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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


TUD: Bergpredigt">TUD: Bergpredigt


Diens­tag 06.06.2017, 11:50-13.20 Uhr

Semi­nar: Ein­füh­rung in die exege­ti­schen Metho­den und das wis­sen­schaft­li­che Arbei­ten
Pro­to­kol­lan­tin: Bet­ti­na Rei­chelt

Quel­le Ein­heits­über­set­zung: http://www.bibelwerk.de/Bibel.12790.html/Einheitsübersetzung+online.12798.html?mode=normal

The­ma: Mat­thä­us 5,38 bis 48 (Berg­pre­digt): Was ist Ver­gel­ten? Fein­des­lie­be!

Ihr habt gehört, dass gesagt wor­den ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.
39Ich aber sage euch: Leis­tet dem, der euch etwas Böses antut, kei­nen Wider­stand, son­dern wenn dich einer auf die rech­te Wan­ge schlägt, dann halt ihm auch die ande­re hin. 40Und wenn dich einer vor Gericht brin­gen will, um dir das Hemd weg­zu­neh­men, dann lass ihm auch den Man­tel. 41Und wenn dich einer zwin­gen will, eine Mei­le mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm. 42Wer dich bit­tet, dem gib, und wer von dir bor­gen will, den wei­se nicht ab.

43Ihr habt gehört, dass gesagt wor­den ist: Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben und dei­nen Feind has­sen. 44Ich aber sage euch: Liebt eure Fein­de und betet für die, die euch ver­fol­gen, 45damit ihr Söh­ne eures Vaters im Him­mel wer­det; denn er lässt sei­ne Son­ne auf­ge­hen über Bösen und Guten, und er lässt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te. 46Wenn ihr näm­lich nur die liebt, die euch lie­ben, wel­chen Lohn könnt ihr dafür erwar­ten? Tun das nicht auch die Zöll­ner? 47Und wenn ihr nur eure Brü­der grüßt, was tut ihr damit Beson­de­res? Tun das nicht auch die Hei­den? 48Ihr sollt also voll­kom­men sein, wie es auch euer himm­li­scher Vater ist.

Zur Form:
sprach­li­che Form der Ver­nei­nung.
Im Abschnitt über das Töten: Abschwä­chung
Im Abschnitt über das Schwö­ren: tota­le Ver­nei­nung.

Auge um Auge“: Prin­zip des Aus­gleichs hat sich recht­lich durch­ge­setzt,
(sie­he auch Sozi­al­ge­setz­ge­bung der BRD)

Jesus sagt, dass man sich nicht weh­ren soll. Wenn man sich wehrt, wird nach der eige­nen Auf­fas­sung ein Aus­gleich geschaf­fen. Es kann aber sein, dass der ande­re dann wie­der einen Aus­gleich for­dert (Spi­ra­le). Durch eine Vor­leis­tung wird dem ande­ren der Wind aus den Segeln genom­men. Das Hin und Her, die Stei­ge­rung wird dadurch unter­bro­chen.

Herr Pött­ner ver­weist hier auf die Besat­zung der Römer und auf ihr Besat­zungs­recht.
Sich auf die Backe schla­gen las­sen, ist eine ziem­li­che Demü­ti­gung, eben­so das Las­ten tra­gen. Stand­punkt der Römer war: „Weil ihr ver­lo­ren habt, müsst ihr für uns arbei­ten“.
Indem man „einen drauf setzt“ und dies frei­wil­lig tut, steht man über dem Befehl.
Die ele­men­ta­re emo­tio­na­le Ebe­ne könn­te bei einem Römer vor­han­den sein.
So beginnt der Ande­re zu über­le­gen, ob sei­ne Hand­lungs­wei­se in Ord­nung ist.

Jesus sagt, wir sol­len dem Bösen über­haupt nicht wider­ste­hen. Las­ten tra­gen ist eine Eigen­ak­ti­vi­tät des Unter­drück­ten, die auf die Hand­lungs­wei­se des Schä­di­gers Ein­fluss nimmt.

Die Berg­pre­digt inspi­rier­te den „Gewalt­lo­sen Wider­stand“ von Bon­hoef­fer, Gan­dhi, Mar­tin Luther King. Das Prin­zip ist poli­tisch rele­vant.
Sie­he auch Wen­de­zeit: Frie­dens­ge­be­te in Leip­zig und stil­le Demons­tra­tio­nen hal­fen Gewalt und Gefahr eines Blut­ba­des zu ver­mei­den.

