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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


TUD-Bibelkunde

  1. Sitzungsprotokoll

TU Darmstadt, Institut für Theologie und Sozialethik

Veranstaltung: Grundorientierung Bibel

Dozent: Prof. Dr. Martin Pöttner

Datum: 06.06.2017, 09.50-11.30 Uhr

Thema: Prophetie vom 7. bis zum 2. Jh. v. Chr.

Protokollführerin: CG

In der heutigen Sitzung wurden die Propheten vom 7. bis zum 2. Jh. v. Chr. behandelt, dazu sollten alle Studierenden im Vorfeld das Kapitel 7 aus dem Buch „Bibelkunde“ von Lukas Bormann gelesen haben.

Nach Ansicht von Herrn Pöttner ist die Darstellung der Propheten bei Bormann etwas chaotisch angeordnet: Im Buch wird versucht, die geschichtlichen Elemente mit der Entwicklung der Prophetenbücher zu verbinden, und erst am Ende des Kapitels wird klargestellt, inwiefern welche in das Zwölfprophetenbuch eingliedert sind.

Im Seminar betrachteten wir daher einfach die Propheten unabhängig voneinander.

  1. Jeremia

Jeremia ist der wichtigste neue Prophet, für den bezeichnend ist, dass er sein eigenes Leben als ausgesprochen leidvoll empfindet. Ein Hinweis auf die schwierige Lebenssituation der Propheten lässt sich in der Bergpredigt finden: „Selig seid ihr, wenn euch die Menschen um meinetwillen schmähen und verfolgen und allerlei Böses gegen euch reden und dabei lügen. (…) Denn ebenso haben sie verfolgt die Propheten, die vor euch gewesen sind.“ (Mt 5,11-12) Wie stark Jeremia tatsächlich leidet, belegt diese Bibelstelle (dieses und die folgenden Bibelzitat/e stammen aus der revidierten Lutherbibel von 2017):

Jer 20, 14-18

14 Verflucht sei der Tag, an dem ich geboren bin; der Tag soll ungesegnet sein, an dem mich meine Mutter geboren hat!

15 Verflucht sei, der meinem Vater gute Botschaft brachte und sprach: »Du hast einen Sohn«, sodass er ihn fröhlich machte!

16 Der Tag soll sein wie die Städte, die der HERR vernichtet hat ohne Erbarmen. Am Morgen soll er Wehklage hören und am Mittag Kriegsgeschrei,

17 weil er mich nicht getötet hat im Mutterleibe, sodass meine Mutter mein Grab geworden und ihr Leib ewig schwanger geblieben wäre!

18 Warum bin ich doch aus dem Mutterleib hervorgekommen, wenn ich nur Jammer und Herzeleid sehen muss und meine Tage in Schmach zubringe!

In diesen sogenannten „Konfessionen Jeremias“ wird deutlich, dass er angesichts seines Leids sogar seine eigene Existenz bedauert. Daneben litt er auch unter der mangelnden Gerechtigkeit im sozialen Leben und sprach sich vehement gegen die Fremdgötterverehrung aus.

Wichtig für Jeremia sind seine Zeichenhandlungen (körperliche Darstellungen zur Demonstration von Voraussagen) und Visionen. Ein Beispiel für erstere ist die Geschichte zur Frage, ob die Judäer mit den Babyloniern einen Vertrag schließen sollen. Jeremia plädiert dafür, sich freiwillig unter das Joch des Königs von Babel zu begeben und im Exil auszuharren, bis Gott das Volk wieder in sein Land zurückholt, und unterstreicht seine Rede damit, dass er ein (hölzernes) Joch auf den Schultern trägt: „Das Volk aber und das Königreich, das Nebukadnezar, dem König von Babel, nicht untertan sein will und das seinen Nacken nicht unter das Joch des Königs von Babel beugt, dieses Volk will ich heimsuchen mit Schwert, Hunger und Pest, spricht der HERR, bis ich sie durch seine Hand umbringe.“ (Jer 27,8) „Aber das Volk, das seinen Nacken unter das Joch des Königs von Babel beugt und ihm untertan ist, das will ich in seinem Lande lassen, dass es dasselbe bebaue und bewohne, spricht der HERR.“ (Jer 27,11) „Sie sollen nach Babel geführt werden und dort bleiben bis auf den Tag, an dem ich nach ihnen sehe, spricht der HERR, und ich sie wieder zurückbringen lasse an diesen Ort.“ (Jer 27,22) Der Gegenprophet Hananja jedoch rät dem Volk das Gegenteil und behauptet, Gott werde das Joch des babylonischen Königs für sein Volk nicht zulassen: „Da nahm der Prophet Hananja das Joch vom Nacken des Propheten Jeremia und zerbrach es.“ (Jer 28,10) Jeremia wird aber von Gott bestärkt und erhält folgenden Auftrag: „Geh hin und sage Hananja: So spricht der HERR: Du hast hölzerne Jochstangen zerbrochen; so hast du nun eiserne Jochstangen an ihre Stelle gesetzt.“ (Jer 28, 13) Die Worte Jeremias drücken sich also auch in seinen körperlichen Handlungen aus.

