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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Dostojewswki und Tolstoi (Kolping Heilbronn)

 

1. Dostojewski

Einer der phi­lo­so­phisch rele­van­ten Sinn­sprü­che Dos­to­jew­skis

 

Die Behand­lung von Fjo­dor Michailo­witsch Dos­to­jew­ski in einem Phi­lo­so­phie­kurs ist des­halb nahe­lie­gend, weil er auf vie­le der oft behan­del­ten oder zumin­dest erwähn­ten Phi­lo­so­phen mit­tels sei­ner Roma­ne, Novel­len, Brie­fe usf. gewirkt hat, Fried­rich Nietz­sche, Jean Paul Sart­re, Albert Camus. Eben­so hat sei­ne lite­ra­ri­sche Metho­de, die Innen­welt bzw. das Selbst­ver­hält­nis sei­ner Erzähl­fi­gu­ren trans­pa­rent wer­den zu las­sen, auf die Psy­cho­ana­ly­se Ein­druck gemacht, Freud hielt die Brü­der Kara­ma­sow für den groß­ar­tigs­ten Roman, der bis­lang geschrie­ben wor­den sei. Vgl. den Wiki­pe­diaar­ti­kel. Zu eini­gen Roma­nen vgl. den online zugäng­li­chen Text hier (Schuld und Süh­ne, Der Idi­ot, Die Dämo­nen u. a.).

Nicht zuletzt in Fort­set­zung der früh­ro­man­ti­schen Ästhe­tik (Schlei­er­ma­cher, Nova­lis u. a.) ent­wi­ckelt Dos­to­jew­ski ein moder­nes Erzähl­kon­zept, das eine Rei­he von Nachfolger/innen gefun­den hat. Phi­lo­so­phisch äußerst rele­vant sind

  • die The­ma­ti­sie­rung viel­fäl­ti­ger Lebens­for­men – und
  • die Ent­fal­tung des Selbst­ver­hält­nis­ses von Indi­vi­du­en.

M. E. the­ma­ti­siert Dos­to­jew­ski tat­säch­lich mit­tels der Dar­stel­lung der Innen­welt sei­ner Erzähl­fi­gu­ren ver­schie­de­ne rea­le Mög­lich­kei­ten des Exis­tie­rens, es sind aber sehr vie­le, sie wider­spre­chen ein­an­der oft – und Dos­to­jew­ski zufol­ge ist die­se Viel­falt zu respek­tie­ren:

Mit der Logik allein ist die mensch­li­che Natur nicht zu besie­gen. Die Logik sieht drei Mög­lich­kei­ten, dabei gibt es ihrer eine Mil­li­on! – Ras­kol­ni­kow

Sol­che Gno­men, Sen­ten­zen bzw. Sinn­sprü­che (alle Aus­drü­cke sind gleich­be­deu­tend) äußern Erzähl­fi­gu­ren – und von ihnen geht die Rezep­ti­on aus, hier sagt Ras­kol­ni­kow, dass die mensch­li­che Natur viel kom­ple­xer als die auf die Aus­sa­gen­lo­gik bezo­ge­ne Drei­heit von „wahr“, „falsch“ und „nicht ent­scheid­bar“ sei. Mit die­sen drei Mög­lich­kei­ten sei die mensch­li­che Natur nicht zu „besie­gen“, offen­bar ist die Viel­falt von rea­len Mög­lich­kei­ten wider­stän­dig. In ihr fin­den sich Dos­to­jew­ski zufol­ge Ver­bre­chen, Sexua­li­tät, Krank­heit, Reli­gi­on und Poli­tik – und sei­ne Tex­te stel­len sprach­lich dar, dass es kei­ne Ein­heit gibt, son­dern es kommt vie­les Wider­strei­ten­de vor. Der Geist hat nach Dos­to­jew­skis Erzäh­lun­gen mit­hin kei­ne Ein­heit.

Inso­fern ist die exis­ten­zia­lis­ti­sche Rezep­ti­on gerecht­fer­tigt, aber auch Nietz­sche und Camus sind im Recht, die eine The­ma­ti­sie­rung des Nihi­lis­mus in Dos­to­jew­skis Werk sehen. Damit ist gemeint, dass bestehen­de Wer­te stän­dig durch mensch­li­ches Han­deln und Erle­ben infra­ge gestellt wer­den. Nietz­sche hat dar­in die Dar­stel­lung des Todes Got­tes sehen wol­len. Damit ist gemeint, dass das abend­län­di­sche Den­ken eine Wer­te­hier­ar­chie her­vor­ge­bracht habe, die das indi­vi­du­el­le Leben bestim­men soll. Wenn es nun aber sehr viel­fäl­ti­ge Selbst­ver­ständ­nis­se und Lebens­for­men gibt, gerät alles ins Wan­ken. Tat­säch­lich fin­det sich in den Brie­fen fol­gen­der Sinn­spruch:

Wenn es kei­nen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.

