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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Bibel­kun­de Hei­del­berg

Esra, Nehemia und Ester

Die drei zu bespre­chen­den Bücher neh­men auf eine Zeit Bezug, in der Isra­el und Juda von Per­si­en in der Pro­vinz Jehud, aber auch wei­ter bestimmt wur­den. Es ist die Zeit nach dem Exil der judäi­schen Ober­schicht in Baby­lon. Wäh­rend die­ser Zeit wur­de Per­si­en zur Welt­macht und besieg­te Baby­lon. Das Buch Jesa­ja reflek­tiert in den Kap. 40-55 die­sen Pro­zess. Der auschlag­ge­ben­de Herr­scher ist Kyros (bzw. Cyrus). Eth­ni­en im Exil konn­ten in ihre Hei­mat zurück­keh­ren, so auch Judä­er.

Die durch Kyros erzeug­te Welt­macht­si­tua­ti­on des per­si­schen Groß­reichs

  1. Pro­ble­me des (als ursprüng­lich ange­nom­me­nen) Esra-Buches

Die Bücher Esra und Nehemia gehör­ten ursprüng­lich zusam­men, wur­den spä­ter aber geteilt. Zudem sind sie nur dann rich­tig zu ver­ste­hen, wenn man die heu­ti­ge Abfol­ge der Kapi­tel ver­än­dert. In der Sep­tuagin­ta wer­den die bei­den Bücher gemein­sam als (2.) Esra bezeich­net, in hebräi­schen Bibeln erfolg­te erst seit 1448 eine Tren­nung der Bücher.

2. Esra­bü­cher

Die LXX (Sep­tuagin­ta [grie­chi­sche jüdi­sche Bibel]) hat zusätz­lich noch ein 3. Esra­buch (aller­dings bezeich­net als Esra a, also als ers­ter Esra), das mög­li­cher­wei­se auf eine älte­re Fas­sung der Bücher Esra und Nehemia zurück­greift. Dazu fin­det sich in der Vul­ga­ta ein 4. Esra­buch, das aus drei Schrif­ten besteht: Dem eigent­li­chen 4. Esra, einer Apo­ka­lyp­se (= Kap. 3-14), dem 5. Esra, einem christ­li­chen Trost­buch für die Mut­ter Kir­che (= Kap. 1+2) und dem 6. Esra, einer christ­li­chen Apo­ka­lyp­se (= Kap. 15+16).

Geschicht­li­cher Hin­ter­grund

Das Esra/N­ehemia-Buch ist die ein­zi­ge bibli­sche Quel­le für die frü­he nach­exi­li­sche Zeit und daher von hoher his­to­ri­scher Bedeu­tung, zumal auch alte Text­stü­cke ver­ar­bei­tet wur­den. Doch ist nicht zu ver­ken­nen, dass die Dar­stel­lung oft typi­siert, so ist bei­spiels­wei­se der Kon­flikt mit den Sama­ri­ta­nern (vgl. den in Esr 4 geschil­der­ten Streit) über­zeich­net wor­den. Die Dar­stel­lung der inne­ren Kon­flik­te der Gemein­de in Jeru­sa­lem, so die Stel­lung der Rück­wan­de­rer, die Fra­ge der Misch­ehen und die öko­no­mi­schen Pro­ble­me, ist im Grund­satz sicher his­to­risch zutref­fend. Auch im Esra­buch fin­den sich ara­mäi­sche Text­stü­cke (Esr 4,8-6,18
+ 7,12-26), die wohl älter sind als die hebräi­schen Tex­te, selbst wenn die­ser Kom­plex bereits über­ar­bei­tet wur­de. Die Ent­ste­hung des Buches ist nicht sicher datier­bar, man nimmt das 4. vor­christ­li­che Jahr­hun­dert an. Im Esra/N­ehemia-Buch wur­den ver­schie­de­ne Lis­ten (Esr 2) und Urkun­den (Esr 6,3-5; 7,12-26) ver­ar­bei­tet, dazu Stof­fe, die mit Serub­ba­bel und Schesch­baz­zar ver­bun­den waren, Esra-Stof­fe und die sog. Nehemia-Denk­schrift (Neh 1-7.12-13*), die in Form einer Recht­fer­ti­gung an Gott gerich­tet ist. Wich­ti­ge Ein­zel­tex­te sind auch die bekennt­nis­haf­ten Buß­ge­be­te in Esr 9 und Neh 9.

Glie­de­rung

Die Dar­stel­lung der bei­den Bücher ist im Zuge der Text­über­lie­fe­rung in Unord­nung gera­ten; der hier wie­der­ge­ge­be­ne Vor­schlag zur Neu­ord­nung hat sich weit­ge­hend durch­ge­setzt.