Sowohl das Jeremia-Buch als auch die Klagelieder behandeln vorwiegend das Ende des judäischen Königtums und beklagen das Schicksal Israels. Es ist interessant, wie innerhalb der judäischen Religion die Leidenserfahrungen aufgearbeitet werden, nämlich in Form der Konfessionen Jeremias, seinem starken Leiden unter denen, die ihn ablehnen, und auch unter Gottes Wort.

  1. Ezechiel

Der Name Ezechiels ist in der Lutherbibel mit Hesekiel übersetzt (mit der Betonung auf dem zweiten e).

Es handelt sich um einen sehr interessanten und eigenwilligen Propheten, der etwas hinter Jesaja und Jeremia zurücksteht. Angeblich lebt er schon in Babylon und reflektiert von dort aus das Ende Jerusalems und des Südreichs, wobei er auch die Vision des wiederhergestellten Israels und eines neuen Tempels hat (Ez 40-48). Schon bei Esra und Nehemia ging es um den Aufbau der Stadtmauer und des Tempels – hier reflektiert sich diese Entwicklung in Form einer Vision.

Theologisch wichtig ist Ezechiels Leistung, dass er nicht die Schuld des Volkes oder eines Königs reflektiert, sondern die des einzelnen Menschen. Der Herr (JHWH) bezieht sich also offenbar auf das Schicksal jedes einzelnen Individuums.

Ez 33,11

11 So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefallen am Tode des Gottlosen, sondern dass der Gottlose umkehre von seinem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. Warum wollt ihr sterben, ihr vom Hause Israel?

Dieser Vers ist eindeutig auf Israel (im Sinne von Juda) bezogen, aber hier ist der Gottlose eine einzelne Person, so dass jetzt nicht mehr die Idee des Kollektivschicksals vorherrscht (auch Kollektive sind individuell bestimmt).

Folgende Verse dienen sehr gut zur Veranschaulichung der biblischen Welt:

Ez 11,19-20

19 Und ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben,

20 damit sie in meinen Geboten wandeln und meine Ordnungen halten und danach tun. Und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Es bleibt zwar bei der Figur des Volkes, aber Gott gibt den einzelnen Personen ein anderes Herz und einen neuen Geist, wodurch die Umkehr möglich wird. Das Herz und die Umkehr sind zwei Verständnisse, die für viele Texte des Neuen Testaments absolut grundlegend sind und damit das Christentum geprägt haben.

Typisch für Ezechiel sind seine irren Zeichenhandlungen, z. B. isst er eine Buchrolle auf, die ihm „süß wie Honig“ schmeckt (Ez 3,1-3), oder die Belagerung Jerusalems darstellt, indem er zuerst 390 Tage auf der linken und dann 40 Tage auf der rechten Seite liegt und dabei nur wenig Wasser und verunreinigte Kost (auf Kot gebackenes Brot) zu sich nehmen darf (Ez 4).

Geradezu grandios sind die Visionen Ezechiels, vor allem seine Darstellung des Glanzes bzw. der Herrlichkeit Gottes durch die detaillierte und skurrile Schilderung als einen bewegten Thronwagen, hier ein Auszug:

Ez 1,1-28

1 Im dreißigsten Jahr am fünften Tage des vierten Monats, als ich inmitten der Verschleppten am Fluss Kebar war, tat sich der Himmel auf, und ich sah Erscheinungen Gottes.

2 Am fünften Tag des Monats – es war das fünfte Jahr, nachdem der König Jojachin gefangen weggeführt war –,

3 da geschah das Wort des HERRN zu Hesekiel, dem Sohn des Busi, dem Priester, im Lande der Chaldäer am Fluss Kebar. Dort kam die Hand des HERRN über ihn.

