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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Griechische Lektüre und Exegese des Johannesevangeliums (Uni Hd 14.11.)

Wir übersetzten Joh 3,15-36. Das sieht segmentiert so aus:

15  ἵνα πᾶς ὁ πιστεύων ἐν αὐτῷ ἔχῃ ζωὴν αἰώνιον.

16  a  οὕτως γὰρ ἠγάπησεν ὁ θεὸς τὸν κόσμον,

b ὥστε τὸν υἱὸν τὸν μονογενῆ ἔδωκεν,

cα ἵνα πᾶς ὁ πιστεύων εἰς αὐτὸν

cβ μὴ ἀπόληται

cγ ἀλλ’ ἔχῃ ζωὴν αἰώνιον.

17  aα οὐ γὰρ ἀπέστειλεν ὁ θεὸς τὸν υἱὸν εἰς τὸν κόσμον

aβ ἵνα κρίνῃ τὸν κόσμον,

b   ἀλλ’ ἵνα σωθῇ ὁ κόσμος δι’ αὐτοῦ.

18  a ὁ πιστεύων εἰς αὐτὸν οὐ κρίνεται·

b ὁ δὲ μὴ πιστεύων ἤδη κέκριται,

c ὅτι μὴ πεπίστευκεν εἰς τὸ ὄνομα τοῦ μονογενοῦς υἱοῦ τοῦ θεοῦ.

19  aα αὕτη δέ ἐστιν ἡ κρίσις

aβ ὅτι τὸ φῶς ἐλήλυθεν εἰς τὸν κόσμον

aγ καὶ ἠγάπησαν οἱ ἄνθρωποι μᾶλλον τὸ σκότος ἢ τὸ φῶς·

b   ἦν γὰρ αὐτῶν πονηρὰ τὰ ἔργα.

20  aα πᾶς γὰρ ὁ φαῦλα πράσσων μισεῖ τὸ φῶς

aβ καὶ οὐκ ἔρχεται πρὸς τὸ φῶς,

b   ἵνα μὴ ἐλεγχθῇ τὰ ἔργα αὐτοῦ·

21  aα  ὁ δὲ ποιῶν τὴν ἀλήθειαν

aβ ἔρχεται πρὸς τὸ φῶς,

bα ἵνα φανερωθῇ αὐτοῦ τὰ ἔργα

bβ ὅτι ἐν θεῷ ἐστιν εἰργασμένα.

22  aα Μετὰ ταῦτα ἦλθεν ὁ Ἰησοῦς

aβ καὶ οἱ μαθηταὶ αὐτοῦ εἰς τὴν Ἰουδαίαν γῆν

aγ καὶ ἐκεῖ διέτριβεν μετ’ αὐτῶν

aδ καὶ ἐβάπτιζεν.

23  a   Ἦν δὲ καὶ ὁ Ἰωάννης βαπτίζων ἐν Αἰνὼν ἐγγὺς τοῦ Σαλείμ,

b    ὅτι ὕδατα πολλὰ ἦν ἐκεῖ,

cα καὶ παρεγίνοντο

cβ  καὶ ἐβαπτίζοντο·

24     οὔπω γὰρ ἦν βεβλημένος εἰς τὴν φυλακὴν ὁ Ἰωάννης.

25     Ἐγένετο οὖν ζήτησις ἐκ τῶν μαθητῶν Ἰωάννου

μετὰ Ἰουδαίου περὶ καθαρισμοῦ.

26  aα καὶ ἦλθον πρὸς τὸν Ἰωάννην

aβ καὶ εἶπαν αὐτῷ·

b  ῥαββί,

c  ὃς ἦν μετὰ σοῦ πέραν τοῦ Ἰορδάνου,

d  ᾧ σὺ μεμαρτύρηκας,

eα ἴδε οὗτος βαπτίζει

eβ καὶ πάντες ἔρχονται πρὸς αὐτόν.

27  aα Ἀπεκρίθη Ἰωάννης

aβ  καὶ εἶπεν·

bα  οὐ δύναται ἄνθρωπος λαμβάνειν οὐδὲ ἓν

bβ  ἐὰν μὴ ᾖ δεδομένον αὐτῷ ἐκ τοῦ οὐρανοῦ.

28  aα  αὐτοὶ ὑμεῖς μοι μαρτυρεῖτε

aβ ὅτι εἶπον [ὅτι]

aγ  οὐκ εἰμὶ ἐγὼ ὁ χριστός,

b   ἀλλ’ ὅτι ἀπεσταλμένος εἰμὶ ἔμπροσθεν ἐκείνου.