Datie­rung Esras

Vor­aus­set­zung für die­se Anord­nung ist die Annah­me, dass Esra unter dem Per­ser­kö­nig Arta­xer­xes I. (464-425/4) tätig war, sei­ne Mis­si­on also vor der des Nehemia÷ statt­ge­fun­den hat (vgl. das The­ma-Kapi­tel „Nach­exi­li­sche Geschich­te“). Danach ent­steht das Bild, dass zunächst das Kyro­sedikt von Dari­us in Kraft gesetzt und der Tem­pel erbaut wur­de (Esr 1-6). Dar­auf wird Esra mit dem Gesetz nach Jeru­sa­lem gesandt, dies wird geschil­dert wie ein zwei­ter Exo­dus (Esr 7f). Das Volk wird auf die­ses Gesetz ver­pflich­tet. Esra wird daher im Juden­tum mit Mose ver­gli­chen (vgl. Esr 7,1–5: Esra gilt als Nach­kom­me Aarons); durch die Ein­füh­rung der Tora habe er die Reli­gi­on des Juden­tums begrün­det.

3. Nehemia

Nach der Sicher­stel­lung von Kul­tus und Tora kommt dann Nehemia nach Isra­el, um die äuße­re Sicher­heit Jeru­sa­lems durch den Mau­er­bau zu errei­chen und um kul­ti­sche und sozia­le Miss­stän­de zu behe­ben. Er fun­giert als per­si­scher Statt­hal­ter. Da Esra, der Schrei­ber, die Schrif­ten öffent­lich ver­liest (Neh 7,72ff), ist zu unter­stel­len, dass in der per­si­schen Pro­vinz Jehud für das Juden­tum die­je­ni­ge Struk­tur begann, die dann auch vom Chris­ten­tum ange­strebt wur­de. Die Welt­mäch­te gestat­te­ten Eth­ni­en reli­giö­se und sitt­li­che Auto­no­mie, sofern sie poli­tisch loy­al waren und Steu­ern zahl­ten. Die hei­li­gen Schrif­ten der Juden fun­gier­ten daher als Selbst­ver­wal­tungs­recht in sitt­li­chen und reli­giö­sen Fra­gen in Gegen­den, wo Juden leb­ten. Bei den Grie­chen gal­ten sol­che Tex­te als „Geset­ze der Väter“, bei den Römern als „Sit­ten der Älte­ren“. M. E. agier­ten auch die Per­ser so. Das ist der Hin­ter­grund der Äuße­run­gen zu Esra und Nehemia. Mög­li­cher­wei­se zeigt dies auch an, dass der Pro­zess der Kano­ni­sie­rung am  neu erbau­ten zwei­ten Tem­pel in Jeru­sa­lem begann.

Das bedeu­tet fol­gen­de gra­fisch dar­ge­stell­te Auf­fas­sung der Bibel:

 

Die Bibel vor dem Kon­text der Welt­mäch­te Per­si­en, Grie­chen­land und Rom

 


Die Gra­fik zeigt die gro­ße Viel­falt der bibli­schen Bücher an, die einer­seits eine sitt­li­che und reli­giö­se Auto­no­mie erlaub­te – ande­rer­seits auch die erfor­der­li­che Loya­li­tät zu den jeweils herr­schen­den Mäch­ten. Im Juden­tum wur­de die Auto­no­mie durch dyna­mi­sche Schrift­aus­le­gung genutzt, um die hei­li­gen Schrif­ten unter­schied­li­chen Situa­tio­nen anzu­pas­sen. Die christ­li­chen Tex­te des Neu­en Tes­ta­ments sind genau­so ent­stan­den.

Per­ser

Die Geschichts­dar­stel­lung wird dem­nach auf die zwei Per­so­nen Esra (aram: „Hil­fe“) und Nehemia (hb. „JHWH hat getrös­tet“) kon­zen­triert. Im Hin­ter­grund steht aber immer auch die wohl­wol­len­de per­si­sche Groß­macht, die der Jeru­sa­le­mer Gemein­de Schutz bie­tet. Das Kyrus-Edikt wird zwei­mal ange­führt (Esr 1,1-3 + 6,3-5), der Erlass des Arta­xer­xes, mit dem Esra legi­ti­miert wird, erscheint als Ori­gi­nal­do­ku­ment (Esr 7,12ff.), aller­dings ist strit­tig, ob das Edikt des Kyros tat­säch­lich so erlas­sen wor­den ist. Cha­rak­te­ris­tisch ist zudem die in die­sen Büchern häu­fi­ge Got­tes­be­zeich­nung „Gott des Him­mels“ für JHWH. Die­se Benen­nung konn­ten auch die Per­ser für ihre obers­te Gott­heit Ahu­ra Maz­da ver­wen­den. Selbst wenn man gewiss immer wuss­te, dass ira­ni­sche und israe­li­ti­sche Reli­gi­on nicht deckungs­gleich waren, hat man doch die Nähe betont, um die Situa­ti­on der israe­li­ti­schen Gemein­de zu ver­bes­sern.