4 Und ich sah, und siehe, es kam ein ungestümer Wind von Norden her, eine mächtige Wolke und loderndes Feuer, und Glanz war rings um sie her, und mitten im Feuer war es wie blinkendes Kupfer.

5 Und mitten darin war etwas wie vier Wesen; die waren anzusehen wie Menschen.

6 Und jedes von ihnen hatte vier Angesichter und vier Flügel.

7 Und ihre Beine standen gerade, und ihre Füße waren wie Hufe von Stieren und glänzten wie blinkende, glatte Bronze.

8 Und sie hatten Menschenhände unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten; die vier hatten Angesichter und Flügel.

9 Ihre Flügel berührten einer den andern. Und wenn sie gingen, brauchten sie sich nicht umzuwenden; immer gingen sie in der Richtung eines ihrer Angesichter.

10 Ihre Angesichter waren vorn gleich einem Menschen und zur rechten Seite gleich einem Löwen bei allen vieren und zur linken Seite gleich einem Stier bei allen vieren und hinten gleich einem Adler bei allen vieren.

11 Und ihre Flügel waren nach oben hin ausgespannt; je zwei Flügel berührten einander, und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib.

12 Immer gingen sie in der Richtung eines ihrer Angesichter; wohin der Geist sie trieb, dahin gingen sie; sie brauchten sich im Gehen nicht umzuwenden.

13 Und in der Mitte zwischen den Wesen sah es aus, wie wenn feurige Kohlen brennen, und wie Fackeln, die zwischen den Wesen hin und her fuhren. Das Feuer leuchtete, und aus dem Feuer kamen Blitze.

14 Und die Wesen liefen hin und her, dass es aussah wie Blitze.

15 Als ich die Wesen sah, siehe, da stand je ein Rad auf der Erde bei den vier Wesen, bei ihren vier Angesichtern.

16 Die Räder waren anzuschauen wie ein Türkis und waren alle vier gleich, und sie waren so gemacht, dass ein Rad im andern war.

17 Nach allen vier Seiten konnten sie gehen; sie brauchten sich im Gehen nicht umzuwenden.

18 Und ihre Felgen waren hoch und furchterregend, ihre Felgen waren voller Augen ringsum bei allen vier Rädern.

19 Und wenn die Wesen gingen, so gingen auch die Räder mit, und wenn die Wesen sich von der Erde emporhoben, so hoben die Räder sich auch empor.

20 Wohin der Geist sie trieb, dahin gingen sie, und die Räder hoben sich mit ihnen empor; denn es war der Geist der Wesen in den Rädern.

21 Wenn sie gingen, so gingen diese auch; wenn sie standen, so standen diese auch; und wenn sie sich emporhoben von der Erde, so hoben sich auch die Räder mit ihnen empor; denn es war der Geist der Wesen in den Rädern.

22 Aber über den Häuptern der Wesen war es wie eine Himmelsfeste, wie ein Kristall, unheimlich anzusehen, oben über ihren Häuptern ausgespannt,

23 dass unter der Feste ihre Flügel gerade ausgestreckt waren, einer an dem andern; und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib.

24 Und ich hörte ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, wenn sie gingen, ein Getöse wie in einem Heerlager. Wenn sie aber stillstanden, ließen sie die Flügel herabhängen,

25 und es donnerte im Himmel über ihnen. Wenn sie stillstanden, ließen sie die Flügel herabhängen.

26 Und über der Feste, die über ihrem Haupt war, sah es aus wie ein Saphir, einem Thron gleich, und auf dem Thron saß einer, der aussah wie ein Mensch.

27 Und ich sah, und es war wie blinkendes Kupfer aufwärts von dem, was aussah wie seine Hüften; und abwärts von dem, was wie seine Hüften aussah, erblickte ich etwas wie Feuer und Glanz ringsumher.

28 Wie der Regenbogen steht in den Wolken, wenn es geregnet hat, so glänzte es ringsumher. So war die Herrlichkeit des HERRN anzusehen. Und als ich sie gesehen hatte, fiel ich auf mein Angesicht und hörte einen reden.

