Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Johannesprolog (Uni Hd)


Zusam­men­fas­sung vom 15.05.

Wir bespra­chen 1,15-18 und kamen dann zu einer nar­ra­ti­ven Gesamt­sicht des Johan­ne­s­pro­logs.

15 aα Ἰωάννης μαρτυρεῖ περὶ αὐτοῦ

aβ καὶ κέκραγεν λέγων·

b οὗτος ἦν ὃν εἶπον·

c ὁ ὀπίσω μου ἐρχόμενος ἔμπροσθέν μου γέγονεν,

d ὅτι πρῶτός μου ἦν.

16 aα ὅτι ἐκ τοῦ πληρώματος αὐτοῦ ἡμεῖς πάντες ἐλάβομεν

aβ καὶ χάριν ἀντὶ χάριτος·

17 a ὅτι ὁ νόμος διὰ Μωϋσέως ἐδόθη,

b ἡ χάρις καὶ ἡ ἀλήθεια διὰ Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐγένετο.

18 a Θεὸν οὐδεὶς ἑώρακεν πώποτε·

bα μονογενὴς θεὸς ὁ ὢν εἰς τὸν κόλπον τοῦ πατρὸς

bβ ἐκεῖνος ἐξηγήσατο.

Wir erör­ter­ten zunächst die Rede von der δόξα (1,14bc), zumeist in der LXX Über­set­zung von hebr. כּבוֹד ([kabod] Schwe­re, Gewicht, aber auch Glanz, was m. E. die bes­te Über­set­zung ist; vgl. auch M. Frett­löh, Gott Gewicht geben, 2005 u. ö.). Wesent­lich sind die Stel­len, die sich auf Mose bezie­hen, etwa im „Zelt der Begeg­nung“ (Ex 25ff). Der Pro­log scheint dar­auf anzu­spie­len. Es ist mög­lich, dass ἐσκήνωσεν in 1,14 aβ das tut. Der Logos hat mit­hin eine wahr­nehm­ba­re, sicht­ba­re, schau­ba­re Glanz­ge­stalt, die sei­ne Gött­lich­keit bezeich­net. Und jene Kin­der Got­tes haben sie geschaut. Das ist ein wich­ti­ges The­ma des Johan­nes­evan­ge­li­ums.

Mit 1,15 beginnt wie­der eine Johan­nes-der-Täu­fer-Pas­sa­ge. Es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass auch V. 16-18 dazu­ge­hö­ren (vgl. 3,27ff). Wahr­schein­lich hat aber die alte Hym­nus-The­se recht, dass dem Pro­log ein urchrist­li­ches Lied über die Weis­heit bzw. den Logos zugrun­de liegt, das die Kin­der Got­tes sin­gen – und dies mit der paläs­ti­ni­schen Situa­ti­on in Vv. 6-8 bzw. V. 15 ver­bun­den wird (Thy­en, z. St.), wobei auf die syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en ange­spielt wird.

Vv. 16-18 deh­nen den Bezug auf die Mose­si­tua­tio­nen aus, wobei unter­stellt wird, dass Mose für den νόμος zustän­dig ist, aber Jesus Chris­tus für χάρις und ἀλήθεια ver­ant­wort­lich ist. Das ist eine weis­heit­li­che Posi­ti­on (vgl. Sir 24). Denn die Weis­heit hat sich auch in der Tora gezeigt. Gedan­ken an „Anti­ju­da­is­mus“ o. Ä. über­zeu­gen hier nicht. Denn das Johan­nes­evan­ge­li­um schreibt die Erzäh­lung von der Weis­heit, die in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden ent­hal­ten ist, fort – ohne gro­ße jüdi­sche Zustim­mung. Die Christ/inn/en haben in der Regel den Feh­ler gemacht, das Chris­ten­tum als wah­re Reli­gi­on anzu­se­hen. Davon steht hier und auch sonst im Johan­nes­evan­ge­li­um nichts.

V. 18 ori­en­tiert sich an einer Posi­ti­on, dass nur die Les­art von Ex 24 wesent­lich ist, dass Mose allein sich Gott nähert (bei eini­gen Rab­bi­nen und dem Phi­lo­so­phen Levinas). Aber Ex 24 ent­hält auch eine Vari­an­te, dass 70 Ältes­te den Gott Isra­els schau­ten. Und dies ist jetzt auch den Kin­dern Got­tes mög­lich.

