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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


TUD-Bibelkunde

  1. Sitzungsprotokoll

TU Darm­stadt, Insti­tut für Theo­lo­gie und Sozi­al­ethik

Ver­an­stal­tung: Grund­ori­en­tie­rung Bibel

Dozent: Prof. Dr. Mar­tin Pött­ner

Datum: 06.06.2017, 09.50-11.30 Uhr

The­ma: Pro­phe­tie vom 7. bis zum 2. Jh. v. Chr.

Pro­to­koll­füh­re­rin: CG

In der heu­ti­gen Sit­zung wur­den die Pro­phe­ten vom 7. bis zum 2. Jh. v. Chr. behan­delt, dazu soll­ten alle Stu­die­ren­den im Vor­feld das Kapi­tel 7 aus dem Buch „Bibel­kun­de“ von Lukas Bor­mann gele­sen haben.

Nach Ansicht von Herrn Pött­ner ist die Dar­stel­lung der Pro­phe­ten bei Bor­mann etwas chao­tisch ange­ord­net: Im Buch wird ver­sucht, die geschicht­li­chen Ele­men­te mit der Ent­wick­lung der Pro­phe­ten­bü­cher zu ver­bin­den, und erst am Ende des Kapi­tels wird klar­ge­stellt, inwie­fern wel­che in das Zwölf­pro­phe­ten­buch ein­glie­dert sind.

Im Semi­nar betrach­te­ten wir daher ein­fach die Pro­phe­ten unab­hän­gig von­ein­an­der.

  1. Jeremia

Jere­mia ist der wich­tigs­te neue Pro­phet, für den bezeich­nend ist, dass er sein eige­nes Leben als aus­ge­spro­chen leid­voll emp­fin­det. Ein Hin­weis auf die schwie­ri­ge Lebens­si­tua­ti­on der Pro­phe­ten lässt sich in der Berg­pre­digt fin­den: „Selig seid ihr, wenn euch die Men­schen um mei­net­wil­len schmä­hen und ver­fol­gen und aller­lei Böses gegen euch reden und dabei lügen. (…) Denn eben­so haben sie ver­folgt die Pro­phe­ten, die vor euch gewe­sen sind.“ (Mt 5,11-12) Wie stark Jere­mia tat­säch­lich lei­det, belegt die­se Bibel­stel­le (die­ses und die fol­gen­den Bibelzitat/e stam­men aus der revi­dier­ten Luther­bi­bel von 2017):

Jer 20, 14-18

14 Ver­flucht sei der Tag, an dem ich gebo­ren bin; der Tag soll unge­seg­net sein, an dem mich mei­ne Mut­ter gebo­ren hat!

15 Ver­flucht sei, der mei­nem Vater gute Bot­schaft brach­te und sprach: »Du hast einen Sohn«, sodass er ihn fröh­lich mach­te!

16 Der Tag soll sein wie die Städ­te, die der HERR ver­nich­tet hat ohne Erbar­men. Am Mor­gen soll er Weh­kla­ge hören und am Mit­tag Kriegs­ge­schrei,

17 weil er mich nicht getö­tet hat im Mut­ter­lei­be, sodass mei­ne Mut­ter mein Grab gewor­den und ihr Leib ewig schwan­ger geblie­ben wäre!

18 War­um bin ich doch aus dem Mut­ter­leib her­vor­ge­kom­men, wenn ich nur Jam­mer und Her­ze­leid sehen muss und mei­ne Tage in Schmach zubrin­ge!

In die­sen soge­nann­ten „Kon­fes­sio­nen Jere­mi­as“ wird deut­lich, dass er ange­sichts sei­nes Leids sogar sei­ne eige­ne Exis­tenz bedau­ert. Dane­ben litt er auch unter der man­geln­den Gerech­tig­keit im sozia­len Leben und sprach sich vehe­ment gegen die Fremd­göt­ter­ver­eh­rung aus.