Diese Beschreibungen gleichen heutiger Fantasy-Literatur – durch den Schreibstil soll dargestellt werden, dass der Glanz bzw. die Herrlichkeit Gottes nicht einfach nur eine Lichterscheinung, sondern eine ungeheure Flut von Eindrücken ist, die permanent in Bewegung fließt. Dabei werden neben Edelsteinen, die allein der Darstellung des Gottes gerecht geworden wären, auch tierähnliche Wesen geschildert. Diese tauchen später wieder auf als Symbole für die vier Evangelisten:

  • Matthäus = Mensch (Engel)
  • Markus = Löwe
  • Lukas = Stier
  • Johannes = Adler

Diese Zuordnung der Evangelisten zu Tierwesen war nach Ansicht von Herrn Pöttner nicht besonders sinnvoll und hat heute auch in der kirchlichen Rezeption kaum noch Bedeutung, wird aber trotzdem noch zuweilen erwähnt. Jedenfalls kann man daran die Auswirkung des Textes auf das Neue Testament erkennen.

Für das Judentum ist entscheidend, dass diese andersartige, fremde und skurrile Vision als eine mystische zu verstehen ist und nicht als reale Schau, wie der gewöhnliche Mensch sie haben könnte. Die Vision wurde von Ezechiel in die Welt gesetzt und wurde bzw. wird immer weiter ausgelegt, sowohl vom rabbinischen Judentum als auch später vom Christentum.

  1. Jesaja II (Deuterojesaja)

Darunter versteht man den zweiten (mittleren) Teil des Jesaja-Buches, genauer Kapitel 40-55. Die alte Theorie, dass dieses Buch einen einzigen Propheten als Kern haben müsste, hat sich schon für den ersten Teil nicht bestätigen lassen, denn Kapitel 25 stammt offensichtlich aus einer späteren Zeit. Es gilt der Konsens, dass der zweite Teil auf hauptsächlich einen Propheten zurückgeht, der mit der Oberschicht Jerusalems nach Babylon gekommen ist. Man nimmt an, dass die Texte nach dem Sieg von Kyros über die Babylonier und vor der tatsächlichen Rückkehr einiger Exilanten nach Jerusalem und Juda entstanden sind, weil dieser Sieg nicht wie bei Ezechiel nur eine Vision ist (bei Esra und Nehemia haben wir gelesen, dass die Exilanten wieder nach Judäa und Jerusalem zurückkehren können), sondern tatsächlich greifbar. Dies ist insofern wichtig, als dass Deuterojesaja eine aus religiöser und theologischer Sicht bedeutende Figur ist. Er unterstellt, der Gott Israels sei der einzige Gott überhaupt. Schon in der Urgeschichte (Gen 1) und bei Abrahams Berufung (Gen 12) gab es diese Tendenz, aber danach folgte eine immer engere Fokussierung auf das Volk Israel. Bei Deuterojesaja ist nun die Wende erreicht – es ist eindeutig ein monotheistischer Text. Deuterojesaja nimmt verschiedene Elemente auf und versteht die angekündigte Rückkehr der Exilanten nach Jerusalem als neuen Exodus:

Jes 48, 20-21

20 Geht heraus aus Babel, flieht von den Chaldäern! Mit fröhlichem Schall verkündigt dies und lasst es hören, tragt’s hinaus bis an die Enden der Erde und sprecht: Der HERR hat seinen Knecht Jakob erlöst.

21 Sie litten keinen Durst, als er sie leitete in der Wüste. Er ließ ihnen Wasser aus dem Felsen fließen, er spaltete den Fels, dass Wasser herausrann.

Dies ist eine poetische Anspielung auf das Haderwasser: „Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit dem Stab zweimal. Da kam viel Wasser heraus, sodass die Gemeinde trinken konnte und ihr Vieh.“ (Num 20,11) In dieser Schilderung der Rückkehr der Exilanten nach Jerusalem wiederholt sich also Gottes anfängliches Handeln – das Exil lässt sich durch einen neuen Auszug beenden. Wichtig ist, dass es nun eine Religion ist, mit dem Bewusstsein, dass dieser rettende Gott mit allen anderen Völkern interagiert, z. B. gibt es die (nach Meinung von Herrn Pöttner überzogene) Überlegung, ob Kyros hier ein Gottesknecht sein kann. Klar ist aber, dass der Herr sich des Kyros bedienen kann, um sein Volk wieder in seine Heimat zurückzuführen, ohne dass dann wie bei Esra und Nehemia eine ethnische Konzeption erforderlich wäre. Denn Gott ist der Gott aller Völker!

Jes 44,6

6 So spricht der HERR, der König Israels, und sein Erlöser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Erste und ich bin der Letzte, und außer mir ist kein Gott.

