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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


VHS Bad Rappenau)">Konfuzianismus im neueren China (VHS Bad Rappenau)

Da phi­lo­so­phi­sche Kon­zep­te nur ver­stan­den wer­den kön­nen, wenn sie in dem gesell­schaft­li­chen Zusam­men­hang betrach­tet wer­den, zu dem sie gehö­ren, skiz­zie­re ich die Ent­wick­lung seit der letz­ten Pha­se des 18. Jahr­hun­derts d. Z. Das ist auch schon als Grund­la­ge für den Diens­tag in einer Woche gemeint. Am 07. März steht das Ver­hält­nis von KP und Kon­fu­zia­nis­mus im Vor­der­grund, am 14. März wird das Ver­hält­nis von Dao­is­ten und Men­schen­rech­ten aktu­ell stär­ker beleuch­tet.
Wie schon Adam Smith 1776 im „Wohl­stand der Natio­nen“ fest­ge­hal­ten hat, war Chi­na im asia­ti­schen Groß­raum, der wirt­schaft­lich füh­rend war, die stärks­te Wirt­schafts­na­ti­on in der Manu­fak­tur­wirt­schafts­form. Die­ses Ver­hält­nis beginnt sich erst unter den kolo­nia­lis­ti­schen Ver­hält­nis­sen ab etwa 1850 all­mäh­lich umzu­keh­ren. Heu­te erle­ben wir offen­bar eher eine Rück­kehr zu den dama­li­gen öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­sen, natür­lich sind dadurch auch die phi­lo­so­phi­schen Fra­gen mit­be­stimmt.
Chi­na fehl­te damals der Über­gang von den Ein­sich­ten der klas­si­schen phy­si­ka­li­schen Mecha­nik sowie der Che­mie zur tech­ni­schen Umset­zung und den dann mög­li­chen öko­no­mi­schen Inno­va­ti­ons­schü­ben wie durch Dampf­ma­schi­ne, Eisen­bahn und Elek­tri­zi­tät, Che­mie usf. In eins mit die­sen Inno­va­ti­ons­schü­ben ent­stand der kolo­nia­lis­ti­sche Wil­le in den euro­päi­schen Staa­ten, die ent­spre­chend ver­such­ten, auch Chi­na zu kolo­nia­li­sie­ren.
Die­se kolo­nia­lis­ti­sche Ent­wick­lung hat dann die Ten­denz bis heu­te bestimmt. Es kommt zu einer qua­si­eu­ro­päi­schen Selbst­in­ter­pre­ta­ti­on gera­de in intel­lek­tu­ell enga­gier­ten Grup­pen. So fin­det 1911 und 1912 eine repu­bli­ka­nisch ori­en­tier­te Revo­lu­ti­on gegen das maro­de Kai­ser­tum statt. Die Kuomin­tang ent­stand als ers­te moder­ne chi­ne­si­sche Par­tei, die mit der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei zeit­wei­se eine Alli­anz ein­ging. Die­se zer­brach 1927, was von der Kom­mu­nis­ti­schen Inter­na­tio­na­le nicht geschätzt wur­de. Einer der wich­tigs­ten Funk­tio­nä­re der KP war Mao Tse-Tung (1893-1976), der sich in einer Rei­he von Kämp­fen schließ­lich durch­setz­te, 1934 KP-Vor­sit­zen­der wur­de und in ers­ter Linie einen bäu­er­lich gestütz­ten Gue­ril­la­kampf gegen die Kuomin­tang, auch gegen die ein­ge­fal­le­nen Japa­ner führ­te, wobei es wie­der zu einer Alli­anz von Kuomin­tang und KP kam. Dabei wur­de die Rote Armee zu einer schlag­kräf­ti­gen Trup­pe und besieg­te 1949 schließ­lich auch die Kuomin­tang, die noch Tai­wan behielt. Innen­po­li­tisch grün­de­te sich Maos Dik­ta­tur auf Kam­pa­gnen im Stil per­ma­nen­ter Klas­sen­kämp­fe. 1956/57 ging es um die „Hun­dert-Blu­men-Bewe­gung“, bei der hun­der­tau­sen­de Intel­lek­tu­el­le ver­haf­tet wur­den. Die Kam­pa­gne „Der gro­ße Sprung nach vorn“ 1958-61, in der eine Indus­tria­li­sie­rung ein­ge­führt wer­den soll­te, führ­te zu einer gro­ßen Hun­gers­not, der 30 Mil­lio­nen Hun­ger­to­te zum Opfer gefal­len sein sol­len (Le Mon­de diplo­ma­tique, Chi­na, 2007, 55).
Dadurch wur­de die Macht Maos schwä­cher, wor­auf er aber mit der Kul­tur­re­vo­lu­ti­on 1966 ant­wor­te­te. Unter ande­rem Deng Xia­o­ping wur­de dadurch macht­mä­ßig ein­ge­schränkt. Nach Maos Tod wur­de die­ser aber KP-Chef und ab 1981 gestand die KP erst­mals die Miss­er­fol­ge der mao­is­ti­schen Kam­pa­gnen ein, so wur­de die „Kul­tur­re­vo­lu­ti­on“ als gro­ber Feh­ler bezeich­net. Danach lei­te­te die chi­ne­si­sche Füh­rung all­mäh­lich markt­wirt­schaft­li­che Refor­men ein, die frei­lich eine star­ke Schich­ten­bil­dung in der Gesell­schaft zur Fol­ge hat­te. Mao selbst war zwei­fel­los stär­ker Kämp­fer als Phi­lo­soph – und sei­ne Pra­xis­the­sen sind von den Kämp­fen, die er geführt hat, stark abhän­gig. Das Ziel der KP unter sei­ner Füh­rung scheint vor allem der Fort­schritt des Lan­des gewe­sen zu sein, gemes­sen an west­li­chen Stan­dards wie Indus­tria­li­sie­rung usf.

Das Ziel der sozia­lis­ti­schen Revo­lu­ti­on ist die Befrei­ung der Pro­duk­tiv­kräf­te. Die Ver­wand­lung des indi­vi­du­el­len Eigen­tums in der Land­wirt­schaft und im Hand­werk in sozia­lis­ti­sches Kol­lek­tiv­ei­gen­tum und die Ver­wand­lung des kapi­ta­lis­ti­schen Eigen­tums in den pri­va­ten Indus­trie- und Han­dels­be­trie­ben in sozia­lis­ti­sches Eigen­tum wird unwei­ger­lich zu einer enor­men Frei­set­zung von Pro­duk­tiv­kräf­ten füh­ren. So wer­den die gesell­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für eine gigan­ti­sche Ent­wick­lung der Indus­trie und Agrar­pro­duk­ti­on geschaf­fen (Rede auf der obers­ten Staats­kon­fe­renz 25. Janu­ar 1956, Rotes Buch, 32)

Das hat mit der klas­si­schen Theo­rie von Marx nichts zu tun, weil die­sem zufol­ge die Ent­wick­lung der Pro­duk­tiv­kräf­te dazu füh­ren, dass die Arbei­ter­klas­se prak­tisch auto­ma­tisch an die Macht gelangt, weil die Pro­duk­ti­ons­wei­se schon all­ge­mein­ge­sell­schaft­lich ver­fährt. Maos Kam­pa­gnen ziel­ten also auf die Ver­wand­lung einer feu­dal bestimm­ten Bau­ern­ge­sell­schaft mit Hand­werks­be­trie­ben in eine indus­tria­li­sier­te Gesell­schaft. Die­se Stra­te­gie beschrieb er als „Per­ma­nen­te Revo­lu­ti­on“, die eine fort­wäh­ren­de Anpas­sung auch der Theo­rie an die Pra­xis zur Fol­ge haben soll­te – ein phi­lo­so­phisch all­ge­mein rich­ti­ger Ansatz. Natür­lich soll­te das „demo­kra­tisch“ vor sich gehen, aber es lief selbst­ver­ständ­lich auf die berüch­tig­ten Umer­zie­hungs­pro­zes­se hin­aus:

Pro­ble­me ideo­lo­gi­schen Cha­rak­ters oder Streit­fra­gen, die im Vol­ke ent­ste­hen, kön­nen nur mit der Metho­de der Demo­kra­tie, mit der Metho­de der Dis­kus­si­on, Kri­tik, Über­zeu­gung und Erzie­hung, nicht aber durch Zwangs- und Unter­drü­ckungs­maß­nah­men gelöst wer­den. (Über die rich­ti­ge Behand­lung der Wider­sprü­che im Vol­ke [27. Febru­ar 1957], Rotes Buch, 63).