Wich­tig für Jere­mia sind sei­ne Zei­chen­hand­lun­gen (kör­per­li­che Dar­stel­lun­gen zur Demons­tra­ti­on von Vor­aus­sa­gen) und Visio­nen. Ein Bei­spiel für ers­te­re ist die Geschich­te zur Fra­ge, ob die Judä­er mit den Baby­lo­ni­ern einen Ver­trag schlie­ßen sol­len. Jere­mia plä­diert dafür, sich frei­wil­lig unter das Joch des Königs von Babel zu bege­ben und im Exil aus­zu­har­ren, bis Gott das Volk wie­der in sein Land zurück­holt, und unter­streicht sei­ne Rede damit, dass er ein (höl­zer­nes) Joch auf den Schul­tern trägt: „Das Volk aber und das König­reich, das Nebu­kad­ne­zar, dem König von Babel, nicht unter­tan sein will und das sei­nen Nacken nicht unter das Joch des Königs von Babel beugt, die­ses Volk will ich heim­su­chen mit Schwert, Hun­ger und Pest, spricht der HERR, bis ich sie durch sei­ne Hand umbrin­ge.“ (Jer 27,8) „Aber das Volk, das sei­nen Nacken unter das Joch des Königs von Babel beugt und ihm unter­tan ist, das will ich in sei­nem Lan­de las­sen, dass es das­sel­be bebaue und bewoh­ne, spricht der HERR.“ (Jer 27,11) „Sie sol­len nach Babel geführt wer­den und dort blei­ben bis auf den Tag, an dem ich nach ihnen sehe, spricht der HERR, und ich sie wie­der zurück­brin­gen las­se an die­sen Ort.“ (Jer 27,22) Der Gegen­pro­phet Hanan­ja jedoch rät dem Volk das Gegen­teil und behaup­tet, Gott wer­de das Joch des baby­lo­ni­schen Königs für sein Volk nicht zulas­sen: „Da nahm der Pro­phet Hanan­ja das Joch vom Nacken des Pro­phe­ten Jere­mia und zer­brach es.“ (Jer 28,10) Jere­mia wird aber von Gott bestärkt und erhält fol­gen­den Auf­trag: „Geh hin und sage Hanan­ja: So spricht der HERR: Du hast höl­zer­ne Joch­stan­gen zer­bro­chen; so hast du nun eiser­ne Joch­stan­gen an ihre Stel­le gesetzt.“ (Jer 28, 13) Die Wor­te Jere­mi­as drü­cken sich also auch in sei­nen kör­per­li­chen Hand­lun­gen aus.

Sowohl das Jere­mia-Buch als auch die Kla­ge­lie­der behan­deln vor­wie­gend das Ende des judäi­schen König­tums und bekla­gen das Schick­sal Isra­els. Es ist inter­es­sant, wie inner­halb der judäi­schen Reli­gi­on die Lei­dens­er­fah­run­gen auf­ge­ar­bei­tet wer­den, näm­lich in Form der Kon­fes­sio­nen Jere­mi­as, sei­nem star­ken Lei­den unter denen, die ihn ableh­nen, und auch unter Got­tes Wort.

  1. Ezechiel

Der Name Eze­chiels ist in der Luther­bi­bel mit Hese­kiel über­setzt (mit der Beto­nung auf dem zwei­ten e).

Es han­delt sich um einen sehr inter­es­san­ten und eigen­wil­li­gen Pro­phe­ten, der etwas hin­ter Jesa­ja und Jere­mia zurück­steht. Angeb­lich lebt er schon in Baby­lon und reflek­tiert von dort aus das Ende Jeru­sa­lems und des Süd­reichs, wobei er auch die Visi­on des wie­der­her­ge­stell­ten Isra­els und eines neu­en Tem­pels hat (Ez 40-48). Schon bei Esra und Nehemia ging es um den Auf­bau der Stadt­mau­er und des Tem­pels – hier reflek­tiert sich die­se Ent­wick­lung in Form einer Visi­on.

Theo­lo­gisch wich­tig ist Eze­chiels Leis­tung, dass er nicht die Schuld des Vol­kes oder eines Königs reflek­tiert, son­dern die des ein­zel­nen Men­schen. Der Herr (JHWH) bezieht sich also offen­bar auf das Schick­sal jedes ein­zel­nen Indi­vi­du­ums.

Ez 33,11

11 So sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: Ich habe kein Gefal­len am Tode des Gott­lo­sen, son­dern dass der Gott­lo­se umkeh­re von sei­nem Wege und lebe. So kehrt nun um von euren bösen Wegen. War­um wollt ihr ster­ben, ihr vom Hau­se Isra­el?

Die­ser Vers ist ein­deu­tig auf Isra­el (im Sin­ne von Juda) bezo­gen, aber hier ist der Gott­lo­se eine ein­zel­ne Per­son, so dass jetzt nicht mehr die Idee des Kol­lek­tiv­schick­sals vor­herrscht (auch Kol­lek­ti­ve sind indi­vi­du­ell bestimmt).

