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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Das Licht der fremden Völker (Jes 49,1-6 [EfG Griesheim])

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49 1Hört auf mich, ihr Inseln, hört gut zu, ihr Völker in der Ferne! Gott hat mich berufen von Mutterleib an, gedachte meines Namens, als ich noch im Leib meiner Mutter war. 2 Gott hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht, mich im Schatten der Gotteshand geborgen, mich zu einem spitzen Pfeil gemacht, im Köcher mich verwahrt. 3 Gott hat zu mir gesprochen: »Du stehst in meinem Dienst! Israel, durch dich will ich meine Würde zeigen!« 4 Ich aber hatte mir gesagt: »Umsonst habe ich mich bemüht, für nichts und wieder nichts meine Kraft verbraucht!« Trotzdem: Mein Recht liegt bei Gott und der Lohn meines Tuns bei meiner Gottheit. 5 Aber nun hat Gott gesprochen! Von Mutterleib an bin ich gebildet, im Dienst Gottes zu stehen, um Jakob zurückzuführen zu Gott, sodass Israel für Gott gesammelt wird. Ich hatte Gewicht in Gottes Augen und meine Gottheit war meine Kraft. 6 Und Gott sprach: »Zu wenig ist es, dass du in meinem Dienst stehst, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Geretteten Israels zurückzubringen, sondern ich mache dich zum Licht der fremden Völker, damit meine Rettung reicht bis an die Enden der Erde.« (Vgl. Bibel in gerechter Sprache, z. St.)

Liebe Gemeinde,

ein prophetische Text, in dem sich Israel selbst verständigt – festzulegen versucht, wie es zu verstehen ist, wenn Gott universal ist, der einzige Gott überhaupt, nicht nur Gott der Nachkommen Jakobs, der 12 Stämme Israels, sondern der Gott aller Menschen, auch der Gott der „fremden Völker“ (Luther: „Heiden“).

Seit Jakob am Fluss Jabbok mit Gott kämpfte und eine Verletzung an der Hüfte erlitt, scheint die Bibel auf Israel fixiert. Jakob erhält dabei den Namen „Israel“, er wird gesegnet, hat später zwölf Söhne. Den Bruder Josef verkaufen die anderen elf nach Ägypten, sie kommen später als Wirtschaftsflüchtlinge nach. Sie entwickeln sich in Ägypten zu einem großen Volk, Mose führt sie heraus und die Stämme siedeln im Land Kanaan, es gibt sogar ein Königtum, das Reich zerfällt. Erst geht das Nordreich unter, dann das Südreich. Und nach diesen Niederlagen und Katastrophen öffnet sich die biblische Erzählwelt wieder der ganzen Welt, wie es in Gen 1-12 urgeschichtlich schon der Fall war. Das ist besonders eindrucksvoll im Buch Jesaja der Fall, worin es viele Texte gibt, die Gott als den Einzigen verstehen.

49 1Hört auf mich, ihr Inseln, hört gut zu, ihr Völker in der Ferne! Gott hat mich berufen von Mutterleib an, gedachte meines Namens, als ich noch im Leib meiner Mutter war.

Wir verstehen den Text wohl richtig, wenn „Israel“ bzw. „Jakob“ kunstvoll in des Propheten Mund hier von sich selbst spricht und sich in Bezug auf die ganze Welt orientiert. Konkret sind wohl insbesondere die Ägäis-Inseln im Blick, also das göttliche Recht soll sich bis nach Griechenland und Europa ausdehnen.

6 Und Gott sprach: »Zu wenig ist es, dass du in meinem Dienst stehst, um die Stämme Jakobs aufzurichten und die Geretteten Israels zurückzubringen, sondern ich mache dich zum Licht der fremden Völker, damit meine Rettung reicht bis an die Enden der Erde.«

Gemeint ist kaum, dass ein einzelner prophetischer Sprecher das Licht der fremden Völker sei, sondern dass „Israel“ jetzt so wiederhergestellt wird, dass „Israel“ das Licht der fremden Völker ist. Darin besteht seine ihm von Gott zugewiesene Aufgabe.

Wir haben am Israelsonntag hier ganz ausführlich darüber gesprochen. Und die Prophezeiung Jesajas ist auch in Erfüllung gegangen.

