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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Was kann aus Naza­reth (schon) Gutes kom­men? (Joh 1,43-51 [8.01.2017: EfG Gries­heim])

Marc Chagall: Jakobs Traum (Gen 28,12)

43Am nächs­ten Tag woll­te Jesus nach Gali­läa weg­ge­hen und fand Phil­ip­pus. Jesus sag­te zu ihm: »Fol­ge mir!« 44Philippus war aus Bet­sai­da, aus dem Dorf von Andre­as und Petrus. 45Philippus fand den Nat­anaël und sag­te zu ihm: »Wir haben den­je­ni­gen gefun­den, von dem Mose in der Tora  und die Pro­phe­ten schrie­ben: Jesus aus Naza­reth, Sohn von [Maria und] Josef.« 46Aber Nat­anaël sag­te zu ihm: „Was kann aus Naza­reth (schon) Gutes kom­men?“ Phil­ip­pus sag­te ihm: »Komm und sieh!« 47Jesus sah Nat­anaël zu sich kom­men und sag­te über ihn: »Hier ist ein wah­rer Israe­lit, in dem kei­ne Ver­stel­lung ist.« 48Natanaël sag­te zu ihm: »Woher kennst du mich?« Jesus ant­wor­te­te und sag­te zu ihm: »Bevor Phil­ip­pus dich rief, habe ich dich unter dem Fei­gen­baum [sit­zen] gese­hen.« 49Natanaël ant­wor­te­te ihm: »Rab­bi, du bist der Sohn Got­tes; du bist der König Isra­els!« 50Jesus ant­wor­te­te und sag­te zu ihm: „Weil ich dir gesagt habe, dass ich dich unter dem Fei­gen­baum sah, glaubst du? Grö­ße­res als die­ses wirst du sehen.« 51Und er sag­te zu ihm: »Amen, amen, ich sage euch: Ihr wer­det den Him­mel geöff­net sehen und [schau­en, wie] die Engel Got­tes hin­auf­stei­gen und hin­ab­stei­gen auf dem Men­schen­sohn .« (Vgl. Bibel in gerech­ter Spra­che zur Stel­le!)

Lie­be Gemein­de,

die ers­ten Tage des neu­en Jah­res füh­ren uns oft zum Nach­den­ken über grund­sätz­li­che Fra­gen, heu­te ist ein Text als Pre­digt­text vor­ge­se­hen, der den Anfang des Wir­kens Jesu im Johan­nes­evan­ge­li­um im Blick hat. Jesus hat schon Andre­as und Simon Petrus, die frü­he­re Schü­ler Johan­nes des Täu­fers waren, als eige­ne Schü­ler gewon­nen. Nun gewinnt er Phil­ip­pus, der aus dem Dorf von Simon und Andre­as stammt. Phil­ip­pus will auch Nat­anaël begeis­tern, denn er ist davon über­zeugt:

»Wir haben den­je­ni­gen gefun­den, von dem Mose in der Tora und die Pro­phe­ten schrie­ben: Jesus aus Naza­reth, Sohn von [Maria und] Josef.«

Nat­anaël kon­tert mit einem klas­sisch gewor­de­nen Sinn­spruch:

»Was kann aus Naza­reth (schon) Gutes kom­men?«

Die Erzäh­lung ist nicht ohne hin­ter­sin­ni­gen Humor: Denn der Name Nat­anaël kommt in der Tora, dem Gesetz, und in den Pro­phe­ten recht häu­fig vor (15 Mal), Naza­reth aber gar nicht. Nat­anaël hat also einen bibli­schen Namen, Naza­reth aber nicht. Trotz die­ser Skep­sis kommt die­ser schrift­ge­lehr­te Jude, den Jesus als wah­ren Israe­li­ten vor­stellt, zu Jesus hin. Jesus meint, er habe ihn schon unter dem Fei­gen­baum (sit­zen) sehen, er erkennt also die Leh­rer­funk­ti­on des Schrift­ge­lehr­ten an. Und des­halb sei Phil­ip­pus zu ihm gekom­men. Nat­anaël ist davon sehr beein­druckt und ver­steht Jesus als Sohn Got­tes und in die­sem Sinn als König Isra­els.
Jesus könn­te eigent­lich sagen: „Super, dass Du das so schnell als Schrift­ge­lehr­ter ein­siehst!“
Aber Jesus sagt etwas ganz ande­res:

Weil ich dir gesagt habe, dass ich dich unter dem Fei­gen­baum sah, glaubst du? Grö­ße­res als die­ses wirst du sehen … Amen, amen, ich sage euch: Ihr wer­det den Him­mel geöff­net sehen und [schau­en, wie] die Engel Got­tes hin­auf­stei­gen und hin­ab­stei­gen auf dem Men­schen­sohn.«

Jesus bie­tet dem schrift­ge­lehr­ten Nat­anaël also eini­ges, er zeigt, dass er sich selbst im Hori­zont der Schrift ver­steht. Auf ihm als dem Men­schen­sohn wür­den Got­tes Engel auf- und abstei­gen, wie im Traum Jakobs in Bethel, in dem die Engel auf einer Him­mels­lei­ter auf- und abstei­gen – ein Traum, den Marc Chagall mehr­fach in sei­ne Bil­der ein­ge­bun­den hat.
Jesus als Men­schen­sohn ist mit­hin die Ver­bin­dung von Him­mel und Erde, die Jakob als Him­mels­lei­ter einst schau­te – und Nat­anaël hat ja Gen 28 genau stu­diert. Wir erfah­ren nicht, wie Nat­anaël reagiert hat, aus Joh 21,2 kön­nen wir aber schlie­ßen, dass Jesus ihn fas­zi­niert hat, denn dort ist er unter den Schü­lern, denen Jesus am See von Tibe­ri­as erscheint.
Sicher hat es erst ein­mal „Error“ geblinkt bei Nat­anaël, denn bei Eze­chiel und auch bei Dani­el ist schon vom „Men­schen­sohn“ die Rede, das kann aber auch ein­fach „ein Mensch“ bedeu­ten – und was soll das besa­gen im Kon­text der Engel Got­tes und der Him­mels­lei­ter?
Jesus nimmt mit „Men­schen­sohn“ auf die Figur Bezug, die nach den syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en Sün­den ver­gibt (Mk 2,9par), Herr des Sab­bats (Mk 2,28par) ist, lei­den muss und „auf­steht“ (Mk 10,32fpar). Und er inter­pre­tiert die­se Figur als Him­mels­lei­ter, d. h., durch Jesus, ihn selbst, sind Him­mel und Erde wie­der offen für­ein­an­der, Gott ist im Him­mel und auf der Erde.

Nat­anaël scheint nicht auf­ge­ge­ben zu haben. Er hat­te Jesus tra­di­tio­nell inter­pre­tiert, als Mes­si­as Got­tes in der Fol­ge Davids, wie wir es auch in der Schrift­le­sung aus dem fas­zi­nie­ren­den Text Jes 11,1-10 gehört haben, daher auch sei­ne Ver­mu­tung, Jesus sei der König Isra­els. Doch Jesus meint, um ihn sei es etwas Grö­ße­res und Nat­anaël wer­de es sehen – und am See von Tibe­ri­as bzw. dem See Gene­za­reth hat er es in der Begeg­nung mit dem von den Toten „Auf­ge­stan­de­nen“ gese­hen.
Es gehört zu den Miss­ver­ständ­nis­sen im Chris­ten­tum, dass Jesus der von den Juden erwar­te­te Mes­si­as sei. Natür­lich bezieht sich das Chris­ten­tum auf ent­spre­chen­de Tex­te, schreibt sie aber fort, denn das grau­sa­me Lei­den Jesu gehört zu den wesent­li­chen Punk­ten, die unüber­seh­bar sind und die Idee vom König Isra­els gewal­tig iri­tie­ren. Als „König der Juden“ wird Jesus ent­spre­chend von Pila­tus zynisch ver­höhnt.
Lk und Joh zei­gen ins­be­son­de­re, dass die­ses Miss­ver­ständ­nis unter den Schü­lern ver­brei­tet war, hier bei Nat­anaël.

Was sieht man an Gott bes­ser, wenn die Idee des Königs Isra­els kei­ne Rol­le spielt? Denn das behaup­tet Jesus ja – und spricht dem­ge­gen­über davon, dass Leben, Lei­den und „Auf­ste­hen“ des Men­schen­sohns als Him­mels­lei­ter die­nen wür­den?