Die­ser Satz ist nur dann sinn­voll, wenn Dos­to­jew­ski unter­stellt, dass die sitt­li­chen Wer­te bzw. Nor­men durch eine Art gött­li­chen Gesetz­ge­ber ent­stan­den sei­en, was aber ange­sichts der Viel­falt der Welt­kul­tu­ren wohl eine abwe­gi­ge Hypo­the­se ist. Zudem klingt die natur­wis­sen­schaft­lich gestütz­te Mög­lich­keit an, dass die Welt sich einem selbst­or­ga­ni­sie­ren­den Pro­zess ver­dankt.

In Russ­land ist mit Dos­to­jew­ski jeden­falls expli­zit die Moder­ne ange­kom­men. Nach sei­ner Haft reis­te er viel in Euro­pa umher, auch nach Deutsch­land. Er war revo­lu­tio­när gesinnt gewe­sen und woll­te den Zaren stür­zen, er kam in ein Straf­la­ger, schwor den revo­lu­tio­nä­ren Ide­en ab. Aller­dings hielt er an der spi­ri­tu­el­len Idee fest, dass durch Mensch­lich­keit sich ein Para­dies auf Erden errei­chen las­se, eine Art „christ­li­chen Sozia­lis­mus“. Unter den ver­schie­de­nen Exis­tenz­mög­lich­kei­ten ist das aber nur eine. Jeden­falls war Dos­to­jew­ski weder Athe­ist noch Agnos­ti­ker.

Lenin u. a. fan­den das spä­ter nicht ein­deu­tig genug, unter Sta­lin war er ver­pönt. In der post­sta­li­nis­ti­schen Pha­se locker­te sich das, in der DDR erschien eine deutsch­spra­chi­ge Gesamt­aus­ga­be.

Es ist klar, dass Dos­to­jew­ski ein bedeu­ten­der Autor ist, sei­ne Erzähl­kunst war inno­va­tiv. Phi­lo­so­phisch ist wich­tig, dass dar­in der Zug der Moder­ne zum Aus­druck kommt, in der es eine irre­du­zi­ble Plu­ra­li­tät von Lebens­for­men gibt.

Phi­lo­so­phisch (und theo­lo­gisch) ist von Belang, dass Dos­to­jew­ski das Kon­zept der Not­wen­dig­keit Got­tes expli­zit infra­ge gestellt hat:

Ein Wun­der ist es, dass ein sol­cher Gedan­ke – der Gedan­ke der Not­wen­dig­keit Got­tes – einem so wil­den und bösen Tier wie dem Men­schen in den Kopf kom­men konn­te. So hei­lig, so rüh­rend, so wei­se und so ehren­voll für den Men­schen ist die­ser Gedan­ke. – Die Brü­der Kara­ma­sow Buch V,3

Das Zitat ist m. E. iro­nisch zu lesen. Das wil­de und böse Tier hat einen Gedan­ken her­vor­ge­bracht, der sei­ner Natur wider­spricht. Und vie­le Men­schen leben gar nicht nach die­sem Gedan­ken.

Seit Karl Barth fin­den sich eini­ge evan­ge­li­sche Theo­lo­gen, die die­sen Gedan­ken der Not­wen­dig­keit Got­tes infra­ge gestellt haben. Damit wur­den sie gesprächs­fä­hig gegen­über Posi­tio­nen wie der­je­ni­gen von Sart­re, der die Frei­heit des Men­schen betont. Wahr­schein­lich steckt die­se Beto­nung auch hin­ter Dos­to­jew­skis Werk: Wer sich zu jener spi­ri­tu­el­len Sozia­lis­mus­form ent­schließt, tut dies aus frei­en Stü­cken. Aber nie­mand soll­te über­se­hen, wie Men­schen sein kön­nen. In Der Spie­ler hat Dos­to­jew­ski die mög­li­che Ver­fal­len­heit erzählt. Er selbst hat sie in Baden-Baden, Wies­ba­den und Paris erlebt.

Eine ein­heit­li­che mora­li­sche Ord­nung der Welt exis­tiert nicht, zumin­dest ist sie nicht zu erken­nen, wie Dos­to­jew­ski glaubt.

