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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie I (Hin­füh­rung, Kon­fu­zia­nis­mus [Bad Rap­penau])

1.        Hin­füh­rung

Ich möch­te mit zwei Zita­ten begin­nen, die exem­pla­risch für den Dis­kurs­stil ste­hen kön­nen:

 

 1.1 Kon­fu­zi­us[1]:

 Her­zog Ai frag­te den Meis­ter Kung und sprach: »Eines Rei­ches Bestehen und Unter­gang, Glück und Unglück haben doch sicher ihre himm­li­sche Bestim­mung und rüh­ren nicht nur von Men­schen her.«

Meis­ter Kung erwi­der­te: »Bestehen und Unter­gang, Glück und Unglück kom­men alle nur durch eige­ne Schuld. Zei­chen am Him­mel und Vor­be­deu­tun­gen auf der Erde kön­nen nichts hin­zu­fü­gen.«

Der Her­zog sprach: »Gut, mein Meis­ter, habt Ihr gere­det, aber wie soll das zuge­hen?«

Meis­ter Kung sprach: »Vor alters zur Zeit des Herr­schers Sin aus dem Hau­se Yin, da brü­te­te ein Sper­ling einen gro­ßen Vogel aus auf der Ecke der Stadt­mau­er. Die Zei­chen­deu­ter spra­chen: ‚Wenn Klei­nes Gro­ßes erzeugt, so wird das Reich sicher blü­hen und des Herr­schers Name berühmt wer­den.‘ Dar­auf ver­ließ sich der Herr­scher Sin auf die Kraft die­ses Sper­lings. Er küm­mer­te sich nicht um die Regie­rung des Lan­des und war hart und grau­sam über alle Maßen, und vor den Leu­ten sei­nes Hofes gab es kei­ne Ret­tung. Da bra­chen Räu­ber von außen ein, und die Herr­schaft des Hau­ses Yin fand dadurch ihr Ende. So hat er selbst der Zeit des Him­mels ent­ge­gen­ge­wirkt und das zuge­dach­te Glück in Unglück ver­wan­delt.

[Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Gia Yü – Schul­ge­sprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 26695 (vgl. Kung­fut­se-Gia Yü, S. 29-30)]

1.2 Lao­tse:

Der SINN, den man ersin­nen kann,

ist nicht der ewi­ge SINN.

Der Name, den man nen­nen kann,

ist nicht der ewi­ge Name.

Jen­seits des Nenn­ba­ren liegt der Anfang der Welt.

Dies­seits des Nenn­ba­ren liegt die Geburt der Geschöp­fe.

Dar­um führt das Stre­ben nach dem Ewig-Jen­sei­ti­gen

zum Schau­en der Kräf­te,

das Stre­ben nach dem Ewig-Dies­sei­ti­gen

zum Schau­en der Räum­lich­keit.

Bei­des hat Einen Ursprung und nur ver­schie­de­nen Namen.

Die­se Ein­heit ist das Gro­ße Geheim­nis.

Und des Geheim­nis­ses noch tie­fe­res Geheim­nis:

Das ist die Pfor­te der Offen­bar­wer­dung aller Kräf­te.

[Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Lao­tse: Tao Te King – Das Buch des Alten vom Sinn und Leben. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 28522 (vgl. Lao­tse-Tao[2], S. 3)]

1.3 Deu­tungs­vor­schlag

 

Meis­ter Kung stellt die grund­le­gen­de The­se auf, dass Glück und Unglück von der mensch­li­chen Ver­ant­wor­tung bzw. „Schuld“ abhän­gen. Die „Zei­chen“ und ihre Deu­tun­gen sind hier­zu aus­schließ­lich beglei­tend, der „Him­mel“ legi­ti­miert sozu­sa­gen die mensch­li­che Leis­tung bzw. das mensch­li­che Ver­sa­gen. Dies wird anhand eines „Zei­chens“ durch­ge­spielt. Ein Sper­ling brü­tet auf einer Stadt­mau­er einen „gro­ßen Vogel“ aus, also ein unge­wöhn­li­ches Zei­chen, das die nor­ma­le Erwar­tung eines natür­li­chen Gesche­hens über­schrei­tet. Die pries­ter­li­chen o. Ä. „Zei­chen­deu­ter“ inter­pre­tie­ren dies auf das gute Schick­sal des Rei­ches Yin. Jedoch der Herr­scher nimmt sei­ne Ver­ant­wor­tung nicht wahr, das Reich wird von den Step­pen­völ­kern („Räu­ber“) heim­ge­sucht. Wich­tig sind zwei Punk­te:

  • Die Unter­schei­dung des wei­sen Meis­ters Kung von den „Zei­chen­deu­tern“, also tra­di­tio­nel­len reli­giö­sen Man­ti­kern, die unge­wöhn­li­che Erschei­nun­gen am Him­mel, bei Tie­ren usf. inter­pre­tie­ren – und dar­aus Wohl und Wehe der Rei­che ablei­ten.
  • Die kla­re Hand­lungs­ori­en­tie­rung der kon­fu­zia­ni­schen Tra­di­ti­on, die an bestimm­te sitt­li­che For­men gebun­den ist, Grau­sam­keit des Herr­schers z. B. wird scharf ver­ur­teilt. Herr­scher und Beam­te müs­sen bestimm­te sitt­li­che Regeln ein­hal­ten, dann folgt das Wohl des Rei­ches aus die­sem Han­deln.

 

Der tao­is­ti­sche bzw. dao­is­ti­sche Text erscheint zunächst fremd­ar­ti­ger, schwie­ri­ger. Es han­delt sich um einen phi­lo­so­phi­schen Text mys­ti­scher Prä­gung, was ins­be­son­de­re am Begriff „Schau­en“ fest­ge­macht wer­den kann. Jen­sei­ti­ges – die Kräf­te – und Dies­sei­ti­ges – die Räum­lich­keit – wer­den „geschaut“. Wie in der abend­län­di­schen Mys­tik wird auf die Nega­ti­on (Ver­nei­nung) des sinn­lich Wahr­nehm­ba­ren, ja des Sin­nes über­haupt, eben­so des Bezei­chen­ba­ren (Name) gesetzt – nur so kommt man zum Ewi­gen. Es fin­det aber kei­ne Ver­ab­schie­dung aus der sinn­lich erfahr­ba­ren Welt statt, son­dern die Schau führt auf die Ein­heit von Dies­sei­ti­gem und Jen­sei­ti­gen. Man kommt also aus der Schau in eine bes­ser ver­stan­de­ne ein­heit­li­che Welt zurück, in der etwa die „Kräf­te“ Yin und Yang mit­ein­an­der in einem pro­zess­haf­ten Wech­sel­ver­hält­nis ste­hen.

1.4 Über­blick

 

Die Welt Chi­nas ist eine Welt der Rei­che, wobei es schwer ist, wegen der Grö­ße des Gebie­tes eine Zen­tral­macht auf­recht zu erhal­ten. Die gut geschicht­lich beleg­ten Rei­che begin­nen etwa 1000 v. d. Z., den­noch deu­ten archäo­lo­gi­sche Fun­de dar­auf­hin, dass gut 1300 Jah­re zuvor auch bedeu­ten­de Reichs­struk­tu­ren bestan­den haben. Vor allem die kon­fu­zia­ni­sche Phi­lo­so­phie beschäf­tigt sich stark mit den ent­spre­chen­den The­men, was ist legi­ti­me Herr­schaft, was ist gute Herr­schaft, wie geschieht gutes Regie­ren, wie ver­hält sich ein Beam­ter, was ist die Funk­ti­on eines Unter­tans, wie sieht eine gute Fami­lie aus? Man kann grob sagen, dass die Kon­fu­zia­ner die bestehen­de Ord­nung stets aus der Per­spek­ti­ve einer unter­stell­ten „klas­si­schen“ Ord­nung bewer­te­ten und gege­be­nen­falls kri­ti­sier­ten, die in den „klas­si­schen Tex­ten“ dar­ge­stellt war (Jing). Die­se Tex­te ent­hiel­ten Bei­spiel­sto­rys, die nicht immer auf his­to­ri­sche Sach­ver­hal­te zurück­ge­hen müs­sen. Es geht eher um Ide­al­sze­nen von Herr­schern, Fami­li­en­struk­tu­ren usf. Mit die­sen Sto­rys kann man argu­men­tie­ren, wie wir an einem Fall bei Kon­fu­zi­us (1.1) gese­hen haben. In gewis­ser Wei­se tei­len die Dao­is­ten auch den Rück­gang auf das frü­her schon Gesche­he­ne, das in den Tex­ten über­lie­fert wird. Dabei wird aber stär­ker auf die ursprüng­li­che Wirk­lich­keit des Kos­mos als Mikro­kos­mos und Makro­kos­mus zurück­ge­grif­fen. Weni­ger ist die vor­han­de­ne Ord­nung im Blick, eher eine indi­vi­du­el­le Per­spek­ti­ve, auch dies sehen wir jeden­falls ansatz­wei­se in der ers­ten Sit­zung. Man kann die Dao­is­ten in gewis­ser Wei­se als oppo­si­tio­nel­le Intel­lek­tu­el­le anse­hen, jeden­falls neh­men sie in der Regel nicht auf die frü­her gute Herr­schaft Bezug, son­dern auf kos­mi­sche Struk­tu­ren.