Fol­gen­de Ver­se die­nen sehr gut zur Ver­an­schau­li­chung der bibli­schen Welt:

Ez 11,19-20

19 Und ich will ihnen ein ande­res Herz geben und einen neu­en Geist in sie geben und will das stei­ner­ne Herz weg­neh­men aus ihrem Lei­be und ihnen ein flei­scher­nes Herz geben,

20 damit sie in mei­nen Gebo­ten wan­deln und mei­ne Ord­nun­gen hal­ten und danach tun. Und sie sol­len mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

Es bleibt zwar bei der Figur des Vol­kes, aber Gott gibt den ein­zel­nen Per­so­nen ein ande­res Herz und einen neu­en Geist, wodurch die Umkehr mög­lich wird. Das Herz und die Umkehr sind zwei Ver­ständ­nis­se, die für vie­le Tex­te des Neu­en Tes­ta­ments abso­lut grund­le­gend sind und damit das Chris­ten­tum geprägt haben.

Typisch für Eze­chiel sind sei­ne irren Zei­chen­hand­lun­gen, z. B. isst er eine Buch­rol­le auf, die ihm „süß wie Honig“ schmeckt (Ez 3,1-3), oder die Bela­ge­rung Jeru­sa­lems dar­stellt, indem er zuerst 390 Tage auf der lin­ken und dann 40 Tage auf der rech­ten Sei­te liegt und dabei nur wenig Was­ser und ver­un­rei­nig­te Kost (auf Kot geba­cke­nes Brot) zu sich neh­men darf (Ez 4).

Gera­de­zu gran­di­os sind die Visio­nen Eze­chiels, vor allem sei­ne Dar­stel­lung des Glan­zes bzw. der Herr­lich­keit Got­tes durch die detail­lier­te und skur­ri­le Schil­de­rung als einen beweg­ten Thron­wa­gen, hier ein Aus­zug:

Ez 1,1-28

1 Im drei­ßigs­ten Jahr am fünf­ten Tage des vier­ten Monats, als ich inmit­ten der Ver­schlepp­ten am Fluss Kebar war, tat sich der Him­mel auf, und ich sah Erschei­nun­gen Got­tes.

2 Am fünf­ten Tag des Monats – es war das fünf­te Jahr, nach­dem der König Joja­chin gefan­gen weg­ge­führt war –,

3 da geschah das Wort des HERRN zu Hese­kiel, dem Sohn des Busi, dem Pries­ter, im Lan­de der Chaldä­er am Fluss Kebar. Dort kam die Hand des HERRN über ihn.

4 Und ich sah, und sie­he, es kam ein unge­stü­mer Wind von Nor­den her, eine mäch­ti­ge Wol­ke und lodern­des Feu­er, und Glanz war rings um sie her, und mit­ten im Feu­er war es wie blin­ken­des Kup­fer.

5 Und mit­ten dar­in war etwas wie vier Wesen; die waren anzu­se­hen wie Men­schen.

6 Und jedes von ihnen hat­te vier Ange­sich­ter und vier Flü­gel.

7 Und ihre Bei­ne stan­den gera­de, und ihre Füße waren wie Hufe von Stie­ren und glänz­ten wie blin­ken­de, glat­te Bron­ze.

8 Und sie hat­ten Men­schen­hän­de unter ihren Flü­geln an ihren vier Sei­ten; die vier hat­ten Ange­sich­ter und Flü­gel.

9 Ihre Flü­gel berühr­ten einer den andern. Und wenn sie gin­gen, brauch­ten sie sich nicht umzu­wen­den; immer gin­gen sie in der Rich­tung eines ihrer Ange­sich­ter.

10 Ihre Ange­sich­ter waren vorn gleich einem Men­schen und zur rech­ten Sei­te gleich einem Löwen bei allen vie­ren und zur lin­ken Sei­te gleich einem Stier bei allen vie­ren und hin­ten gleich einem Adler bei allen vie­ren.

11 Und ihre Flü­gel waren nach oben hin aus­ge­spannt; je zwei Flü­gel berühr­ten ein­an­der, und mit zwei Flü­geln bedeck­ten sie ihren Leib.

12 Immer gin­gen sie in der Rich­tung eines ihrer Ange­sich­ter; wohin der Geist sie trieb, dahin gin­gen sie; sie brauch­ten sich im Gehen nicht umzu­wen­den.

13 Und in der Mit­te zwi­schen den Wesen sah es aus, wie wenn feu­ri­ge Koh­len bren­nen, und wie Fackeln, die zwi­schen den Wesen hin und her fuh­ren. Das Feu­er leuch­te­te, und aus dem Feu­er kamen Blit­ze.

