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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Uni Hd: Joh 20,4-18

Zusam­men­fas­sung vom 03.07.

Das Semi­nar besprach 20,4-18, den Lauf Petrus’ und des Schü­lers, den Jesus lieb­te, zum Grab – und die Erschei­nung des „Auf­ge­stan­de­nen“ vor Maria Mag­da­le­na bzw. aus Mag­da­la. Das sieht seg­men­tiert so aus:

3ξλθεν ον Πτρος

κα λλος μαθητς

κα ρχοντο ες τ μνημεον.

4τρεχον δ ο δο μο·

κα λλος μαθητς προδραμεν τχιον το Πτρου

κα λθεν πρτος ες τ μνημεον,

5κα παρακψας

βλπει κεμενα τ
θνια,

ο μντοι εσλθεν.

6ρχεται ον κα Σμων Πτρος κολουθν ατ

κα εσλθεν ες τ μνημεον,

κα θεωρε τ
θνια κεμενα,

7κα τ σουδριον,


ν π τς κεφαλς ατο,

ο μετ τν θονων κεμενον


λλ χωρς ντετυλιγμνον ες να τπον.

τε ον εσλθεν κα
λλος μαθητς


λθν πρτος ες τ μνημεον

κα εδεν κα
πστευσεν·

9οδπω γρ δεισαν τν γραφν


τι δε ατν κ νεκρν ναστναι.

10πλθον ον πλιν πρς ατος ο μαθητα.

11Μαρα δ εστκει πρς τ μνημείῳ
ξω κλαουσα.

ς ον κλαιεν,

παρκυψεν ες τ μνημεον

12κα θεωρε δο γγλους ν λευκος καθεζομνους,

να πρς τ κεφαλ

κανα πρς τος ποσν,

που κειτο τ σμα το
ησο.

13κα λγουσιν ατ
κενοι·

γναι,

τ κλαεις;

λγει ατος τι

ραν τν κριν μου,

κα οκ οδα πο
θηκαν ατν.

14Τατα εποσα

στρφη ες τ πσω

κα θεωρε τν ησον σττα

κα οκ δει τι ησος στιν.

15λγει ατ ησος·

γναι,

τ κλαεις;

τνα ζητες;

κενη δοκοσα

τι κηπουρς στιν

λγει ατ·

κριε,

ε σ βστασας ατν,

επ μοι πο
θηκας ατν,

κγ ατν ρ.

16λγει ατ ησος·

Μαριμ.

στραφεσα κενη λγει ατ βραϊστ·

ραββουνι,

λγεται

διδσκαλε

17λγει ατ ησος·

μ μου πτου,

οπω γρ ναββηκα πρς τν πατρα·

πορεου δ πρς τος δελφος μου

κα επ ατος·

ναβανω πρς τν πατρα μου

κα πατρα μν

κα θεν μου

κα θεν μν.

18ρχεται Μαριμ Μαγδαλην
γγλλουσα τος μαθητας τι

ἑώρακα τν κριον,

κα τατα επεν ατ.

Der Text stell­te wohl eine Her­aus­for­de­rung für die Teilnehmer/innen dar, weil die Dar­stel­lung des Johan­nes von den ande­ren Erschei­nungs­er­zäh­lun­gen abweicht. Der Dozent ver­stärk­te das, weil er dar­auf hin­ge­wie­sen hat­te, dass in Joh 11 meta­kom­mu­ni­ka­tiv anhand eines mit Miss­ver­ständ­nis­sen arbei­ten­den Dis­kur­ses zwi­schen Jesus und sei­nen Schüler/innen die Rede­wei­se vom „auf­ste­hen“, auf­ste­hen usf. gerecht­fer­tigt wird, es in der Bibel weder eine grie­chi­sche, hebräi­sche oder ara­mäi­sche Voka­bel für z. B. „Auferste­hung“ o. Ä. gibt. קוֻם (kum), νίσταναι (anhi­sta­nai) und γείρεσθαι (ege­i­rest­hai) bezeich­nen sowohl den all­täg­li­chen Vor­gang des Auf­ste­hens bzw. Auf­ge­weckt­wer­dens als auch den­je­ni­gen, wel­cher dem Tod folgt. Die glei­che Ambi­gui­tät liegt beim „Schla­fen“ (κοιμν [koi­man]) vor, vgl. z. B. Dan 12,2f. Zur­zeit respek­tie­ren offen­bar nur eini­ge weni­ge der Übersetzer/innen der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ die­sen bibli­schen Sach­ver­halt. Das Johan­nes­evan­ge­li­um macht die­sen Sach­ver­halt expli­zit trans­pa­rent, eben­so wie das von „oben bzw. neu“ Gebo­ren­wer­den in Joh 3 als genu­in reli­giö­se, bild­li­che Sprech­wei­se. Auch hier wird das Unge­wöhn­li­che die­ser Sprech­wei­se mit­tels des Miss­ver­ständ­nis-Motivs meta­kom­mu­ni­ka­tiv trans­pa­rent gemacht.

M. E. sind auch die Unge­wöhn­lich­kei­ten der Erzäh­lun­gen durch die­se Sprech­wei­se bedingt. Johan­nes unter­schei­det sich nicht durch die­se Unge­wöhn­lich­kei­ten von 1Kor 15 und den par­al­le­len Tex­ten der Evan­ge­li­en­samm­lung der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on, son­dern nur dadurch, dass er den bild­li­chen Cha­rak­ter expli­zit deut­lich macht. Das Johan­nes­evan­ge­li­um ist mit­hin das her­me­neu­ti­sche Evan­ge­li­um, das auch für weni­ger auf­merk­sa­me Lesen­de das­je­ni­ge deut­lich macht, was seit Gen 1-3 offen zu Tage liegt. Der/die implizite/r Leser/in der Bibel ist eine/r, der/die sich selbst ein Urteil bil­den soll und kann.

Und sie/er soll­te das bei den Erzäh­lun­gen von den Erschei­nun­gen des „Auf­ge­weck­ten“ zumin­dest pro­be­wei­se offen tun.

Die his­to­ri­sche Fra­ge ist seit Rei­ma­rus inso­weit geklärt, als er die Wider­sprüch­lich­keit der Erzäh­lun­gen auf­ge­zeigt hat. Die Tex­te kön­nen mit­hin nicht als his­to­ri­sche Quel­len betrach­tet wer­den, ein Sach­ver­halt, den sowohl Barth als auch Bult­mann als gege­ben betrach­te­ten, aber weni­ger ernst­haft Nach­den­ken­de wol­len das bis zum heu­ti­gen Tag nicht wahr­ha­ben. Bult­mann klär­te zudem das Pro­blem, dass es sich nicht um natür­li­che Beschrei­bun­gen han­deln kann, da sie mit­tels der expe­ri­men­tel­len Metho­de (bis­lang) nicht als repro­du­zier­ba­re Ereig­nis­se ver­stan­den wer­den kön­nen. Über Bult­mann hin­aus schla­ge ich vor, sie als extra­va­gan­te Erzäh­lun­gen zu ver­ste­hen, die den gewöhn­li­chen Hin­ter­grund des All­tags unge­wöhn­lich ver­frem­den, ohne die­sen ganz unkennt­lich zu machen.

M. E. geben die­se Erzäh­lun­gen daher ein anre­gen­des Bei­spiel, wie vom „Auf­ste­hen“ usf. erzählt wer­den kann. Dabei hal­te ich die­se Rede­wei­se für akzep­ta­bler als die­je­ni­ge von der Unsterb­lich­keit der See­le, weil wir etwa unse­re ver­schie­den­ge­schlecht­li­che Iden­ti­tät nicht ohne unse­re Lei­ber den­ken kön­nen (so schon Schlei­er­ma­cher).

Das Mus­ter der Erzähl­wei­se vom Schü­ler, den Jesus lieb­te, ist seit Joh 13,23 im Ver­hält­nis zu Petrus dadurch geprägt, dass jener sehr oft etwas bes­ser ver­steht o. Ä. Hier läuft er schnel­ler und „glaubt“ auch – anders als Petrus (20,8). Aber die fol­gen­de Begrün­dung scheint das Erzähl­mus­ter zu irri­tie­ren, an das sich der/die Leser/in mög­li­cher­wei­se schon gewöhnt hat:

9οδπω σάρξ δεισαν τν γραφν


τι δε ατν κ νεκρν ναστναι.