Hier ist nicht tota­le Pas­si­vi­tät gemeint oder dem Bösen frei­en Lauf zu las­sen.

Herr Pött­ner ver­weist auf den Kir­chen­tag und die libe­ral kon­ser­va­ti­ve Posi­ti­on.
Wer die Macht hat, ist Ver­ant­wor­tungs­ethi­ker. Fra­ge nach dem Erfolg ihrer Pra­xis.

Eine über­le­ge­ne Waf­fen­ge­walt kann ein Blut­bad anrich­ten. Die Berg­pre­digt gibt hier eine Hand­lungs­wei­se vor, die einem ermög­licht, selbst anders zu han­deln.


Hier ein ganz wich­ti­ger Punkt: Der Zorn im Ver­hält­nis zum Tötungs­ver­bot.
Eine Gesell­schaft aus der Sicht der Berg­pre­digt sol­le kei­ne Hass­kom­mu­ni­ka­ti­on dar­stel­len. Auch beim Schwö­ren kommt man gesamt­ge­sell­schaft­lich nur wei­ter, wenn man nichts ver­birgt. Beson­ne­ne Prak­ti­ken an den Tag legen auch in Bezug auf die Gefüh­le.
Man soll es nicht dazu kom­men las­sen, dass sich der Zorn auf den aus­wirkt, auf den man zor­nig ist. Sich erst ver­söh­nen, bevor man etwas auf dem Altar opfert: wen­det sich gegen eine unsin­ni­ge pries­ter­li­che Pra­xis: nicht nur sei­ne Sün­den ent­sün­di­gen, son­dern den Kon­flikt an der Wur­zel packen.

Hoch­an­spruchs­vol­le Ethik: das Pas­si­vi­täts­pro­blem passt nicht zu den vor­he­ri­gen Tex­ten, Not­wen­dig­keit der Akti­vi­tät des Ein­zel­nen, an emo­tio­na­len Pro­ble­men arbei­ten.

Der Zorn ist all­ge­mein bekannt: jeder war schon mal zor­nig. Schimpf­wor­te ver­mei­den: (Du Narr oder du Idi­ot). Die Akti­vi­tät besteht dar­in, den Zorn sich nicht sozi­al sich aus­wir­ken las­sen.

Über­tra­gung auf: „dem Bösen nicht wider­ste­hen“. Ver­brei­te­te Inter­pre­ta­ti­on ist die pas­si­ve Hin­nah­me. Das ist aber nicht gemeint! Es besteht die Gefahr, dass der Schä­di­gen­de sich bestärkt fühlt. Aber es besteht auch die Mög­lich­keit, dass er sein Ver­hal­ten reflek­tiert.

Gan­dhi, Bon­hoef­fer und Luther King haben dies auf­ge­grif­fen.

Bei­trag aus der Semi­nar­grup­pe: Das ers­te Gewand stillt viel­leicht den gefühl­ten Man­gel, beim zwei­ten Gewand spürt der ande­re, dass sein Motiv nicht das glei­che ist wie beim ers­ten Gewand.

Recht der Gewalt ist nach der Berg­pre­digt kein Prin­zip für Gerech­tig­keit.

Aus­gleich für mas­si­ve jahr­hun­der­te­lan­ge Unge­rech­tig­keit wie Kolo­nia­lis­mus, Ras­sis­mus, römi­sche Besat­zungs­macht ist nicht mög­lich. Die­sen Anspruch nach Gerech­tig­keit auf­ge­ben. Jesus plä­diert nicht für einen Auf­stand. (Gegen­bei­spiel der bru­ta­len Dolch­män­ner.)

In der Berg­pre­digt geht es dar­um, an den eige­nen Emo­tio­nen zu arbei­ten.

Luther schlug vor, dass die­se Ethik als Ver­ant­wor­tungs­ethik nicht rele­vant ist: „Wenn ich nur von mir aus­ge­he, dann hand­le ich nach der Berg­pre­digt, wenn ich in einem Amt bin, muss ich zum Teil ande­re Metho­den anwen­den“. Die­se Sicht hat sich bis heu­te (lei­der) durch­ge­setzt.