Lite­ra­tur: Ralf Moritz, Die Phi­lo­so­phie im alten Chi­na, Berlin/Ost 1990; Hubert Schlei­chert, Klas­si­sche chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie, Frankfurt/Main 21990; Ost­asi­en, in: Phi­lo­so­phie, His­to­ri­sches Wör­ter­buch der Phi­lo­so­phie, 858-865; Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie, Ber­lin 2004 (Digi­ta­le Biblio­thek Band 94); Ulrich Unger, Grund­be­grif­fe der alt­chi­ne­si­schen Phi­lo­so­phie, Darm­stadt 2000.

2.        Kon­fu­zia­nis­mus

Die Dar­stel­lung der kon­fu­zia­ni­schen Phi­lo­so­phie umfasst drei Aspek­te:

(1) Kon­fu­zi­us

(2) Men­zi­us

(3) Zhu Xi (Neo­kon­fu­zia­nis­mus)

Aus­führ­lich wird Kon­fu­zi­us erör­tert.

 

Ins­be­son­de­re die soge­nann­ten „Vier Bücher“ sind so erst von Zhu Xi im 12. Jahr­hun­dert d. Z. zusam­men­ge­stellt wor­den, sodass mög­li­cher­wei­se auch bestimm­te Rück­fra­gen an die Tex­t­re­kon­struk­ti­on und die Inter­pre­ta­ti­on gestellt wer­den kön­nen, dies ver­nach­läs­si­gen wir aber in unse­rem Kurs, weil wir hier kei­ne sino­lo­gi­schen Spe­zi­al­dis­kus­sio­nen füh­ren kön­nen. Die kon­fu­zia­ni­sche Phi­lo­so­phie ist ins­ge­samt an der idea­len Ord­nung der Gesell­schaft im Sin­ne des rich­ti­gen Ver­hält­nis­ses von Herr­scher, Adli­gen (Edlen), Beam­ten und Unter­ta­nen, der Fami­lie, das Ver­hält­nis von Vor­fah­ren, Mann, Frau und Kin­dern ori­en­tiert. Das Ide­al wird in den „Klas­si­kern“ (Jing) dar­ge­stellt.

2.1 Die Posi­ti­on des Kon­fu­zi­us

Kon­fu­zi­us leb­te wahr­schein­lich von 551-479 v. d. Z. Obgleich sein Haupt­the­ma das­je­ni­ge der öffent­li­chen und fami­liä­ren Ord­nung war, gelang es ihm an-schei­nend nicht oder nur sehr kurz (501 v. d. Z.) in sei­nem Hei­mat­staat Lu ein höhe­res öffent­li­ches Amt zu erlan­gen, wo er sei­ne Vor­stel­lun­gen selbst hät­te um-set­zen kön­nen. Statt­des­sen führ­te Kon­fu­zi­us über­wie­gend ein Wan­der­le­ben, wobei er als Leh­rer tätig war. Er ist der klas­si­sche Fall der Struk­tur, dass die Phi­lo­so­phen nicht sel­ten aus ver­arm­ten Adels­fa­mi­li­en ent­stamm­ten. Kon­fu­zi­us reflek­tiert in der fol­gen­den Text­pas­sa­ge offen­bar die­sen Sach­ver­halt selbst:

Der Meis­ter sprach: »Ler­nen und fort­wäh­rend üben: Ist das denn nicht auch befrie­di­gend? Freun­de haben, die aus fer­nen Gegen­den kom­men: Ist das nicht auch fröh­lich? »Wenn die Men­schen einen nicht erken­nen, doch nicht mur­ren: Ist das nicht auch edel?«