Wesent­lich ist, dass ὢν anzeigt, dass der Pro­log jetzt in der­je­ni­gen Zeit ange­kom­men ist, in wel­cher das Johan­nes­evan­ge­li­um ver­fasst wur­de. Dabei befin­det sich der ein­zi­ge gebo­re­ne Sohn Got­tes beim Vater, er liegt an sei­ner Brust oder in sei­nem Schoß, ein sinn­li­ches Bild der Lie­be, das im Johan­nes­evan­ge­li­um in 13,23 und 21,20 auf­ge­nom­men wird.

Der Pro­log spielt mit­hin auf Leben, Lei­den, Ster­ben und „Auf­ste­hen“ Jesu an – und setzt vor­aus, dass er zum Vater zurück­ge­kehrt ist. Damit wer­den im Pro­log wich­ti­ge Aspek­te des Johan­nes­evan­ge­li­ums ange­spro­chen, was ein Pro­log nach Aris­to­te­les, Rhe­to­rik, drit­tes Buch, auch tun soll.

Zusam­men­ge­hal­ten wird in der Lied­struk­tur der Text durch die häu­fi­ge Ver­wen­dung der Figur „homo­se­mes Wort­spiel“, sodass auch eine dyna­mi­sche Struk­tur ent­steht: ζωή, λόγος und φῶς auf der einen Sei­te sowie σκοτία und σάρξ auf der ande­ren Sei­te mar­kie­ren wesent­li­che Punk­te des Erzähl­fort­schritts, dazu kom­men die Bezeich­nun­gen der Ableh­nung bzw. des Nicht-Ver­ste­hens sowie des Anneh­mens.

Dass dies als Pro­blem­ge­schich­te ver­stan­den wer­den kann, fand kei­nen Wider­spruch. Wir über­prü­fen das in die­sem Semes­ter:


Zu den Weis­heits­fra­gen noch immer instruk­tiv: Bult­mann, Der reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Hin­ter­grund des Johan­ne­s­pro­logs, in: Exege­ti­ca, 1967. Bult­mann ver­sucht durch Ver­bin­dung vie­ler Weis­heits­tex­te zu zei­gen, dass alle Aspek­te des Pro­logs Par­al­le­len in der jüdi­schen Weis­heits­li­te­ra­tur besit­zen.

Ein der­ar­ti­ges Ele­ment sind die Freun­de der Weis­heit, im Pro­log die Figur Johan­nes des Täu­fers. Dabei ent­spann sich eine kon­tro­ver­se Debat­te dar­über, ob das μαρτυρεῖν des Johan­nes sein z. T. auch lei­den­des, ster­ben­des und Grau­sam­kei­ten aus­ge­setz­tes Dasein bezeich­net – oder nicht. Nach der Ver­wen­dung von μαρτυρεῖν seit den Mak­ka­bä­er­bü­chern ist das ers­te­re mög­lich, eben­so könn­te Mk 1,14 die­se Par­al­le­li­tät von Jesus und dem Täu­fer anzei­gen. Das müs­sen wir wei­ter erwä­gen.

Über­ra­schend vor einem gewöhn­li­chen christ­li­chen Fröm­mig­keits­ho­ri­zont könn­te es erschei­nen, dass der Erlö­sungs­vor­gang hier als Geburts­vor­gang dar­ge­stellt wird, der auf der Ver­ei­ni­gung von gött­li­cher und gegen­gött­li­cher Sphä­re beruht, wobei der Logos Fleisch wird, auch lei­det und stirbt. Bezeich­net das nicht das Selb­stop­fer Chris­ti wie im Hebr? M. E. dürf­te mit die­ser Fra­ge­stel­lung die Weis­heits­se­man­tik eher ver­las­sen sein. Auch das müs­sen wir wei­ter über­prü­fen.

Aufgaben zur nächsten Sitzung

  1. Über­set­zen und seg­men­tie­ren Sie Joh 3,1-18!
  2. Erken­nen Sie etwas wie­der – oder nicht?

« Theologie des Neuen Testaments (TUD) – Theologie des Neuen Testaments (TUD) »

Info:
Johannesprolog (Uni Hd) ist Beitrag Nr. 6152
Autor:
Martin Pöttner am 18. Mai 2017 um 17:06
Category:
Allgemein
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment