Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Zwei­ter Sonn­tag nach Ostern (Joh 21,15-19 [EfG Gries­heim])

Als sie gefrüh­stückt hat­ten, sag­te Jesus zu Simon Petrus: »Simon, Sohn des Johan­nes, liebst Du mich mehr als die ande­ren?« Er sag­te zu ihm: »Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lie­be.« Er sag­te zu ihm: »Hüte mei­ne Läm­mer!« 16 Noch ein­mal sag­te er zu ihm: »Simon, Sohn des Johan­nes, liebst Du mich?« Er sag­te zu ihm: »Ja, Herr, Du weißt, dass ich Dich lie­be.« Er sag­te zu ihm: »Wei­de mei­ne Scha­fe!« 17 Er sag­te zum drit­ten Mal zu ihm: »Simon, Sohn des Johan­nes, liebst Du mich?«

Byzan­ti­ni­sche Iko­ne mit groß geschrie­be­nen grie­chi­schen Zei­chen (poi­men kal­os), die „guter Hir­te“ bedeu­ten. Der „gute Hir­te“ hat den Hin­ter­grund des Kreu­zes.

 Petrus war trau­rig, dass er ihn zum drit­ten Mal frag­te: ›Liebst Du mich?‹ Er sag­te zu ihm: »Herr, Du weißt alles, Du weißt, dass ich Dich lie­be.« Jesus sag­te zu ihm: »Hüte mei­ne Scha­fe! 18 Amen, amen, ich sage dir: Als du jung warst, hast Du Dir selbst den Gür­tel fest­ge­bun­den und bist gegan­gen, wohin du woll­test. Wenn Du aber alt bist, wirst Du Dei­ne Arme aus­stre­cken und jemand anders wird Dich fest­bin­den und Dich dort­hin brin­gen, wohin Du nicht willst.« 19Dies sag­te er, um anzu­deu­ten, durch wel­che Todes­art er Got­tes Glanz zei­gen wür­de. Und dann sag­te er ihm: »Fol­ge mir!«

Lie­be Gemein­de,

das Johan­nes­evan­ge­li­um ist ein Text, der den Glanz Got­tes in Jesus schau­en lässt – bzw. ver­sucht, die Leser/innen dazu anzu­re­gen, dass sie die­sen Glanz schau­en kön­nen. Petrus bekommt in unse­rer Erzäh­lung die Auf­ga­be zuge­wie­sen, ein Hir­te für die Gemein­de der Glau­ben­den zu sein – für jede/n einzelne/n Glaubende/n. Das Bild des Hir­ten ist für die Bibel typisch, wir haben den Psalm 23 als Schrift­le­sung gesun­gen. Das Hir­ten­bild ist zum Bild Got­tes gewor­den Im Johan­nes­evan­ge­li­um ist der Schutz und die Sor­ge des Hir­ten für sei­ne Scha­fe und Läm­mer genau bestimmt. Jesus ist der gute Hir­te, wie Joh 10 sagt.
Das Hir­ten­bild hat immer eine Schutz­kom­po­nen­te für die Scha­fe und Läm­mer, auch, wenn es schwie­rig wird, ist der Hir­te auf­merk­sam:

Auf grü­ner Wie­se lässt Gott mich lagern, zu Was­sern der Ruhe lei­tet Gott mich sanft. 3 Mei­ne Leben­dig­keit kehrt zurück. Gott führt mich auf gerech­ten Spu­ren – so liegt es im Namen Got­tes. 4 Wenn Fins­ter­nis tief mei­nen Weg umgibt, Böses fürch­te ich nicht. Ja, du bist bei mir, dein Stab und dei­ne Stüt­ze – sie las­sen mich auf­at­men –

wie die „Bibel in gerech­ter Spra­che“ Psalm 23,2-4 über­setzt. Stab und Stüt­ze ste­hen für das für­sor­gen­de Han­deln des gött­li­chen Hir­ten, auch wenn es dun­kel und fins­ter wird. Vie­le von uns wer­den mit die­sen Wor­ten groß gewor­den sein – und sie schwin­gen um unser Leben, viel­leicht in der Über­set­zung Mar­tin Luthers.

