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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Israelsonntag: Röm 11,25ff und (der Playmobil-) Luther (EfG Griesheim)

Der Playmobil-Luther

Ich will euch, liebe Schwestern und Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; 26und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht (Jesaja 59,20; Jeremia 31,33): »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. 27Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.« 28Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. 29Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. 30Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, 31so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. 32Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Liebe Gemeinde,

dieser Text aus dem Römerbrief heute in einer nur ganz wenig angepassten Form in der Übersetzung Martin Luthers, die ganz richtig ist, aber auch die Frage aufwirft, warum er dies nicht als gültig für sich selbst anerkannt hat – und im Verlauf seines Lebens zu einem Judenfeind geworden ist.

Jedenfalls Paulus teilt der Gemeinde in Rom mit, dass alle Menschen gerettet werden, auch alle Jüdinnen und Juden. Und nur so lässt sich aufrecht erhalten, was Paulus zu Glauben und Rechtfertigung sagt, alles Punkte, die Luther nicht nur richtig übersetzt, sondern auch für sich selbst als Lebensmaxime beherzigt hat – und ohne dass er das getan hat, hätte ich z. B. nicht evangelische Theologie studiert – und selbst die Täufer-Gruppen hätten kaum eine solche Bedeutung hier und in den Vereinigten Staaten bzw. weltweit entfalten können.

Dass Luther freilich ein schlimmer Judenfeind war, erfuhr ich während meines Studiums zur 500. Feier seines Geburtstags 1983 in Marburg – und mich hat immer gewundert, dass die evangelischen Kirchen darauf wenig zu achten schienen, ein Punkt, der mich doch nachhaltig irritiert hat. Im letzten, erst im letzten Jahr hat sich die Synode der EKD von Luthers judenfeindlichen Schriften distanziert – und der Ratsvorsitzende der EKD Bedford-Strohm hat im Frühjahr in der Paulskirche in Frankfurt die Juden um Verzeihung gebeten.

Luther ist aus meiner Sicht hinter ganz wesentliche Einsichten seiner Theologie zurückgefallen, die soweit ich sehe, auch bei der aktuellen 500-Jahrfeier nicht im Interesse der Kirchen, aber auch nicht der interessierten Öffentlichkeit stehen. Der wirkungsvollste Punkt der engagierten 10-Jahresphase im Blick auf den 500. Jahrestag des sogenannten Thesenanschlags zur Frage des Ablasses und der Finanzierung des Petersdoms in Rom ist der Verkauf von über einer Million Playmobilfiguren Luthers – und wir wissenschaftlichen Theolog/inn/en wurden von einem EKD-Theologen gerügt, dass wir so wenig zu den Feierlichkeiten beitrügen. Einzig der Film „Katharina Luther“ (ARD) hatte filmisch theologisches Niveau für Kenner von Luthers Texten, Liedern usf. Der sicherlich gut gemeinte Versuch im DLF, die 95 Thesen „Tag für Tag“ bis zum 31.10. vorzutragen und von Zeitgenossen kritisch kommentieren zu lassen, zeugt von einer großen sympathisch wirkenden Hilflosigkeit. Denn Luther hat acht Jahre später in der Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam über den „freien“ bzw. „unfreien Willen“ explizit offengelegt, worum es ihm gegangen ist: Seine Grundeinsicht bestand darin, dass Menschen als Geschöpfe keinen freien Willen gegenüber ihrem Schöpfer haben – und was die römische Kirche gemacht hatte, um den Petersdom zu finanzieren, war ein übler Betrug, der auf der Ebene von VW, Audi, Porsche, Daimler und BMW liegt. Kein/e ernstzunehmende/r Theolog/e/in konnte und kann die Ablasspraxis als religiös ernst zu nehmende Praxis rechtfertigen. Da die römische Kirche keinen „Ablassgipfel“ vor allem mit den Kurfürsten zustande brachte, um den Schaden zu begrenzen, stand sie blamiert da, zumal sie die Exkommunikation Luthers nicht durchsetzen konnte. Luther wurde nicht als Ketzer gefoltert und verbrannt. Daher lobte Luther 1525 gelassen Erasmus, dass er auf das eigentliche Thema gekommen sei – und ihn deshalb angegriffen habe (Weimarana 18, 786f).

Da ich pietistisch erzogen war, in der Folge der zweiten Erweckungsbewegung, hatte ich stets gehört, ich müsse mich für Jesus entscheiden, mein Leben Jesus übergeben – und mit 15 habe ich es dann auch gemacht, aber es war kein befreiendes Gefühl, ich hatte eine ganz schöne Jugendgruppe gefunden, nette Mädchen gab es auch, ich wurde in einem Becken in Hilchenbach im Siegerland getauft. Das unbestimmte Gefühl, irgendetwas stimme daran nicht, war wohl die Motivation, in Marburg Theologie zu studieren wie einer meiner Lehrer. Und in Marburg, bald in Zürich, begriff ich, dass Luther in Bezugnahme auf Paulus genau diesen Punkt ausgeschlossen hatte, dass man sich Glauben, Nachfolge o. Ä. als eigene Leistung zuschreiben kann bzw. darf – und dies vor Gott und anderen rühmend darstellt, wie Paulus und auch die Parabel von Pharisäer und Zöllner sagen: „Ich danke Dir Gott, dass ich nicht so bin wie … dieser Zöllner da!“ Luther hat entsprechend die Jesus-Mystik bei Paulus (Gal 2,19f) und Johannes angemessen interpretiert, wir werden als Glaubende von Gott, von oben geboren (Joh 1,13, 3,1ff) – und wie alle Embryos entscheiden wir uns nicht dazu.

Was ich also in meiner Jugend falsch gemacht hatte, machte Luther bei den Juden falsch, wie ich 1983 feststellte. Er schrieb den Jüdinnen und Juden ihre Ablehnung Jesu zu und akzeptierte die Lösung des Paulus nicht, dass sie zugunsten der „Heiden“ verstockt seien, damit die Völkerwallfahrt zum Zion stattfinden könne, bei der auch Paulus mitwirke. Und wenn dann das Innere des Tempels auch für die Völker bzw. die „Heiden“ geöffnet sei, dann komme der Erlöser vom Zion – und alle Juden würden gerettet. Also nicht durch Mission, sondern dadurch, dass die Völkerwallfahrt zum Zion stattgefunden habe, die Jesaja (2,1-5) und Micha (4,1-5) prophezeit hatten.

Das Verhältnis zum Judentum ist gerade in Deutschland von der industriell und technisch perfekt durchgeführten Ermordung großer Teile des europäischen Judentums bestimmt, in deren Vorfeld auch die antisemitischen Texte Luthers eine Rolle spielten, was zu einer mehr oder weniger begeisterten Zustimmung oder Hinnahme übergroßer Teile des Protestantismus im Blick auf die Judenvernichtung beitrug. Ausnahmen wie Bonhoeffer waren ganz selten. Das betrifft gerade den evangelikalen Teil des Protestantismus, freikirchlich oder landeskirchlich.

M. E. war auch die Zögerlichkeit der Kirchen, sich von den antisemitischen Texten Luthers zu distanzieren, von der alten Schuldbeteiligung der übergroßen Mehrheit der Protestant/inn/en an der Ermordung großer Teile des europäischen Judentums bestimmt. Die rheinische Kirche und die EKHN haben in den 1980er und 1990er Jahren den Anfang gemacht, der BEFG hat das 1997 vollzogen.

Ich selbst hatte das Glück einen Vater zu haben, der ein Gegner des Nationalsozialismus war, sodass ich freier mit dem Judentum umgehen konnte. Teile meiner Generation entwickelten einen Philosemitismus, der mir oft die Frage nahelegte, ob diese Menschen nicht besser konvertierten, was bestimmte Männer sicher deswegen nicht taten, weil sie sich dann hätten beschneiden lassen müssen.

Dem jüdischen Schriftgelehrten Paulus verdanken wir auch hier die Lösung. Er setzte wie viele Schriftgelehrte seit dem 3. Jahrhundert v. d. Z. Schwerpunkte in der Schrift. Wer also das Gesetz als problematisch empfindet, Beschneidung und Speisegebote vermeiden will, sollte auf die Urgeschichte (Gen 1-11) zurückgreifen, auf Gen 12 mit der Abrahamsverheißung für alle Völker ebenfalls.

Dabei ist wichtig, dass Eva und Adam mithilfe der Schlange erreichen, dass sie zwischen „gut“ und „böse“ unterscheiden können, mithin selbst in der Lage sind, weise sittlich zu handeln, sie werden wie Gott, wie es in Gen 3,22 heißt. Also können glaubende Menschen frei vom Gesetz sein – und mit der Tugend der Liebe sittlich angemessen zugunsten anderer Menschen handeln.

Aus Gen 1-3 kann man/frau verstehen, welche verschiedenen Möglichkeiten es im Geschlechterverhältnis gibt. Paulus entscheidet sich allmählich dazu Männer und Frauen, beide, als Bilder Gottes zu betrachten, weshalb den Frauen auch die Lehrfunktion in der Gemeinde zukommt.

Der Noahbund in Gen 9 ist ein Bund mit allen Menschen, also sind etwa die Speisegebote für Nicht-Juden nicht wesentlich.

Die Beschneidung kommt in der Urgeschichte nicht vor, also sind Nicht-Juden nicht verpflichtet, männliche Kinder beschneiden zu lassen.

Abraham ist der Vater vieler Völker, mithin kann der einzige Gott sich auch als Gott der „Heiden“ erweisen.

Da aber Gott einen Bund mit Israel eingegangen ist, werden alle Juden und Jüdinnen gerettet, wie unser Text sagt.

Luther weiß das alles, auch dasjenige, was ich zur dynamischen Schriftauslegung im Judentum gesagt habe, die Schwerpunkte in der Schrift setzt. Daher ist sein Prinzip „allein die Schrift“ eine Fortsetzung der jüdischen Schriftauslegung, bei theologischen Hermeneutiker/inne/n wird das bisher eher vernachlässigt. Denn am Anfang war Luther judenfreundlich. Manche behaupten, weil er hoffte, so viele Juden missionieren zu können. Jedenfalls setzte er bestimmte Schwerpunkte in der Schrift, um seine Auffassung zu begründen. Unglücklicherweise hat er dann aber die Freiheit des Glaubens und die Tugenden der Liebe und Weisheit vermissen lassen, auch andere Schwerpunktsetzungen in der Schrift anzuerkennen. Mit einer gewissen Mühe kann man auch das sakramentale Verständnis der männlichen Priesterkirche mit anderen Schwerpunktsetzungen in den Schriften rechtfertigen.

Da die EKD solche komplizierten Gedankengänge eher scheut, falls ich mich nicht irre, hat sie sich neben versöhnenden Handlungen gegenüber Katholiken und Juden, die wichtig sind, eher aufs Marketing beschränkt oder jedenfalls massenmedial konzentriert. Herr Bedford-Strohm teilt u. a. per Twitter mit, dass er sich freue, die Millionengrenze bei den Playmobil-Luthers überschritten zu haben.

Gott hat dem verstockten Luther seine Irrtümer vergeben. Für uns ist es wichtig, als gerechtfertigte Sünder/innen die Freiheit des Glaubens in der Tugend der Liebe wahrzunehmen. Das hat gegenwärtig die besondere Form der weisen Feindesliebe, die Ratlosigkeit ist umfassend. Die militärischen Erfolge gegen den „Islamischen Staat“ haben nicht dazu geführt, dass dieser verschwindet. Die Anschläge in Spanien, auch in Finnland, sprechen eine deutliche Sprache. Die Weisheit sollte darin bestehen, dass aktiv versucht wird, das Problem ernsthaft anzugehen. Viele Urlaubsreisende haben sich nicht mehr die Türkei oder Ägypten als Ziel ausgesucht, sondern Spanien. Aber auch dort wartet der Terror auf sie. Es wird also darauf ankommen, sich mit den Gründen auseinanderzusetzen, weshalb der „Islamische Staat“ existiert – und wie wir mit unseren Feinden kommunizieren können. Es wird nicht ausreichen, die digitale Überwachung zu optimieren. Auch die Idee von Trump, die islamistischen Terroristen mit in Schweineblut getränkter Munition zu erschießen, unterschätzt Gott. Es geht nur mit der weisen Feindesliebe, die kommunikative Wege zu ihnen sucht. Dabei werden wir verstehen müssen, warum sie uns als Feinde betrachten. Dazu macht uns unser Predigttext Mut, nicht nur uns selbst zu sehen, uns für „klug“ zu halten, wie Paulus sagt, sondern die Anderen wahrzunehmen.


Amen


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Info:
Israelsonntag: Röm 11,25ff und (der Playmobil-) Luther (EfG Griesheim) ist Beitrag Nr. 6401
Autor:
Martin Pöttner am 17. August 2017 um 13:11
Category:
Religiöse Rede
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