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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Sechster Sonntag nach Trinitatis (Act 8,26ff [EFG Griesheim])


Ein Engel des Herrn sprach zu Philippus: „Auf, mach dich auf Weg, der von Jerusalem nach Gaza hinabführt!« Das ist eine einsame Gegend. 27Er machte sich auf und ging. Da war da ein Äthiopier, ein Eunuch, ein Hofbeamter der Kandake, der äthiopischen Königin, der über alle ihre Finanzen gesetzt war. Er war nach Jerusalem gekommen, um Gott anzubeten. 28Nun saß er auf der Rückreise auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja. 29Der Geist sagte zu Philippus: »Geh heran und halte dich an diesen Wagen!« 30Philippus lief heran und hörte, wie er den Propheten Jesaja las, und sagte: »Verstehst du denn, was du da liest?« 31Der sagte: »Wie sollte ich es denn können, wenn mich niemand anleitet?« Und er bat Philippus aufzusteigen und sich zu ihm zu setzen. 32Der Schriftabschnitt, den er las, lautete so: Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; wie ein Lamm beim Scheren keinen Laut von sich gibt, so macht er seinen Mund nicht auf. 33In seiner Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben; seine Sippe wer kann von ihr erzählen? Wird doch sein Leben von der Erde weggenommen. 34Der Eunuch sagte zu Philippus: »Ich bitte dich, über wen sagt der Prophet das? Über sich selbst oder über jemand anderen?« 35Philippus begann zu sprechen und von dieser Schriftstelle ausgehend verkündigte er ihm Jesus. 36Wie sie so den Weg dahinfuhren, kamen sie zu einem Gewässer; und der Eunuch sagte: »Da ist Wasser! Was steht dem entgegen, dass ich getauft werde?« 38Da befahl er, dass der Wagen anhielte; und sie stiegen beide hinab in das Wasser, Philippus und der Eunuch; und er taufte ihn. 39Als sie aus dem Wasser stiegen, entrückt der Geist des Herrn Philippus. Der Eunuch sah ihn nicht mehr. Denn er zog froh seines Weges. (Vgl. Bibel in gerechter Sprache, z. St.)

Liebe Gemeinde,

ein Text aus der Frühzeit der christlichen Mission von Jerusalem aus. Er ist in biblischen, prophetischen Farben geschrieben, wie wir sie aus Prophetenerzählungen kennen.

Ein Engel des Herrn und sein Geist begleiten Philippus. Er soll auf der Straße nach Gaza einen schwarzen Juden aufsuchen, der dort mit seinem Wagen fährt. Der Mann ist der oberste Finanzbeamte der äthiopischen Königin Kandake. Daher hat er ein schweres Schicksal, er ist Eunuche, seiner Zeugungsfähigkeit beraubt. Seine hohe Stellung ist mit diesem Schicksal ganz eng verbunden.

Er ist zu seiner jährlichen Fahrt nach Jerusalem gefahren, um Gott im Tempel anzubeten. Und nun befindet er sich auf seinem Wagen nach Gaza, um nach Äthiopien zurückzukehren. Dabei hat er eine Jesaja-Rolle, in der er liest – und die Fragen bei ihm aufwirft.

Da kommt Philippus, vom Engel des Herrn gesandt, gerade recht. Philippus fragt:

»Verstehst du denn, was du da liest?« 31Der sagte: »Wie sollte ich es denn können, wenn mich niemand anleitet?«

Philippus setzt sich zu dem schwarzen Juden. Er weiß um dessen Situation, welche die eines Sklaven ist – und ihm sehr viel Leid zumutet. Daher liest er nicht zufällig einen Jesajatext, der von einem Sklaven des Herrn spricht:

Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; wie ein Lamm beim Scheren keinen Laut von sich gibt, so macht er seinen Mund nicht auf. 33In seiner Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben; seine Generation – wer kann von ihr erzählen? Wird doch sein Leben von der Erde weggenommen.

Es ist ein Sklave, der die ihm zugefügten Leiden auch für andere erleidet. Stumm erleidet. Er scheint ohne eigenes Zutun zu diesen Leiden gekommen zu sein. Er wird erniedrigt. Durch diese Erniedrigung wird seine Verurteilung aufgehoben.

Der schwarze Eunuche stellt eine naheliegende Frage:

»Wie sollte ich es denn [verstehen] können, wenn mich niemand anleitet?«

Natürlich ist es unklar, von was oder wem da die Rede ist, vom Propheten oder von jemand anderes, Fragen, die noch heute gestellt werden und auch heute noch unterschiedlich beantwortet werden. Philippus kann helfen, er deutet den Text auf Jesus von Nazareth, der Opfer eines Justizirrtums wurde, wie Lukasevangelium und Apostelgeschichte glauben. Die Vertreter der Jerusalemer Stadtherrschaft hatten Jesus irrtümlich für eine aufständische Messias-Figur gehalten, der die Römer besiegt – und dann ein universales Friedensreich errichtet. Aber Jesus ist ein Vertreter des gewaltlosen Widerstands, so Lukas. Doch die Römer akzeptieren die Aufstandsthese – und richten Jesus gewaltsam am Kreuz hin. Und Jesus bleibt nicht im Tod, sondern wird „aufgeweckt“.

Auf diesen Jesus bezieht sich das, was Jesaja in 53,7f sagt, erläutert Philippus dem Eunuchen. Denn die Schriften sagen an dieser Stelle voraus, dass der Messias, der Christus leiden müsse.

Der kastrierte schwarze Jude hört dies – und beginnt nachzudenken. Wenn der Messias selbst leiden muss, steht dann Gott dem Leiden der Menschen etwa mitleidend gegenüber? Und wird auch sein eigenes Leiden von Gott gesehen und wahrgenommen? Denn Gott hatte ja jenen Jesus von den Toten „aufgeweckt“ – und ihn angenommen, als Leidenden, wenn es stimmte, was Philippus sagte.

Dem schwarzen Juden erschließt sich die Schrift neu. Er hatte nicht zufällig die Jesaja-Rolle dabei, denn Jesaja sprach oft von der Wendung des Leidens, dass alle Tränen abgewischt werden würden, der Tod verschluckt werde beim Freudenmahl. Und also würde sich auch seine eigene versklavte Situation wenden.

Philippus deutete nun den schwer verständlichen Text so, dass damit dasjenige vorausgesagt werde, was vor Kurzem passiert sei. Beeindruckend fand der zum Schutz seiner Königin kastrierte Jude, dass Gott das gewaltsam zugefügte Leiden nicht hinnehmen werde, denn er hatte den grausam hingerichteten Jesus „aufgeweckt“.

Und da entstand der Wunsch, sich taufen zu lassen. So geschah es – und als Philippus und er wieder aus dem Wasser stiegen, entschwand Philippus und ließ ihn froh zurück.

Für das frühe Christentum und sein Verständnis ist unser Predigttext sehr wichtig. Es war weltoffen – und sozial sehr sensibel. Das Judentum wird als Weltreligion verstanden, die humane Züge angesichts einer brutalen Wirklichkeit aufzeigt. Aus Jes 53 wird gelesen, dass Gott sich dem Leiden mitleidend zuwendet. So deutete man den Text als messianische Weissagung, die sich auf den gewaltsamen Tod Jesu bezieht. M. E. ist diese Fortschreibung des Textes legitim. Angesichts des jüdischen Widerspruchs sagen wir heute, dass es nicht die einzig mögliche Fortschreibung ist.

Wir lassen uns von der Taufe des schwarzen kastrierten Juden ermutigen, Jes 53 als einen Text zu lesen, der Gottes Mitleiden mit dem Leiden zum Ausdruck bringt – und unsere Auffassung Jesu und Gottes in die Nähe des Judentums bringt.

Amen

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Info:
Sechster Sonntag nach Trinitatis (Act 8,26ff [EFG Griesheim]) ist Beitrag Nr. 6394
Autor:
Martin Pöttner am 25. Juli 2017 um 15:28
Category:
Religiöse Rede
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