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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Grie­chi­sche Lek­tü­re und Exege­se des Johan­nes­evan­ge­li­ums (Uni Hd 05.12.)

Wir über­setz­ten 19,25-28 und 20,1-9. Seg­men­tiert sieht das so aus:

19,25Εἱστήκεισαν δὲ παρὰ τῷ σταυρῷ τοῦ Ἰησοῦ ἡ μήτηρ αὐτοῦ

καὶ ἡ ἀδελφὴ τῆς μητρὸς αὐτοῦ,

Μαρία ἡ τοῦ Κλωπᾶ

καὶ Μαρία ἡ Μαγδαληνή.

26Ἰησοῦς οὖν ἰδὼν τὴν μητέρα

καὶ τὸν μαθητὴν παρεστῶτα

ὃν ἠγάπα,

λέγει τῇ μητρί·

γύναι,

ἴδε ὁ υἱός σου.

27εἶτα λέγει τῷ μαθητῇ·

ἴδε ἡ μήτηρ σου.

καὶ ἀπ’ ἐκείνης τῆς ὥρας ἔλαβεν ὁ μαθητὴς αὐτὴν εἰς τὰ ἴδια.

28Μετὰ τοῦτο εἰδὼς ὁ Ἰησοῦς

ὅτι ἤδη πάντα

ἵνα τελειωθῇ ἡ γραφή,

λέγει·

διψῶ.

201Τῇ δὲ μιᾷ τῶν σαββάτων Μαρία ἡ Μαγδαληνὴ ἔρχεται πρωῒ

σκοτίας ἔτι οὔσης εἰς τὸ μνημεῖον

καὶ βλέπει τὸν λίθον ἠρμένον ἐκ τοῦ μνημείου.

2τρέχει οὖν καὶ ἔρχεται πρὸς Σίμωνα Πέτρον

καὶ πρὸς τὸν ἄλλον μαθητὴν

ὃν ἐφίλει ὁ Ἰησοῦς

καὶ λέγει αὐτοῖς·

ἦραν τὸν κύριον ἐκ τοῦ μνημείου

καὶ οὐκ οἴδαμεν ποῦ ἔθηκαν αὐτόν.

3Ἐξῆλθεν οὖν ὁ Πέτρος

καὶ ὁ ἄλλος μαθητὴς

καὶ ἤρχοντο εἰς τὸ μνημεῖον.

4ἔτρεχον δὲ οἱ δύο ὁμοῦ·

καὶ ὁ ἄλλος μαθητὴς προέδραμεν τάχιον τοῦ Πέτρου

καὶ ἦλθεν πρῶτος εἰς τὸ μνημεῖον,

5καὶ παρακύψας

βλέπει κείμενα τὰ ὀθόνια,

οὐ μέντοι εἰσῆλθεν.

6ἔρχεται οὖν καὶ Σίμων Πέτρος ἀκολουθῶν αὐτῷ

καὶ εἰσῆλθεν εἰς τὸ μνημεῖον,

καὶ θεωρεῖ τὰ ὀθόνια κείμενα,

7καὶ τὸ σουδάριον,

ὃ ἦν ἐπὶ τῆς κεφαλῆς αὐτοῦ,

οὐ μετὰ τῶν ὀθονίων κείμενον

ἀλλὰ χωρὶς ἐντετυλιγμένον εἰς ἕνα τόπον.

8τότε οὖν εἰσῆλθεν καὶ ὁ ἄλλος μαθητὴς

ὁ ἐλθὼν πρῶτος εἰς τὸ μνημεῖον

καὶ εἶδεν καὶ ἐπίστευσεν·

9οὐδέπω γὰρ ᾔδεισαν τὴν γραφὴν

ὅτι δεῖ αὐτὸν ἐκ νεκρῶν ἀναστῆναι.