14 Und die Wesen lie­fen hin und her, dass es aus­sah wie Blit­ze.

15 Als ich die Wesen sah, sie­he, da stand je ein Rad auf der Erde bei den vier Wesen, bei ihren vier Ange­sich­tern.

16 Die Räder waren anzu­schau­en wie ein Tür­kis und waren alle vier gleich, und sie waren so gemacht, dass ein Rad im andern war.

17 Nach allen vier Sei­ten konn­ten sie gehen; sie brauch­ten sich im Gehen nicht umzu­wen­den.

18 Und ihre Fel­gen waren hoch und furcht­erre­gend, ihre Fel­gen waren vol­ler Augen rings­um bei allen vier Rädern.

19 Und wenn die Wesen gin­gen, so gin­gen auch die Räder mit, und wenn die Wesen sich von der Erde empor­ho­ben, so hoben die Räder sich auch empor.

20 Wohin der Geist sie trieb, dahin gin­gen sie, und die Räder hoben sich mit ihnen empor; denn es war der Geist der Wesen in den Rädern.

21 Wenn sie gin­gen, so gin­gen die­se auch; wenn sie stan­den, so stan­den die­se auch; und wenn sie sich empor­ho­ben von der Erde, so hoben sich auch die Räder mit ihnen empor; denn es war der Geist der Wesen in den Rädern.

22 Aber über den Häup­tern der Wesen war es wie eine Him­mels­fes­te, wie ein Kris­tall, unheim­lich anzu­se­hen, oben über ihren Häup­tern aus­ge­spannt,

23 dass unter der Fes­te ihre Flü­gel gera­de aus­ge­streckt waren, einer an dem andern; und mit zwei Flü­geln bedeck­ten sie ihren Leib.

24 Und ich hör­te ihre Flü­gel rau­schen wie gro­ße Was­ser, wie die Stim­me des All­mäch­ti­gen, wenn sie gin­gen, ein Getö­se wie in einem Heer­la­ger. Wenn sie aber still­stan­den, lie­ßen sie die Flü­gel her­ab­hän­gen,

25 und es don­ner­te im Him­mel über ihnen. Wenn sie still­stan­den, lie­ßen sie die Flü­gel her­ab­hän­gen.

26 Und über der Fes­te, die über ihrem Haupt war, sah es aus wie ein Saphir, einem Thron gleich, und auf dem Thron saß einer, der aus­sah wie ein Mensch.

27 Und ich sah, und es war wie blin­ken­des Kup­fer auf­wärts von dem, was aus­sah wie sei­ne Hüf­ten; und abwärts von dem, was wie sei­ne Hüf­ten aus­sah, erblick­te ich etwas wie Feu­er und Glanz rings­um­her.

28 Wie der Regen­bo­gen steht in den Wol­ken, wenn es gereg­net hat, so glänz­te es rings­um­her. So war die Herr­lich­keit des HERRN anzu­se­hen. Und als ich sie gese­hen hat­te, fiel ich auf mein Ange­sicht und hör­te einen reden.

Die­se Beschrei­bun­gen glei­chen heu­ti­ger Fan­ta­sy-Lite­ra­tur – durch den Schreib­stil soll dar­ge­stellt wer­den, dass der Glanz bzw. die Herr­lich­keit Got­tes nicht ein­fach nur eine Licht­erschei­nung, son­dern eine unge­heu­re Flut von Ein­drü­cken ist, die per­ma­nent in Bewe­gung fließt. Dabei wer­den neben Edel­stei­nen, die allein der Dar­stel­lung des Got­tes gerecht gewor­den wären, auch tier­ähn­li­che Wesen geschil­dert. Die­se tau­chen spä­ter wie­der auf als Sym­bo­le für die vier Evan­ge­lis­ten:

  • Mat­thä­us = Mensch (Engel)
  • Mar­kus = Löwe
  • Lukas = Stier
  • Johan­nes = Adler

Die­se Zuord­nung der Evan­ge­lis­ten zu Tier­we­sen war nach Ansicht von Herrn Pött­ner nicht beson­ders sinn­voll und hat heu­te auch in der kirch­li­chen Rezep­ti­on kaum noch Bedeu­tung, wird aber trotz­dem noch zuwei­len erwähnt. Jeden­falls kann man dar­an die Aus­wir­kung des Tex­tes auf das Neue Tes­ta­ment erken­nen.