Das Johan­nes­evan­ge­li­um knüpft an Psalm 23 an – und schreibt den Text fort. Wir sehen das in unse­rer Erzäh­lung von einer Begeg­nung des „Auf­ge­stan­de­nen“ mit eini­gen sei­ner Schüler/innen am See Gene­za­reth, am See von Tibe­ri­as, wie das Johan­nes­evan­ge­li­um sagt. Sie waren nachts beim Fischen gewe­sen, hat­ten nichts gefan­gen, das Erschei­nen eines Frem­den am Ufer änder­te auch das. Sie hat­ten dann ein Mahl mit gebra­te­nem Fisch an einem Koh­len­feu­er zusam­men genos­sen – und nach dem Früh­stück setzt unse­re Erzäh­lung ein.

Es war eines jener Gemein­schafts­mah­le gewe­sen – und alle hat­ten nach­ein­an­der erkannt, dass der Frem­de am Ufer der „auf­ge­stan­de­ne“ gekreu­zig­te Herr sei, ange­fan­gen vom Schü­ler, den Jesus lieb­te. Auch Petrus konn­te es nicht abwar­ten, den Herrn zu sehen. Aber jetzt nach dem Mahl kommt es zu einer im Chris­ten­tum berühm­ten Sze­ne. Jesus fragt den Petrus drei Mal, ob die­ser ihn lie­be. Es wird Petrus zu viel:

17Jesus sag­te zum drit­ten Mal zu ihm: »Simon, Sohn des Johan­nes, liebst Du mich?« Petrus war trau­rig, dass er ihn zum drit­ten Mal frag­te: ›Liebst du mich?‹ Er sag­te zu ihm: »Herr, Du weißt alles, Du weißt, dass ich Dich lie­be.« Jesus sag­te zu ihm: »Hüte mei­ne Scha­fe!«

Jesus weiß doch alles, wie­so fragt er ihn so hart­nä­ckig? Petrus däm­mert es, wie­so. Und beim drit­ten Mal wird er trau­rig. Jesus fragt drei Mal, weil Petrus ihn drei Mal ver­leug­net hat­te. Immer hat­te er abge­strit­ten, etwas mit Jesus zu tun zu haben. Nicht nur Judas, auch Petrus hat­te Jesus im Stich gelas­sen. Nur eini­ge Frau­en und die­ser Schü­ler, den Jesus lieb­te, waren bei sei­nem grau­sa­men Tod anwe­send gewe­sen. Das konn­te Petrus jetzt nicht mehr weg­drän­gen. Jesus zwang ihn durch sei­ne Fra­ge­rei dazu, sich sei­nem Ver­sa­gen zu stel­len. Eigent­lich hat­te Petrus ja getönt, er wer­de Jesus nach­fol­gen – und mit ihm ster­ben. Und er lieb­te Jesus ja auch. Jesus muss­te doch ver­ste­hen, dass er das nicht geschafft hat­te. Ja, er hat­te ihn fast allein ster­ben las­sen, weil er Angst um sein eige­nes Leben hat­te. Er war dann von Jeru­sa­lem nach Gali­läa zurück­ge­kehrt – klar hat­te er wahr­ge­nom­men, dass Jesus „auf­ge­stan­den“ war, er war auch in jener Woh­nung gewe­sen, die sie fest ver­schlos­sen hat­ten, damit sie von der Jeru­sa­le­mer Stadt­herr­schaft nicht belangt wer­den konn­ten. Jesus war trotz­dem her­ein­ge­kom­men, aber der den Schüler/inne/n ein­ge­bla­se­ne Geist hat­te bei Petrus und ande­ren kein Feu­er ent­facht. Petrus war in sei­ne frü­he­re Lebens­form zurück­ge­kehrt, als Fischer an jenem gali­lä­i­schen See. Und nun war er da – und stell­te Petrus vor des­sen Ver­sa­gen. Petrus war Jesus nicht bis zum Kreuz nach­ge­folgt. Und Jesus war uner­bitt­lich. „Simon Petrus, liebst Du mich … ?“, drei Mal. Und stets: „Wei­de oder hüte mei­ne Scha­fe bzw. Läm­mer!“

