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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


TUD


Seminar: Einführung in die exegetischen Methoden und das wissenschaftliche Arbeiten: Die Bergpredigt (Mt 5-7)

Protokoll der Sitzung vom 30.05.2017

Dozent: Prof. Dr. Martin Pöttner

Protokollantinnen: Ann-Christin Sander, Friederike Götz

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1. Organisatorisches

Das Seminar beginnt, Herr Pöttner fragt nach, ob es noch Fragen oder Anmerkungen zum Protokoll von der letzten Woche gibt. Es gibt keine Fragen oder Anmerkungen. Die Anwesenheitsliste wird herumgegeben.

2. Seminarinhalte

Als Grundlage des heutigen Seminars dient Matthäus 5, 33-37.

33 Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist (3. Mose 19,12; 4. Mose 30,3): »Du sollst keinen falschen Eid schwören und sollst dem Herrn deine Eide halten.«

34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;

35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße; noch bei Jerusalem, denn sie ist die Stadt des großen Königs.

36 Auch sollst du nicht bei deinem Haupt schwören; denn du vermagst nicht ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen.

37 Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“

(vgl. https://www.bibleserver.com/text/ZB/Matthäus5, letzter Zugriff: 30.05.17)

Herr Pöttner fragt, um was geht es in diesem Abschnitt? Ähnelt diese Passage den vorherigen oder gibt es Unterschiede?

Eine Kommilitonin stellt die These auf, dass die äußere Form ähnlich wie im vorherigen Abschnitt ist (siehe Protokoll vom 23.05.17).

Wir sammeln im Plenum alltägliche Situationen, in denen das Schwören heute noch eine Rolle spielt oder im sprachlichen Gebrauch verwendet wird:

  • Gericht: Zeugenaussagen
  • heutige Jugendsprache
  • Vereidigung als Professor_in/Beamt/in
  • hippokratischer Eid bei Ärzt/inn/en

Dabei entsteht eine kurze Diskussion über das Ableisten des hippokratischen Eids. Ein Kommilitone führt an, dass dieser heute wohl nicht mehr erforderlich ist. Herr Pöttner äußert sich dazu und betont, dass dieser heute noch eine Rolle spielt, da man keiner Patientin und keinem Patient Schaden zufügen soll. Dennoch bestätigt er auch, dass ein offizieller Schwur vermutlich nicht mehr durchgeführt werden muss.

Herr Pöttner erweitert unsere Aufzählung mit der Ernennung des Bundespräsidenten, und der Minister_innen, sowie der Bundeskanzlerin (wir beziehen uns auf die aktuelle politische Lage). Dieser Schwur kann, wenn man möchte, mit dem Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ ergänzt werden.

Wir diskutieren anschließend weiter über den Aufbau der Verse 33 bis 37. Dabei fällt besonders Vers 34 auf:

34 Ich aber sage euch, dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Thron;“
(vgl. https://www.bibleserver.com/text/LUT/Matthäus5, letzter Zugriff: 30.05.2017).

Es entsteht eine weitere Diskussion darüber, ob es sich dabei um eine Verschärfung handelt („ihr sollt ÜBERHAUPT NICHT schwören„) oder es eher eine Abänderung des vorherigen Gebots ist. Herr Pöttner erwähnt hierbei, dass es sich um den ersten Fall einer Verneinung des Gebots beziehungsweise um einen Widerspruch handelt. Dies ist daran zu erkennen, dass zum ersten Mal in der Bergpredigt einem Gebot widersprochen wird.

Herr Pöttner stellt die Frage in die Runde, warum man nicht schwören sollte?

Die These eines Kommilitonen lautet dazu, dass dieser Teil der Bergpredigt einen Wandel vom rachsüchtigen Gott zu einem liebevollen Gott verdeutlicht.

Wir lesen dazu Jesaia 42, 1 – 4 (vgl. https://www.bibleserver.com/text/LUT/Jesaja42,
letzter Zugriff: 30.05.17).

In dieser Bibelstelle wird die Auffassung des Kommens Gottes erläutert. Herr Pöttner zeigt auf, dass dies der Auffassung des Kommilitonen widerspricht, da er diese Aussage etwas zu pauschal findet. Herr Pöttner führt auch Sacharja 9,9f als ausschlaggebenden Bibelvers zu diesem Thema an. Diese Bibelstellen werden im Christentum positiv rezeptiert, da sich die Betrachtung Gottes geändert beziehungsweise gemäßigt hat. In Jesaja 42 wird an das Gotteskonzept angeknüpft.

Wir diskutieren anschließend über den Hauptgrund der Verse 33 bis 37.

Es werden mehrere Thesen von den Studierenden aufgestellt.

1. These: Immer, wenn wir schwören, hat es etwas mit Gott zu tun.

2. These: Egal, auf was ich schwöre, es ist nicht mein Eigentum, denn es gehört Gott „Wenn ich falsch liege, bekommst du das von mir.“

3. These: Ich schwöre bedeutet, ich sage nun die Wahrheit (vorher habe ich häufig die Unwahrheit gesagt?)

Als eine weitere These wird folgendes in den Raum gestellt: „Man nimmt Gott als Vorwand dazu und verwendet ihn als eine Art Verstärkung.“

Schwören wurde häufig im Alten Testament und teilweise auch im Neuen Testament verwendet. Man könnte diese Stelle der Bergpredigt so interpretieren, dass man als Christ nie lügen darf und immer nur die Wahrheit sagen sollte. Herr Pöttner merkt an, dass diese Formulierung zur Überforderung des Menschen führen könnte.

Herr Pöttner stellt die Frage, mit wem Jesus übereinstimmt?