2. Leo Tolstoi

Auch Lew Niko­la­je­witsch Graf Tol­s­toi (1828-1910) ver­dient es m. E. in einer phi­lo­so­phi­schen Dis­kus­si­on erör­tert zu wer­den. Aus einer Adels­fa­mi­lie stam­mend, befass­te er sich mit der Situa­ti­on der leib­ei­ge­nen Bau­ern und spä­ter auch der Arbei­ter. Er war von der tat­säch­li­chen Situa­ti­on erschüt­tert – und war schon sehr früh an Bil­dungs­re­for­men inter­es­siert, die er z. B. durch eine Rei­se nach Deutsch­land unter­stütz­te, wo er den Päd­ago­gen Dies­ter­weg traf. Phi­lo­so­phisch beach­tet wur­de er bei Charles Peirce, z. B. in des­sen Auf­satz „Evo­lu­tio­nä­re Lie­be“ (1890).

Er befass­te sich mit Rous­seau und begann ein ähn­li­ches Reform­be­stre­ben.

Wenn ich eine Schu­le betre­te und die­se Men­ge zer­lump­ter, schmut­zi­ger, aus­ge­mer­gel­ter Kin­der mit ihren leuch­ten­den Augen […] sehe, befällt mich Unru­he und Ent­set­zen, ähn­lich wie ich es mehr­mals beim Anblick Ertrin­ken­der emp­fand. Gro­ßer Gott – wie kann ich sie nur her­aus­zie­hen? Wen zuerst, wen spä­ter? […] Ich will Bil­dung für das Volk ein­zig und allein, um die dort ertrin­ken­den Pusch­kins, […] Lomo­nos­sows zu ret­ten. Und es wim­melt von ihnen an jeder Schu­le.“ (Brief)

Die Behaup­tung ist rous­seauis­tisch, die Men­schen wer­den durch die Gesell­schaft geprägt – und hier eben vor dem Hin­ter­grund extre­mer Armut. Und Tol­s­toi meint durch die­se Armut wür­den Intel­li­gen­zen ver­nich­tet – und das woll­te er ver­än­dern. Dazu grün­de­te er eine Dorf­schu­le, die den jewei­li­gen kind­li­chen Eigen­tüm­lich­kei­ten ent­ge­gen­kom­me und jede/n zur Ent­fal­tung kom­men las­sen soll­te. Sein Gedan­ke ist dem­je­ni­gen John Dew­eys ver­wandt, der das in den 1890er Jah­ren in Chi­ca­go mit sei­ner Toch­ter an einer Schu­le aus­pro­bier­te. Es geht also auch bei Tol­s­toi um Reform­päd­ago­gik, die unter­stellt, eine Gesell­schaft fah­re damit am bes­ten, wenn sich alle Bega­bun­gen ent­fal­ten kön­nen – und das muss in der Schu­le anfan­gen.

Die­ser Weg ließ sich für den jun­gen Adli­gen nicht wei­ter­ver­fol­gen, weil die Ver­wal­tung die Schu­le schloss. Immer­hin konn­te er sei­ne Idee lite­ra­risch wei­ter­füh­ren, da er Lese­bü­cher schrieb, die tat­säch­lich bis etwa 1920 in der Grund­schul­bil­dung ver­wen­det wur­den. Die­se wur­den auch in alter­na­ti­ven Schu­len wie in der eng­li­schen Schu­le Sum­mer­hill benutzt.

 

Tol­s­toi war lite­ra­risch erfolg­reich mit Anna Kareni­na und Krieg und Frie­den. Das war natür­lich schön, aber Tol­s­toi ist ein Mensch, der das auch selbst­kri­tisch wahr­nimmt:

Es gibt etwas, was ich mehr als das Gute lie­be: Ruhm.“ (Tage­buch)

Das ist das Pro­blem, das vie­le Men­schen haben, wel­che die Ethik ernst­neh­men. Max Weber hat das pole­misch beschrie­ben, indem er mein­te, es gebe eine Ver­ant­wor­tungs­ethik und eine Gesin­nungs­ethik – und heu­te wird das durch den Begriff „Gut­men­schen­tum“ gegei­ßelt und lächer­lich zu machen ver­sucht. Und natür­lich war Tol­s­toi ein Gesin­nungs­ethi­ker nach dem Ver­ständ­nis Webers. Damit ist gemeint, dass eine ethi­sche Posi­ti­on den auf­ge­bau­ten tat­säch­li­chen Ver­lauf einer Gesell­schaft infra­ge stellt, von wel­cher der Ver­ant­wor­tungs­ethi­ker glaubt, ihre Regeln sei­en so „ratio­nal“, dass man/frau es gar nicht anders machen kön­ne, ohne dass die Gesell­schaft und damit vie­le Men­schen Scha­den näh­men. Für das von Weber für alter­na­tiv­los gehal­te­ne Modell des Koh­len­stoff ver­bren­nen­den Kapi­ta­lis­mus wur­de aber schon am Ende des 19. Jahr­hun­derts behaup­tet, dass es auf­grund bestimm­ter phy­si­ka­li­scher Geset­ze zu dem­je­ni­gen kom­men könn­te, was wir heu­te Kli­ma­ver­än­de­rung oder Kli­ma­ka­ta­stro­phe nen­nen (Alfred Rus­sel Wal­lace). Und Tol­s­toi sah selbst, was mit den Leib­ei­ge­nen geschah – und sei­ne Schul­kri­tik war auch nicht von der Effi­zi­enz des Sys­tems über­zeugt. Also woll­te er das Poten­zi­al der rus­si­schen Gesell­schaft durch Bil­dungs­re­for­men ver­bes­sern und zugleich eine Stär­kung der ein­zel­nen Men­schen errei­chen.

Tol­s­toi hat­te ver­stan­den, dass das Genie­ßen des Ruhms ihn zur Anpas­sung an die Gesell­schaft geführt hat­te – und er wur­de in der Fol­ge kon­se­quen­ter. Dazu gehör­te eine Art Ver­in­ner­li­chung, um sein Leben kon­zen­trier­ter zu füh­ren. So ver­zich­te­te er auf Rau­chen, Alko­hol und die Jagd („grau­sa­me Ver­gnü­gun­gen“). Wich­tigs­ter Punkt war sein offen­si­ver Vege­ta­ris­mus. Er ver­stand das als ethi­sche Fra­ge (und nicht nur z. B. als Fra­ge einer gesun­den Ernäh­rung). Zur ethi­schen Fort­ent­wick­lung gehö­re der Ver­zicht auf Fleisch,

denn außer der Auf­re­gung der Lei­den­schaf­ten infol­ge die­ser Nah­rung ist die­sel­be auch ganz ein­fach unmo­ra­lisch, weil sie eine dem Gefühl der Mora­li­tät wider­spre­chen­de Tat – den Mord – erfor­dert, und weil sie nur von der Fein­schme­cke­rei und Gefrä­ßig­keit ver­langt wird“ (Die Fleisch­esser).

Er meint hier tat­säch­lich Mord, denn Heim­tü­cke und nie­de­re Moti­ve („Fein­schme­cke­rei und Gefrä­ßig­keit“) sind s. E. gege­ben.

Er ver­stärk­te das für sei­ne eige­ne sozia­le Her­kunft:

Es sei unsitt­lich, „dass im Her­ren­haus viel Mühe auf exqui­si­te, raf­fi­nier­te Spei­sen ver­wandt wur­de, wäh­rend rings­um bit­te­re Armut und peri­odisch immer wie­der Hun­ger herrsch­ten“ (Brang, Ein unbe­kann­tes Russ­land, 2002, 134).

Wohl ent­schei­den­der ist aber sei­ne Ableh­nung des Krie­ges und der Gewalt. In die­sem Sinn erwähnt ihn auch Peirce. Das ist natür­lich auch der Hin­ter­grund von Krieg und Frie­den. Er unter­stütz­te Kriegs­dienst­ver­wei­ge­rer und besuch­te sie im Gefäng­nis. S. E. ist die Lebens­hal­tung der­je­ni­gen, die Krieg und Gewalt akzep­tie­ren, dadurch bestimmt, dass sie ihren Besitz ver­tei­di­gen und gege­be­nen­falls ver­meh­ren wol­len, wie ein Pferd der­ar­ti­ge Men­schen in Die Lein­wand­mes­ser cha­rak­te­ri­siert:

Es gibt Men­schen, die ein Stück Land ‚Mein‘ nen­nen, und die­ses Land nie gese­hen und betre­ten haben. Die Men­schen trach­ten im Leben nicht danach zu tun, was sie für gut hal­ten, son­dern danach, mög­lichst vie­le Din­ge ‚Mein‘ zu nen­nen.“

Die­se Fra­gen führ­ten dazu, dass er sich stär­ker mit reli­giö­sen Fra­gen aus­ein­an­der­setz­te. Dabei kon­zen­trier­te er sich auf die Berg­pre­digt, ein Text, den Max Weber für den Inbe­griff der Gesin­nungs­ethik hielt, denn mit ihm kön­ne man kei­nen Staat machen, wie man Poli­tik als Beruf ent­neh­men kann.

Bei Tol­s­toi führ­te das sowohl zu Kon­flik­ten mit dem Staat, aber auch mit der rus­sisch-ortho­do­xen Kir­che, die ja die Reichs­re­li­gi­on des rus­si­schen Reichs zu sein bean­spruch­te. Wie man­che ande­re zu die­ser Zeit spiel­te er die Jesus­tra­di­tio­nen in den Evan­ge­li­en gegen die dog­ma­ti­sche Kirchenlehre(n) aus:

Die Leh­re der Kir­che ist eine theo­re­tisch wider­sprüch­li­che und schäd­li­che Lüge, fast alles ist eine Samm­lung von gro­bem Aber­glau­ben und Magie.“ (Russ­land-Aktu­ell – Der Mora­list aus Jas­na­ja Pol­ja­na)

D. h., er ver­such­te mit sei­ner Über­set­zung der vier kano­ni­schen Evan­ge­li­en ins Rus­si­sche den ursprüng­li­chen Kon­text des Chris­ten­tums wie­der prä­sent zu machen, der von den reichs­re­li­giö­sen Kon­zep­tio­nen der Römi­schen Kir­che und der ver­schie­de­nen ortho­do­xen Kir­chen ver­deckt wur­de. Dies betrifft auch den deut­schen Pro­tes­tan­tis­mus, der zur­zeit des Geschrie­be­nen Reichs­re­li­gi­on des Deut­schen Kai­ser­reichs war.

Tol­s­toi nimmt hier an einer kri­ti­schen Stim­mung Anteil, die welt­weit ver­brei­tet war, Peirce ist ein gutes Bei­spiel, aber auch Mahat­ma Gan­dhi. Die­ser ging gegen das bri­ti­sche Kolo­ni­al­reich in Indi­en gewalt­los vor, aber ver­stand das als Wider­stand. Und so wur­de von ihm und Tol­s­toi auch die Berg­pre­digt als Text ver­stan­den, die nicht zur blo­ßen Dul­dung von Gewalt auf­ruft, son­dern dies müs­se so ver­stan­den wer­den, dass die Struk­tu­ren der Gewalt nur dadurch ver­än­dert wer­den könn­ten, wenn ihnen gewalt­lo­ser Wider­stand ent­ge­gen­ge­setzt wer­de (ein m. E. zutref­fen­der Ansatz der Berg­pre­digt-Inter­pre­ta­ti­on). Tol­s­toi und Gan­dhi hat­ten Aus­tausch. Die Form, des Neo­hin­du­is­mus, die Gan­dhi ver­tre­ten hat, ist also öku­me­nisch kom­pa­ti­bel mit die­sen For­men der Chris­ten­tums-Inter­pre­ta­ti­on, wie sie Tol­s­toi ver­trat. Nach dem Ers­ten Welt­krieg reagier­te im Pro­tes­tan­tis­mus vor allem Diet­rich Bon­hoef­fer dar­auf, der den Kon­takt mit Gan­dhi auf­nahm.

Tol­s­toi reagiert zum einen wie Dos­to­jew­ski, dass er die über­grei­fen­den Sys­te­me von Kir­che und Staat, aber auch Wirt­schaft für kei­ne ange­mes­se­nen Garan­ten eines guten Lebens mehr hält.

Zum ande­ren aber teilt er Dos­to­jew­skis Skep­sis nicht, dass es nur ein­zel­ne Posi­tio­nen gebe, die sich in einem Meer von ande­ren Posi­tio­nen befän­den. Änder­te man die Armuts­si­tua­ti­on in Russ­land durch Bil­dung, kon­zen­trier­te man das Leben nicht auf den eige­nen Besitz, dann lie­ßen sich sogar die ethi­schen Idea­le der Berg­pre­digt ver­ste­hen und gesell­schaft­lich pro­duk­tiv ein­set­zen.

Tat­säch­lich haben Ent­wick­lun­gen nach dem Zwei­ten Welt­krieg in der UNO-Char­ta Tol­s­toi u. a. recht gege­ben. Nach die­ser ist Krieg ver­bo­ten. Im Moment wird die­se aber nicht ange­wen­det, weil der UNO-Sicher­heits­rat das blo­ckiert. So bleibt Tol­s­toi heu­te ein Anre­ger der Frie­dens- und Kon­flikt­for­schung.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Dostojewswki und Tolstoi (Kolping Heilbronn) ist Beitrag Nr. 5581
Autor:
Martin Pöttner am 13. Oktober 2016 um 16:58
Category:
als Künstler/in,Was ist der Mensch?
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