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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Der Geist der Wahrheit und unser Stimmengewirr (Joh 14,15ff [EfG Griesheim])

Cicero-Foto zu dem Anschlag von Manchester

15 »Wenn ihr mich liebt, dann werdet ihr meine Gebote halten. 16Und ich werde Gott bitten und er wird euch einen anderen Trost geben, der immer bei euch sein soll: 17Der Geist der Wahrheit ist etwas, das die Welt nicht erfassen kann, weil sie ihn weder schaut noch erkennt. Ihr erkennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein. 18Ich lasse euch nicht als Waisen zurück, ich komme zu euch. 19Noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr, ihr aber seht mich, denn ich lebe und ihr werdet leben. 20 An diesem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in Gott bin und ihr in mir seid und ich in euch. 21Alle, die meine Gebote haben und sie halten, lieben mich. Und diejenigen, die mich lieben, werden auch von Gott geliebt werden und ich werde sie lieben und mich ihnen zeigen.« (Vgl. „Bibel in gerechter Sprache“, z. St.)

Liebe Gemeinde,

am nächsten Sonntag beginnt das Pfingstfest, das Fest des Geistes Gottes, der zu den Menschen gesandt wird. Im Johannesevangelium beginnt die Pfingstphase mit dem Einhauchen des Geistes in die Schüler/innen oder dem Anblasen der Schüler/innen mittels des Geistes in 20,14ff, das in der griechischen Sprache eine unübersehbare Anspielung auf das Einblasen des Atems Gottes in die Nase Adams in Gen 2,7 darstellt.

Der Geist weht, wo er will (Joh 3,8) –

so ein berühmter Sinnspruch aus dem Johannesevangelium in der Sprache Luthers. Wir können auch übersetzen:

Der Geist bläst da, wo er will.

Es ist ein eher sanftes Blasen.

In den Abschiedsreden des Johannesevangeliums (13-17) wird das Einhauchen oder Einblasen des Geistes an mehreren Stellen wie in unserem Text in Aussicht gestellt. Denn die Schüler/innen benötigen Trost und Orientierung, wenn die Trauer wg. Jesu Weggangs die Schüler/innen in ihrer Situation lähmt. Das kann angstvoll sein:

In der Welt habt ihr Angst. Aber seid getröstet, ich habe die Welt überwunden – (Joh 16,33).

Und die Gemeinschaft mit demjenigen, der jetzt an der Brust oder im Schoß des Vaters liegt (Joh 1,18), vollzieht sich über den der Gemeinde gegebenen Geist:

20»An diesem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in Gott bin und ihr in mir seid und ich in euch. 21Alle, die meine Gebote haben und sie halten, lieben mich. Und dieljenigen, die mich lieben, werden auch von Gott geliebt werden und ich werde sie lieben und mich ihnen zeigen.«

Es ist also eine Konstellation des Haltens der Gebote Jesu, des In-Jesus-Seins der Schüler/innen und des Seins-Jesu in den Schüler/inn/en – und alle sind in Gott.

20»An diesem Tag werdet ihr erkennen, dass ich in Gott bin und ihr in mir seid und ich in euch. 21Alle, die meine Gebote haben und sie halten, lieben mich. Und diejenigen, die mich lieben, werden auch von Gott geliebt werden und ich werde sie lieben und mich ihnen zeigen.«

Das ist die Welt der Schüler/innen, die mit dem Geist angehaucht wurden. Jesus folgt dem jüdischen Gelehrten Hillel, dem Älteren, der das Liebesgebot für den Inbegriff der Gebote hielt. So gab Jesus im Johannesevangelium ausdrücklich nur das Gebot, dass die Schüler/innen sich untereinander lieben sollen (Joh 13,34f) als neues Gebot – und das genügt. Denn an der Liebe der Schüler/innen untereinander erkennen alle, erkennt die Welt, dass Gott wirksam ist – und viele lassen sich begeistern. So dehnt sich die Liebe, so dehnt sich Gott in der Welt aus. Der kleine Punkt, der wir sind, ist über die Liebe mit Jesus, mit Gott, mit allen anderen Schüler/inne/n, sofern wir das Liebesgebot erfüllen, verbunden.

