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TUD-Bibel­kun­de


Pro­to­koll Grund­ori­en­tie­rung Bibel vom 20.06.17 von MK

Die zitier­ten Bibel­stel­len stam­men aus der Luther­über­set­zung 2017

The­ma: Syn­op­ti­sche Tra­di­ti­on und ins­be­son­de­re das Mar­kus-Evan­ge­li­um

Pött­ner erklärt es etwas anders als Bor­mann.

Syn­op­ti­sche Tra­di­ti­on: Die syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en ist ein Begriff für die Evan­ge­li­en nach Mar­kus, Mat­thä­us und Lukas. Es gibt eine Theo­rie, die davon aus­geht, dass die­se aus klei­nen Tei­len zusam­men­ge­stellt wur­den. Dies ist immer noch eine gän­gi­ge Theo­rie.

Herr Pött­ner bezieht sich auf die Theo­rie von Bult­mann:

Wun­der­ge­schich­ten wur­den in der Mis­si­on ver­wen­det. Davon ist jetzt nicht mehr viel übrig. Es wur­de ange­nom­men, dass die Tex­te als Gat­tun­gen sich auf regel­mä­ßi­ge Situa­tio­nen bezie­hen.

Abend­mahl­tex­te bezie­hen sich auf eine regel­mä­ßi­ge Tra­di­ti­on, eben­so Pas­sah und even­tu­ell auch die Tau­fe. Bei allen ande­ren ist es unwahr­schein­lich, dass die Tex­te situa­ti­ons­be­zo­gen mit die­ser Gat­tung zusam­men­hän­gen.

Des­we­gen hat man immer mehr den Zusam­men­hang zwi­schen den Tex­ten zu beto­nen und eher weni­ger zu unter­stel­len, dass sie aus ein­zel­nen Text­frag­men­ten zusam­men­ge­setzt wur­den.

Die Behaup­tung ist, das die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te stark von der anti­ken Rhe­to­rik beein­flusst ist. Das ver­tritt auch Herr Pött­ner.

Haupt­gat­tun­gen nach Bult­mann sind alle Gat­tun­gen der Anti­ke:

Gno­men – Weis­heits­sprü­che – Sinn­sprü­che

Chrien – Streit­ge­spräch: Pro­ble­me wer­den in der Gemein­schaft aus­ge­tra­gen, Jesus gewinnt fast alle die­ser Gesprä­che.

Para­bel – Gleich­nis­se: rhe­to­ri­scher oder auch poe­ti­scher Sprach­ge­brauch?

Mythoi – Wun­der­ge­schich­ten, See­wan­del, Auf­er­ste­hungs­er­zäh­lun­gen – Mythen

(Bult­mann nennt es Legen­den): Alte Auf­fas­sung, dass die­se Geschich­ten his­to­risch sind und Jesus die­se Wun­der getan hat. In der Anti­ke war es klar, dass Jesus so ein beson­de­rer Mensch war, dass ihm die­se Geschich­ten zuge­schrie­ben wur­den.

Das ent­las­tet uns, dass wir uns nicht fra­gen müs­sen, was davon natur­wis­sen­schaft­lich erklär­bar ist.

Zwei-Quel­len-Theo­rie:

Mat­thä­us und Lukas haben den Auf­bau nach Mar­kus über­nom­men, mit weni­gen Ände­run­gen. Die­ser For­schungs­stand wird immer wie­der bestä­tigt. Mar­kus wur­de als ers­te Quel­le benannt.

Man hat aber gese­hen, das Mat­thä­us und Lukas in Ver­gleich zu Mar­kus sehr ähn­li­che Tex­te hin­zu­fü­gen. Die­se Tex­te sind vor allem Reden. Die wei­te­re Quel­le wird als Q für Quel­le als Reden­quel­le bezeich­net. Es ist umstrit­ten, ob Mar­kus unab­hän­gig von Q ist oder davon abhän­gig.

Die­se Theo­rie ist nur unter alten Theo­lo­gen ver­brei­tet.

Erklä­rung bie­tet die Rhe­to­rik der Anti­ke: In der Anti­ke war es üblich Tex­te umzu­schrei­ben, um sie mit Varia­tio­nen an die Situa­ti­on an zu pas­sen. Und das liegt ver­mut­lich in den syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en vor.

Es wird davon aus­ge­gan­gen, dass sowohl Mat­thä­us und Lukas jeweils noch wei­te­re Quel­len hat­ten, die als Son­der­gut des Mat­thä­us und Son­der­gut des Lukas bezeich­net wer­den. Das Son­der­gut des Lukas ist jedoch sehr ähn­lich mit dem Johan­nes-Evan­ge­li­um.

Tex­te wur­den immer an die Umge­bung ange­passt: bekann­tes­tes Bei­spiel: Sokra­tes schrieb nicht. Es wur­de von Pla­ton und ande­ren auf­ge­zeich­net. Und schon dort tritt das Pro­blem auf, dass die Tex­te sich wider­spre­chen.

Es ent­ste­hen Tra­di­tio­nen die plu­ral sind nach der sokra­ti­schen Schu­le.

Fra­ge: Was ist der rhe­to­ri­sche Sinn der Tex­te? Es ist klar, dass Jesus im Mit­tel­punkt als Haupt­per­son fest­steht, aber wer war er und was bedeu­tet er für die ver­schie­de­nen Grup­pen?

Herr Pött­ner gibt zu, dass es mög­li­cher­wei­se eine älte­re Schrift gibt, die auf Jesus zurück­geht, aber das ist nicht rele­vant.

Es gab einen Ver­such der Evan­ge­li­en­har­mo­nie, aber sie schei­ter­te.

In der Auf­klä­rung gab es die Kri­tik, dass die Tex­te doch his­to­risch sind und wider­sprüch­lich sind, und sich des­we­gen auf nichts His­to­ri­sches bezie­hen.

Aber es ging nicht dar­um his­to­ri­sche Din­ge auf­zu­schrei­ben, son­dern dem einen Sinn zu geben und dies ande­ren Men­schen wei­ter­ge­ben woll­ten.

Ist die Mythik heu­te noch rele­vant? Es gibt Naturwisenschaftler_innen, die die rei­ne natur­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­se als Dog­ma sehen, aber es sehen nicht alle so. Witt­gen­stein meint, auch wenn man alles mathe­ma­tisch beschreibt, kann man nicht den Sinn des Lebens beant­wor­ten.

Man kann die Tex­te auf die heu­ti­gen Fra­gen bezie­hen.

Es wird gele­sen:

Mk 4,35-41 Die Stil­lung des Sturms, ein Mythos Wun­der­ge­schich­te

35 Und am Abend des­sel­ben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns ans and­re Ufer fah­ren. 36 Und sie lie­ßen das Volk gehen und nah­men ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch ande­re Boo­te bei ihm. 37 Und es erhob sich ein gro­ßer Wind­wir­bel, und die Wel­len schlu­gen in das Boot, sodass das Boot schon voll wur­de. 38 Und er war hin­ten im Boot und schlief auf einem Kis­sen. Und sie weck­ten ihn auf und spra­chen zu ihm: Meis­ter, fragst du nichts danach, dass wir umkom­men? 39 Und er stand auf und bedroh­te den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig! Ver­stum­me! Und der Wind leg­te sich und es ward eine gro­ße Stil­le. 40 Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furcht­sam? Habt ihr noch kei­nen Glau­ben? 41 Und sie fürch­te­ten sich sehr und spra­chen unter­ein­an­der: Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehor­sam sind!

Der Ein­druck des Tex­tes:

Jesus wird das Wun­der des Sturm­stil­lens zuge­spro­chen. Das kann man auch über­tra­gen auf den Glau­ben. Im Erzähl­zug schläft Jesus pro­vo­zie­rend und sagt dann zu den Jün­gern: Habt ihr noch kei­nen Glau­ben?“

Jesus ver­sucht damit abzu­weh­ren, dass er der Super­he­ro ist und zu sei­nen Zuhö­rern sagt, dass sie das selbst könn­ten, wenn sie Glau­ben und damit an der Schöp­fer­macht Got­tes teil­neh­men. Die­se The­se zieht sich durch das gan­ze Mar­ku­sevan­ge­li­um. Vgl. dazu ins­be­son­de­re Mk 11,22ff, wo Glau­ben­den zuge­traut wird, etwas zu tun, was sonst biblisch eher Gott zuge­traut wird.

Der Gegen­satz von Glau­be ist Furcht. Die Jün­ger fürch­ten sich vor dem Unwet­ter und dann noch mehr, als Jesus das Unwet­ter gestillt hat.

Als wei­te­res Bei­spiel, dass die­se The­se des Mar­kus nicht zynisch zu ver­ste­hen ist, wird eine wei­te­re Bibel­stel­le gele­sen.

Mk 14,33-42 im Gar­ten Geth­se­ma­ne

33 Und er nahm mit sich Petrus und Jako­bus und Johan­nes und fing an zu zit­tern und zu zagen 34 und sprach zu ihnen: Mei­ne See­le ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet!   35 Und er ging ein wenig wei­ter, fiel nie­der auf die Erde und bete­te, dass, wenn es mög­lich wäre, die Stun­de an ihm vor­über­gin­ge, 36 und sprach: Abba, Vater, alles ist dir mög­lich; nimm die­sen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, son­dern was du willst! 37 Und er kam und fand sie schla­fend und sprach zu Petrus: Simon, schläfst du? Ver­moch­test du nicht eine Stun­de zu wachen? 38 Wachet und betet, dass ihr nicht in Ver­su­chung fallt! Der Geist ist wil­lig; aber das Fleisch ist schwach.   39 Und er ging wie­der hin und bete­te und sprach die­sel­ben Wor­te 40 und kam wie­der und fand sie schla­fend; denn ihre Augen waren vol­ler Schlaf, und sie wuss­ten nicht, was sie ihm ant­wor­ten soll­ten. 41 Und er kam zum drit­ten Mal und sprach zu ihnen: Ach, wollt ihr wei­ter­schla­fen und ruhen? Es ist genug; die Stun­de ist gekom­men. Sie­he, der Men­schen­sohn wird über­ant­wor­tet in die Hän­de der Sün­der. 42 Steht auf, lasst uns gehen! Sie­he, der mich ver­rät, ist nahe.

Gegen­sze­ne zur Sturm­stil­lung:

Jesus fürch­tet sich und sei­ne Jün­ger schla­fen. Das zeigt: Jesus ist nicht immer auf der Sei­te des Glau­bens, auch er spürt Furcht. Er funk­tio­niert als Erlö­sungs­fi­gur, weil er auch das nega­ti­ve ver­kör­pert, weil es ihn betrifft. Er ist eine ambi­va­len­te Figur. Er trägt das Pro­blem auch bei sich aus. Jesus muss auch mal Angst haben.

Es gibt also die­se Pro­blem­ge­schich­ten, die das gan­ze Evan­ge­li­um zusam­men­fas­sen.

Schüler_innen sind im Mar­kus-Evan­ge­li­um bis ans Ende nicht ganz bei Jesus. Leser_innen kön­nen aber dar­aus lesen, wie gutes Leben aus der Sicht von Mar­kus wäre: Im Ver­trau­en auf die Schöp­fer­macht Got­tes, selbst Teil die­ser Macht zu wer­den.

Schwie­ri­ge Situa­tio­nen lösen sich manch­mal, wenn man die­ses Model anwen­det.

Mk 16, 1-8

1 Und als der Sab­bat ver­gan­gen war, kauf­ten Maria Mag­da­le­na und Maria, die Mut­ter des Jako­bus, und Salo­me wohl­rie­chen­de Öle, um hin­zu­ge­hen und ihn zu sal­ben. 2 Und sie kamen zum Grab am ers­ten Tag der Woche, sehr früh, als die Son­ne auf­ging. 3 Und sie spra­chen unter­ein­an­der: Wer wälzt uns den Stein von des Gra­bes Tür? 4 Und sie sahen hin und wur­den gewahr, dass der Stein weg­ge­wälzt war; denn er war sehr groß.   5 Und sie gin­gen hin­ein in das Grab und sahen einen Jüng­ling zur rech­ten Hand sit­zen, der hat­te ein lan­ges wei­ßes Gewand an, und sie ent­setz­ten sich. 6 Er aber sprach zu ihnen: Ent­setzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Naza­reth, den Gekreu­zig­ten. Er ist auf­er­stan­den, er ist nicht hier. Sie­he da die Stät­te, wo sie ihn hin­leg­ten. 7 Geht aber hin und sagt sei­nen Jün­gern und Petrus, dass er vor euch hin­geht nach Gali­läa; da wer­det ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat. 8 Und sie gin­gen hin­aus und flo­hen von dem Grab; denn Zit­tern und Ent­set­zen hat­te sie ergrif­fen. Und sie sag­ten nie­mand etwas; denn sie fürch­te­ten sich.

(Dies ist wahr­schein­lich das ursprüng­li­che Ende, die wei­te­ren Ver­se wur­den spä­ter hin­zu­ge­fügt.)

Es gibt einen Wider­spruch im Text: Es endet mit der Furcht, wes­we­gen die Frau­en nie­man­dem etwas sagen wol­len, die Bot­schaft kommt aber trotz­dem zu den Leser_innen. Denn obwohl sie nichts gesagt haben, ist die Bot­schaft wei­ter­ge­tra­gen wor­den. Es wird eine schlaue mit­den­ken­de Leser­schaft vor­aus­ge­setzt. Die­se sol­len sich gewis­ser­ma­ßen selbst auf den Weg machen nach Gali­läa um Jesus nach­zu­fol­gen.

Das nächs­te Mal ist das The­ma das Lukas-Evan­ge­li­um und die Apos­tel­ge­schich­te und Herr Pött­ner wird ver­su­chen den Zusam­men­hang bes­ser dar­zu­stel­len, als es bei Bor­mann der Fall ist.

« TUD: Berg­pre­digt – Zwei­ter Sonn­tag nach Tri­ni­ta­tis (Lk 14,15ff [EfG Gries­heim]) »

Info:
TUD-Bibel­kun­de ist Beitrag Nr. 6287
Autor:
Martin Pöttner am 24. Juni 2017 um 16:21
Category:
Bibelkunde
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