Für das Juden­tum ist ent­schei­dend, dass die­se anders­ar­ti­ge, frem­de und skur­ri­le Visi­on als eine mys­ti­sche zu ver­ste­hen ist und nicht als rea­le Schau, wie der gewöhn­li­che Mensch sie haben könn­te. Die Visi­on wur­de von Eze­chiel in die Welt gesetzt und wur­de bzw. wird immer wei­ter aus­ge­legt, sowohl vom rab­bi­ni­schen Juden­tum als auch spä­ter vom Chris­ten­tum.

  1. Jesaja II (Deuterojesaja)

Dar­un­ter ver­steht man den zwei­ten (mitt­le­ren) Teil des Jesa­ja-Buches, genau­er Kapi­tel 40-55. Die alte Theo­rie, dass die­ses Buch einen ein­zi­gen Pro­phe­ten als Kern haben müss­te, hat sich schon für den ers­ten Teil nicht bestä­ti­gen las­sen, denn Kapi­tel 25 stammt offen­sicht­lich aus einer spä­te­ren Zeit. Es gilt der Kon­sens, dass der zwei­te Teil auf haupt­säch­lich einen Pro­phe­ten zurück­geht, der mit der Ober­schicht Jeru­sa­lems nach Baby­lon gekom­men ist. Man nimmt an, dass die Tex­te nach dem Sieg von Kyros über die Baby­lo­ni­er und vor der tat­säch­li­chen Rück­kehr eini­ger Exi­lan­ten nach Jeru­sa­lem und Juda ent­stan­den sind, weil die­ser Sieg nicht wie bei Eze­chiel nur eine Visi­on ist (bei Esra und Nehemia haben wir gele­sen, dass die Exi­lan­ten wie­der nach Judäa und Jeru­sa­lem zurück­keh­ren kön­nen), son­dern tat­säch­lich greif­bar. Dies ist inso­fern wich­tig, als dass Deu­tero­je­sa­ja eine aus reli­giö­ser und theo­lo­gi­scher Sicht bedeu­ten­de Figur ist. Er unter­stellt, der Gott Isra­els sei der ein­zi­ge Gott über­haupt. Schon in der Urge­schich­te (Gen 1) und bei Abra­hams Beru­fung (Gen 12) gab es die­se Ten­denz, aber danach folg­te eine immer enge­re Fokus­sie­rung auf das Volk Isra­el. Bei Deu­tero­je­sa­ja ist nun die Wen­de erreicht – es ist ein­deu­tig ein mono­the­is­ti­scher Text. Deu­tero­je­sa­ja nimmt ver­schie­de­ne Ele­men­te auf und ver­steht die ange­kün­dig­te Rück­kehr der Exi­lan­ten nach Jeru­sa­lem als neu­en Exo­dus:

Jes 48, 20-21

20 Geht her­aus aus Babel, flieht von den Chaldä­ern! Mit fröh­li­chem Schall ver­kün­digt dies und lasst es hören, tragt’s hin­aus bis an die Enden der Erde und sprecht: Der HERR hat sei­nen Knecht Jakob erlöst.

21 Sie lit­ten kei­nen Durst, als er sie lei­te­te in der Wüs­te. Er ließ ihnen Was­ser aus dem Fel­sen flie­ßen, er spal­te­te den Fels, dass Was­ser her­aus­rann.

Dies ist eine poe­ti­sche Anspie­lung auf das Hader­was­ser: „Und Mose erhob sei­ne Hand und schlug den Fel­sen mit dem Stab zwei­mal. Da kam viel Was­ser her­aus, sodass die Gemein­de trin­ken konn­te und ihr Vieh.“ (Num 20,11) In die­ser Schil­de­rung der Rück­kehr der Exi­lan­ten nach Jeru­sa­lem wie­der­holt sich also Got­tes anfäng­li­ches Han­deln – das Exil lässt sich durch einen neu­en Aus­zug been­den. Wich­tig ist, dass es nun eine Reli­gi­on ist, mit dem Bewusst­sein, dass die­ser ret­ten­de Gott mit allen ande­ren Völ­kern inter­agiert, z. B. gibt es die (nach Mei­nung von Herrn Pött­ner über­zo­ge­ne) Über­le­gung, ob Kyros hier ein Got­tes­knecht sein kann. Klar ist aber, dass der Herr sich des Kyros bedie­nen kann, um sein Volk wie­der in sei­ne Hei­mat zurück­zu­füh­ren, ohne dass dann wie bei Esra und Nehemia eine eth­ni­sche Kon­zep­ti­on erfor­der­lich wäre. Denn Gott ist der Gott aller Völ­ker!