Das Glück besteht in der Mög­lich­keit, sei­ne Prin­zi­pi­en durch­füh­ren zu kön­nen. Aber das hängt nicht von uns ab. Es gibt aber auch ein Glück für den, dem das alles ver­sagt ist. Das Erbe der Ver­gan­gen­heit sich anzu­eig­nen und es aus­übend zu besit­zen: Das gewährt auch Befrie­di­gung. Wenn dann der wach­sen­de Ruhm aus fer­nen Gegen­den Jün­ger her­bei­führt: Das ist auch Freu­de. Von der Welt sich ver­kannt zu sehen, ohne sich ver­bit­tern zu las­sen: Das ist auch See­len­grö­ße. [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27183 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 37)] Hier sind die wesent­li­chen Grund­zü­ge der Posi­ti­on des Kon­fu­zi­us prä­sent:

(1) Der Spre­chen­de ist unab­hän­gig – er steht der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit beob­ach­tend und kri­tisch bewer­tend gegen­über.

(2) Den Maß­stab der Beob­ach­tung und kri­ti­schen Bewer­tung der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit gewinnt der Kon­fu­zia­ner durch Ler­nen – durch das Stu­di­um der Tra­di­ti­on.

(3) Die­ses Stu­di­um und Ler­nen ist prak­tisch ori­en­tiert – es geht um Aus­üben des Erlern­ten.

 

Die Kon­fu­zia­ner sind ent­spre­chend nicht dar­an inter­es­siert, die bestehen­de Ord­nung einer geschich­te­ten und patri­ar­chal aus­ge­rich­te­ten Gesell­schaft anzu­tas­ten. Aber die kon­kre­te Herr­schaft ist oft ver­dor­ben, inso­fern geht es um die Kor­rek­tur schlech­ter, grau­sa­mer usf. Herr­schaft. Dies geschieht immer im Inter­es­se einer klas­sisch gebil­de­ten Sitt­lich­keit (Li) und einer anspruchs­vol­len Mensch­lich­keit (Ren), womit oft das Glei­che gemeint ist, näm­lich die ange­mes­se­ne Hal­tung eines Höher­ge­stell­ten gegen­über dem schich­ten­mä­ßig nied­ri­ger Gestell­ten. Dabei geht es kon­fu­zia­nisch kei­nes­wegs um phi­lo­so­phisch frei schwe­ben­de Refle­xi­on, son­dern die Refle­xi­on bezieht sich auf die Tra­di­ti­on: Der Meis­ter sprach: »Ich habe oft den gan­zen Tag nicht geges­sen und die gan­ze Nacht nicht geschla­fen, um nach­zu­den­ken. Es nützt nichts; bes­ser ist es, zu ler­nen.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27624 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 160)] Das kann er auch so for­mu­lie­ren: Der Meis­ter sprach: »Ler­nen und nicht den­ken ist nich­tig. Den­ken und nicht ler­nen ist ermü­dend.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27215 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 45)]

Bei­de Sen­ten­zen zusam­men erläu­tern die kon­fu­zia­ni­sche phi­lo­so­phi­sche Metho­de. Das Ide­al der rich­ti­gen Ord­nung wird durch das Stu­di­um der klas­si­schen Tex­te erwor­ben (Ler­nen). Dies geschieht nicht refle­xi­ons­los, son­dern die Tra­di­ti­on wird aus­ge­legt und kri­tisch durch­dacht. Aber das tra­di­ti­ons­lo­se blo­ße frei schwe­ben­de Den­ken ist „ermü­dend“. Der kri­ti­sche Aspekt der kon­fu­zia­ni­schen Phi­lo­so­phie bezieht sich also auf das Ver­ste­hen der Tra­di­ti­on und ihre intel­lek­tu­el­le Ver­ar­bei­tung (Den­ken). In der Pra­xis wird das kri­tisch Ver­stan­de­ne gegen die gera­de aktu­el­le Herr­schafts­form gewen­det, um die­se ver­bes­sern zu kön­nen. Es dürf­te also deut­lich sein, wor­in sich der kon­fu­zia­ni­sche Ansatz von der z. T. ja zeit­gleich anset­zen­den grie­chi­schen Phi­lo­so­phie unter-schei­det. Die­se nahm prin­zi­pi­ell wahr,

(1) dass in ver­schie­de­nen Gesell­schafts­for­men die Ord­nun­gen ver­schie­den waren (ande­re Län­der, ande­re Sit­ten). Dar­aus wur­de geschlos­sen, dass jede Ord­nung – auch die eige­ne Ord­nung – begrün­dungs­be­dürf­tig war.