Gott nimmt dann voll­kom­men von der Vor­stel­lung Abschied, dass Ver­hält­nis­se dadurch gut wür­den, wenn Gewalt ange­wen­det wird. Dies beginnt schon in Tex­ten des Jesa­ja- und Sach­ar­ja­buchs. In den Got­tes­knechts­lie­dern bzw. Skla­ve-des-Herrn-Lie­dern (Jes 42ff) wird auch schon die wesent­li­che Funk­ti­on des Lei­dens betont. Und in Sach 9 hat Gott ganz abge­rüs­tet, der Mes­si­as rei­tet auf einem Esels­foh­len.

Das kommt im Chris­ten­tum dann zum Aus­druck, die Ethik der Gewalt­lo­sig­keit tritt ein­deu­tig in den Vor­der­grund. Wer das Schwert näh­me, kom­me durch das Schwert um, so Mt 26.

Das wird auch im Johan­nes­evan­ge­li­um in der Pas­si­ons­ge­schich­te aus­ge­drückt.

Daher stellt sich die Fra­ge von Nat­anaël aktu­ell ganz neu: „Was kann aus Naza­reth (schon) Gutes kom­men?“ Vie­le Christ/inn/en beant­wor­ten die­se Fra­ge anders als Jesus in der Berg­pre­digt – und ganz inten­siv das Johan­nes­evan­ge­li­um. Sie spal­ten die Ethik der Gewalt­lo­sig­keit von Gott und Jesus ab.

Der Fra­ge kön­nen wir nicht aus­wei­chen, denn der isla­mis­ti­sche Ter­ror­an­schlag auf einen Weih­nachts­markt in Ber­lin for­dert uns her­aus. Wir wis­sen jetzt, dass mit den Mit­teln, die unse­re Sicher­heits­kräf­te zur Ver­fü­gung haben, der Anschlag hät­te ver­hin­dert wer­den kön­nen.

Aber damit ist man/frau noch nicht viel wei­ter. Es geht dar­um zu ver­ste­hen, war­um Men­schen etwas tun, was selbst­ver­ständ­lich auch im Koran als von Gott ver­bo­ten gilt:

Du sollst nicht mor­den!

Der Koran ist ja eine Fort­schrei­bung der Bibel.

Die gegen­wär­ti­gen Reak­tio­nen sind hilf­los, wie in Frank­reich wird gesagt, es sei ein Angriff auf unse­re freie Lebens­form. Das stimmt. Aber die ter­ro­ris­ti­sche Metho­de wird ange­wen­det, weil die Wah­h­a­bi­ten uns als mili­tä­risch voll­kom­men über­le­gen wis­sen. Aber genau­so wis­sen sie, dass es nicht mög­lich erscheint, alles abzu­si­chern.

Folg­lich müss­ten wir ver­ste­hen, war­um Men­schen so etwas tun. Offen­bar des­halb, weil unse­re Frei­heit aus ihrer Sicht zur Ein­schrän­kung ihrer Lebens- und Ent­fal­tungs­mög­lich­kei­ten führt. Das soll­te m. E. selbst­kri­tisch wahr­ge­nom­men wer­den – und dann wird es mög­lich, auch mit dem „Isla­mi­schen Staat“ zu spre­chen.
Das Johev emp­fiehlt, es so zu machen wie Gott: Grau­sa­me Gewalt lässt sich nur durch Lie­be über­win­den. Das sieht spä­ter auch Nat­anaël. Es gehört Mut dazu, dar­auf zu ver­trau­en. Die­sen Mut will uns unser Text schen­ken.

Amen

« Grie­chi­sche Lek­tü­re und Exege­se des Johan­nes­evan­ge­li­ums – Geschlech­ter­ge­rech­te Rede von Gott (TUD) »

Info:
Was kann aus Naza­reth (schon) Gutes kom­men? (Joh 1,43-51 [8.01.2017: EfG Gries­heim]) ist Beitrag Nr. 5824
Autor:
Martin Pöttner am 3. Januar 2017 um 12:58
Category:
Religiöse Rede
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