 

Es gab Rück­fra­gen zur Zusam­men­fas­sung. Das betraf zunächst die Fra­ge des Namens Got­tes, die tat­säch­lich für das Johan­nes­evan­ge­li­um wesent­lich ist. Dabei habe ich zu erläu­tern ver­sucht, an wel­chen Punk­ten die Stu­die­ren­den nach­boh­ren kön­nen – und sie mei­ne Posi­ti­on infra­ge zu stel­len ver­mö­gen. Für mei­ne Auf­fas­sung, dass es dabei um das Kon­zept des ein­zi­gen Got­tes geht, das in dem Wort­spiel in Ex 3,14 impli­zit nar­ra­tiv ange­deu­tet ist:

אֶֽהְיֶ֖ה אֲשֶׁ֣ר אֶֽהְיֶ֑ה  (ähe­jäh aschär ähe­jäh) bzw. ἐγώ εἰμι ὁ ὤν (Ich bin/werde sein, der ich bin/sein wer­de bzw.: Ich bin der­je­ni­ge, der ist – wie die LXX über­setzt), habe ich zu argu­men­tie­ren ver­sucht.  An die­ses Kon­zept, den ein­zi­gen Gott dar­zu­stel­len, knüpft m. E. das Johan­nes­evan­ge­li­um an.

Das Kon­zept der Aller­lö­sung oder All­ver­söh­nung ist in 17,20-26 m. E. unzwei­fel­haft aus­ge­spro­chen. Dazu kommt, dass Glau­be bzw. Ver­trau­en pas­siv kon­sti­tu­iert sind, wie die Geburts­me­ta­pho­rik aus­drückt, wei­ter die Lie­bes­se­man­tik, dass Gott den Kos­mos (im Sin­ne aller Men­schen) liebt. Daher wird der Logos Fleisch usf.

Bei 19,25-28 ergab sich das Pro­blem der Über­set­zung der syn­tak­tisch Par­ti­zi­pi­en ver­wen­den­den grie­chi­schen Spra­che. In 19,26 kam es zur Dis­kus­si­on dar­über, wie man/frau sol­che Par­ti­zi­pi­en auf­lö­sen kön­ne bzw. sol­le. Mein Vor­schlag: „Als nun Jesus sei­ne Mut­ter sah – und den Schü­ler, den er lieb­te, wel­cher dabei­stand – …“. Es ist o. k., das teil­wei­se als AcP auf­zu­lö­sen. Abhän­gig ist das von ὁρᾶν: „Als nun Jesus sei­ne Mut­ter sah – und dass der Schü­ler, den er lieb­te, dabei­stand – …“. Wie in der Mathe­ma­tik gibt es stets meh­re­re Mög­lich­kei­ten bzw. Lösun­gen.

Joh 13,23, 19,26, 21,7.20 cha­rak­te­ri­sie­ren den hier zum ers­ten Mal bei unse­ren Über­set­zun­gen auf­tau­chen­den Schü­ler, den Jesus lieb­te, mit ἀγαπᾶν, in 20,2 wird das rhe­to­risch mit φιλεῖν vari­iert (mono­se­mes Wort­spiel). Die Varia­ti­on von ἀγαπᾶν durch φιλεῖν zuvor hat dann dazu geführt, dass Klaus Ber­ger dar­auf ver­fal­len ist, Laza­rus (11,3.36) für den Schü­ler, den Jesus lieb­te, zu hal­ten, Mar­tha und/oder  Maria aber nicht, vgl. 11,5. Die rhe­to­ri­sche Varia­ti­on auf den Schü­ler bezo­gen, fin­det daher m. E. nur in Joh 20 statt. Aber die Varia­ti­on ist über das Johan­nes­evan­ge­li­um ver­brei­te­ter. Sie hat in Kap. 21 noch eine wich­ti­ge Funk­ti­on.

Es gibt in 18,15f zwei wei­te­re Stel­len, die exege­tisch mit dem rät­sel­haf­ten Schü­ler ver­bun­den wer­den, weil dort von einem ande­ren Schü­ler als Petrus die Rede ist, der mit dem Ober­pries­ter bekannt war. Ob es der Schü­ler ist, den Jesus lieb­te, ist nicht sicher …

Jeden­falls beglei­tet uns der Schü­ler, den Jesus lieb­te, in 20f in der Fol­ge. Da es in den syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en kei­ne ähn­li­che Figur gibt, ist das Rät­sel­ra­ten groß. Aus der Text­lek­tü­re wer­den wir erschlie­ßen, wel­che Funk­ti­on er im Johan­nes­evan­ge­li­um hat.

Gele­gent­lich der Über­set­zung eines Seg­ments der johan­n­ei­schen Kreu­zi­gungs­sze­ne ergab sich die Fra­ge, ob die Auf­fas­sung der Erhö­hung Chris­ti am Kreuz die­ses nicht als eher uner­heb­li­che, wenn auch läs­ti­ge Durch­gangs­sta­ti­on des Ab- und Auf­stiegs des Erlö­sers erschei­nen las­se. Die johan­n­ei­sche Pas­si­ons­ge­schich­te ist nicht weni­ger grau­sam als die­je­ni­gen der Syn­op­ti­ker. Die erzähl­te Zeit ver­lang­samt sich, auf Ver­höh­nung, Fol­ter und Hin­rich­tung als Aus­schluss aus der römi­schen Gesell­schaft wird sehr viel Erzähl­zeit ver­wen­det. Mit­hin ist das τετέλεσται in 19,28.30 nicht als „es ist glück­li­cher­wei­se vor­bei“ zu inter­pre­tie­ren, son­dern als Inte­gra­ti­on des Lei­dens in Gott, die aus der Flei­sch­wer­dung des Logos folgt. Dies als Pro­zess der Lie­be zu deu­ten, ist die johan­n­ei­sche Leis­tung.

Der Geni­tiv Plu­ral in Joh 20,1 ist bibli­sche Spra­che, vgl. Ex 20,8LXX: Μνήσθητι τὴν ἡμέραν τῶν σαββάτων ἁγιάζειν αὐτήν. Der Plu­ral bezeich­net mit­hin oft auch im NT den Sab­bat als hei­li­gen oder zu hei­li­gen­den Tag. Die „Sab­ba­te“ bezeich­nen daher den Sab­bat als sol­chen, was hier durch das deter­mi­nier­te ἡμέρα belegt wird.

Gen 1,3-2,3 eta­blie­ren die Sie­ben­ta­ge-Woche als reli­giö­ses Zeit­sys­tem des Juden­tums. Auch im NT ist das m. E. nir­gends infra­ge gestellt. Natür­lich wur­de „Sab­bat“ auch als Rechen­ein­heit ver­wen­det. Die in man­chen Lexi­ka als neu­tes­ta­ment­li­che Son­der­be­deu­tung notier­te: (ein­zel­ne) Woche –  ist mög­lich und für 20,1 gibt es unzwei­fel­haft das Gemein­te wie­der. Dann wür­de an die­sen Stel­len der deter­mi­nier­te Plu­ral meto­ny­misch oder syn­ek­dochisch für den durch den Sab­bat bestimm­ten Zeit­raum ste­hen (Mt 28,1b; Mk 16,2; Lk 24,1; Joh 20,1,19; Act 20,7; 1Kor 16,2 v. l.). Allein, mei­ne Zwei­fel blei­ben, son­dern ich ver­mu­te eher eine koi­ne­ty­pi­sche Aus­deh­nung der klas­si­schen Gram­ma­tik des Geni­ti­vus ori­gi­nis, zumal das nar­ra­tiv nahe­ge­legt ist. Aber das ist für das Über­set­zen uner­heb­lich, denn „ers­ter Tag der Woche“ ist immer rich­tig – und mit „ers­tem Tag nach dem Sab­bat“ seman­tisch äqui­va­lent. Ob sich hier schon die kom­men­de christ­li­che Struk­tu­rie­rung der Woche anzeigt, hal­te ich für eher unwahr­schein­lich. Immer­hin belegt Act 20,7, dass sich die Christ/inn/en am Tag des Auf­ste­hens Jesu ver­sam­mel­ten, ob immer und nur, ist aber unklar (vgl. Act 2,42ff), doch mög­lich. Es ist aber dann der ers­te Tag durch das vom Juden­tum eta­blier­te reli­giö­se Zeit­sys­tem, sodass sich nahe­leg­te zu über­set­zen: „Am ers­ten Tag des Sab­bats …“.

Petrus und der Schü­ler, den Jesus lieb­te, reagie­ren dar­auf, dass Maria aus Mag­da­la ent­deckt hat, Jesus befin­de sich nicht mehr im Grab bzw. der Gruft – und sie lau­fen mit unter­schied­li­chen Geschwin­dig­kei­ten dort­hin. Der spä­ter gekom­me­ne Petrus geht hin­ein und dann wie­der hin­aus, der Schü­ler, den Jesus lieb­te, geht erst dann hin­ein – und sieht und glaubt. Der Aus­druck ὁρᾶν bezeich­net hier wie öfter eine am Seh­sinn ori­en­tier­te Wei­se des Ver­ste­hens, die z. B. in der Licht­se­man­tik des Johan­nes­evan­ge­li­ums zum Aus­druck kommt, wozu auch die Rede von der δόξα gehört. Jenes auch bei eini­gen Teilnehmer/inne/n auf­ge­fal­le­ne sorg­fäl­tig gefal­te­te, an einem geson­der­ten Ort lie­gen­de Schweiß­tuch scheint jenes sicht­ba­re Zei­chen zu sein, das den Schü­ler, den Jesus lieb­te, zum Ver­ste­hen führt, sodass er glaubt (ähn­lich Thy­en, z. St.). Erklärt wird das aber nicht, son­dern die Leser/innen sind zur Inter­pre­ta­ti­on her­aus­ge­for­dert.

Das wird in 20,9 wei­ter gestei­gert (vgl. Thy­en, z. St., der das frei­lich etwas har­mo­ni­siert). Denn der Erzäh­ler­kom­men­tar (vgl. ähn­lich Mk 16,4b) ist nicht ohne Wei­te­res ver­ständ­lich.  Wir erkann­ten, dass es sich jeden­falls auch um ein inter­tex­tu­el­les Spiel mit Lk 24,13ff han­delt, das auf die Skla­ve-JHWHs-Lie­der in Jes 52ff Bezug nimmt. Johan­nes stei­gert das im NT m. E. am Wei­tes­ten, vgl. 11,11-14, wo das Pro­blem von auf(er)stehen, ein­schla­fen und tot sein expli­zit erläu­tert wird.

Wir erör­ter­ten anfäng­lich das Metho­den­pro­blem. Die älte­re Exege­se reagiert an sol­chen Stel­len mit literar- und/oder redak­ti­ons­kri­ti­schen Erwä­gun­gen, die neue­re Exege­se unter­stellt sehr viel häu­fi­ger, dass sol­che Tex­te durch lite­ra­ri­sche Mit­tel die Leser/innen an der Inter­pre­ta­ti­on betei­li­gen – und sie dazu her­aus­for­dern. Vgl. Sie den § 7 mei­ner Her­me­neu­tik­vor­le­sung mit der dort genann­ten Lite­ra­tur.

Auf­ga­ben zur nächs­ten Sit­zung

  1. Was besagt: Καὶ τοῦτο εἰπὼν ἐνεφύσησεν καὶ λέγει αὐτοῖς· λάβετε πνεῦμα ἅγιον (20,22)? Wor­auf spielt das an?
  2. Berührt Tho­mas Jesus?
  3. Gibt es Hin­wei­se dar­auf, wel­che Funk­ti­on dem Schü­ler, den Jesus lieb­te, im Johan­nes­evan­ge­li­um zuge­schrie­ben wird?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Info:
Grie­chi­sche Lek­tü­re und Exege­se des Johan­nes­evan­ge­li­ums (Uni Hd 05.12.) ist Beitrag Nr. 5770
Autor:
Martin Pöttner am 8. Dezember 2016 um 19:36
Category:
Griechische Lektüre
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