(2) Folg­lich kon­zen­trier­te sich die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie sehr früh (spä­tes­tens seit den Sophis­ten) dar­auf, genau zu ver­ste­hen, was Begrün­dun­gen sind, eben deduk­ti­ve, induk­ti­ve und auch abduk­ti­ve Argu­men­te.

 

Bei den Kon­fu­zia­nern wird das begrün­den­de Ele­ment auf das Ver­ste­hen der Tra­di­ti­on und die Anwen­dung der Tra­di­ti­on auf die jewei­li­ge kri­tik­wür­di­ge Gegen­wart ein­ge­schränkt. Eine eige­ne – sozu­sa­gen abduk­tiv-spe­ku­la­ti­ve Begrün­dung einer ande­ren Ord­nung – fin­det sich bei den Kon­fu­zia­nern nicht. Das gilt ent­spre­chend für das Ver­ständ­nis der Ethik, also nach wel­chen Regeln man han­deln soll. Auch hier spielt das Ler­nen eine gro­ße Rol­le:

Der Meis­ter sprach: »Es mag auch Men­schen geben, die, ohne das Wis­sen zu besit­zen, sich betä­ti­gen. Ich bin nicht von der Art. Vie­les hören, das Gute davon aus­wäh­len und ihm fol­gen, vie­les sehen und es sich mer­ken: das ist wenigs­tens die zwei­te Stu­fe der Weis­heit.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27369 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 87)]

Dabei geht der kon­fu­zia­nisch Gelehr­te beschei­den vor:

Der Meis­ter sprach: »Der Edle liebt es, lang­sam im Wort und rasch im Tun zu sein.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27279 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 63)]

Also kei­ne gro­ßen Wor­te, son­dern vor allem Taten. Eben­so sol­len auch die Men­schen ethisch beur­teilt wer­den: Der Meis­ter sprach:

»Der Edle wählt nicht nach ihren Wor­ten die Men­schen und ver­wirft nicht nach den Men­schen ihre Worte.«[Chinesische Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27616 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 159)]

Ent­spre­chend gilt:

Der Meis­ter sprach: »Wor­te erns­ten Zure­dens: Wer wird denen nicht zustim­men? Aber wor­auf es ankommt, das ist Bes­se­rung (des Lebens). Wor­te zar­ter Andeu­tung: Wer wird die nicht freund­lich anhö­ren? Aber wor­auf es ankommt, das ist ihre Anwen­dung (auf die Pra­xis). Freund­li­ches Anhö­ren ohne Anwen­dung, Zustim­mung ohne Bes­se­rung: Was kann ich damit anfan­gen?« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27429 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 103)]

In die­sem Aus­spruch kommt die deut­li­che Pra­xis­ori­en­tie­rung der kon­fu­zia­ni­schen Phi­lo­so­phie zum Aus­druck. Es geht nicht um das „freund­li­che Anhö­ren“, um die „zar­te Andeu­tung“, son­dern um das Tun, die „Anwen­dung“. Der „Edle“ des Kon­fu­zi­us ist auf­grund des bis­her Gesag­ten, der gut han­deln­de Adli­ge. Und für die­sen gilt fol­gen­de sitt­li­che Regel:

Der Meis­ter sprach: »Reich­tum und Ehre sind es, was die Men­schen wün­schen; aber wenn sie einem unver­dient zuteil­wer­den, so soll man sie nicht fest­hal­ten. Armut und Nied­rig­keit sind es, was die Men­schen has­sen; aber wenn sie einem unver­dient zuteil-wer­den, so soll man sie nicht los­zu­wer­den suchen. Ein Edler, der von der Sitt­lich­keit lässt, ent­spricht nicht dem Begriff (des Edlen). Der Edle über­tritt nicht wäh­rend der Dau­er einer Mahl­zeit die (Geset­ze der) Sitt­lich­keit. In Drang und Hit­ze bleibt er unent­wegt dabei, in Sturm und Gefahr bleibt er unent­wegt dabei.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27260 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 59)]

