könnte sein, es handele sich um einen religiösen Text.

We hold these truths to be self-evident, that all men are created equal, that they are endowed by their Creator with certain unalienable Rights, that among these are Life, Liberty and the pursuit of Happiness.

Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen worden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt worden, worunter sind Leben, Freyheit und das Bestreben nach Glückseligkeit.

Dass es einen Schöpfer gibt, ist nicht selbstverständlich, dass er alle Menschen gleich geschaffen hat, ebenfalls nicht. Diese Passage nimmt eindeutig auf Gen 1,26f Bezug:

26Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau. (Luther)

Alle Menschen sind als Bild Gottes gleich geschaffen, gerade Männer und Frauen.

Aber wenn dieser Schöpfer gar nicht existiert? Die stärker philosophisch denkenden Menschen erkannten aber das biblisch bildlich Ausgedrückte als philosophisch anregend und interpretierbar an, es war von den „Gesetzen der Natur“ und dem „Gott der Natur“ die Rede, was an Spinozas Pantheismus erinnert (vgl. hier).

Es ist mithin ebenso legitim, den Text pantheistisch zu lesen wie eine jüdisch-christliche Affirmation. Der Religionssoziologe Hans Joas hat 2011 (Sakralität der Person) darauf hingewiesen, dass es zu einer Koalition von stärker religionsdistanzierten u. a. Freimaurern und stärker abweichenden protestantischen Christen gekommen sei.

Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald einige Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volks ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket.

Dass sind tatsächlich revolutionäre Formulierungen, denn Gen 1,26f wird naturrechtlich so interpretiert, dass die Gottesbildlichkeit der Menschen diese dazu befähigt, Regierungen zu bilden, die nur so lange legitim sind, wie sie die unveräußerlichen Menschenrechte schützen und sichern. Ansonsten besteht ein Widerstandsrecht.

Damit ist aus der Affirmation von positiver und negativer Religionsfreiheit und dem individuellen Streben nach Glückseligkeit ethisch ein auf die Güterlehre bezogener Ansatz geworden, der bis heute relevant ist – und etwa beim Widerstandsrecht auch im Grundgesetz (Art. 20) rezipiert wurde. Das Modell kann mit einer religiösen Semantik, ebenso aber auch philosophisch pantheistisch interpretiert werden.

Einiges in der Unabhängigkeitserklärung ist Potenzial. Dass alle Menschen gleich sind galt für Schwarze bis 1865 nicht, bis heute ist es ein Problem geblieben. Das Frauenwahlrecht wurde 1920 nach Diskussionen nach dem Bürgerkrieg bestimmt. Gut ist, dass die USA multireligiös waren und sind. Unter Trump scheinen sich auch dort Debatten zu ergeben.

« Das Licht der fremden Völker (Jes 49,1-6 [EfG Griesheim]) – Bibelkunde Heidelberg: Psalmen »

Info:
Vhs Bad Rappenau: Unabhängigkeitserklärung — Philosophie ist Beitrag Nr. 6474
Autor:
Martin Pöttner am 8. Oktober 2017 um 07:27
Category:
Bildung
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