Als Beispiele führt er Immanuel Kant und Jürgen Habermas an. Laut ihm stimmt Kant relativ häufig mit der Bergpredigt überein. Auch er vertritt die Meinung, dass man nicht lügen darf, weil Andere nicht von einem selbst in die Irre geführt werden dürfen. Habermas hat eine ähnliche Ansicht, er führt an, dass wir uns aufeinander verlassen können müssen, deshalb dürfen wir nicht lügen. Beide hatten somit eine klare Auffassung davon, wie gesellschaftliche Verständigung sein müsste.

Herr Pöttner fragt anschließend: „Ist Lügen und nicht die Wahrheit sagen das Gleiche?“

Herr Pöttner erläutert uns dazu den Unterschied, laut ihm ist diese Frage mit einem klaren Nein zu beantworten. Lügen ist mit Absicht etwas Falsches sagen. Wenn man nicht die Wahrheit sagt, kann dies zum Beispiel daran liegen, dass man sich irrt und daher lügt man nicht.

Es entsteht eine Diskussion zur Frage: „Darf man Lügen?“

Aufgrund der Erzählung einer Kommilitonin aus ihrer eigenen Erfahrung diskutieren wir über die Praktische Theologie und Philosophie, mit der man eine Lüge als seelsorgerisch sinnvoll verstehen könnte. Insofern derjenige, der belogen wird, dadurch keine Nachteile erfährt, sondern ein positives Gefühl vermittelt bekommt. Im Vergleich mit Kant wird hier die Frage des Sittengesetzes angeführt.

Wir kommen erneut auf die Vereidigung der Minister_innen zu sprechen. Der Zusatz „so wahr mir Gott helfe“ kann laut Grundgesetz aus religiösen Gründen abgelehnt werden. Die Ablehnung dieses Zusatzes muss nicht zwingend bedeuten, dass die Person nicht gläubig ist, sondern kann auch bedeuten, dass die Person nicht auf Gott schwören möchte.

Herr Pöttner: „Warum ist Gott ungeeignet dafür?“

Man kann Gott nicht die Verantwortung für Schlechtes übertragen, Gott ist nicht dafür zuständig.

Herr Pöttner führt hier Dietrich Bonhoeffer an, der dies versuchte zu reflektieren. Er sagte, dass die Menschen in den 1930er/40er Jahren so lebten wie als wenn es Gott nicht gäbe.

Wir beziehen uns erneut auf die Verse 33 – 37. Herr Pöttner behauptet, dass Jesus hier versucht, diese Überfigur Gottes zu entschärfen. Gott ist Schöpfer und hat uns die Möglichkeiten eröffnet, aber es sind unsere Möglichkeiten, für die wir auch selbst verantwortlich sind. Gott kann nicht so bestimmt werden, dass er als eine Art Lückenbüßer fungiert.

Wir betrachten zu dieser Auslegung die Texte aus Gen 2 und 3. Hier geht es um die oft missverstandene Schlange. Sie bringt Adam und Eva dazu von dem Baum der Erkenntnis zu essen. Dadurch lernen sie die Unterscheidung zwischen Gut und Böse. In der Geschichte, in der Abel von Kain ermordet wird, wird verdeutlicht, dass diese Fähigkeit des Menschen eine fehlbare Fähigkeit ist. Der Mensch muss diese Fähigkeit haben um nicht ständig auf Gott angewiesen zu sein.

In der Bibel gibt es die Unterscheidung von Gut und Böse auch. Herr Pöttner sagt, dass Jesus sich darauf beziehen könnte, da der Mensch durch die Schlange so geworden ist wie „unsereiner“ (vgl. Gen 3). Des Weiteren erläutert Herr Pöttner, dass der Mensch intellektuell und ethisch auf gleicher Augenhöhe mit Gott ist.

Es wird nicht bestritten, dass es einen Unterschied zwischen „Schöpfer“ und „Geschaffenem“ gibt. Der Text aus Mt 7, Vers 12 macht ähnliche Aussagen in der Bergpredigt wie Kant. Es entsteht eine Diskussion über den kategorischen Imperativ (Exkurs: http://ethik-werkstatt.de/Kategorischer_Imperativ.htm, letzter Zugriff: 30.05.17).

Der Zorn Gottes wird zu Beginn von Gen 6 deutlich. Dabei ist zusagen, dass Zorn eine emotionale Bedingung der Möglichkeit des Mordes ist. Deshalb wird der Zorn auch negativ bewertet. In der Erzählung der Sintflut in Gen 6 bis 8, scheint es Gott überfallen zu haben „Die schaffen das nicht mit der sittlichen Unterscheidung“.

Diese Tat bereut Gott in Gen 8
(vgl. https://www.bibleserver.com/text/LUT/1.Mose8, letzter Zugriff: 30.05.17).

Abschließend kann man sagen, dass die Bergpredigt ein Weisheitstext ist. Dies kann man am Ende noch einmal überprüfen, indem man aufgezeigt, dass es zwischen dem törichtem und dem weisen Handeln Unterschiede gibt (vgl. Mt 7,24-27).

Herr Pöttner beendet die Sitzung und merkt an, dass sich jeder bis zum nächsten Mal Gedanken über das machen sollte, was heute besprochen wurde. Wenn jemand Thesen widerlegen möchte oder Fragen hat, können diese in der nächsten Sitzung diskutiert bzw. beantwortet werden.

Aufgaben zur nächsten Sitzung: 5,38-48!

« Joh 3,19-36 (Uni Hd) – TUD »

Info:
TUD ist Beitrag Nr. 6225
Autor:
Martin Pöttner am 3. Juni 2017 um 09:36
Category:
Bergpredigt
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