Es gibt also eine Beharr­lich­keit des „Edlen“ in der Sitt­lich­keit, mit­hin das­je­ni­ge, was die abend­län­di­sche Tra­di­ti­on „Tugend“ nennt. Distanz zu Reich­tum und Armut sind ent­schei­dend – kei­ne über­has­te­ten Ver­meh­rungs­wün­sche und kein über­has­te­tes aus der Armut her­aus Kom­men­wol­len, so der Rat des Kon­fu­zi­us. Das gilt eben auch für die Unter­schicht:

Dsï Hia sprach: »Auch die klei­nen Lieb­ha­berküns­te haben sicher etwas, das sich sehen lässt. Aber wenn man sie zu weit treibt, ist Ver­wir­rung zu befürch­ten. Dar­um betreibt sie der Edle nicht.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27698 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 184)]

Die­se klei­nen Tätig­kei­ten der Unter­schicht, es geht um Acker­bau, Gärt­ne­rei, Medi­zin, Ora­kel­deu­tung … sind also aus der Sicht der Ober­schich­ten­ethik durch­aus ach­tens­wert, aber eben für „Edle“ nicht anzu­stre­ben. Man ver­fängt sich in ihnen und sieht dann den „edlen“ Weg nicht mehr. Die­se Ten­denz gilt auch für die patri­ar­cha­le Ord­nung im Blick auf das Ver­hält­nis von Eltern und Kin­dern:

Der Meis­ter sprach: »Den Eltern die­nend darf man ihnen in zar­ter Wei­se Vor­stel­lun­gen machen. Wenn man aber sieht, dass sie nicht gewillt sind, dar­auf zu hören, so soll man fort­fah­ren, ehr­erbie­tig sich zu fügen, und auch die schwers­ten Anstren­gun­gen ohne Mur­ren tra­gen.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Lun­yu – Gesprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27273 (vgl. Kung­fut­se-Lun Yü, S. 62)] Es wird also kein „Kada­ver­ge­hor­sam“ ver­langt – „zar­te Vor­stel­lun­gen“ oder Vor­hal­tun­gen sind erlaubt.

Reagie­ren die Eltern nicht posi­tiv dar­auf, dann ist das hin­zu­neh­men. Zum Frau­en­bild mag fol­gen­der typi­scher Text genü­gen:

Die Mut­ter des Gung-Fu Wen-Bo war die Groß­tan­te des Frei­herrn Gi Kang Dsï. Wenn Gi Kang Dsï sie besuch­te, so stell­te er sich stets an der Türe auf, um mit ihr zu reden. Kei­ner von bei­den über­schritt die Schwel­le. Als Gung-Fu Wen-Bo einst sei­nem Ahn Dscho ein Opfer dar­brach­te, half der Frei­herr Gi Kang Dsï mit. Beim Rei­chen der Gefä­ße nahm sie die­se nicht direkt aus der Hand des Gi Kang Dsï, nach dem Abräu­men der Opfer aß sie nicht mit ihm zusam­men. Ehe die Haus­be­am­ten voll­zäh­lig bei­sam­men waren, voll­zog sie das Nach­op­fer nicht. Beim Nach­op­fer zog sie sich zurück, ehe das Aus­trei­ben der Geis­ter fer­tig war. Meis­ter Kung hör­te es und sprach: »Die züch­ti­ge Tren­nung der Geschlech­ter ist ein Haupt­punkt der Sit­te. Die Frau des Gung-Fu ver­steht es, sich inner­halb der Gren­zen zu hal­ten und sich die Sit­te zum Maß­stab zu neh­men.« [Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie: Kung­fut­se: Gia Yü – Schul­ge­sprä­che. Asia­ti­sche Phi­lo­so­phie – Indi­en und Chi­na, S. 27129 (vgl. Kung­fut­se-Gia Yü, S. 208)]

Der Kon­fu­zia­nis­mus ist also eine durch­aus kri­ti­sche Ober­schich­ten­ethik. Die grund­le­gen­den Ele­men­te der geschich­te­ten, stra­ti­fi­zier­ten Gesell­schaft, auch der patri­ar­cha­len Ord­nung wer­den nicht infra­ge gestellt. Vor dem Hin­ter­grund der stu­dier­ten klas­si­schen Tex­te kann man aber die kon­kre­te Aus­for­mung der Ord­nung infra­ge stel­len, dies geschieht durch Appell an eine huma­ne Ober­schich­ten­ethik.

