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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die Wiedervereinigung der auseinander Genommenen (Mk 10,1-12 [EfG Griesheim])

Die Zerschnittenen Eva und Adam

Die auseinander Genommenen – Eva und Adam (Lukas Cranach)

 

Mk 10 1 Jesus brach von dort auf und zog in das Gebiet von Judäa am anderen Ufer des Jordans. Wieder versammelten sich Mengen von Volk bei ihm, und wie gewohnt lehrte er sie. 2Pharisäer kamen hinzu und fragten ihn: »Ist es einem Mann erlaubt, seine Frau zu entlassen?« Das wollten sie mit ihm klären. 3Jesus entgegnete ihnen: »Was hat euch Mose geboten?« 4 Sie sprachen: »Mose hat es gestattet, einen Scheidebrief zu schreiben und sie zu entlassen.« 5Da sagte Jesus zu ihnen: »Weil eure Herzen so hart sind, schrieb er euch dieses Gebot auf. 6Am Anfang der Schöpfung aber schuf Gott die Menschen als männlich und weiblich.7Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen, wird ein Mann sich mit seiner Frau verbinden [und eine Frau sich mit ihrem Mann]. 8Und die zwei werden ein Fleisch sein. Also sind sie nicht mehr zwei [chirurgisch Getrennte bzw. auseinander Genommene], sondern ein Fleisch. 9Was Gott zum Paar verbunden hat, soll ein Mensch nicht trennen.« 10Im Haus fragten die Schüler/innen wie schon früher weiter nach. 11 Jesus antwortete ihnen: »Wer seine Frau entlässt und heiratet eine andere, der begeht ihr gegenüber Ehebruch. 12 Entlässt sie ihren Mann  und heiratet einen anderen, dann begeht sie Ehebruch.«[1]

 

Liebe Gemeinde,

 

der Predigttext zeigt uns heute die Eheauffassung Jesu im Markusevangelium. Wir haben eben in der Schriftlesung aus Gen 16 gehört, dass das biblisch z. T. anders gesehen wird, Abraham hatte mit seiner Sklavin Hagar Sex – und diese bekam einen Sohn, den Ismael, der als Stammvater der Araber gilt. Der Koran schreibt diese biblische Geschichte fort – und entwickelt entsprechend ein anderes Eheverständnis, dass man/frau auch bei David, Salomo u. a. findet, nämlich dass ein Mann mehrere Frauen haben kann.

Jesus geht dagegen auf Gen 1-3 zurück – und entwickelt daraus sein Eheverständnis. Er wurde von einigen Pharisäern gefragt, wie er es mit einer möglichen Scheidung halte. Die Pharisäer wissen natürlich, dass in Dtn 24 die Scheidung des Mannes von der Ehefrau durch einen Scheidebrief erlaubt ist.

Mose ist aber später dran als die ersten Texte der Urgeschichte – und so bezieht sich Jesus als geübter Schriftausleger auf Gen 1,26f, wo Gott die Menschen als männliche und weibliche Wesen ihm ähnlich nach seinem Bild, das er von sich hat[2], zu seinen Bildern erschafft. Ebenso bezieht er sich auf die zweite Erzählung von der Menschenschöpfung, nach welcher der Mensch, Adam, in den Garten Eden gesetzt wurde, nachdem er aus Erde geformt worden war und den Atem Gottes eingeblasen bekam. Adam fühlte sich einsam und fand unter den Tieren keinen angemessenen Partner. Da handelte Gott, der Herr, als Chirurg, versetzte Adam in einen Tiefschlaf, entnahm ihm eine Seite und schuf daraus einen Partner für Adam, Adam wurde zum Mann und Eva zur Frau. Dass man/frau צֵלָע (zela) heute mit Seite und nicht mit einzelner Rippe übersetzt, ist alt – und findet sich schon in der griechischen jüdischen Bibel. Da sie  ursprünglich eins waren, möchten sie sich wiedervereinigen, sie begehren ein Fleisch zu sein, wie es in Gen 2,24 heißt. Diesen Wiedervereinigungsprozess des von Gott, dem Herrn, chirurgisch Getrennten, versteht Jesus in Mk 10 als Basis der Ehe:

Deshalb wird ein Mann Vater und Mutter verlassen, wird ein Mann sich mit seiner Frau verbinden [und eine Frau sich mit ihrem Mann]. 8Und die zwei werden ein Fleisch sein. Also sind sie nicht mehr zwei [chirurgisch Getrennte bzw. auseinander Genommene], sondern ein Fleisch.