Das hat­te Petrus ja ver­misst, als es sehr ernst, dun­kel und fins­ter wur­de, dass da der Hir­te, der gute Hir­te war, der ihn beglei­te­te und Stab und Stüt­ze für ihn gewe­sen wäre. Aber er war auf sich allein gestellt. Der „gute Hir­te“ war ver­haf­tet, ver­höhnt, gefol­tert und gekreu­zigt wor­den. Dazu zu ste­hen, war zu viel für Petrus gewe­sen. Also hat­te er sich ver­drückt und alles getan, damit er da nichts mit zu tun bekä­me.

Das alles schoss Petrus durch sei­nen Kopf und sei­nen gan­zen Leib, als Jesus so hart­nä­ckig frag­te. Lei­der blieb es dabei nicht. Jesus sag­te ihm vor­aus, er wer­de sein Schick­sal tei­len:

18 Amen, amen, ich sage dir: Als Du jung warst, hast Du Dir selbst den Gür­tel fest­ge­bun­den und bist gegan­gen, wohin Du woll­test. Wenn Du aber alt bist, wirst Du Dei­ne Arme aus­stre­cken und jemand anders wird Dich fest­bin­den und Dich brin­gen, wohin Du nicht willst.«

Damit stand Petrus wie­der vor sei­ner nack­ten Angst, kein Hir­te, der ihm im fins­te­ren Tal, in der Fins­ter­nis bei­steht, mit Stüt­ze und Stab, sodass alles nicht so schlimm wird. Er wer­de wie Jesus gekreu­zigt wer­den, so die Andeu­tung des Herrn.

Wie kann er so etwas sagen? Nicht genug, dass Jesus gekreu­zigt wor­den war. Ihm soll­te das auch dro­hen. Was war das mit dem „Guten Hir­ten“? Petrus erin­ner­te sich, dass der „Gute Hir­te“ durch sein Lei­den Gott zum Glän­zen brin­gen woll­te, wie er beson­ders deut­lich in sei­nem Abschieds­ge­bet in Joh 17 gesagt hat­te. Petrus hat­te das ein­fach so hin­ge­nom­men, er war trau­rig gewe­sen, weil Jesus weg­ging.

Jetzt aber ver­such­te Petrus zu ver­ste­hen, wie das zusam­men­hän­gen könn­te. Offen­bar war der „Gute Hir­te“, dann ein wirk­lich „guter Hir­te“, wenn er selbst die Absur­di­tä­ten der Men­schen­welt erfüh­re – und nicht davon schein­bar unbe­rührt, bloß in der Fins­ter­nis, im fins­te­ren Tal, Stab und Stüt­ze, wäre. Petrus begriff, dass es mit der Fins­ter­nis und den fins­te­ren Tälern zu Ende gehen soll­te. Aber durch Lie­be, ohne Gewalt. Es lief Petrus kalt über den Rücken. Das kann ja lan­ge dau­ern – und das hieß, er muss­te tat­säch­lich ster­ben.

Dass der „Gute Hir­te“ nur dann ein „guter Hir­te“ ist, wenn er selbst im fins­te­ren Tal wan­dert, steht hin­ter unse­rer Erzäh­lung,

lie­be Gemein­de.

Nur so wen­det sich die Welt. Das fällt vie­len von uns nicht leicht, das anzu­neh­men. Wir sind da oft wie Petrus.

Möge uns der Text ermu­ti­gen, zumin­dest dar­über ernst­haft nach­zu­den­ken.

Amen

« Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik (TUD) – Uni-Logo »

Info:
Zwei­ter Sonn­tag nach Ostern (Joh 21,15-19 [EfG Gries­heim]) ist Beitrag Nr. 6064
Autor:
Martin Pöttner am 28. April 2017 um 12:57
Category:
Religiöse Rede
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment