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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Grie­chi­sche Lek­tü­re und Exege­se des Johan­nes­evan­ge­li­ums (27.11. Uni Hd)

Wir über­setz­ten Joh 17,13-26. Der Text sieht seg­men­tiert so aus:

13α  νῦν δὲ πρὸς σὲ ἔρχομαι

β     καὶ ταῦτα λαλῶ ἐν τῷ κόσμῳ

γ     ἵνα ἔχωσιν τὴν χαρὰν τὴν ἐμὴν πεπληρωμένην ἐν ἑαυτοῖς.

14aα ἐγὼ δέδωκα αὐτοῖς τὸν λόγον σου

aβ     καὶ ὁ κόσμος ἐμίσησεν αὐτούς,

bα     ὅτι οὐκ εἰσὶν ἐκ τοῦ κόσμου

bβ      καθὼς ἐγὼ οὐκ εἰμὶ ἐκ τοῦ κόσμου.

15aα οὐκ ἐρωτῶ

aβ   ἵνα ἄρῃς αὐτοὺς ἐκ τοῦ κόσμου,

b      ἀλλ’ ἵνα τηρήσῃς αὐτοὺς ἐκ τοῦ πονηροῦ.

16α ἐκ τοῦ κόσμου οὐκ εἰσὶν

β   καθὼς ἐγὼ οὐκ εἰμὶ ἐκ τοῦ κόσμου.

17α ἁγίασον αὐτοὺς ἐν τῇ ἀληθείᾳ·

β     ὁ λόγος ὁ σὸς ἀλήθειά ἐστιν.

18a καθὼς ἐμὲ ἀπέστειλας εἰς τὸν κόσμον,

bκἀγὼ ἀπέστειλα αὐτοὺς εἰς τὸν κόσμον·

19a καὶ ὑπὲρ αὐτῶν ἐγὼ ἁγιάζω ἐμαυτόν,

b     ἵνα ὦσιν καὶ αὐτοὶ ἡγιασμένοι ἐν ἀληθείᾳ.

20a Οὐ περὶ τούτων δὲ ἐρωτῶ μόνον,

ἀλλὰ καὶ περὶ τῶν πιστευόντων διὰ τοῦ λόγου αὐτῶν εἰς ἐμέ,

21a ἵνα πάντες ἓν ὦσιν,

b    καθὼς σύ,

c πάτερ,

d  ἐν ἐμοὶ κἀγὼ ἐν σοί,

e  ἵνα καὶ αὐτοὶ ἐν ἡμῖν ὦσιν,

fα ἵνα ὁ κόσμος πιστεύῃ

fβ ὅτι σύ με ἀπέστειλας.

22aα κἀγὼ τὴν δόξαν

aβ   ἣν δέδωκάς μοι

aγ   δέδωκα αὐτοῖς,

bα    ἵνα ὦσιν ἓν καθὼς ἡμεῖς ἕν·

23aα ἐγὼ ἐν αὐτοῖς

aβ  καὶ σὺ ἐν ἐμοί,

bα  ἵνα ὦσιν τετελειωμένοι εἰς ἕν,

cα  ἵνα γινώσκῃ ὁ κόσμος

cβ  ὅτι σύ με ἀπέστειλας

cγ  καὶ ἠγάπησας αὐτοὺς καθὼς ἐμὲ ἠγάπησας.

24a Πάτερ,

b     ὃ δέδωκάς μοι,

cα    θέλω

cβ    ἵνα ὅπου εἰμὶ ἐγὼ κἀκεῖνοι ὦσιν μετ’ ἐμοῦ,

d       ἵνα θεωρῶσιν τὴν δόξαν τὴν ἐμήν,

eα      ἣν δέδωκάς μοι

eβ      ὅτι ἠγάπησάς με πρὸ καταβολῆς κόσμου.

25a πάτερ δίκαιε,

b   καὶ ὁ κόσμος σε οὐκ ἔγνω,

c    ἐγὼ δέ σε ἔγνων,

dα  καὶ οὗτοι ἔγνωσαν

dβ  ὅτι σύ με ἀπέστειλας·

26aα καὶ ἐγνώρισα αὐτοῖς τὸ ὄνομά σου

aβ    καὶ γνωρίσω,

bα    ἵνα ἡ ἀγάπη

bβ    ἣν ἠγάπησάς με

bγ    ἐν αὐτοῖς ᾖ

bδ     κἀγὼ ἐν αὐτοῖς.

 

Es gab noch Rück­fra­gen. Die ers­te bezog sich auf die Rede von den Säug­lin­gen bzw. Klein­kin­dern, die JHWH bzw. den „Herrn“ macht­voll loben und ihn gegen sei­ne Fein­de unter­stüt­zen. Ist das ein Hin­ter­grund der Rede von Kin­dern in Joh 1,12f? In einem wei­te­ren Sin­ne schon, aber als direk­ter Aus­lö­ser des Tex­tes eher frag­lich. In Psalm 8 sieht man eine beacht­li­che Bewe­gung des Got­tes­ver­ständ­nis­ses Isra­els – im Ver­hält­nis zu den Tex­ten über den JHWH-Krieg.

Unklar war zudem noch geblie­ben, dass ἤμην in 17,12a ein Imper­fekt Medi­um von εἶναι ist.

In 17,13 ergab sich die Fra­ge, wie ἵνα ἔχωσιν τὴν χαρὰν τὴν ἐμὴν πεπληρωμένην ἐν ἑαυτοῖς zu ver­ste­hen sei. M. E. beschreibt Joh 17 die Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­se von Gott zu den Men­schen, sodass auch die voll­kom­me­ne Freu­de Jesu bei den Schüler/innen ankommt, weil er die­se ihnen mit­teilt (hier durch „geben“ , διδόναι) bezeich­net. Alles, was in der Bezie­hung zwi­schen Gott und Jesus Chris­tus bzw. dem Logos geschieht, wird den Schüler/innen mit­ge­teilt. Das ist im NT der wei­test­ge­hen­de Ansatz, in Joh 17 auf den Punkt durch die wech­sel­sei­ti­ge Zum-Glän­zen-Brin­gen-Figur (δοξάζειν) aus­ge­drückt. Damit wird die Gegen­wart Got­tes in die Gemein­de über­tra­gen.

Läse man/frau 17,16

16α ἐκ τοῦ κόσμου οὐκ εἰσὶν

β   καθὼς ἐγὼ οὐκ εἰμὶ ἐκ τοῦ κόσμου

iso­liert, dann arbei­te­te das Johan­nes­evan­ge­li­um mit einem dua­lis­ti­schen Kon­zept – und bis zum heu­ti­gen Tag wer­den sol­che Sät­ze einer johan­n­ei­schen Grup­pe zuge­schrie­ben. Wir sahen aber im Pro­log, dass es auf eine Ver­ei­ni­gung kon­tra­dik­to­ri­scher Gegen­sät­ze in der Erlö­ser­fi­gur ankommt, der Logos also Fleisch wird. Mit­hin ist er nicht aus dem Kos­mos, er wird aber zum Kos­mos und teilt alles vom Kos­mos, sogar in der Zuspit­zung, dass er grau­sam gewalt­sam getö­tet wird. Dadurch fin­det der Trans­for­ma­ti­ons­pro­zess des Kos­mos statt, der seit 3,16 als Lie­be kom­mu­ni­ziert wird – und in Joh 17 m. E. voll­stän­dig und für die Leser/innen trans­pa­rent dar­ge­stellt wird.

Das Kon­zept der Hei­li­gung    ist nicht auf die Rede vom Opfern ein­ge­schränkt, wie Ex 20,8 exem­pla­risch beweist. Den Sab­bat zu hei­li­gen besagt, dass er ganz auf Gott bezo­gen sein soll – und des­we­gen als Ruhe­tag (vgl. Gen 2,1ff) zu leben ist. Die­ses Ele­ment des Ganz-auf-Gott-Bezo­gen­seins von ἁγιάζειν ist hier gemeint, Jesu Leben ist bis zum Tod ganz auf Gott bezo­gen – und das wird den Schüler/innen mit­ge­teilt. Dass es im Johan­nes­evan­ge­li­um auch die an Dtjes  ange­lehn­te Süh­ne­tod-Vor­stel­lung gibt, belegt 1,29. Aber dies ist ein Bild unter meh­re­ren im Johan­nes­evan­ge­li­um. Domi­nant ist die Lie­bes­se­man­tik (3,16), die sicher­stellt, dass Gott an die­sem Gesche­hen betei­ligt ist und mit­lei­det. Ich bin durch die Kri­tik von Kant und Schlei­er­ma­cher an der Opfer­todthe­se stark beein­flusst, das sind ande­re aber gar nicht. M. E. lässt sich der Stell­ver­tre­tungs­ge­dan­ke am leich­tes­ten über das Lie­bes­bild erfas­sen, ohne das Indi­vi­dua­li­täts­pro­blem negie­ren zu müs­sen. Sowohl bei Pau­lus als natür­lich auch bei Johan­nes kommt es vor.

Her­me­neu­tisch irre­füh­rend ist es jeden­falls, Joh 17 als hohe­pries­ter­li­ches Gebet zu bezeich­nen – und damit das Modell des Hebr in Joh ein­zu­tra­gen. Ziel des Hebr ist es im Übri­gen, das Opfer ein für alle­mal zu been­den – und wohl auch das Spre­chen vom Opfer. Das ist aber nicht gelun­gen. Sowohl im Katho­li­zis­mus als auch in der Ortho­do­xie ist es direkt erhal­ten geblie­ben, seit Cypri­an von Kar­tha­go das Abend­mahl als Opfer­mahl deu­te­te – und es im drit­ten Jahr­hun­dert zur Wie­der­ein­füh­rung von Pries­tern in das Chris­ten­tum kam. Aber im NT gibt es kei­ne kir­chen­lei­ten­den Per­so­nen, die Pries­ter wären – und das Abend­mahl ist auch kein Opfer­mahl. Lei­der hat auch die Refor­ma­ti­on nicht vom Opfer­ge­dan­ken gelas­sen, obgleich sie das Pries­ter­tum ablehn­te. Daher auch der EKD-Grund­la­gen­text, der die Kri­tik, die in der Nach­kriegs­theo­lo­gie nicht zuletzt von femi­nis­ti­schen Theo­lo­gin­nen geübt wur­de, als Miss­ver­ständ­nis abtut.

In 17,20 wer­den in das Gebet nun alle ein­be­zo­gen, die zur wah­ren Erkennt­nis bzw. zur Erkennt­nis der Wahr­heit durch die Wahr­neh­mung der Lie­be der Schüler/innen kom­men – und also glau­ben, es geht im Johan­nes­evan­ge­li­um mit­hin um eine Uni­ver­sa­li­sie­rung der Lie­be und damit Got­tes.

Das Kon­zept des Namens ist seit 1,12 im Johan­nes­evan­ge­li­um prä­sent, in 17 wird betont, dass der Sohn den Namen offen­bart habe (17,6.26). Offen­bar war er bis dahin ver­bor­gen. Das passt zu 1,18. Sicher scheint mir, dass der Name genau das bezeich­nen soll, wer oder was Gott ist, vgl. Jes 43,1f. Im Nen­nen des Namens ist der Geru­fe­ne prä­sent. So ist es auch beim Namen Got­tes, man/frau soll die­sen aber nicht miss­ach­ten oder miss­brau­chen. Daher schrie­ben die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden den Namen unles­bar,  יְהוָ֥ה (JHWH) wird sicher seit dem 3. Jhdt. v. d. Z. nicht mehr aus­ge­spro­chen, son­dern wohl als ado­naj voka­li­siert, weil die LXX das Tetra­gramm als κύριος über­setzt, in jüdi­schen Ver­sio­nen der LXX wird das Tetra­gramm als יהוה in den grie­chi­schen Text geschrie­ben, als ΙΑΘ bzw. ΠΙΠΙ dann grie­chisch dar­ge­stellt, wobei Letz­te­res eine gra­fe­mi­sche Nach­ah­mung des Tetra­gramms sein soll. M. E. deu­tet das dar­auf­hin, dass יהוה auch in der hebräi­schen Bibel als unles­bar betrach­tet wird. Das kommt mit der Durch­set­zung des Mono­the­is­mus in Isra­el, die wohl im 3. Jhdt. v. d. Z. erfolgt ist. Dann darf es kein ein­zel­ner Name sein, wie man­che Men­schen glau­ben, Allah sei der Name des mus­li­mi­schen Got­tes. Da aber die­ser Gott der Ein­zi­ge ist, ist er mit dem Gott Isra­els und dem Vater Jesu iden­tisch, was so auch im Koran steht. Die­se Metho­de beginnt in Isra­el und wird im Chris­ten­tum fort­ge­setzt. Das stei­le Wort­spiel mit dem Tetra­gramm in Ex 3,14 zeigt, was mög­lich war. Im Johan­nes­evan­ge­li­um sehen wir, dass die­ser Aspekt betont wird (17,3). Daher bezeich­net m. E. das Namens­kon­zept, wie die­ser ein­zi­ge wah­re Gott sich über die Gemein­de welt­weit uni­ver­sa­li­siert – und alle in der Lie­be zum ewi­gen Leben brin­gen wird. Dass der Name nicht genannt wird, ent­spricht der jüdi­schen Pra­xis, Joh setzt das bei sei­nen impli­zi­ten Leser/innen als bekannt vor­aus.

Über­set­zen Sie zur nächs­ten Stun­de Joh 19,25-28 und Joh 20 und seg­men­tie­ren die­se Tex­te!

 

 

 

 

 

 

 

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Info:
Grie­chi­sche Lek­tü­re und Exege­se des Johan­nes­evan­ge­li­ums (27.11. Uni Hd) ist Beitrag Nr. 5739
Autor:
Martin Pöttner am 30. November 2016 um 17:33
Category:
Griechische Lektüre
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