Wir lasen das als Hin­weis auf die Erzäh­lung von den soge­nann­ten „Emma­us­jün­gern“ (Lk 24,13ff), in der Jesus zunächst uner­kannt die Schrif­ten aus­legt, wes­halb der Mes­si­as bzw. Chris­tus ster­ben muss­te, da sie der Mes­si­as-Kon­zep­ti­on von PsSal 17f anhin­gen, nach wel­cher der Mes­si­as erst die Römer besie­gen muss­te, bevor er ein uni­ver­sa­les Frie­dens­reich auf­rich­tet. Nun ist aber Jesus von den Römern gewalt­sam und grau­sam hin­ge­rich­tet wor­den. Die Nai­vi­tät der Schü­ler bzw. ihr Unwis­sen könn­te sich hier eben­falls auf die­sen Sach­ver­halt bezie­hen. Es han­del­te sich dann also um eine meta­kom­mu­ni­ka­ti­ve Äuße­rung, die inter­tex­tu­ell auf ande­re Tex­te zurück­greift.

Maria aus Mag­da­la ist seit 20,1 die Haupt­fi­gur, daher ist es kei­ne Über­ra­schung, dass Jesus ihr zuerst erscheint. Nur vor dem Hin­ter­grund der ande­ren Erzäh­lun­gen seit 1Kor 15,3ff könn­te das als Über­ra­schung erschei­nen. Auch bei Mt erscheint Jesus zuerst Frau­en, aber nur hier der Maria aus Mag­da­la allein – und als ers­ter. Wenn Sie Lk 24, Mt 28 und 1Kor 15 ruhig lesen, wer­den Sie sehen, dass die Erst­erschei­nung Jesu vor Petrus nur sicher in 1Kor 15,3ff ist, jeden­falls wird das nar­ra­tiv in Joh 20 aus­ge­schlos­sen. Mit den Femi­nis­tin­nen wür­de ich beto­nen, dass es wich­tig ist, dass sie als Frau und Schü­le­rin die­se Erst­erschei­nung hat, sodass die Erschei­nungs­er­zäh­lun­gen der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on ins­ge­samt als geschlech­ter­ge­recht ange­se­hen wer­den kön­nen.

Wie bei Lk ver­kennt sie Jesus zuerst. Erst als er sie ver­traut mit ihrem Namen Maria ange­re­det hat, erkennt sie ihn als ihren Leh­rer. Jesus weist ab, dass sie ihn berührt oder fest­hält, er sei noch nicht zu sei­nem Vater auf­ge­stie­gen. M. E. soll das beto­nen, dass die Erschei­nungs­sze­ne nur einen Aspekt sei­ner Rück­kehr zum Vater dar­stellt, also kei­ne Wie­der­her­stel­lung der direk­ten inti­men Ver­traut­heit der gemein­sa­men Leh­rer-Schü­le­rin-Zeit. Das wird nach Joh 17 anders sein. Gleich­wohl ist das Got­tes­kon­zept das­sel­be wie in Joh 17. Die Schüler/innen sind in der Lie­be inein­an­der wie Vater und Sohn inein­an­der sind. Der Sohn ist in der Lie­be in sei­nen Schüler/innen – und umge­kehrt. Und alle sind in Gott. Alle Aspek­te sind mit­hin als Rela­ta unter­schie­den und zugleich in der Rela­ti­on Lie­be auf­ein­an­der bezo­gen.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Über­set­zen Sie Joh 20,19-29 und seg­men­tie­ren Sie den Text!
  2. Was besagt ἐνεφύσησεν (20,22)?
  3. Ver­su­chen Sie z. B. über Bible­Works 8 her­aus­zu­fin­den, wor­auf in 20,22 ange­spielt ist!
  4. Berührt Tho­mas Jesus?
  5. Gibt es unge­wöhn­li­che Erzähl­zü­ge in Joh 20,19ff?
  6. Ken­nen Sie schon jeman­den, der nicht sieht und gleich­wohl glaubt?

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Info:
Uni Hd: Joh 20,4-18 ist Beitrag Nr. 6330
Autor:
Martin Pöttner am 5. Juli 2017 um 16:39
Category:
Johannesevangelium
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