2.2 Men­zi­us

 

Der Kon­fu­zia­nis­mus von Men­zi­us bemüht sich dar­um, die Leh­re des Kon­fu­zi­us zu prä­zi­sie­ren und argu­men­ta­tiv stär­ker abzu­stüt­zen. Das geschieht u. a. durch die Dar­stel­lung von Lehr­ge­sprä­chen und Streit­ge­sprä­chen, in denen auch ande­re Posi­tio­nen deut­li­cher zu Wort kom­men. Ins­be­son­de­re geht Men­zi­us dif­fe­ren­zier­ter mit bestimm­ten The­men um, sodass es z. B. kei­nen Wider­spruch zwi­schen Sitt­lich­keit und einer ange­mes­se­nen Trieb­be­frie­di­gung (Hun­ger, Sexua­li­tät) gibt. Stär­ker als bei Kon­fu­zi­us ist bei Men­zi­us in der Ober­schich­ten­ethik das Volk im Blick. Durch Leib­me­ta­phern usf. ver­sucht Men­zi­us die Idee einer Koope­ra­ti­on von Herr­scher und Volk zu pro­pa­gie­ren. Dadurch wird die Ansicht, dass der Herr­scher human han­deln müs­se, ver­deut­licht. Tut er dies nicht, so kann dies eine nega­ti­ve Rück­wir­kung auf ihn selbst und sei­ne Herr­schaft haben. Dar­in liegt die Mög­lich­keit kon­kre­ter Kri­tik an Herr­schern, die Men­zi­us auch aus­üb­te. Umge­kehrt lehnt er herr­schafts­kri­ti­sche Argu­men­te der­art, dass der Herr­scher selbst sich durch Feld­ar­beit ernäh­ren sol­le, ab. Dies tut er ins-beson­de­re auf­grund öko­no­mi­scher Ratio­na­li­täts­grün­de und der Beach­tung des Prin­zips, dass eine arbeits­tei­li­ge Gesell­schaft ins­ge­samt leis­tungs­fä­hi­ger sei. Die Grund­an­schau­ung, die fak­tisch hin­ter der kon­fu­zia­ni­schen Welt­an­schau­ung steckt, kommt in Men­zi­us’ The­se, dass es eine Ver­an­la­gung zum Guten gebe, beson­ders deut­lich zum Aus­druck. Es han­delt sich um einen kei­men­den Trieb, den man nicht behin­dern oder beschnei­den darf. Neben die­ser Ana­lo­gie kennt Men­zi­us noch wei­te­re Ana­lo­gi­en als Argu­ment, er betont, mit Ver­nunft, Gerech­tig­keit und Sitt­lich­keit ver­hal­te es sich so wie mit dem Sinn für Musik, Geschmacksinn und Seh­sinn, alles kön­ne voll­kom­men ent­wi­ckelt wer­den. Inso­fern gibt es eine grund­le­gen­de Ver­ant­wort­lich­keit der Men­schen für die Ent­wick­lung der Sitt­lich­keit. Zwar schei­nen neue­re wis­sen­schaft­li­che Ein­sich­ten die­se The­se aus­zu­schlie­ßen, doch bei Licht bese­hen, besa­gen die­se Ansich­ten nur, dass es bestimm­te Schä­di­gun­gen des Men­schen gibt. Wenn die­se nicht ein­ge­tre­ten wären, hät­te sich der jewei­li­ge Mensch anders ent­wi­ckelt. Inso­fern steht die­se The­se des Men­zi­us immer noch genau­so auf dem Prüf­stand wie die pla­to­ni­sche, dass das Böse nur ein Man­gel des Guten sei …

2.3 Neo­kon­fu­zia­nis­mus

 

