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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


TUD: Bibelkunde

Wir besprachen das Erzählmodell des Johannesevangeliums anhand des Johannesprologs (Joh 1,1-18), in dem nach der Auffassung des Aristoteles alle Aspekte der folgenden Erzählung zumindest angedeutet sein sollten.

Im Johannesevangelium steht die Gottesfrage im Vordergrund, wer Gott ist, wird erzählerisch bestimmt. Wir sahen, dass Joh 1,1 wörtlich Gen 1,1 zitiert – und verstanden anhand von Prov 8,22ff, dass dieser Text schon weisheitlich interpretiert im Johannesevangelium rezipiert und fortgeschrieben wird. Wesentlich ist, dass alles durch das Wort geworden ist. Das „Wort“ ist mithin die Bezeichnung der „Weisheit“. Wir sahen also, dass das Judentum nicht monotonotheistisch ist, sondern mittels der Weisheit eine Differenz im einen Gott bestimmt – und dieses Judentum wird im Johannesevangelium fortgeschrieben.

Der Johannesprolog verwendet einige Worte aus Gen 1, aber er verwendet sie anders. So findet keine Scheidung von Licht und Finsternis statt, sondern die Finsternis erfasst das Licht nicht. Johannes verwendet die Wörter als anthropologische Metaphern, wobei das „Wort“ Licht und Leben der Menschen war.

Aber durch die Beharrlichkeit der Finsternis entsteht nun ein scharfer Gegensatz – die Schöpfung scheint in einem dualistischen Zustand zu verharren: Hier Licht, dort Finsternis. Viele Auslegungen des Johannesevangeliums verstehen den Text so. Dabei ist übersehen, dass Gott es bei diesem Zustand nicht belassen will. Er sendet einen Menschen, der Johannes heißt. Und wir kamen darauf, dass es sich um den Johannes der Täufer handeln müsse, von dem die anderen Evangelien der Evangeliensammlung erzählen (Mk 1, Mt 3, Lk 3), der ein Vorläufer Jesu war (vgl. auch Joh 3). Er zeugt von dem Licht, das in die Welt kommt. Das ist mithin ein metakommunikativer Text, der bei seinen Leser/inne/n voraussetzt, dass sie mit diesen Texten vertraut sind – und vielleicht Interesse an einer neuen, vertieften Version haben.

Auch das Licht erfährt in seinem eigenen Bereich – der Welt – Ablehnung, aber nicht nur, es gibt Kinder Gottes, die aus Gott geboren sind – und nicht aus männlichem, fleischlichem und blutsmäßigenmWillen. Zweifellos ist auf Gen 2,24 angespielt, wo das Ein-Fleisch-Sein bzw. -Werden eine sexuelle Metapher ist. Dann stellt sich die Frage, wie diese Kinder entstehen.

M. E. wird die Lösung in 1,14 ausgesprochen, das Wort wurde Fleisch, indem sich das göttliche Wort mit dem sich von Gott abwendenden Fleisch vereinigt, eine Variante der Problemgeschichte, bei der die Erlösungsfigur beide Aspekte der Problemkonstellation repräsentiert – und nur so erlösen kann. Die Kinder resonieren, wir, Herrlichkeit bzw. Glanz.

Weiter wird das Verhältnis zum Judentum über Mose als Gesetzgeber (Ex 20ff) bestimmt. Das ist nicht negativ, denn die Weisheit oder das Wort, ist auch in der Tora. Aber mit Jesus Christus, dem Wort, kommen nun Fülle und Wahrheit. Die torazentrierte Form des Judentums wird mithin weisheitlich fortgeschrieben. Dabei erscheint jetzt Gott selbst, indem er die sich abwendende Form der Welt selbst wird. Dabei zeigt Joh 1,18, dass der Sohn zum Vater zurückgekehrt ist, denn er ist im Schoß des Vaters, ein sinnliches Bild der Liebe. Von dieser Beziehung von Vater und Sohn, die sich in der Liebe der Schüler/innen zeigt und weltweit universalisiert (Joh 17, vgl. 3,16), spricht das Johannesevangelium. Und das wurde im Dasein Jesu ausgelegt bzw. verkündigt – und ist im Johannesevangelium aufgeschrieben.

In der Sachdiskussion ging es dann um die Einheit und Einzigkeit Gottes, die zwischen den ethischen Religionen Judentum, Christentum und Islam Konsens ist, aber angesichts der ästhetischen Religionen Asiens weltweit nicht universal erscheint, wie schon Schleiermacher gezeigt hat. Diese Religionen besitzen kein zentrales Gotteskonzept, sondern nähern sich in Meditation oder Yoga dem Ganzen der Wirklichkeit.

Der Koran ist jedenfalls auch eine Fortschreibung der Bibel – und seit Thomas von Aquin wird erkannt, dass es derselbe Gott ist, den auch Juden und Christen verehren, aber jeweils anders, als es Muslime tun. Das ist leider nicht bei allen präsent, es ist aber eine alte Wahrheit.

Das Johannesevangelium ist m. E. der anregendste Text der Bibel, wie Gott als universal verstanden werden kann.

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Info:
TUD: Bibelkunde ist Beitrag Nr. 6355
Autor:
Martin Pöttner am 13. Juli 2017 um 17:52
Category:
Johannesevangelium
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