29  aα ὁ ἔχων τὴν νύμφην

aβ νυμφίος ἐστίν·

aγ ὁ δὲ φίλος τοῦ νυμφίου ὁ ἑστηκὼς

aδ καὶ ἀκούων αὐτοῦ χαρᾷ χαίρει διὰ τὴν φωνὴν τοῦ νυμφίου.

b  αὕτη οὖν ἡ χαρὰ ἡ ἐμὴ πεπλήρωται.

30  a ἐκεῖνον δεῖ αὐξάνειν,

b ἐμὲ δὲ ἐλαττοῦσθαι.

31  a Ὁ ἄνωθεν ἐρχόμενος ἐπάνω πάντων ἐστίν·

bα ὁ ὢν ἐκ τῆς γῆς ἐκ τῆς γῆς ἐστιν

bβ καὶ ἐκ τῆς γῆς λαλεῖ.

c   ὁ ἐκ τοῦ οὐρανοῦ ἐρχόμενος [ἐπάνω πάντων ἐστίν]·

32  aα ὃ ἑώρακεν καὶ ἤκουσεν

aβ τοῦτο μαρτυρεῖ,

b   καὶ τὴν μαρτυρίαν αὐτοῦ οὐδεὶς λαμβάνει.

33aαὁ λαβὼν αὐτοῦ τὴν μαρτυρίαν

aβ ἐσφράγισεν ὅτι

aγ ὁ θεὸς ἀληθής ἐστιν.

34  a   ὃν γὰρ ἀπέστειλεν ὁ θεὸς τὰ ῥήματα τοῦ θεοῦ λαλεῖ,

b   οὐ γὰρ ἐκ μέτρου δίδωσιν τὸ πνεῦμα.

35  aα ὁ πατὴρ ἀγαπᾷ τὸν υἱὸν

aβ καὶ πάντα δέδωκεν ἐν τῇ χειρὶ αὐτοῦ.

36  a   ὁ πιστεύων εἰς τὸν υἱὸν ἔχει ζωὴν αἰώνιον·

b   ὁ δὲ ἀπειθῶν τῷ υἱῷ οὐκ ὄψεται ζωήν,

c aλλ’ ἡ ὀργὴ τοῦ θεοῦ μένει ἐπ’ αὐτόν.

Durch die Aufnahme der synoptischen Menschensohn-Konzeption wird die Erwartung bei den Leser/inne/n hervorgerufen, dass jetzt von Leiden, Tod, Aufgewecktwerden und Kommen Jesu zum Gericht auf den Wolken des Himmels die Rede sein werde (vgl. Mk 13,24-27). Diese Erwartung wird in 3,14 im Blick auf das Leiden Jesu erfüllt, wobei diesem Leiden eine erlösende Bedeutung zugeschrieben wird. wie es bei der Schlange in der Wüste, die Mose hochhielt und die angeschaut werden konnte, auch der Fall gewesen sei. Die Konsequenz des Todes Jesu ist das ewige Leben derjenigen, die an Jesus glauben, wie 3,15 festhält.

3,16 bildet einen zentralen Vers des Johannesevangeliums. Da wird dieses erlösende Geschehen als Akt der Liebe (ἠγάπησεν ὁ θεὸς τὸν κόσμον) zum Kosmos, der Menschenwelt dargestellt. Gott gebe den einzigen geborenen Sohn hin, damit der Glaube an, das Vertrauen auf ihn das ewige Leben nach sich ziehen könne.

Πιστεύειν bzw. πίστις ἐν/εἰς … wird im Johannesevangelium gleich verwendet. Es bezeichnet eine personale Beziehung der Glaubenden bzw. Vertrauenden zu dem Sohn bzw. Jesus, wie er im Johannesevangelium verstanden wird. Im Deutschen ist glauben an … bzw. vertrauen auf … angemessen. Dies ist relativ unterschieden von πιστεύειν bzw. πίστις ὅτι …, nämlich der Formulierung von Glaubenssätzen, dass etwas der Fall sei, obgleich die personale Beziehung diese einschließen kann. Das in 3,16 ausgedrückte Liebesgeschehen, welches den Tod Jesu einschließt, stellt eine genaue Entsprechung zur Fleischwerdung des Logos in 1,14 dar, die ja auch glaubende Kinder zur Folge hatte, göttlich geborene oder geistlich geborene Kinder, hier die Glaubenden bzw. Vertrauenden, vgl. auch 1,12f.

Aber der Gerichtsaspekt des Kommens des Menschensohns wird johanneisch stark modifiziert bzw. dekonstruiert. Das Gericht ist durch das Kommen des Sohnes geschehen (vgl. ἤδη κέκριται in 3,18b).