„Ein-Fleisch-Sein“ ist also seit Gen 2 eine sexuelle Metapher, es geht um die Wiedervereinigung des chirurgisch im Tiefschlaf, also mit Narkose, Getrennten.

Weiterhin sieht Jesus das als symmetrisches Verhältnis, was auch die Übersetzung in der „Bibel in gerechter Sprache“ zu verdeutlichen sucht.

Was also bei dem chirurgisch behandelten Adam geschieht, dass er in zwei Hälften zerschnitten und dann als Frau Eva und Mann Adam fleischlich wiedervereinigt wird, soll nach dem Schriftausleger Jesus die Struktur oder den Typ abgeben für die Begegnung von Individuen, für einzelne Frauen und Männer, die sich voneinander angezogen fühlen – und sich sexuell wiedervereinigen. Dass daraus Kinder entstehen, ist ab Gen 4 erzählerisch dargestellt, Adam „erkennt“ Eva, das hebräische Wort יָדַ֖ע (jada) bezeichnet sowohl die sexuelle Vereinigung als auch das erfahrungsbezogene, wissenschaftliche und philosophische Erkennen, wodurch die Tiefe der Einheit des Paars unüberbietbar ausgedrückt wird. So verhält es sich auch beim griechischen Wort γινώσκειν (ginoskein), das יָדַ֖ע (jada) sowohl in der griechischen jüdischen Bibel als auch im Neuen Testament wiedergibt. Beim Sex soll sich also die persönliche Erkenntnis des/der Anderen vollziehen. D. h., die Zerschnittenen begegnen sich so wie sie als einzelne Frau und einzelner Mann sind – und werden ein Fleisch.

Jesus sagt nicht, dass Mose das übersehen hat, als er den Scheidebrief erlaubte. Aber er erlaubte diesen, weil er die Hemmung der Gefühle, die Gefühlskälte von Menschen im Blick hatte, ihre Verhärtung der Herzen.

»Weil eure Herzen so hart sind, schrieb er euch dieses Gebot auf …«

D. h., Scheidungen verneinen den individuellen erotischen Zauber, welcher der Vereinigung der Getrennten zu eigen ist. Das Herz ist letztlich nicht bereit, mit dem/der Anderen zurechtzukommen, was bei Auseinandergeschnittenen vielleicht auch nicht immer ganz leicht ist. Es hat mal eine Zeit der Verliebtheit gegeben, aber das ist schon lange her, der/die Andere ärgert einen, beschwert sich, dass man/frau sie oder ihn nicht als andere Person genau wahrnimmt, sodass das anfängliche liebevolle Erkennen des/der Anderen verlorengegangen zu sein scheint.

Der Hinweis Jesu auf die Verhärtung des Herzens scheint mir berechtigt zu sein, bei Scheidungen versuchen oft beide, die Verantwortung nur einer, nämlich der anderen Person zuzuschieben. Zugleich ist der Entwurf Jesu äußerst anspruchsvoll, es ist ein Entwurf der romantischen Liebe, den Schleiermacher als „persönliche Wahlanziehung“[3] bezeichnet hat. „Anziehung“, weil da Zerschnittene die Wiedervereinigung suchen, „Wahl“, weil sie sich beide dazu entscheiden – und damit dafür verantwortlich sind, dass die Verhärtung des Herzens nicht eintritt, man/frau sollte ständig damit beschäftigt sein, mit dem/der Anderen wirklich zurechtzukommen. Nach meiner Meinung sind sowohl Gen 2 als auch Mk 10 nicht als Texte über traditionelle Beziehungen zu lesen, in der man/frau sich aufgrund irgendwelcher Konventionen oder Notwendigkeiten arrangiert, das Bild der Wiedervereinigung Zerschnittener schließt das m. E. aus.