Jes 44,6

6 So spricht der HERR, der König Isra­els, und sein Erlö­ser, der HERR Zebaoth: Ich bin der Ers­te und ich bin der Letz­te, und außer mir ist kein Gott.

Die­se etwas über­heb­lich anmu­ten­de For­mu­lie­rung wur­de zu „Ich bin der Anfang und das Ende“ inter­pre­tiert und wird so immer wie­der im Chris­ten­tum rezi­piert.

Jes 45,5

5 Ich bin der HERR, und sonst kei­ner mehr, kein Gott ist außer mir. (…)

Hier wird die mono­the­is­ti­sche Ten­denz der Schöp­fungs­ge­schich­te erst­ma­lig ganz deut­lich aus­ge­spro­chen und unzwei­fel­haft belegt! Der Gott Isra­els ist ein­deu­tig der ein­zi­ge Gott, also über alle Völ­ker. Er kann also auch ande­re Men­schen „steu­ern“, hier am Bei­spiel des Kyros:

Jes 45, 1

1 So spricht der HERR zu sei­nem Gesalb­ten, zu Kyrus, den ich bei sei­ner rech­ten Hand ergriff, (…)

In der Spra­che des Deu­tero­je­sa­ja bezeich­net Gott Kyros gar als den Gesalb­ten, also den Mes­si­as. Damit ist Kyros eine ganz wich­ti­ge Figur, wes­we­gen auch oft ange­nom­men wird, dass die Got­tes­knechts­lie­der von ihm han­deln (Herr Pött­ner ist davon aller­dings nicht über­zeugt).

Fol­gend Text­stel­le belegt die star­ke Wand­lung des Got­tes­bil­des im Ver­gleich zum Rich­ter-Buch:

Jes 42, 1-4

1 Sie­he, das ist mein Knecht, den ich hal­te, und mein Aus­er­wähl­ter, an dem mei­ne See­le Wohl­ge­fal­len hat. Ich habe ihm mei­nen Geist gege­ben; er wird das Recht unter die Hei­den brin­gen.

2 Er wird nicht schrei­en noch rufen, und sei­ne Stim­me wird man nicht hören auf den Gas­sen.

3 Das geknick­te Rohr wird er nicht zer­bre­chen, und den glim­men­den Docht wird er nicht aus­lö­schen. In Treue trägt er das Recht hin­aus.

4 Er selbst wird nicht ver­lö­schen und nicht zer­bre­chen, bis er auf Erden das Recht auf­rich­te; und die Inseln war­ten auf sei­ne Wei­sung.

Luther kann­te in sei­ner Welt kei­ne Skla­ven, was sich in sei­ner Über­set­zung wider­spie­gelt: Er spricht von den anti­ken Skla­ven aus­schließ­lich als Knech­ten, dadurch ent­steht aller­dings kein Bedeu­tungs­ver­lust. Der Text zielt auf die soge­nann­ten Hei­den ab, und mit den „Inseln“ sind wahr­schein­lich die in der Ägä­is (also Grie­chen­land) gemeint – es geht dem­zu­fol­ge nicht nur um Isra­el und Judäa. Man könn­te anneh­men, dass die­ser Text erst nach dem 5. Jh. ent­stan­den ist; viel­leicht hat­te man bei der Ver­schrift­li­chung schon die grie­chi­sche Herr­schaft im Blick.

Wich­tig ist der glim­men­de Docht, der nicht aus­ge­löscht wird – damit ist der Aus­schluss von Gewalt­be­reit­schaft gemeint. Der Knecht Got­tes ver­kün­det lei­se: Gott setzt sich nicht wei­ter mit Gewalt durch und bezieht sich nicht nur auf die­se eine Eth­nie, son­dern will auch Inseln mit dem Recht ver­sor­gen, Euro­pa ist also auch im Blick die­ses Tex­tes! Nicht Gott selbst, aber sei­ne Heils­fi­gur (der Knecht Got­tes) agiert gewalt­los, wes­we­gen die Chris­ten die­sen Text auf Jesus von Naza­reth bezo­gen. Es ist aber nicht als mes­sia­ni­sche Weis­sa­gung zu ver­ste­hen, son­dern als Fort­schrei­bung, die 500 Jah­re spä­ter ein­ge­tre­ten ist.

Wich­tig ist für uns, dass das Got­tes­bild Isra­el sich noch im Alten Tes­ta­ment dra­ma­tisch geän­dert hat. Die Idee der lie­ben­den Zuwen­dung Got­tes zur Welt ist also nicht erst im Chris­ten­tum ent­stan­den, son­dern war schon im Juden­tum vor­han­den, was durch Deu­tero­je­sa­ja ein­deu­tig belegt ist.

Jes 53, 1-7

1 Aber wer glaubt dem, was uns ver­kün­det wur­de, und an wem ist der Arm des HERRN offen­bart?

2 Er schoss auf vor ihm wie ein Reis und wie eine Wur­zel aus dür­rem Erd­reich. Er hat­te kei­ne Gestalt und Hoheit. Wir sahen ihn, aber da war kei­ne Gestalt, die uns gefal­len hät­te.

3 Er war der Aller­ver­ach­tets­te und Unwer­tes­te, vol­ler Schmer­zen und Krank­heit. Er war so ver­ach­tet, dass man das Ange­sicht vor ihm ver­barg; dar­um haben wir ihn für nichts geach­tet.

4 Für­wahr, er trug uns­re Krank­heit und lud auf sich uns­re Schmer­zen. Wir aber hiel­ten ihn für den, der geplagt und von Gott geschla­gen und gemar­tert wäre.

5 Aber er ist um uns­rer Mis­se­tat wil­len ver­wun­det und um uns­rer Sün­de wil­len zer­schla­gen. Die Stra­fe liegt auf ihm, auf dass wir Frie­den hät­ten, und durch sei­ne Wun­den sind wir geheilt.

6 Wir gin­gen alle in die Irre wie Scha­fe, ein jeder sah auf sei­nen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sün­de auf ihn.

7 Als er gemar­tert ward, litt er doch wil­lig und tat sei­nen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlacht­bank geführt wird; und wie ein Schaf, das ver­stummt vor sei­nem Sche­rer, tat er sei­nen Mund nicht auf.

Vie­les davon erin­nert dar­an, wie die Chris­ten die Lei­dense­xis­tenz Jesu ver­stan­den haben, näm­lich als Erlö­ser und stell­ver­tre­tend Lei­den­der. Der Got­tes­knecht in Deu­tero­je­sa­ja über­nimmt das Lei­den für ande­re Men­schen, er ist qua­si Mär­ty­rer des Lei­dens. Die Idee der Stell­ver­tre­tung wird so gelöst, dass das Lei­den eines ein­zel­nen gerech­ten Men­schen so wich­tig für Gott ist, dass damit auch alle ande­ren Sün­den gesühnt sind. Es gibt Äuße­run­gen bei Jere­mia, dass die­ser sei­ne eige­nen Lei­den so ähn­lich ver­stan­den hat, näm­lich stell­ver­tre­tend für die Sün­den der ande­ren, aber der Text Deu­tero­je­sa­jas wur­de für das Chris­ten­tum als wesent­li­cher erach­tet. Nach christ­li­chem Ver­ständ­nis muss der Mes­si­as lei­den, es gehört zu sei­ner Exis­tenz dazu, und damit geht das Got­tes­bild in eine tie­fe­re Ebe­ne. Der Text impli­ziert, dass Gott selbst an den Lei­den­den teil­hat und nicht nur aus der Fer­ne zuschaut, ansons­ten könn­te man die­se gan­ze Stell­ver­tre­tungs­idee nicht als tief­sin­nig betrach­ten. Der­je­ni­ge, der Gott nah ist, muss lei­den, aber Gott lei­det auch mit die­sem Men­schen.

  1. Jesaja III (Tritojesaja)

Dies ist der drit­te Teil des Jesa­ja-Buches. Man kann in Fra­ge stel­len, ob es hier wirk­lich einen wei­te­ren Pro­phe­ten gibt. Es wer­den Kon­se­quen­zen gezo­gen, die auch schon in Deu­tero­je­sa­ja erkenn­bar waren. In Tri­to­je­sa­ja sind die Exi­lan­ten tat­säch­lich schon nach Judäa/Jehud zurück­ge­kehrt. Dazu muss man wis­sen, dass dort nicht mehr die Per­ser, son­dern die Nach­fol­ger von Alex­an­der dem Gro­ßen geherrscht haben. Es sind vie­le Ver­su­che erkenn­bar, sich das Welt­ge­richt vor­zu­stel­len. Die­ser Gott, den Tri­to­je­sa­ja in den Vor­der­grund stellt, ist der eine und ein­zi­ge, und dem­entspre­chend müs­sen die ande­ren Völ­ker mit­be­rück­sich­tigt wer­den, da sie auch von ihm betrof­fen sind.

