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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Uni Hd: Joh 19,25-30; 20,1-3


Zusam­men­fas­sung vom 26.06.

Die Sit­zung soll­te zei­gen, dass das Johan­nes­evan­ge­li­um plan­voll geschrie­ben ist. Das führ­te zu m. E. auf­schluss­rei­chen inhalt­li­chen und her­me­neu­ti­schen Kon­tro­ver­sen. Seg­men­tiert sieht Joh 19,25-30; 20,1-3 so aus:

19,25Εἱστήκεισαν δὲ παρὰ τῷ σταυρῷ τοῦ Ἰησοῦ ἡ μήτηρ αὐτοῦ

καὶ ἡ ἀδελφὴ τῆς μητρὸς αὐτοῦ,

Μαρία ἡ τοῦ Κλωπᾶ

καὶ Μαρία ἡ Μαγδαληνή.

26Ἰησοῦς οὖν ἰδὼν τὴν μητέρα

καὶ τὸν μαθητὴν παρεστῶτα

ὃν ἠγάπα,

λέγει τῇ μητρί·

γύναι,

ἴδε ὁ υἱός σου.

27εἶτα λέγει τῷ μαθητῇ·

ἴδε ἡ μήτηρ σου.

καὶ ἀπ‘ ἐκείνης τῆς ὥρας ἔλαβεν ὁ μαθητὴς αὐτὴν εἰς τὰ ἴδια.

28Μετὰ τοῦτο εἰδὼς ὁ Ἰησοῦς

ὅτι ἤδη πάντα τετέλεσται,

ἵνα τελειωθῇ ἡ γραφή,

λέγει·

διψῶ.

29σκεῦος ἔκειτο ὄξους μεστόν·

σπόγγον οὖν μεστὸν τοῦ ὄξους ὑσσώπῳ περιθέντες

προσήνεγκαν αὐτοῦ τῷ στόματι.

30ὅτε οὖν ἔλαβεν τὸ ὄξος

[ὁ] Ἰησοῦς εἶπεν·

τετέλεσται,

καὶ κλίνας τὴν κεφαλὴν παρέδωκεν τὸ πνεῦμα.


201Τῇ δὲ μιᾷ τῶν σαββάτων Μαρία ἡ Μαγδαληνὴ ἔρχεται πρωῒ

σκοτίας ἔτι οὔσης εἰς τὸ μνημεῖον

καὶ βλέπει τὸν λίθον ἠρμένον ἐκ τοῦ μνημείου.

2τρέχει οὖν καὶ ἔρχεται πρὸς Σίμωνα a

καὶ πρὸς τὸν ἄλλον μαθητὴν

ὃν ἐφίλει ὁ Ἰησοῦς

καὶ λέγει αὐτοῖς·

ἦραν τὸν κύριον ἐκ τοῦ μνημείου

καὶ οὐκ οἴδαμεν ποῦ ἔθηκαν αὐτόν.

Dass also der Schüler/Jünger, den Jesus lieb­te, beim Kreuz stand und die Mut­ter Jesu zur Mut­ter bekam, dazu auch Maria aus Mag­da­la dabei­stand, wird ab 20,1 fort­ge­setzt. Im Johan­nes­evan­ge­li­um liegt mit­hin eine plan­vol­le Erzäh­lung vor.

Oft wird das in der Exege­se wg. 21,1ff infra­ge gestellt. Wir einig­ten uns dar­auf, noch vier Sit­zun­gen im Juli zu machen, der Besuch der letz­ten Sit­zung ist frei­ge­stellt.

Zu vie­len her­me­neu­ti­schen Fra­gen vgl. hier. M. E. kann man/frau das Johan­nes­evan­ge­li­um nicht sach­ge­recht inter­pre­tie­ren, wenn sie/er nicht den Bezug zu den ande­ren Evan­ge­li­en der Evan­ge­li­en­samm­lung beach­tet. Dass haben wir für unse­ren Text getan, sodass deut­lich wur­de, dass das Syn­drom Schü­ler, den Jesus lieb­te, Maria aus Mag­da­la, Mut­ter Jesu sin­gu­lär johann­eisch ist. Das hat seit der Auf­klä­rung oft die Fra­ge auf­ge­wor­fen, was his­to­risch ursprüng­lich sei. M. E. ging es aber schon immer um die Fra­ge, wel­che lite­ra­risch-poe­ti­sche Dar­stel­lung reli­gi­ös attrak­ti­ver sei – und das muss­ten die Leser/innen selbst ent­schei­den. Gera­de eine plu­ra­le Text­welt regt seit den jüdi­schen Schrift­ge­lehr­ten spä­tes­tens ab dem 3. Jhdt. v. d. Z. zu der­ar­ti­gen Schluss­fol­ge­run­gen an. Die his­to­ri­sche Fra­ge ist wg. der Wider­sprüch­lich­keit der Tex­te ohne Anhalt – und reli­gi­ös bzw. theo­lo­gisch sach­fremd, wie Bult­mann m. E. gezeigt hat.