Wenn es dann doch zur Scheidung kommt, soll – anders als bei Mose – keine Wiederverheiratung stattfinden. Die katholische Kirche hat mit diesen Sätzen groben Unfug betrieben. Zunächst ist die Ehe kein Sakrament. Und wenn jemand geschieden ist, darf er/sie nach katholischer Auffassung nicht mehr am Abendmahl, katholisch der Eucharistie teilnehmen, Franziskus scheint da jetzt etwas liebevolle Vernunft hineinzubringen. Er will, dass Priester und Bischöfe nicht mehr gefühlskalt sind, hoffen wir, dass das so kommt.

Für Geschiedene ist klar, dass es gefühlskalt gegenüber dem/der ehemaligen Partner/in ist, wieder zu heiraten. Und trotzdem tun wir das doch nicht selten, das ist eine bleibende Frage an uns.

Ich denke, der einsame Adam wird wohl nicht immer in eine Frau und einen Mann zerschnitten, sondern gelegentlich auch in zwei Männer oder auch zwei Frauen, jedenfalls erzählt Platon im Symposion so etwas Ähnliches.[4] D. h., m. E. kann das auch für weibliche oder männliche Homosexuelle gelten.

Das ist bei etwa 10 % der Menschheit der Fall, das sollte also nicht überbewertet werden – und zwar von beiden Seiten nicht. Für die Vermehrung der Menschheit hat das auch keinen negativen Effekt gehabt. Aber auch die Auffassung, dass eine homosexuelle Lebensform sozusagen die Regel  sei oder als Modell gelten könne, ist unbesonnen. Ich pflichte hier dem badenwürttembergischen Ministerpräsidenten Kretschmann  bei, der ruhig auf die Mehrheitsverhältnisse hinweist – und das auch philosophisch schlüssig begründet.

Der entscheidende Punkt bei allen Paaren ist, dass wir die Gefühlskälte überwinden. Auch ich war dabei nicht gut. Wahrscheinlich sind die meisten Geschiedenen nicht in der Lage, dem anspruchsvollen Entwurf Jesu zu folgen, weil sie sich auf anderes konzentrieren, den Beruf u. a. m. Der Soziologe Luhmann hat mal darauf verwiesen, dass Ehen im Himmel geschlossen, aber im Auto geschieden würden, eine/r weiß offenbar immer besser, wie gefahren werden muss. Das Entscheidende ist aber, für den/die Andere/n transparent zu sein, also keine Heimlichkeiten zu veranstalten oder zuzulassen. Schafft man/frau das, lassen sich die Klippen überwinden und für Gefühlskälte und Verhärtung der Herzen ist wenig Platz – bzw. sie nehmen ab.

Ich wünsche, dass dieser romantische Entwurf Jesu ermutigt, die Ehe einzugehen und weiter zu leben. Vor allem ist sein Hinweis auf die Gefahr der Gefühlskälte oder der Verhärtung der Herzen ein guter Hinweis, wie wir manches vermeiden können.

 

Amen

 

 

 

 

[1] Die Übersetzung folgt weitgehend Irene Dannemann, Bibel in gerechter Sprache, z. St., welche die Tendenz des Textes m. E. recht angemessen wiedergibt. Die Übersetzung, dass Adam eine Seite entnommen wird, ist schon seit der Septuaginta, der griechischen Übersetzung üblich – oder es erscheint jedenfalls als sehr wahrscheinlich. – Die Ergänzungen in eckigen Klammern stammen teils von Dannemann, teils von mir.

[2] So die m. E. zutreffende Übersetzung in der griechischen jüdischen Bibel in der Septuaginta.

[3] Friedrich D. E. Schleiermacher, Ethik (1812/13), PhB 335, 80 (§ 17).

[4]In Gen 2 entsteht aus einem Menschen ein Paar, Adam ist offenbar als androgynes Wesen verstanden. JHWH (יְהוָ֥ה), der Herr, entnimmt einen Teil dieses Wesens, so entsteht ein verschiedengeschlechtliches Paar. Im Symposion bewegen sich drei verschiedene Typen von Paaren kugelförmig fort – und werden von Zeus zerschnitten. Der Aspekt der Wiedervereinigung ist in beiden Erzählungen über das Entstehen der Sexualität gleich.

 

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Info:
Die Wiedervereinigung der auseinander Genommenen (Mk 10,1-12 [EfG Griesheim]) ist Beitrag Nr. 5471
Autor:
Martin Pöttner am 5. Oktober 2016 um 15:06
Category:
Bildung,Religiöse Rede
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