Diese etwas überheblich anmutende Formulierung wurde zu „Ich bin der Anfang und das Ende“ interpretiert und wird so immer wieder im Christentum rezipiert.

Jes 45,5

5 Ich bin der HERR, und sonst keiner mehr, kein Gott ist außer mir. (…)

Hier wird die monotheistische Tendenz der Schöpfungsgeschichte erstmalig ganz deutlich ausgesprochen und unzweifelhaft belegt! Der Gott Israels ist eindeutig der einzige Gott, also über alle Völker. Er kann also auch andere Menschen „steuern“, hier am Beispiel des Kyros:

Jes 45, 1

1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus, den ich bei seiner rechten Hand ergriff, (…)

In der Sprache des Deuterojesaja bezeichnet Gott Kyros gar als den Gesalbten, also den Messias. Damit ist Kyros eine ganz wichtige Figur, weswegen auch oft angenommen wird, dass die Gottesknechtslieder von ihm handeln (Herr Pöttner ist davon allerdings nicht überzeugt).

Folgend Textstelle belegt die starke Wandlung des Gottesbildes im Vergleich zum Richter-Buch:

Jes 42, 1-4

1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich halte, und mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe ihm meinen Geist gegeben; er wird das Recht unter die Heiden bringen.

2 Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.

3 Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. In Treue trägt er das Recht hinaus.

4 Er selbst wird nicht verlöschen und nicht zerbrechen, bis er auf Erden das Recht aufrichte; und die Inseln warten auf seine Weisung.

Luther kannte in seiner Welt keine Sklaven, was sich in seiner Übersetzung widerspiegelt: Er spricht von den antiken Sklaven ausschließlich als Knechten, dadurch entsteht allerdings kein Bedeutungsverlust. Der Text zielt auf die sogenannten Heiden ab, und mit den „Inseln“ sind wahrscheinlich die in der Ägäis (also Griechenland) gemeint – es geht demzufolge nicht nur um Israel und Judäa. Man könnte annehmen, dass dieser Text erst nach dem 5. Jh. entstanden ist; vielleicht hatte man bei der Verschriftlichung schon die griechische Herrschaft im Blick.

Wichtig ist der glimmende Docht, der nicht ausgelöscht wird – damit ist der Ausschluss von Gewaltbereitschaft gemeint. Der Knecht Gottes verkündet leise: Gott setzt sich nicht weiter mit Gewalt durch und bezieht sich nicht nur auf diese eine Ethnie, sondern will auch Inseln mit dem Recht versorgen, Europa ist also auch im Blick dieses Textes! Nicht Gott selbst, aber seine Heilsfigur (der Knecht Gottes) agiert gewaltlos, weswegen die Christen diesen Text auf Jesus von Nazareth bezogen. Es ist aber nicht als messianische Weissagung zu verstehen, sondern als Fortschreibung, die 500 Jahre später eingetreten ist.

Wichtig ist für uns, dass das Gottesbild Israel sich noch im Alten Testament dramatisch geändert hat. Die Idee der liebenden Zuwendung Gottes zur Welt ist also nicht erst im Christentum entstanden, sondern war schon im Judentum vorhanden, was durch Deuterojesaja eindeutig belegt ist.

Jes 53, 1-7

1 Aber wer glaubt dem, was uns verkündet wurde, und an wem ist der Arm des HERRN offenbart?

2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wurzel aus dürrem Erdreich. Er hatte keine Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war keine Gestalt, die uns gefallen hätte.

3 Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg; darum haben wir ihn für nichts geachtet.

4 Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Wir aber hielten ihn für den, der geplagt und von Gott geschlagen und gemartert wäre.

5 Aber er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.

6 Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn.

7 Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf.

Vieles davon erinnert daran, wie die Christen die Leidensexistenz Jesu verstanden haben, nämlich als Erlöser und stellvertretend Leidender. Der Gottesknecht in Deuterojesaja übernimmt das Leiden für andere Menschen, er ist quasi Märtyrer des Leidens. Die Idee der Stellvertretung wird so gelöst, dass das Leiden eines einzelnen gerechten Menschen so wichtig für Gott ist, dass damit auch alle anderen Sünden gesühnt sind. Es gibt Äußerungen bei Jeremia, dass dieser seine eigenen Leiden so ähnlich verstanden hat, nämlich stellvertretend für die Sünden der anderen, aber der Text Deuterojesajas wurde für das Christentum als wesentlicher erachtet. Nach christlichem Verständnis muss der Messias leiden, es gehört zu seiner Existenz dazu, und damit geht das Gottesbild in eine tiefere Ebene. Der Text impliziert, dass Gott selbst an den Leidenden teilhat und nicht nur aus der Ferne zuschaut, ansonsten könnte man diese ganze Stellvertretungsidee nicht als tiefsinnig betrachten. Derjenige, der Gott nah ist, muss leiden, aber Gott leidet auch mit diesem Menschen.

  1. Jesaja III (Tritojesaja)

Dies ist der dritte Teil des Jesaja-Buches. Man kann in Frage stellen, ob es hier wirklich einen weiteren Propheten gibt. Es werden Konsequenzen gezogen, die auch schon in Deuterojesaja erkennbar waren. In Tritojesaja sind die Exilanten tatsächlich schon nach Judäa/Jehud zurückgekehrt. Dazu muss man wissen, dass dort nicht mehr die Perser, sondern die Nachfolger von Alexander dem Großen geherrscht haben. Es sind viele Versuche erkennbar, sich das Weltgericht vorzustellen. Dieser Gott, den Tritojesaja in den Vordergrund stellt, ist der eine und einzige, und dementsprechend müssen die anderen Völker mitberücksichtigt werden, da sie auch von ihm betroffen sind.

Wichtig sind die vielen sozialen Fragen, die in der Gemeinschaft in der Provinz Jehud/Jedaja (griechischer Ausdruck) auftreten. Eine wichtige Stelle für das Christentum ist folgende:

Jes 58,7

7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn (…)

Dieser dramatische Text zeigt auf, wie man seinem gerechten Bruder dienen soll. Hier ist die Gottesbeziehung wieder auf Sozialbeziehung bezogen, und das soll weltweit gelten. Interessant ist, dass Tritojesaja in der Tat eine neue Schöpfung, einen neuen Himmel und eine neue Erde erwartet: „Denn wie der neue Himmel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der HERR, so soll auch euer Geschlecht und Name Bestand haben.“ (Jes 66,22) Die Vorstellungen vom Reich Gottes sind also das Ziel der Geschichte. Auch hier steht der Beweis, dass dies keine christlichen Erfindungen sind, sondern dass es schon im Judentum Vorläufer davon gab.

  1. Sacharja II und III (Deutero- und Tritosacharja)

Wie auch schon in Sacharja dargestellt, werden hier die Hoffnungen Israels zwischen der persischen Oberhoheit und der autonomen jüdischen Religion reflektiert. Das Element des Gottesverständnisses wird ähnlich entwickelt, wie wir es schon in Deuterojesaja im Kapitel 42 gesehen hatten, wo das Friedensreich ebenfalls gewaltfrei kommt:

Sach 9,9-10

9 Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.

10 Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Dies ist die Vorstellung, wie der Messias bzw. Gott selbst jetzt seine Friedensherrschaft antritt. Vergleichbar mit Jesaja Kapitel 11 wird das Friedensreich hier so dargestellt, dass die Waffen verschwinden und der Messias auf einem Esel statt einem Kriegsross reitet.

Es wird oft übersehen, wie tiefsinnig die Entwicklung im Alten Testament ist, denn wieder stammt die Idee aus dem Judentum und ist keine Erfindung des Christentums.

  1. Maleachi

Der Prophet Maleachi ist deshalb so wichtig, weil sich der Text immer weiter zum Reich Gottes hin entwickelt. Bevor die dramatischen Veränderungen eintreten, die das Friedensreich bedeuten, ist ein weiterer Prophet angekündigt, der den „Geist über alle ausgießen wird“. Damit ist Elia gemeint, der mit goldenen Pferden zum Himmel entrückt ist und von dort zum Beginn der Endzeit kommen wird. Darum ist es jüdische Tradition, dass man am Sabbatabend einen Stuhl für Elia freihält, in der Hoffnung auf die Wende der Welt.

Im Neuen Testament wird die Vorbotenfunktion von Elia auf Johannes den Täufer übertragen und findet in der Apostelgeschichte (Pfingsten) statt. Darum enden die deutschen Bibeln im Alten Testament oft mit dem Maleachi-Buch, weil es dann direkt zu Johannes dem Täufer überführt.

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Info:
TUD-Bibelkunde ist Beitrag Nr. 6242
Autor:
Martin Pöttner am 7. Juni 2017 um 16:31
Category:
Bibelkunde
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