Dabei geht es um die anspruchs­vol­le neo­kon­fu­zia­ni­sche Posi­ti­on von Zhu Xi, wel­che die kon­fu­zia­ni­sche Grund­po­si­ti­on durch die Inte­gra­ti­on meta­phy­si­scher Kon­zep­te zu sta­bi­li­sie­ren und zu begrün­den ver­sucht. Dadurch wer­den die Grund­kon­zep­te von Kon­fu­zi­us und Men­zi­us deut­li­cher, die neo­kon­fu­zia­ni­sche Posi­ti­on bil­det in der Nor­mal­wahr­neh­mung übli­cher­wei­se den gewöhn­li­chen Kon­fu­zia­nis­mus­typ in Asi­en. Die klas­si­sche kon­fu­zia­ni­sche Posi­ti­on von Kon­fu­zi­us und ins­be­son­de­re Men­zi­us wird mit schon in den klas­si­schen Schrif­ten (Jing) ange­deu­te­ten Prin­zi­pi­en bzw. Kate­go­ri­en kos­mo­lo­gisch-meta­phy­sisch inter­pre­tiert. Dadurch wer­den Kon­zep­te wie das des Men­zi­us, der Mensch sei von Natur aus gut, genau­er inter­pre­tiert. Jedes Ele­ment der raum­zeit­li­chen Wirk­lich­keit besteht aus

  • Li und
  •  Qi,

 

wobei Li noch all­ge­mei­ner als Tai­ji im Sin­ne des höchs­ten Geset­zes auf­ge­fasst wer­den kann. Das Li steht für den Sta­bi­li­täts- und Ord­nungs­as­pekt in der Wirk­lich­keit, das Qi bezeich­net den dyna­misch-ver­än­der­li­chen Aspekt. Sehr all­ge­mein betrach­tet wird hier ein­fach eine unüber­seh­ba­re Denk­re­gel ernst genom­men:

Wenn alles ver­än­der­lich ist, ist jeden­falls dies nicht ver­än­der­lich, dass alles ver­än­der­lich ist.

 

In der Tat ist nun die neo­kon­fu­zia­ni­sche Sicht die­ser Regel so, dass die prin­zi­pi­el­le Herr­schafts­ord­nung unver­än­der­lich ist, doch soll der Tüch­tigs­te Herr­scher sein. Herr­scher kann er nur blei­ben, wenn er dem Volk dient usf., d. h. es geht um eine huma­ne Ober­schich­ten­ethik, die nicht zuletzt durch die Beam­ten ver­mit­telt wird.

Qi ist die auch durch die Tra­di­tio­nel­le Chi­ne­si­sche Medi­zin ver­mit­tel­te „Lebens­kraft“, vor allem aber in einem all­ge­mei­nen Sinn der dyna­mi­sche, durch Yin und Yang-Oszil­la­tio­nen aus­ge­zeich­ne­te Wirk­lich­keits­as­pekt – was nur etwas über die genaue­re Bestim­mung des Begriffs „Lebens­kraft“ besagt, der im 19. Und 20. Jahr­hun­dert ja auch in Homöo­pa­thie und Osteo­pa­thie mit einem Schwin­gungs­kon­zept zu expli­zie­ren ver­sucht wur­de. Die­ses Qi bzw. jener oszil­lie­ren­de Wirk­lich­keits­as­pekt erklärt Zhu Xi zufol­ge die Dif­fe­ren­ziert­heit in der Gesell­schaft, die frei­lich durch Bil­dung, Selbst­ent­fal­tung und Selbst­tran­szen­denz aktiv beein­flusst sein kann. Das ist noch kein Ansatz zu Demo­kra­tie usf., frei­lich ein Weg hin zu einer ten­den­zi­el­len Durch­läs­sig­keit der Schich­ten. Dies muss auch so sein, weil Yin und Yang nie völ­lig scharf und kon­tra­dik­to­risch von­ein­an­der abge­grenzt sind. Es gilt also nicht: Yin ⇒ nicht Yang – und umge­kehrt, son­dern Yin und Yang gehen stets inein­an­der über bzw. bestim­men in über­wie­gen­dem Ver­hält­nis bestimm­te sozia­le und natür­li­che Sach­ver­hal­te.

 

[1] So die lati­ni­sier­te Schreib­wei­se.

[2] Alter­na­ti­ve Schreib­wei­se: Dao.

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Info:
Chi­ne­si­sche Phi­lo­so­phie I (Hin­füh­rung, Kon­fu­zia­nis­mus [Bad Rap­penau]) ist Beitrag Nr. 5489
Autor:
Martin Pöttner am 24. September 2016 um 12:24
Category:
Was ist Philosophie?
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