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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Mord aus Miss­ach­tung (Gen 4,1ff [EfG Gries­heim])

Dann erkann­te Adam Eva, sei­ne Frau; sie wur­de schwan­ger, gebar den Kain und sprach: »Ich habe einen Sohn gebo­ren – mit­hil­fe des Herrn.« 2Da fuhr sie fort und gebar sei­nen Bru­der, den Abel.

Abel wur­de ein Vieh­hirt, Kain aber war Acker­bau­er.

3Nach eini­ger Zeit brach­te Kain von den Früch­ten des Ackers dem Herrn eine Opfer­ga­be dar. 4Daraufhin brach­te auch Abel etwas von den Erst­ge­bur­ten sei­ner Her­de und von ihren Fett­stü­cken dar. Doch der Herr beach­te­te Abel und sei­ne Opfer­ga­be, 5Kain aber und sei­ne Opfer­ga­be beach­te­te er nicht. Das ließ Kain aufs Äußers­te ent­flam­men, sei­ne Gesichts­zü­ge ent­gleis­ten. 6 Da sag­te der Herr zu Kain: »War­um brennt es in dir? Und war­um ent­glei­sen dei­ne Gesichts­zü­ge der­art? 7Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lau­ert die Sün­de an der Tür. Auf dich rich­tet sich ihr Ver­lan­gen, doch du – du musst sie beherr­schen.« 8Da woll­te Kain sei­nem Bru­der Abel etwas sagen – doch als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen sei­nen Bru­der Abel und töte­te ihn. 9a Da sag­te der Herr zu Kain: »Wo ist Abel, dein Bru­der?« Der sag­te: »Das weiß ich nicht. Habe ich etwa die Auf­sicht über mei­nen Bru­der?« 10Daraufhin sag­te der Herr: »Was hast du getan? Laut schreit das Blut dei­nes Bru­ders zu mir vom Acker her. 11Also: Ver­flucht bist du, weg vom Acker, der das Blut dei­nes Bru­ders von dei­ner Hand geschluckt und auf­ge­nom­men hat! 12Wenn du den Acker bear­bei­test, wird er dir sei­ne Kraft nicht mehr geben. Hei­mat­los und ruhe­los musst du auf der Erde sein.« 13Da sag­te Kain zum Herrn: »Mei­ne Schuld ist zu groß, sie kann nicht auf­ge­ho­ben wer­den. 14Doch schau, du ver­treibst mich heu­te vom Ant­litz des Ackers, und auch vor dei­nem Ant­litz muss ich mich ver­ber­gen und soll hei­mat­los und ruhe­los auf der Erde sein dann kann jeder mich töten, der mich fin­det.« 15Da sprach der Herr zu ihm: »Also denn: Wer Kain tötet, soll sie­ben­fach gerächt wer­den.« Und der Herr mach­te ein Zei­chen für Kain, sodass nicht jeder ihn erschla­gen kann, der ihn fin­det. 16So zog Kain los, fort vom Ange­sicht ließ sich nie­der im Lan­de Nod, ›Unru­he‹, öst­lich von Eden. (Vgl. Bibel in gerech­ter Spra­che, z. St.)

Lie­be Gemein­de,

ein berühm­ter Text, der von der segens­rei­chen Kraft und Tie­fe der Sexua­li­tät spricht – und der von der durch Eva und Adam mit­hil­fe der Schlan­ge erwor­be­nen Fähig­keit, wie Gott sitt­lich han­deln zu kön­nen, mit­hin zwi­schen „gut“ und „böse“ unter­schei­den zu kön­nen, eine ers­te auf­schluss­rei­che Geschich­te erzählt.

Eva wird sexu­ell von Adam erkannt, Sexua­li­tät ist biblisch eine Form des per­so­na­len Erken­nens. Beim Sex erkennt sie oder er lust­voll die ande­re Per­son.

Das führt hier zu zwei Söh­nen des Paars, die dann beruf­lich ver­schie­de­ne Wege gehen:
Abel wur­de ein Vieh­hirt, Kain aber war Acker­bau­er.

Sie wid­men sich unter­schied­li­chen bäu­er­li­chen Beru­fen, die nach der Ver­trei­bung aus dem Para­dies mühe­voll sind. Den­noch opfern Kain und Abel dank­bar etwas von den Erträ­gen ihrer Arbeit, Feld­früch­te und bis heu­te belieb­te Fleisch­stü­cke. Auch der Herr zieht die­se geop­fer­ten Fleisch­stü­cke vor – er zeigt sich nicht als Vega­ner oder Vege­ta­ri­er, son­dern er zieht Abels fett­hal­ti­ge Erträ­ge vor.

Damit ent­steht eine Kon­flikt­si­tua­ti­on, man könn­te auch sagen: eine Pro­be­si­tua­ti­on. Ein schlech­ter Vater zieht das eine Kind dem ande­ren vor, so han­delt hier auch Gott. Und der miss­ach­te­te Kain erlebt das sehr nega­tiv:

5Kain aber und sei­ne Opfer­ga­be beach­te­te er nicht. Das ließ Kain aufs Äußers­te ent­flam­men, sei­ne Gesichts­zü­ge ent­gleis­ten. 6 Da sag­te der Herr zu Kain: »War um brennt es in dir? Und war­um ent­glei­sen dei­ne Gesichts­zü­ge der­art? 7Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lau­ert die Sün­de an der Tür. Auf dich rich­tet sich ihr Ver­lan­gen, doch du – du musst sie beherr­schen.«

Kain muss – so Gott – nun selbst­ver­ant­wort­lich zwi­schen „gut“ und „böse“ unter­schei­den, obgleich er emo­tio­nal stark ent­gleist ist, wie sein Gesicht zeigt.