Eben dies ist das Mus­ter der Kam­pa­gnen, per­ma­nen­te Umer­zie­hungs­pro­zes­se, die aller­dings doch zen­tral vor­ge­ge­ben waren. Kei­ne kla­re Idee davon, dass die Indi­vi­du­en über ihr Leben selbst bestim­men müss­ten – und von da aus die gesell­schaft­lich neu­en Pro­zes­se ent­stün­den. Dabei pfleg­te Mao kla­re Wor­te: Jeder Kom­mu­nist muss die­se Wahr­heit begrei­fen:

Die poli­ti­sche Macht kommt aus den Gewehr­läu­fen.“ (Pro­ble­me des Krie­ges und der Stra­te­gie – 6. Novem­ber 1938; Rotes Buch, 74)

Wer so for­mu­liert, ent­kommt nicht leicht fol­gen­der Para­do­xie:

Wir tre­ten dafür ein, dass der Krieg abge­schafft wird, wir wol­len kei­nen Krieg; man kann aber den Krieg nur durch Krieg abschaf­fen, und wenn man will, dass es kei­ne Geweh­re mehr geben soll, muss man das Gewehr in die Hand neh­men. (Rotes Buch, 76)

Die­se Para­do­xie ist aber kei­ne beson­de­re mao­is­ti­sche Schwä­che, son­dern liegt im Grun­de allen Kriegs­stra­te­gi­en zugrun­de, auch wenn die­se sich in Frie­dens­pro­zes­se ein­bet­ten las­sen. Der Mao­is­mus hat auf jeden Fall vom Kon­fu­zia­nis­mus die star­ke Herr­scher­stel­lung über­neh­men kön­nen, aller­dings ist der Per­so­nen­kult um Mao auch sonst in den kom­mu­nis­ti­schen Par­tei­en bis zuletzt zu Fidel Cas­tro prä­sent, also nicht auf den Kon­fu­zia­nis­mus zurück­zu­füh­ren. Wohl aber könn­te es im Volk eine gewis­se Akzep­tanz gege­ben haben, die damit zusam­men­hängt. Dao­is­ti­sche Ein­flüs­se scheint es auf die Kom­mu­nis­ten nicht gege­ben zu haben, wohl aber all­ge­mei­ne Denk­fi­gu­ren, wie sie in den klas­si­schen Tex­ten vor­lie­gen, etwa Kon­stel­la­tio­nen wie Yin und Yang. Die Pra­xis­phi­lo­so­phie Maos ist der­je­ni­gen des Kon­fu­zi­us ganz ent­ge­gen­ge­setzt. Nach den Refor­men in Chi­na gibt es wei­ter mar­xis­ti­sche Phi­lo­so­phen chi­ne­si­scher Art, ganz gewöhn­li­che Phi­lo­so­phen unse­rer Pro­ve­ni­enz und tra­di­tio­nell inspi­rier­te Phi­lo­so­phen, wie es auch Schul­me­di­zin neben Tra­di­tio­nel­ler Chi­ne­si­scher Medi­zin gibt. Schon Mao hat­te gesagt, man müs­se „auf bei­den Bei­nen gehen“, womit er die Indus­trie und die Land­wirt­schaft mein­te, so scheint auch die gegen­wär­ti­ge phi­lo­so­phi­sche Land­schaft in Chi­na zu ver­ste­hen zu sein. Man kann die­se Hal­tung wohl geschicht­lich nach­voll­zie­hen. Bis 1800 war man dem Wes­ten über­le­gen, ab 1850 bis vor gut 30 Jah­ren unter­le­gen, jetzt liegt man gleich­auf und wird wohl bald am Wes­ten auch öko­no­misch vor­bei­zie­hen. Inso­fern dürf­te die west­li­che Peri­ode, die ja auch z. T. kolo­nia­lis­tisch war, in Chi­na als Über­gangs­pe­ri­ode erschei­nen. Eine unbe­fan­ge­re Rezep­ti­on tra­di­tio­nel­ler kon­fu­zia­ni­scher oder auch dao­is­ti­scher Kon­zep­te ist mit einer ent­spre­chen­den West­ori­en­tie­rung gleich­zei­tig ver­ein­bar. Das Kon­zept der „Mit­te“, dass etwa bei Aris­to­te­les die Mit­te zwi­schen jewei­li­gen Extre­men bedeu­tet, scheint in Chi­na anders betrach­tet zu wer­den, hier bedeu­tet es – in der Yin-Yang-Tra­di­ti­on, sich für bei­de Extre­me offen zu hal­ten und die­se auch aus­zu­pro­bie­ren.
So hat Wung Fuzhi ein Den­ker des 17. Jahr­hun­derts es sen­ten­zen­haft for­mu­liert:

Drei Jah­re Trau­er beim Tod des eige­nen Vaters, das ist nicht zu viel; Becher ohne Zahl trin­ken auf einem Fest­mahl, auch das ist nicht zu viel.

Es kommt also auf die je kon­kre­te Kon­stel­la­ti­on im Augen­blick an.

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Konfuzianismus im neueren China (VHS Bad Rappenau) ist Beitrag Nr. 5982
Autor:
Martin Pöttner am 5. März 2017 um 12:01
Category:
Allgemein
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