Herr Pött­ner sieht die­se Inter­pre­ta­ti­on kri­tisch und als Schwä­che in der Theo­lo­gie Luthers:
Da nur weni­ge Men­schen glau­ben, und vie­le nicht nach der Berg­pre­digt leben, muss man in einem Amt ande­re Metho­den ent­wi­ckeln, um den Men­schen auf ihrer Ebe­ne zu begeg­nen.

Vers 42 bis 48: Was steht in den hei­li­gen Schrif­ten der Juden und wie legt Jesus das aus?

Du sollst den Nächs­ten lie­ben und den Feind has­sen. (Vers 43). Die­ses Gebot gibt es so in der Bibel nicht. Damit sind die Geschich­ten aus dem Rich­ter­buch gemeint, dass der Herr selbst Krieg führt und der Bann am Feind voll­streckt wird. Im Kriegs­fall soll man die Fein­de töten. Das Grund­ge­fühl ist der Hass.

Jesus legt offen, dass den Feind zu has­sen eine land­läu­fi­ge Mei­nung ist und emp­fiehlt, liebt eure Fein­de, bit­tet für sie, tut ihnen wohl.
Jeman­den zu has­sen ist anstren­gend, kos­tet viel Ener­gie.

Wer ist heu­te unser Feind? Zum Bei­spiel der Isla­mi­sche Staat – hier zu lie­ben ist schwer!
Man soll­te nie­mals von sich selbst ein Unschulds­bild haben. Die west­li­chen Gesell­schaf­ten beför­dern bestimm­te Ent­wick­lun­gen in der Welt und sind vie­ler­orts als Kolo­ni­al­macht auf­ge­tre­ten. Das beför­dert eine Form der Gegen­wehr. Die schre­cken­er­re­gen­de Ant­wort ist die der Al Kai­da und die des IS. Sie wol­len mit geziel­ten Stra­te­gi­en ver­letz­li­che Aspek­te der west­li­chen Gesell­schaft angrei­fen. Das nennt man asym­me­tri­sche Kriegs­füh­rung.

Die­se Form des Pazi­fis­mus ist nur dann dis­ku­ta­bel, wenn die Kon­flik­te, die zugrun­de lie­gen, bear­bei­tet wer­den. Die Sün­de ist nicht weg, wenn ein Opfer dar­ge­bracht wird. Man muss sich dem Kon­flikt stel­len. Die EKD hat Ver­fah­ren beschrie­ben, die Kon­flik­te, die in der Welt bestehen, zu lösen.

Die ara­bi­schen Gesell­schaf­ten haben sich im 19. Jahr­hun­dert gespal­ten in Ober­schich­ten, die mit der Kolo­ni­al­mäch­ten zusam­men­ge­ar­bei­tet haben und einer Bewe­gung hin zum Isla­mis­mus. Der Isla­mis­mus ist nicht der gan­ze Islam. (Der IS rich­tet sich gegen Chris­ten und Jesi­den.)

Die Berg­pre­digt ist auch auf die­se Pro­blem­fäl­le anwen­den, so Herr Pött­ner.
Im Pro­tes­tan­tis­mus gibt es Pro und Con­tra zu die­ser Fra­ge.

Man soll­te mit dem IS und den Tali­ban ver­han­deln. Das sagt auch Sig­mar Gabri­el.
Die Rhe­to­rik der Ver­ant­wor­tungs­ethik wird dem Pro­blem aktu­ell in der Welt nicht gerecht.

Die­se Grup­pen wol­len die Men­schen, die Ara­bi­en über 2-3 Jahr­hun­der­te gede­mü­tigt haben, emp­find­lich tref­fen. Der Wes­ten will das igno­rie­ren.

Es ging bis­her um Glie­de­rung (Syn­tax), Inhalt und mit­hin Seman­tik. Wel­che reli­giö­se Funk­ti­on (Prag­ma­tik) haben die­se Tex­te? Das wird uns in den nächs­ten Stun­den inter­es­sie­ren.

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Info:
TUD: Bergpredigt ist Beitrag Nr. 6246
Autor:
Martin Pöttner am 10. Juni 2017 um 19:32
Category:
Bergpredigt
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