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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zweiter Sonntag nach Trinitatis (Lk 14,15ff [EfG Griesheim])

Einer der mit Jesus eingeladenen Gäste hörte ihn und sagte zu ihm: »Glücklich (selig) ist, wer das Brot im Reich Gottes isst!«

16Jesus aber sagte zu ihm: »Ein Mensch veranstaltete ein großes Festessen und lud viele ein. 17Er schickte seinen Sklaven zur gegebenen Stunde aus, den Eingeladenen zu sagen: ›Kommt, denn jetzt ist es bereit!‹

18Und auf einmal fingen alle an, sich zu entschuldigen. Der Erste sagte: ›Ich habe ein Feld gekauft und ich muss es unbedingt ansehen gehen. Ich bitte dich, sieh mich als entschuldigt an!‹ 19Ein anderer sagte: ›Ich habe fünf Joch Ochsen gekauft und gehe hin, um sie zu prüfen. Ich bitte dich, sieh mich als entschuldigt an!‹ 20Noch ein anderer sagte: ›Ich habe eine Frau geheiratet und kann deshalb nicht kommen.‹

21Der Sklave kam und berichtete dies seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sagte seinem Sklaven:

›Geh schnell auf die Plätze und Gassen der Stadt und führe die armen Leute, die Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein!‹ 22Und der Sklave sagte: ›Herr, es ist geschehen, wie du aufgetragen hast, und doch ist noch Raum.‹ 23Da sagte der Herr zum Sklaven:

›Geh hinaus auf die Wege und zu den Zäunen und nötige die Leute, hereinzukommen, damit mein Haus sich füllt!‹ 24Ich sage euch: Keiner jener Männer, die eingeladen waren, wird mein Festessen zu kosten bekommen!« (Bibel in gerechter Sprache, z. St.)

Liebe Gemeinde,

eine Mahl-Szene in einem Haus eines Pharisäers. Jesus wird insbesondere im Lukasevangelium als geselliger Zeitgenosse dargestellt, man kann den Eindruck gewinnen, dass religiöse, soziale und politische Fragen am gemeinsamen Tisch kontrovers erörtert werden – man/frau also nicht eine Talk-Show anschaltete, sondern selbst mitdiskutierte. Und bei diesem Mahl im Haus eines Pharisäers gibt einer der Diskutierenden eine Sentenz, einen Sinnspruch zum Besten:

»Glücklich ist, wer das Brot im Reich Gottes isst!«

Wir haben gerade gehört, dass seit Jes 25 das Bild eines endzeitlichen Mahls, bei dem es schöne Speisen gibt, die jüdische religiöse Welt inspirierte. Ein Mahl, bei dem Gott den Tod verschluckt, ihn also aufisst bzw. verspeist. Darauf spielt der mit Jesus Diskutierende an. Für Lukas ist insbesondere wichtig, dass in diesem endzeitlichen Mahl sowohl das Passamahl als auch das Abendmahl gefeiert werden (Lk 22), Versöhnung zwischen christlicher und jüdischer Religion im Horizont der Anwesenheit vieler verschiedener Menschen, von denen die Hülle, Decke oder der Schleier genommen ist.

Und die folgende Erzählung, eine Parabel, die Jesus zur Mahlgemeinschaft, zur Diskussion beisteuert, befasst sich mit dem Sinnspruch:

»Glücklich ist, wer das Brot im Reich Gottes isst!«

Ein Gastgeber lädt relativ spontan Gäste ein:

… ›Kommt, denn jetzt ist es bereit!‹ …

Viele von uns werden die Erfahrung gemacht haben, die der spontane oder als spontan erlebte Gastgeber nun machen muss: Die geladenen Gäste sagen alle ab, wg. Ochsen, Liebesfragen und Grunderwerb. Hätte er sich ja eigentlich denken können, der spontane Gastgeber, seine Einladung reißt die Menschen nach ihrer Wahrnehmung plötzlich aus Angelegenheiten heraus, die für ihren Alltag wichtig sind, aus wirtschaftlichen und erotischen Fragen, die müssen geklärt oder überschaubar sein, bevor jemand gerne auch eine als spontan erlebte Einladung annimmt – und sich Fest sowie geistvolle Diskussionen leisten kann und will.

Der Gastgeber ist aber unbeirrt: Wenn die Geladenen aus Gründen ihrer Alltagssorgen nicht kommen, dann sollen solche kommen, die geschäftliche und erotische Fragen gelassener sehen und auch spontane Einladungen cooler angehen:

… ›Geh schnell auf die Plätze und Gassen der Stadt und führe die armen Leute, die Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein!‹ … – verlangt der zornige Hausherr von seinem Sklaven.

Und als auch dadurch noch nicht genug Mahlteilnehmer/innen da sind, sollen zusätzlich noch müßige Menschen eingeladen werden, die an Straßenecken und Gartenzäunen versonnen herumstehen, die haben ja auch Zeit – und sollen sich nicht langweilen, etwas zu essen bekommen und mitdiskutieren.

Denn es gilt, die Chance wahrzunehmen – und zu kommen, das Fest ist einmalig. Jetzt sind genug Gäste da. Das spontane Mahl findet statt – und die ursprünglich Eingeladenen sind mit ihren Alltagssorgen beschäftigt. Während demgegenüber der Hausherr nun doch noch seinen spontanen Plan durchsetzen konnte.

In dieser Parabel werden manche Normen und Verhaltensweisen infrage gestellt, die möglicherweise auch unseren Alltag bestimmen, der Hausherr findet sein spontanes Gastmahl aber wichtiger – und Jesus als Erzähler stimmt damit überein.

Vor dem Hintergrund, dass Jesu Gesprächspartner vom glücklichen Essen des Brotes im Reich Gottes gesprochen hatte, wird klar, dass aus Jesu Sicht alle Gastmähler einen derartig intensiven Lebenssinn besitzen (können). Bei gemeinsamen Mahlzeiten verständigen wir uns über viele Fragen, die uns betreffen – bzw. setzen uns mit anderen darüber auseinander. Der Ansatz Jesu ist also verständigungsorientiert. Wenn Menschen zu einem Mahl kommen, dann sollen sie auch bereit sein, sich miteinander auseinander zu setzen.

Das wird erschwert, wenn wir eine klare Gästeliste haben und nur diejenigen einladen, mit denen wir ohnehin auskommen. In diesem Punkt scheinen die sozial Ausgegrenzten und die Müßiggänger/innen dem Hausherrn aussichtsreicher. Spätestens im Reich Gottes hat man es auch mit dem sehr gewöhnungsbedürftigen, sehr gedeckt braun gekleideten Alexander Gauland, der zickigen, ganz modern verschleierten Frauke Petry und der schrecklichen, leicht adlig verhüllten Beatrix von Storch zu tun, der man gerne eine Torte ins Gesicht drücken würde, um nur einige Protestant/inn/en zu nennen. Natürlich kann man/frau hoffen, die kämen da nicht hinein … Und man/frau kann sich wie der gerechtfertigte Sünder verhalten, der in die Rolle eine/r/s Pharisäer/in/s schlüpft – und sagt: „Danke, Vater, dass ich nicht so bin, wie diese Rassist/inn/en und Nazis da, die ohnehin nur auf Twitter und Facebook im Müßiggang hetzen, welche abscheulichen Straßenecken und Zäune!“

Klar, dass nur wenige meinen, die gehörten in die Hölle. Aber es geht nur um angemessenes Gesprächsverhalten dieser Protestant/inn/en. Ich gehöre zu denjenigen, die den Gesetzentwurf zur Durchsetzung der Regeln in sozialen Netzwerken von Heiko Maas für überarbeitungswürdig halten − und bin gespannt, wie er nun endgültig aussieht. Ich habe die Probleme aus der Erfahrung als Leiter eines Internetforums kennen gelernt.

Aber im Kern ist er richtig. Denn er versieht nur mit scharfen Sanktionen, was nach dem Telemediengesetz ohnehin gilt. Dabei denke ich schon, dass die Mähler, die im Lukasevangelium gemeint sind, solche sind, bei denen offen und fair miteinander gestritten wird – und Jesus auch scharfe Beiträge liefert, aber auch subtile Gegenrede erfährt wie bei der syrophönizischen Frau Mk 7par.

Das ist äußerst anspruchsvoll, denn jede Meinung kann Widerspruch erfahren. Und solche Diskurse lassen sich nicht stoppen. Das gilt auch für den Versuch der mystisch inspirierten Rechtsanwältin Seyran Ates, die in Berlin eine liberale Moschee gegründet hat – und deswegen auch heftigen Widerspruch erlebt hat, aber nicht nur. Die Moschee ist nach dem bisher bedeutendsten muslimischen Gelehrten benannt, arabisch Ibn Rushd, lateinisch Averroës. Zugleich trägt die Moschee auch den Namen Goethes, der in seinem Westöstlichen Diwan das Gespräch mit mystischen Auffassungen im Islam poetisch geführt hat.

Diese Fähigkeit zur engagierten und fairen Auseinandersetzung müssen wir möglicherweise noch genauer lernen, auch Widerspruch gelassener auszuhalten und besonnen zu widersprechen, damit wir unser Brot im Reich Gottes fröhlich essen können. Denn das ist ein Idealbild der Endzeit, wo wir auch mit unseren Feinden auskommen müssen und können, die dann ohne Verhüllung und Decken da sind.

Nach der letzten Predigt hat ein Gemeindemitglied mir durchaus qualifiziert widersprochen, aber ich musste ganz schnell weg, weil die Bahn-Baustelle chaotische Verhältnisse hat entstehen lassen. Das geht noch bis Ende Juli so, angeblich soll am  Dienstag eine Entspannung eintreten.

Die Mähler im Lukasevangelium sind jedenfalls pointiert weltweit präsent, denn die Bibel ist Gott sei Dank digitalisiert. Ich fände es also gut, wenn Menschen die Möglichkeit nutzten, diese veröffentlichte Predigt auf meinem Blog zu kommentieren – und so das Gespräch fortzusetzen. Dabei kann man/frau auch gerne essen und trinken.

Amen


« TUD-Bibelkunde – Uni Hd: Joh 19,25-30; 20,1-3 »

Info:
Zweiter Sonntag nach Trinitatis (Lk 14,15ff [EfG Griesheim]) ist Beitrag Nr. 6269
Autor:
Martin Pöttner am 24. Juni 2017 um 17:37
Category:
Religiöse Rede
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