Jeder Text gewinnt sei­ne Eigen­art dadurch, dass er von ande­ren abge­grenzt ist. Wir beschränk­ten unse­re Erwä­gun­gen auf die Evan­ge­li­en und erwähn­ten noch 1Kor 15,3ff.

Wesent­lich ist, dass das Polyp­to­ton τετλεσται …, τελειωθῇ … τετέλεσται (19,28.30) das Ende der Sen­dung Jesu rhe­to­risch stark unter­stri­chen bezeich­nen soll, was besagt, dass der grau­sa­me Kreu­zes­tod dazu gehört, 1,14; 3,16.

Vor dem Hin­ter­grund, dass in den syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en z. T. das Fami­li­en­sys­tem kri­tisch gese­hen wird (z. B. Aus­sen­dungs­re­den), über­rasch­te nun die Resti­tu­ti­on der Fami­lie Jesu, indem der Schü­ler, den Jesus lieb­te, „die Mut­ter“ in sein Haus nimmt. M. E. han­delt es sich um eine Fort­schrei­bung der Kon­zep­ti­on des Mar­ku­sevan­ge­li­ums. Wir erör­ter­ten das anhand von Mk 3,30ff, wo eine gegen­sätz­li­che Struk­tur von dem Haus, aus dem Jesus stammt, und dem Haus ent­fal­tet wird, in dem er jetzt tätig ist, es ist die Gemein­schaft der­je­ni­gen, die den Wil­len Got­tes tun (vgl. Mk 10,23ff). Das Haus sei­ner Her­kunft ist ein Fami­li­en­sys­tem mit leib­li­chen Geschwis­tern und Mut­ter, wäh­rend das ande­re Haus reli­giö­se Kom­mu­ni­ka­ti­ons­rol­len defi­niert. Die­se sind sym­me­trisch: Geschwis­ter – und asym­me­trisch: Mut­ter, wobei die Mut­ter m. E. die Lehr­funk­ti­on bezeich­net. Wenn also der Schü­ler, den Jesus lieb­te, die Mut­ter in sein Haus nimmt, könn­te sym­bo­lisch von die­ser Lehr­funk­ti­on in der christ­li­chen Gemein­de die Rede sein und m. E. ver­hält es sich auch so.

Die Erwäh­nung der Maria aus Mag­da­la ist ein ent­schei­den­der Punkt des Tex­tes. Einen knap­pen Über­blick über die­se Erzähl­fi­gur vgl. hier. In johann­ei­scher Per­spek­ti­ve ist sie die­je­ni­ge, die beim Kreuz war, allein zum Grab ging, ent­deck­te, dass es leer war, das Simon (Petrus) und dem Schü­ler, den Jesus lieb­te, erzähl­te – und dann die ers­te Begeg­nung mit dem „Auf­ge­stan­de­nen“ hat­te. Für die Leser/innen der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on war es also seit dem letz­ten Drit­tel des zwei­ten Jahr­hun­derts d. Z. prä­sent, dass 1Kor 15, Mt 28, Lk 24, auch Mk 16 eine gegen­sätz­li­che Auf­fas­sung der „Erschei­nun­gen“ ver­tra­ten, wobei Mt und Joh ein­an­der nicht ganz fern sind. Man könn­te Mt 28,1-7 für einen Joh inspi­rie­ren­den Text hal­ten.

Ent­schei­dend ist, dass im Johan­nes­evan­ge­li­um die­ser Frau eine wesent­li­che Rol­le zuge­schrie­ben wird.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Über­set­zen und seg­men­tie­ren Sie Joh 20,4-18!
  2. Wie ist 20,8f zu ver­ste­hen?
  3. Beach­ten Sie her­me­neu­tisch die Rede­wei­se vom „Auf­ste­hen“, „Auf­ge­weckt­wer­den“ in Joh 11!

« Zwei­ter Sonn­tag nach Tri­ni­ta­tis (Lk 14,15ff [EfG Gries­heim]) – Ende einer Dis­kri­mie­rung: die Ehe für Alle »

Info:
Uni Hd: Joh 19,25-30; 20,1-3 ist Beitrag Nr. 6304
Autor:
Martin Pöttner am 28. Juni 2017 um 17:45
Category:
Johannesevangelium
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