Zunächst haben Texte wie dieser Antisemitismus ausgelöst, wie kann sich ein Gott bzw. das Volk, das ihn verehrt, so über andere erheben? So lautet der Vorwurf seit der Antike. Nun, nach dem Jesajabuch existiert überhaupt nur ein Gott. Und unser Text ist an der Idee des Rechts ausgerichtet:

Mein Recht liegt bei Gott …

Es ist also etwas Geistiges, Sittliches, das Israel unter den Völkern so leuchten lässt. Und das ist m. E. tatsächlich in Erfüllung gegangen. Ich weise auf einen Sachverhalt hin, der z. T. auch kirchlich übersehen wurde und wird.

Die Bibel ist durch das Thema der Flucht geprägt, Abraham und seine Frau Sara sind die ersten Wirtschaftsflüchtlinge nach Ägypten – und sie werden nicht abgeschoben. Die Söhne Jakobs machen es genauso, ihre Nachkommen bleiben sogar lange, gut 200 Jahre dort, bis sich in Ägypten Ausländerhass regt, der Auszug aus Ägypten erfolgt. Und diese Erfahrungen bilden die religiös-sittliche Identität Israels, mit den Fremdlingen soll so menschlich umgegangen werden, wie es das göttliche Recht festlegt, da man/frau im Sklavenhalterland Ägypten unterdrückt und verfolgt wurde. Auch Jesus flieht als politisch Verfolger nach Ägypten, auch das Christentum ist mithin von dieser rechtlichen Idee des Judentums geprägt.

Dass die Prophezeiung Jesajas in Erfüllung ging, hat sehr lange gedauert, bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Denn die UNO einigte sich auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die Genfer Füchtlingskonvention. Entsprechend wurde das Grundgesetz gestaltet. Was in Israel einst als göttliches Recht verstanden wurde, ist seit 1948 Menschenrecht und Völkerrecht.

Seit 14 Tagen ist klar, dass die AfD angekommen ist. Unter uns gibt es 20 % Menschen, welche die Menschenrechte nicht allen Menschen zugestehen, wie wir aus sozialwissenschaftlichen Studien wissen, insofern sind 12,6 % noch nicht ganz viel. Das Niederbrüllen Merkels in Heidelberg, Rosenheim, Finsterwalde und anderswo, dazu die Kommentare „besorgter Bürger/innen“ haben den unverhüllten Ausländerhass dokumentiert. In AfD-Kreisen wird ungehemmter antisemitisch kommuniziert. Hitler hatte in „Mein Kampf“ behauptet, Freiheit, Selbstbestimmung im Unterschied zu Unterordnung, die Idee der sozialen Gerechtigkeit, der Sensibilität gegenüber dem Anderen und Fremden, der Gleichheit aller Verschiedenen, der Aufklärung, das seien alles jüdische Ideen und überhaupt nicht arisch oder deutsch – und deswegen müssten die Juden ausgemerzt werden.

Dass Hitler mit dieser Identifizierung jüdischer Ideen nicht ganz falsch lag, zeigt unser Text.

Gerade in den Kirchen und Gemeinden hat der Erfolg der AfD große Verunsicherung ausgelöst, wie viele unserer Schwestern und Brüder haben AfD gewählt? Manche meinen sogar, die engagierten Christ/inn/en wie hier in Griesheim hätten durch ihre Kritik an der AfD zu deren Erfolg beigetragen, weil die Sorgen und Ängste vieler Menschen nicht ernst genommen worden seien. Das wird sich nur in offenen Gesprächen klären lassen, geschwisterlich müssen diese aber sein. Und der Furcht, dass uns die Flüchtlinge etwas wegnehmen, sollte über engagierte Sozialpolitik begegnet werden. Klar ist aber, dass die entwickelten Gesellschaften genügend Gelder an die UNO zahlen müssen, damit die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg menschlich bewältigt werden kann. Merkel hat im Juli 2015 eingestanden, dass sie selbst zu wenig darauf geachtet habe. Richtig ist, dass die Migrant/inn/en nicht unbedingt nach Europa kommen müssen. Geholfen werden muss ihnen aber doch. Und eine klare Mehrheit in Deutschland sieht das so.

Das Wahlergebnis zwingt wohl dazu, Konflikte nicht länger zu beschweigen, sondern offen zu erörtern – und faire Lösungen zu finden, sodass möglichst viele Menschen in unserem Land gut und gerne leben können.

Amen


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Info:
Das Licht der fremden Völker (Jes 49,1-6 [EfG Griesheim]) ist Beitrag Nr. 6467
Autor:
Martin Pöttner am 7. Oktober 2017 um 14:28
Category:
Religiöse Rede
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