Dennoch gibt es in den Abschiedsreden, in denen es um die Zeit der Schüler/innen nach der Rückkehr des Sohnes zum Vater geht, die Rede von einem Wiederkommen Jesu (14,2f). Er komme wieder, wenn er Wohnungen für sie beim Vater bereitet habe, um sie zu sich zu holen (vgl. Thyen, zur St., der sogar eine Art himmlischen Tempel für möglich hält, wo die Schüler/innen dann sein würden). Jedenfalls ist das tatsächlich eine Zukunftsperspektive in der johanneischen Eschatologie. M. E. ist diese Zeit angesagt, wenn alle von der Liebe erfasst sind, was der Sinn von Joh 17,21ff ist.

Das Problem, das in Joh 3,21 anscheinend nicht gelöst wird, besteht darin, ob das Gericht (ἡ κρίσις) endgültig ist, mithin die Gerichteten, die nicht an den Namen des einzigen geborenen Sohnes glauben, verloren gehen, was aber 3,17b auszuschließen scheint: Es geht in der Liebesaktion Gottes um die Rettung der Menschen. Eben diesen Prozess beschreibt Joh 17 – und er ist m. E. auch in der Rede vom „Geist der Wahrheit“ bzw. dem „Tröster“ in den Abschiedsreden (Joh 14-16) vorausgesetzt.

Mit V. 19 kehrt die Nikodemusszene zur Lichtsemantik zurück, auf die zu Beginn angespielt wurde – Nikodemus kommt des Nachts zu Jesus (3,2aα). Denn das Gericht bestehe darin, dass das Licht in die Menschenwelt gekommen sei, doch die Menschen liebten die Finsternis – und hassten das Licht. Das spielt auf das Szenario „am Anfang“ an, es wiederholt sich. Das wird mit der Werkesemantik verknüpft, sodass dasjenige, was die Menschen tun, böse oder schlecht ist. Dieses beruht aber auf den dramatischen Leidenschaften, Affekten bzw. Emotionen. Das Johannesevangelium gehört wie die echten Paulusbriefe, das Markusevangelium und die Bergpredigt zu den Texten, die eine fundamentale Rolle der Gefühle bei den Menschen unterstellen. Können die Menschen Verfahren entwickeln, um damit umzugehen? – ist  eine seit gut 2500 Jahren nicht selten diskutierte Frage.

3,22-36 führt nun wieder die Figur Johannes des Täufers ein, wobei erzählt wird, dass Jesus auch taufe, also eine Art Konkurrenzsetting existiert (zur lange schon dauernden Diskussion, Thyen, 226ff). Orientiert man/frau sich an der Perspektive des Prologs, dann ist Johannes der Täufer aber in das Geschehen des Kommens des Lichts und des Logos einbezogen. Mithin ist er über die johanneische Sicht der Dinge informiert – und die Übersetzung könnte etwas einfacher werden.

Ab 3,31ff spricht der Täufer enthusiastisch johanneisch. Vor dem Hintergrund der synoptischen Täufertexte erscheint das extrem befremdlich. Daher gibt es entsprechende literar- und redaktionskritische Hypothesen (vgl. Thyen, z. St., der diese abweist). Da 3,36 die einzige Verwendung von ὀργὴ … im Johannesevangelium darstellt, dürfte der Text tatsächlich als eine ambitonierte Fortschreibung der Täufertexte zu verstehen sein. Auch hier antwortet Joh 17 auf die Frage, ob der Zorn Gottes ewig auf den Nicht-Glaubenden bleibt.

Hintergrund ist die Auffasung in Joh 3,5, dass von oben oder neu geboren werden nur könne, wenn dies durch Wasser und Geist geschehe. Daher tauft johanneisch auch Jesus. Damit wird im Johannesevangelium explizit das Initiationsritual des Christentums im Kontext der Täufertradition eingeführt. Man/frau empfängt bei dem Reinigungsritus den Geist, aber beides ist wichtig. Man/frau wird gewaschen bzw. gereinigt – und zugleich verwandelt sich die emotionale Schieflage, dass sie bzw. er die Finsternis liebt.

Das Schicksal Johannes des Täufers und das Jesu Christi sind also stark parallelisiert, beide zeugen usf.

Schließlich erkannten wir, dass die Liebe Gottes in Joh 1,18 sinnlich dargestellt wird, vgl. auch 13,23.

 

Zum nächsten Mal übersetzen und segmentieren Sie Joh 17, so weit wie Sie kommen!

 

 

« Geschlechtergerechte Rede (TUD) – Bilderverbot (TUD 15.11.) »

Info:
Griechische Lektüre und Exegese des Johannesevangeliums (Uni Hd 14.11.) ist Beitrag Nr. 5708
Autor:
Martin Pöttner am 16. November 2016 um 16:59
Category:
Einfünrung in die Exegese und Hermeneutik,Griechische Lektüre
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