Wich­tig sind die vie­len sozia­len Fra­gen, die in der Gemein­schaft in der Pro­vinz Jehud/Jedaja (grie­chi­scher Aus­druck) auf­tre­ten. Eine wich­ti­ge Stel­le für das Chris­ten­tum ist fol­gen­de:

Jes 58,7

7 Heißt das nicht: Brich dem Hung­ri­gen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, füh­re ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so klei­de ihn (…)

Die­ser dra­ma­ti­sche Text zeigt auf, wie man sei­nem gerech­ten Bru­der die­nen soll. Hier ist die Got­tes­be­zie­hung wie­der auf Sozi­al­be­zie­hung bezo­gen, und das soll welt­weit gel­ten. Inter­es­sant ist, dass Tri­to­je­sa­ja in der Tat eine neue Schöp­fung, einen neu­en Him­mel und eine neue Erde erwar­tet: „Denn wie der neue Him­mel und die neue Erde, die ich mache, vor mir Bestand haben, spricht der HERR, so soll auch euer Geschlecht und Name Bestand haben.“ (Jes 66,22) Die Vor­stel­lun­gen vom Reich Got­tes sind also das Ziel der Geschich­te. Auch hier steht der Beweis, dass dies kei­ne christ­li­chen Erfin­dun­gen sind, son­dern dass es schon im Juden­tum Vor­läu­fer davon gab.

  1. Sacharja II und III (Deutero- und Tritosacharja)

Wie auch schon in Sach­ar­ja dar­ge­stellt, wer­den hier die Hoff­nun­gen Isra­els zwi­schen der per­si­schen Ober­ho­heit und der auto­no­men jüdi­schen Reli­gi­on reflek­tiert. Das Ele­ment des Got­tes­ver­ständ­nis­ses wird ähn­lich ent­wi­ckelt, wie wir es schon in Deu­tero­je­sa­ja im Kapi­tel 42 gese­hen hat­ten, wo das Frie­dens­reich eben­falls gewalt­frei kommt:

Sach 9,9-10

9 Du, Toch­ter Zion, freue dich sehr, und du, Toch­ter Jeru­sa­lem, jauch­ze! Sie­he, dein König kommt zu dir, ein Gerech­ter und ein Hel­fer, arm und rei­tet auf einem Esel, auf einem Fül­len der Ese­lin.

10 Denn ich will die Wagen ver­nich­ten in Ephraim und die Ros­se in Jeru­sa­lem, und der Kriegs­bo­gen soll zer­bro­chen wer­den. Denn er wird Frie­den gebie­ten den Völ­kern, und sei­ne Herr­schaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.

Dies ist die Vor­stel­lung, wie der Mes­si­as bzw. Gott selbst jetzt sei­ne Frie­dens­herr­schaft antritt. Ver­gleich­bar mit Jesa­ja Kapi­tel 11 wird das Frie­dens­reich hier so dar­ge­stellt, dass die Waf­fen ver­schwin­den und der Mes­si­as auf einem Esel statt einem Kriegs­ross rei­tet.

Es wird oft über­se­hen, wie tief­sin­nig die Ent­wick­lung im Alten Tes­ta­ment ist, denn wie­der stammt die Idee aus dem Juden­tum und ist kei­ne Erfin­dung des Chris­ten­tums.

  1. Maleachi

Der Pro­phet Maleachi ist des­halb so wich­tig, weil sich der Text immer wei­ter zum Reich Got­tes hin ent­wi­ckelt. Bevor die dra­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen ein­tre­ten, die das Frie­dens­reich bedeu­ten, ist ein wei­te­rer Pro­phet ange­kün­digt, der den „Geist über alle aus­gie­ßen wird“. Damit ist Elia gemeint, der mit gol­de­nen Pfer­den zum Him­mel ent­rückt ist und von dort zum Beginn der End­zeit kom­men wird. Dar­um ist es jüdi­sche Tra­di­ti­on, dass man am Sab­bat­a­bend einen Stuhl für Elia frei­hält, in der Hoff­nung auf die Wen­de der Welt.

Im Neu­en Tes­ta­ment wird die Vor­bo­ten­funk­ti­on von Elia auf Johan­nes den Täu­fer über­tra­gen und fin­det in der Apos­tel­ge­schich­te (Pfings­ten) statt. Dar­um enden die deut­schen Bibeln im Alten Tes­ta­ment oft mit dem Maleachi-Buch, weil es dann direkt zu Johan­nes dem Täu­fer über­führt.

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TUD-Bibelkunde ist Beitrag Nr. 6242
Autor:
Martin Pöttner am 7. Juni 2017 um 16:31
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Bibelkunde
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