War­um zieht der Herr die Erträ­ge Abels den sei­nen vor, so fragt sich Kain.

Kain begeht, wie es im Kri­mi­nal­su­jet heißt, eine Bezie­hungs­tat: Er ermor­det Abel, weil er von Gott nicht so aner­kannt wird wie Abel – und er selbst per­sön­lich miss­ach­tet wird. Er scheint sei­ne Wür­de als Mensch ver­lo­ren zu haben.

Gott führt Kain mit­hin in eine ethi­sche oder sitt­li­che Bewäh­rungs­si­tua­ti­on, in der sich zeigt, ob Kain zwi­schen „böse“ und „gut“ unter­schei­den kann. Und er ent­schei­det sich für „böse“, weil er sei­nem Zorn und Hass nach­gibt, der aus sei­ner Miss­ach­tung durch Gott folgt.

Sitt­lich zwi­schen „gut“ und „böse“ in die­ser Situa­ti­on unter­schei­den zu kön­nen, heißt also, das Lebens­recht eines ande­ren zu ach­ten, sei­ne Wür­de als unver­letz­lich anzu­se­hen, auch dann, wenn unse­re eige­ne Wür­de miss­ach­tet und unse­re Rech­te oder Ansprü­che nicht zum Zuge kom­men – und es uns in die­sem Sinn nicht „gut geht“.

»War­um brennt es in dir? Und war­um ent­glei­sen dei­ne Gesichts­zü­ge der­art? 7Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lau­ert die Sün­de an der Tür. Auf dich rich­tet sich ihr Ver­lan­gen, doch du – du musst sie beherr­schen.«

Gott fragt wie eine Kri­mi­nal­kom­misa­rin, die das Motiv für eine Bezie­hungs­tat erforscht. Klar ist es ver­ständ­lich, dass man/frau ihr Leben als Erfolgs­ge­schich­te ver­ste­hen: „Gut“ ist genau das­je­ni­ge, was gelingt und mei­nen Wün­schen ent­spricht. Dar­auf bin ich stolz! So ist aber die Rea­li­tät nicht, meint Gott. Es gibt oft Ent­täu­schun­gen unse­rer wich­tigs­ten Wün­sche – und das darf nicht zum Mord füh­ren.

Immer­hin sieht Gott ein, dass wir so han­deln könn­ten, zumal er selbst Kain in die­se Situa­ti­on gebracht hat. Daher lebt Kain nach sei­ner Tat nicht vogel­frei, sodass alle Selbst­jus­tiz üben dürf­ten, er lebt unru­hig, darf aber von ande­ren wegen sei­ner Schuld nicht umge­bracht wer­den. Gott schützt den Mör­der Kain. Er hat also Men­schen­wür­de, obgleich er die Wür­de sei­nes Bru­ders Abel miss­ach­tet und ihn ermor­det hat.

Man­che Tei­le der Bibel, des Koran, auch vie­le Men­schen sehen das bis zum heu­ti­gen Tag anders, auch hier­zu­lan­de. Aber das Grund­ge­setz und die aus­füh­ren­den Geset­ze sehen es wie Gott in unse­rem Pre­digt­text.

Das ist m. E. wohl über­legt. Denn Men­schen­rech­te und Men­schen­wür­de ste­hen auch Sünder/inne/n zu. Juden­tum und Chris­ten­tum sind nach unse­rem Text kei­ne Reli­gio­nen, die als Men­schen nur aner­ken­nen, wer sitt­lich tadel­los han­delt. Unser Text iden­ti­fi­ziert auch sehr genau den Ursprung der Sün­de, er liegt im ver­letz­li­chen Selbst­ruhm, dem Stolz auf das­je­ni­ge, was ich „gut“ gemacht habe. Bit­te das nicht infra­ge stel­len!

Sowohl im Chris­ten­tum als auch im Juden­tum wird das nicht durch­weg so gese­hen.

Aber Kant hat das rich­tig gese­hen. Wir sind als Men­schen aus „krum­mem Holz“ geschnitzt. Die­je­ni­gen, die das gen­tech­nisch oder medi­ka­men­tös ver­än­dern wol­len, gehen in die Irre. Die Frau oder der Mann muss sich selbst mit der eige­nen Fehl­bar­keit aus­ein­an­der­set­zen kön­nen – nur so ist man/frau Mensch.

Ich wün­sche mir, dass uns das selbst ein­leuch­tet – und die Wahr­neh­mung ande­rer Men­schen bestimmt.

Amen

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Info:
Mord aus Miss­ach­tung (Gen 4,1ff [EfG Gries­heim]) ist Beitrag Nr. 6434
Autor:
Martin Pöttner am 9. September 2017 um 11:22
Category:
Bildung,Religiöse Rede
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