Warum ist das ein Gebot? Nun, diese Redeweise ist in der „Bergpredigt“ und auch im Johannesevangelium durch die Reflexion der antiken Ethik beeinflusst, nach der bestimmte Handlungsweisen „Tugenden“ sind, die den sittlichen Prozess bestimmen, ihm eine Richtung geben. Solche Tugenden sind Gerechtigkeit, Besonnenheit und Liebe (vgl. Schleiermacher, Ethik 1812/13). Und hier also die Liebe, die uns mit Jesus, Gott und allen Christ/inn/en – und darüber hinaus mit allen Menschen und Geschöpfen verbindet. Gott liebt Jesus und uns, es ist auch die göttliche Tugend, diejenigen zu lieben, die lieber in der Finsternis leben wollen, in einer Welt des Hasses – oder doch zumindest einer Welt der Konkurrenz.

Der Heilige Geist ist deshalb der Geist der Wahrheit, der uns in alle Wahrheit führen wird, wie es in Joh 16,13 heißt. Er ist mithin nicht der Geist einer kleinen Sondergruppe, sondern weltweit ausgerichtet – wie auch das Einblasen des Atems Gottes in die Nase Adams allen Menschen galt. Aber der Geist der Wahrheit ist nicht oberflächlich, sondern überall dort, wo auch kleine Gruppen die Tugend der Liebe als das Wichtigste betrachten, das die Welt voranbringt.

Vielleicht sollten wir mit diesem Text etwas innehalten in diesen Tagen, in denen die Welt sich verändern könnte, manche aber betonen, alles sei gut. Ein vielstimmiges Stimmengewirr und eine Überfülle an Bildern könnten uns lähmen. Schon wieder ein islamistischer Terroranschlag, diesmal in Manchester bei einem Teenie-Konzert. Und wieder die beredte Ratlosigkeit: Absolute Sicherheit gibt es nicht. Keine offizielle Äußerung eine/s/r staatlichen Amtsträger/s/in, was möglicherweise zu einer Änderung der Situation führen könnte. Keine Erinnerung an Tony Blair, der mit der Irisch-Republikanischen Armee verhandelt hat. Anscheinend hat das nur sein früherer Gegner Jeremy Corbyn verhalten anzusprechen gewagt, um von Theresa May öffentlich verhauen zu werden. Auch Merkel und Obama schwiegen auf dem Kirchentag dazu.

In Deutschland sieht die AfD nur die Möglichkeit, das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft zu beenden. So formuliert die fundamentalistische Protestantin @Beatrix_vStorch in einem Tweet auf Twitter mit Bezugnahme auf den früher eher stark linksprotestantischen kirchenkritischen Journalisten Alexander Kissler: „Das Böse kann nicht integriert, es muss besiegt werden“. Und man kann auch nicht mit ihm diskutieren. ES REICHT! https://t.co/WB5e4gV3fp

Man fühlt sich an die Auseinandersetzungen der Weimarer Republik erinnert, von denen mir mein Vater erzählt hat. Was damals fehlte – und heute wieder fehlt, ist ein Versuch miteinander ernsthaft zu reden. Angesichts dessen, das der Evangelische Kirchentag keine/n prominente/n AfDler/in eingeladen hat, wurde die Präsidentin Christina aus der Au gefragt, ob denn Luther zum Evangelischen Kirchentag eingeladen worden wäre – und Frau aus der Au lachte etwas verlegen und sagte, das könne wegen seiner Judenfeindschaft tatsächlich ein Problem sein. Aber wir haben nun im Protestantismus auch solche Positionen, also müssen sie auf dem Kirchentag auch diskutiert werden. Zivilisiert natürlich. Denn wer die Diskussion vermeidet, trägt nur zur Verfestigung der gegensätzlichen Positionen bei – und hält die Tugend der Liebe für irrelevant.

Immerhin ist Bayern Meister und Dortmund Pokalsieger geworden, also gibt es noch so etwas wie Normalität. Natürlich ist der Abstieg Darmstadts ein Wermutstropfen. Aber das lässt sich wieder ändern. Wir sollten uns nicht zu Fanatismus treiben lassen, im Fußball nicht und in der Religion auch nicht. Die Praxis der Liebe ist ganz nahe an der Wahrheit geparkt, so viel ist sicher nach unserem Text. Wir können das sanfte Blasen des Geistes hören. Damit ist nach dem Johannesevangelium alles gesagt, was für uns wichtig ist. Vielleicht bringen wir den Mut auf, die Tugend der Liebe gegenüber allen aufzubringen. Dazu möge das Erwägen dieses Textes in unseren Herzen beitragen.

Amen

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Info:
Der Geist der Wahrheit und unser Stimmengewirr (Joh 14,15ff [EfG Griesheim]) ist Beitrag Nr. 6180
Autor:
Martin Pöttner am 26. Mai 2017 um 17:53
Category:
Religiöse Rede
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