4. Ester

Über­sicht über das Ester­buch

Posi­ti­on

Das Buch Ester beschließt im Kanon der pro­tes­tan­ti­schen Bibeln den Teil Geschichts­bü­cher (LXX hat dann noch die apo­kry­phen Schrif­ten (Judit, Tobit und Mak­ka­bä­er­bü­cher), in der hebräi­schen Bibel gehört Ester zu den Schrif­ten und steht zwi­schen den Kla­ge­lie­dern und Dani­el (wohl wegen der his­to­ri­schen Bezug­nah­men).

Purim-Fest

Das Buch gehört zu den fünf Megil­lot, den Rol­len, die im Juden­tum zu beson­de­ren Fes­ten gele­sen wer­den. Es begrün­det das Purim-Fest; nach Est 3,7 wird das Los (פּוּר, pûr) gewor­fen, um den Tag zu bestim­men, an dem die Juden getö­tet wer­den sol­len. Das Ester­buch ist das ers­te greif­ba­re Zeug­nis dafür, dass Juden ohne beson­de­re Grün­de ver­folgt wer­den, ein­fach des­halb, weil sie anders sind als alle ande­ren Völ­ker (3,8).

Name

Die Deu­tung des Namens Ester ist nicht ein­deu­tig, wahr­schein­lich kommt er aus dem Per­si­schen und heißt „Stern“. Nach 2,7 lau­tet Esters hebräi­scher Name Hadas­sa (dt. Myr­te).

Datie­rung

Nach den Anga­ben des Buches spielt die Hand­lung in den Tagen des per­si­schen Königs Xer­xes I., also im frü­hen 5. vor­christ­li­chen Jahr­hun­dert. Es ist aber sicher deut­lich jün­ger, man datiert es auf die Zeit des 3./2. Jahr­hun­derts. In 2.Makk 15,36 ist für das 2./1. Jh. v.Chr. ein Mor­de­chai­tag belegt, das Purim-Fest muss also zu die­ser Zeit schon began­gen wor­den sein (ter­mi­nus ante quem).

Inhalt

Das Buch spielt in der könig­li­chen Resi­denz des per­si­schen Groß­kö­nigs in Susa. Es erzählt die Ret­tung der gesam­ten Juden­heit durch den Mut der jüdi­schen Köni­gin Ester und ihres Zieh­va­ters Mor­de­c­hai. Ähn­lich wie die ers­ten Kapi­tel des Dani­el­bu­ches zeigt es, dass das Leben der Juden in der Dia­spo­ra gefähr­lich ist, dass aber Treue zum Glau­ben die Ret­tung bringt. Dane­ben steht das Motiv, dass die per­si­sche Herr­schaft letzt­lich durch den Ein­satz der Juden inner­halb der Bevöl­ke­rung gestützt und befes­tigt wird.

Kano­ni­sie­rung

Die Auf­nah­me des Ester­bu­ches in den Kanon war offen­sicht­lich lan­ge umstrit­ten, wohl vor allem des­halb, weil in ihm von Gott nicht die Rede ist. Es fin­den sich ledig­lich Anspie­lun­gen, vgl. 4,14 „Erret­tung von einer ande­ren Sei­te her“. Die grie­chi­sche Über­set­zung bie­tet zudem einen deut­lich erwei­ter­ten Text; auch dies zeigt, dass die Kano­ni­sie­rung nicht ein­heit­lich von­stat­ten ging. Der Form nach ist die Schrift eine in der Dia­spo­ra spie­len­de Novel­le als Abwand­lung eines grie­chi­schen his­to­ri­schen Romans, ähn­lich bei­spiels­wei­se den apo­kry­phen Schrif­ten Judit und Tobit oder der (älte­ren) Josefs­no­vel­le. Sie will erzäh­le­risch ver­mit­teln, wie sich Juden in der Dia­spo­ra ange­mes­sen zu ver­hal­ten haben, vgl. auch die Erzäh­lun­gen in Dan 1–6.

« Ein­füh­rung in die Exege­se und Her­me­neu­tik: Berg­pre­digt (TUD) – Das Johan­nes­evan­ge­li­um (Uni Hd) »

Info:
Bibel­kun­de Hei­del­berg ist Beitrag Nr. 6101
Autor:
Martin Pöttner am 7. Mai 2017 um 15:31
Category:
Bibelkunde
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