Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


§ 11 Die Bergpredigt (Mt 5-7)

Inhalt

  1. Hin­füh­rung.
  2. Typen der Berg­pre­digt­aus­le­gung.
  3. Die Berg­pre­digt als Weis­heits­leh­re in Reden­form..
  4. Die sitt­li­chen Radi­ka­lis­men der Berg­pre­digt
  5. Das reli­giö­se Zen­trum der Berg­pre­digt
  6. Der dua­lis­tisch gebro­che­ne Lohn­ge­dan­ke.
  7. Rück­fra­gen und Erwi­de­run­gen

 

 

1.    Hinführung

Die „Berg­pre­digt“ in Mt 5-7 gehört sicher zu den ein­drucks­volls­ten Tex­ten. Sie besitzt in Lk 6 eine Par­al­le­le, die soge­nann­te „Feld­re­de“ – weil Jesus hier nicht mit sei­nen Schü­lern auf „dem“ Berg steht und zur Volks­men­ge spricht, son­dern auf ebe­ner Erde.

Die „Berg­pre­digt“ ist ein recht kur­zer Text. Er kann in ca. fünf Minu­ten gespro­chen wer­den. Der Text ist auch als Rede kon­zi­piert. Auf­merk­sam­keit haben in der Geschich­te frei­lich die sitt­li­chen Kon­zep­tio­nen der „Berg­pre­digt“ erregt. Es geht um eine radi­ka­le Sitt­lich­keit, die staats­fern kon­zi­piert ist. Vor allem aber geht es um ernst­haf­te indi­vi­du­el­le Fröm­mig­keit. Es geht immer dar­um, was ich tue, nicht unbe­dingt, was die Gemein­schaft tut.

Sprach­lich kommt das oft durch extra­va­gan­te For­mu­lie­run­gen zum Aus­druck, die gewöhn­li­che Regeln des Spre­chens irri­tie­ren.

 

Ich möch­te mit der Besei­ti­gung eines Miss­ver­ständ­nis­ses begin­nen, das die Inter­pre­ta­ti­on der Berg­pre­digt sehr erschwert, viel­leicht ist Lui­se Schott­roffs Über­set­zung in der Bibel in gerech­ter Spra­che[1] ein ers­ter klei­ner Schritt dahin, dies zu tun. Vor allem 5,17-20 wer­den regel­mä­ßig kaum ver­stan­den. Unter­stellt wird, dass „Gesetz und die Pro­phe­ten“ hier als unver­än­der­li­cher Text inter­pre­tiert wür­den, was aber wegen 5,21ff gar nicht sein kann, denn der mat­t­häi­sche Jesus setzt sich zumin­dest gele­gent­lich davon ab. Dann ist die Fra­ge, was soll es bedeu­ten, dass kein Jota, kein klei­ner Buch­sta­be o. Ä. ver­än­dert wer­den sol­len. Zunächst han­delt es sich um eine Über­trei­bung, wel­che die gro­ße Bedeu­tung der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen für das Chris­ten­tum her­vor­hebt. Das impli­ziert, dass die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen als „Geset­ze der Väter“ inter­pre­tiert und von den Römern auch so als Aspekt des Chris­ten­tums aner­kannt wer­den (vgl. hier).

Das nimmt zunächst vie­len Kri­ti­ken auf­klä­re­ri­scher Art die Spit­ze. Sie miss­ver­ste­hen Tex­te wie die Berg­pre­digt als Aus­druck eines reichs­re­li­giö­sen Anspruchs, wie er sowohl im ursprüng­li­chen Islam als auch im west- und ost­rö­mi­schen Chris­ten­tum sowie im Pro­tes­tan­tis­mus des Deut­schen Kai­ser­reichs auf­ge­tre­ten ist. Aber die Kon­zep­ti­on der Aus­le­gung der „Geset­ze der Väter“ ist hin­rei­chend staats- bzw. reichs­fern aus­ge­legt.

Wei­ter­hin sind vie­le ethi­sche Regeln der Berg­pre­digt in Tex­ten der „Ver­ein­ten Natio­nen“ seit 1948ff im Men­schen­rechts­kon­text uni­ver­sa­li­siert. Pole­mik wie „Ethik vs. Recht“, wie sie die recht kon­ser­va­ti­ve Pro­tes­tan­tin Frau­ke Petry auf der ers­ten Bun­des­pres­se­kon­fe­renz der AfD geäu­ßert hat, gehen daher an der Sache des in der Bun­des­re­pu­blik gel­ten­den Rechts vor­bei.

Schließ­lich zeigt das tat­säch­li­che Vor­ge­hen des mat­t­häi­schen Jesus, dass die Berg­pre­digt einen aus­ge­zeich­ne­ten Fall der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung dar­stellt, wes­halb der Über­set­zungs­vor­schlag Schott­roffs für … ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν ([ego lego de hymin] 5,22 u. ö.) – „Ich lege euch das heu­te so aus“, ernst­haft in Erwä­gung zu zie­hen ist.

Dem Design der Vor­le­sung (vgl. ins­be­son­de­re Vor­le­sung I und III) fol­ge ich dar­in, dass ich den Text als ethi­schen Text inter­pre­tie­re, der Güter bestimmt, Ver­nunft­po­ten­zia­le als Tugen­den vor­schlägt, wel­che die­se Güter ange­sichts der Lei­den­schaf­ten Zorn, Gier und Hass zustan­de brin­gen kön­nen wie die Gerech­tig­keit und die Lie­be, und auch Pflich­ten zu for­mu­lie­ren sucht – wobei ich mir dabei noch unsi­cher bin.

2.   Typen der Bergpredigtauslegung

Wer sich mit der „Berg­pre­digt“ befasst, tritt auf ver­min­tes Gebiet. Das eige­ne Leben kann explo­die­ren, wenn es sich in gewöhn­li­chen, ange­pass­ten, auch christ­lich-bür­ger­li­chen Struk­tu­ren voll­zieht. Aber das ist nicht alles. Das wäre für den Ent­wurf der „Berg­pre­digt“ viel zu schwach das Hei­li­ge nicht den Hun­den und werft eure Per­len nicht vor die Schwei­ne, damit sie die­se nicht etwa mit ihren Füßen zer­tre­ten und sich umdre­hen und euch zer­rei­ßen.

(Mt 7,6)

Die groß­ar­ti­ge Sitt­lich­keit der „Berg­pre­digt“ kann aber auch, wie das Mot­to sagt, dazu füh­ren, dass man die­se hei­li­ge Lebens­form hoch­mü­tig aus­übt – und dann zer­ris­sen wird.

Die „Berg­pre­digt“ ist pazi­fis­tisch (Fein­des­lie­be), staats­fern (Schwur­ver­bot, Ver­bot ande­re zu rich­ten), anti­au­to­ri­tär im Kon­text des Mtev (nur einer ist euer Leh­rer, Vater usf. [Mt 23,8-10]) und an kri­ti­scher Selbst­wahr­neh­mung ori­en­tiert:
Nicht den Split­ter im Auge des ande­ren suchen, da man doch selbst einen Bal­ken im Auge habe …
Dazu tritt ein radi­ka­les Schöp­fungs­ver­trau­en: Der Vater in den Him­meln sorgt für euch, mit­hin sorgt ihr selbst nicht dar­um, was ihr an Essen und Klei­dung bedürft! Strebt viel­mehr nach der Gerech­tig­keit des kom­men­den Rei­ches, dann wird euch das alles zufal­len … Ent­spre­chend tritt eine schar­fe Reich­tums­kri­tik auf. Das alles sind im Kern unbe­streit­ba­re Tat­sa­chen, gleich­wohl gibt es eine Rei­he von Christ/inn/en, die das ger­ne anders hät­ten bzw. sou­ve­rän igno­rie­ren, weil die eige­ne Lebens­füh­rung dadurch mehr oder weni­ger unbe­rech­tigt infra­ge gestellt wird.

Die „Berg­pre­digt“ steht schon in ihrer Ursprungs­zeit etwa 50-90 d. Z. quer zu domi­nan­ten gesell­schaft­li­chen Ver­hal­tens­ge­wohn­hei­ten. Gleich­wohl wur­de sie wie das ähn­lich abwei­chen­de Mkev in die Prä­ka­no­ni­sche Edi­ti­on von LXX und NT auf­ge­nom­men, die im letz­ten Drit­tel des 2. Jahr­hun­derts d. Z. erschie­nen ist und spä­ter im reichs­rö­mi­schen Kon­text als Kanon bezeich­net wur­de – also gewis­ser­ma­ßen zu einem reich­s­of­fi­zi­el­len Text mutier­te.
Die auf der Hand lie­gen­den Kon­flik­te sind bis in die jüngs­te Zeit nicht abge­ris­sen: Man kann mit der „Berg­pre­digt“ kein Wirt­schafts­un­ter­neh­men lei­ten und selbst­ver­ständ­lich kei­nen Staat machen. Im deut­schen Neu­kan­tia­nis­mus wur­de ins­be­son­de­re von Max Weber für ethi­sche Vor­stel­lun­gen die­ser Art der Begriff „Gesin­nungs­ethik“ geprägt. Damit ist gemeint, dass man über­zeu­gungs­stark For­de­run­gen auf­stellt, ohne die nega­ti­ven Fol­gen für die Gesamt­heit einer Gesell­schaft zu beden­ken. Wer gegen Krieg und für Fein­des­lie­be ist, scheint sich selbst und ande­re der Aggres­si­vi­tät wehr­los aus­zu­lie­fern.

Doch der Fas­zi­na­ti­on des Tex­tes hat man sich in der Chris­ten­tums­ge­schich­te in der Regel nicht ent­zo­gen, son­dern ver­sucht, die Radi­ka­li­tät zu erhal­ten – und den­noch für das gewöhn­li­che Leben ande­re „Not­wen­dig­kei­ten“ zu befol­gen.

Die bei­den Haupt­ty­pen die­ses dia­lek­ti­schen Umgangs mit der „Berg­pre­digt“ sind der römisch-katho­li­sche/or­tho­do­xe und der pro­tes­tan­ti­sche Typ. Bei­de wer­den zwar in der Regel ins­be­son­de­re von Protestant/inn/en für stark unter­schied­lich gehal­ten, was aber kaum der Fall sein dürf­te:

Die radi­ka­len For­de­run­gen der „Berg­pre­digt“ gel­ten nach dem römisch-katho­li­schen Typus ins­be­son­de­re für Mön­che und Non­nen als Pflich­ten, für ande­re sind sie eher Rat­schlä­ge.[2] Es han­delt sich um eine klas­si­sche Zwei-Stu­fen-Ethik. Die Mön­che und Non­nen erfül­len zuguns­ten der übri­gen Men­schen die „Berg­pre­digt“, wäh­rend die Mehr­heit den übli­chen Geschäf­ten mit ent­spre­chen­den Kom­pro­mis­sen nach­geht. So muss man den sitt­li­chen Ansprü­chen der „Berg­pre­digt“ nicht wider­spre­chen, erklärt sie aber mehr oder weni­ger ele­gant für nicht all­tags­taug­lich.

Mar­tin Luther hat die­se Hal­tung als ver­lo­gen und nicht schrift­ge­mäß kri­ti­siert. Bei Licht bese­hen, ist sein pro­tes­tan­ti­scher Aus­le­gungs­ty­pus frei­lich bloß eine Vari­an­te der römi­schen Zwei-Stu­fen-Ethik. Wäh­rend die römi­sche Posi­ti­on bestimm­ten Stän­den der mit­tel­al­ter­li­chen Gesell­schaft (den Mön­chen und Non­nen, viel­leicht auch sons­ti­gen Kle­ri­ka­len) die „Bergpredigt“-Erfüllung zuschrieb und ande­ren eben nicht, ist es nach Luther so, dass man für sich selbst nach der „Berg­pre­digt“ ver­fah­ren soll, beim Han­deln für ande­re muss wegen der Macht des Bösen aber doch das „Schwert“ u. a. m. wir­ken. Dies besagt: Die „Berg­pre­digt“ hat zwar Recht, aber sie ist in sozia­len Zusam­men­hän­gen auf­grund der Wirk­sam­keit des Bösen nicht anwend­bar.

Gegen die­se bei­den Aus­le­gungs­ty­pen erhebt sich der Pro­test des drit­ten Typus, des lebens­form­ori­en­tier­ten Typus. Er reicht von mit­tel­al­ter­li­chen Bei­spie­len in der Armuts­fröm­mig­keit über pro­tes­tan­ti­sche Min­der­heits­be­we­gun­gen wie die Quä­ker in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten bis hin zu Diet­rich Bon­hoef­fer – und indi­rekt auch zu Mahat­ma Gan­dhi. Sie ver­ste­hen die „Berg­pre­digt“ als Aus­druck einer ange­mes­se­nen sitt­li­chen Lebens­form, die selbst­ver­ständ­lich Lei­dens­be­reit­schaft ein­schließt. Dazu gehört auch die Bereit­schaft, Nach­tei­le für sich selbst in Kauf zu neh­men, sich z. B. nicht auf Kos­ten ande­rer wirt­schaft­lich zu ver­wirk­li­chen usf. So gab es in der Bun­des­re­pu­blik ins­be­son­de­re die Frie­dens- und Öko­lo­gie­be­we­gun­gen, die sich teil­wei­se auf die „Berg­pre­digt“ berie­fen. Eben­so war das bei Oppo­si­tio­nel­len in der evan­ge­li­schen Kir­che der DDR der Fall.

Der vier­te Typ ist der Topoi-ori­en­tier­te Typus. Ein­zel­ne Topoi oder The­men der „Berg­pre­digt“ tau­chen zustim­mend, miss­ver­ste­hend oder ableh­nend in ande­ren Kon­tex­ten auf, in phi­lo­so­phi­schen, poli­ti­schen Debat­ten, lite­ra­ri­schen oder ande­ren künst­le­ri­schen Wer­ken, auch in all­täg­li­chen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. Dabei geht es nur um ein­zel­nes, kaum aber um den gesam­ten Ansatz der „Berg­pre­digt“.

In der Regel gehö­ren Bezug­nah­men auf oder Inter­pre­ta­tio­nen der „Berg­pre­digt“ zu einem die­ser Mus­ter. Klar ist dabei immer, dass die „Berg­pre­digt“ in gewis­ser Wei­se wohl den Kern des Chris­ten­tums trifft, aber je nach Ein­schät­zung aber auch im All­tag nicht taug­lich sein kann. Die „Berg­pre­digt“ ist da frei­lich ande­rer Mei­nung über sich:

Jede/r, der mei­ne geäu­ßer­ten Wor­te hört und sie tut, ist einem wei­sen Mann/einer wei­sen Frau zu ver­glei­chen, die/der bzw. sein/ihr Haus auf den Fel­sen bau­te (Mt 7,24).

Anders bei „ der törich­ten Frau“, die ihr Haus auf Sand bau­te, hält die ethi­sche Lebens­form der „Berg­pre­digt“ schwe­rem Sturm und Regen­güs­sen stand.

3.   Die Bergpredigt als Weisheitslehre in Redenform

Und es geschah, als Jesus die­se Reden been­det hat­te, da erstaun­te die Volks­men­ge über sei­ne Leh­re. Denn er lehr­te sie wie einer, der Kom­pe­tenz besitzt und nicht wie ihre Schrift­ge­lehr­ten (Mt 7,28f).

Zuvor war klar gewor­den, wie die „Berg­pre­digt“ die­se Leh­re selbst ein­schätzt. Wer auf sie baut, baut sein Haus auf den Fel­sen. In den Kata­stro­phen der Wirk­lich­keit bleibt das Haus ste­hen, trotzt Sturm und schwe­rem Regen. Mit­hin ist der­je­ni­ge, der die Sitt­lich­keit und Reli­gio­si­tät der „Berg­pre­digt“ als Lebens­form wählt „wei­se“. Die „Berg­pre­digt“ stellt also ihrer Selbst­aus­sa­ge zufol­ge eine Weis­heits­leh­re dar. Sie lehrt, wie eine wei­se Lebens­füh­rung aus­se­hen kann. Wählt man die­se Lebens­form nicht, kann man den Stür­men der Wirk­lich­keit nicht trot­zen und geht unter.

Dies wird in einer durch die anti­ke Rhe­to­rik gepräg­ten Rede­form dar­ge­stellt:

Die Glie­de­rung umfasst grob drei Tei­le einer Rede:

(0)            Nar­ra­ti­ver Rah­men (5,1f; 7,28f)


Die Weis­heits­leh­re in Reden­form hat einen recht brei­ten Radi­us. Sie umfasst die Güter ‚Staat/Wirtschaft“ (all­ge­mei­nes Orga­ni­sie­ren) durch die The­ma­ti­sie­rung von Gewalt und Gewalt­lo­sig­keit, von Reich­tum und Armut. Das Gut der Inti­mi­täts­be­zie­hun­gen unter­stellt einen ernst­haf­ten Umgang mit der Ehe. Das indi­vi­du­el­le Bezeich­nen und das Gut der Reli­gi­on the­ma­ti­siert ernst­haf­te Reli­gio­si­tät und nur schein­ba­rer Fröm­mig­keit. Alles dies geschieht vor dem Hin­ter­grund des Modells der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung. Das all­ge­mei­ne Bezeich­nen zeigt sich in der The­ma­ti­sie­rung der Weis­heit und der Wahl der Metho­de der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung („Phi­lo­so­phie“)

Ins­be­son­de­re in 5,21ff wird das­je­ni­ge, was zu den „Alten“ gesagt wur­de, mit dem „… ἐγὼ δὲ λέγω ὑμῖν“ des Berg­pre­di­gers kon­fron­tiert:

43 Ihr habt gehört, dass Gott gesagt hat: Lie­be dei­ne Nächs­te und dei­nen Nächs­ten und has­se die Fein­de. 44 Ich lege das heu­te so aus: Begeg­net denen, die euch Feind­schaft ent­ge­gen­brin­gen, mit Lie­be und betet für die­je­ni­gen, die euch ver­fol­gen. 45So wer­det ihr *Töch­ter und Söh­ne *Got­tes, eures Vaters und eurer Mut­ter im Him­mel, die ihre Son­ne über Böse und Gute auf­ge­hen lässt und es über Gerech­te und Unge­rech­te reg­nen lässt. (5,43-45).

Man darf die­sen Text nicht unter­schät­zen. Für die ethi­sche Bestim­mung der bes­se­ren Gerech­tig­keit sind daher die Lei­den­schaf­ten basal, z. B. Zorn, Gier und Hass. bricht auf die­se Wei­se ein­deu­tig mit den anti­ken Stam­mes­sitt­lich­kei­ten und Reichs­sitt­lich­kei­ten, von denen auch die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen durch­zo­gen sind: Nächs­ten­lie­be ja, aber die Tötung des Fein­des.

 

Wie ver­trägt sich das mit der Aus­kunft:

Meint nicht, dass ich gekom­men bin, das Gesetz und die Pro­phe­ten auf­zu­lö­sen. Ich bin nicht gekom­men, auf­zu­lö­sen, son­dern zu erfül­len. Denn wahr­haf­tig, ich sage euch: Bis der Him­mel und die Erde ver­ge­hen, wird nicht ein ein­zi­ges Jota oder Strich­lein vom Gesetz ver­ge­hen, bis alles gesche­hen ist (5,17f).

Es geht also nicht um Eman­zi­pa­ti­on vom Gesetz der Juden, son­dern um sei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on. Auch Mt wen­det also das Modell der Aus­le­gung der „Geset­ze der Väter“ an und dar­auf ist sei­ne „Berg­pre­digt“ auf­ge­baut. Die ist die neue und gül­ti­ge Inter­pre­ta­ti­on der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen als Gesetz und Pro­phe­ten. Das ist kein „Anti­ju­da­is­mus“ . Es ist die inner­halb des Juden­tums mög­li­che Opti­on, die Hei­li­gen Schrif­ten dyna­misch und krea­tiv fort­zu­schrei­ben und damit der gegen­wär­ti­gen Got­tes­er­fah­rung anzu­pas­sen.

Damit wird aus der Kon­zep­ti­on des einen Got­tes, wel­cher der ein­zi­ge Gott ist, eine kla­re Kon­se­quenz gezo­gen. Die­ser eine Gott ist auch der Gott sei­ner Fein­de. Folg­lich müs­sen die­je­ni­gen, wel­che die­sen Gott ernst­haft ver­eh­ren, auch ihre Fein­de lie­ben. So sieht die geklär­te Got­tes­er­fah­rung der Gegen­wart aus.

Auch die Kri­tik an Tex­ten der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden fällt nicht aus dem Juden­tum her­aus, solan­ge man die­se Reli­gi­on als dyna­mi­sche Schrift­re­li­gi­on ver­steht (vgl. Vor­le­sung II). Inso­fern ist es voll­kom­men kon­se­quent, dass Mt behaup­tet:

Alles nun, was ihr wollt, dass es euch die Men­schen tun, das sollt auch ihr ihnen tun. Denn dar­in besteht das Gesetz und die Pro­phe­ten (7,12).

Wie auch Hil­lel d. Ä. fasst Mt (und viel­leicht schon Jesus) daher die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen durch die „Gol­de­ne Regel“ zusam­men. Das eben ist der Sinn aller die­ser Tex­te, jeden­falls dyna­misch-krea­tiv aus dem Licht der gegen­wär­ti­gen Got­tes­er­fah­rung gese­hen.

Was soll die „Gol­de­ne Regel“ besa­gen:

Alles nun, was ihr wollt, dass es euch die Men­schen tun, das sollt auch ihr ihnen tun. Denn dar­in besteht das Gesetz und die Pro­phe­ten (7,12)?

Zunächst ist fest­zu­hal­ten, dass es sich um eine Aus­le­gung der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden han­delt. Ihr Sinn wird bestimmt und des­halb soll man der­art han­deln. Was hat es dann mit dem Gesetz auf sich? Ich soll mich selbst beob­ach­ten. Was sind mei­ne Wün­sche und Erwar­tun­gen? Möch­te ich als der indi­vi­du­el­le Mensch, der ich bin, akzep­tiert und aner­kannt wer­den? Dazu muss ich mich aber auch in die ande­ren Men­schen ver­set­zen: Ich soll ja genau das­je­ni­ge tun, was ich von ande­ren Men­schen erwar­te, dass sie gegen­über mir in bestimm­ter Wei­se han­deln. Wenn ich die ande­ren Men­schen gar nicht in ihrer Eigen­art wahr­neh­me, kann ich auch kei­ne rea­lis­ti­schen Erwar­tun­gen aus­bil­den. Mit­hin geht es dar­um, dass ich die ande­ren Men­schen als die mir frem­den Men­schen, die sie nun ein­mal sind, in mei­ne Erwar­tun­gen und Hand­lungs­op­tio­nen ein­be­zie­he. Ent­spre­chend muss ich mich auch offen mit ihnen beschäf­ti­gen und aus­ein­an­der­set­zen.

 

Man hat die Ten­denz die­ser Posi­ti­on tref­fend so bestimmt:

[Mt unter­stellt], „dass das Gesetz nicht mich vor der Unge­rech­tig­keit der ande­ren schützt, son­dern die ande­ren vor der Unge­rech­tig­keit, derer ich fähig bin“ (D. Lühr­mann, Ethik in der Bibel und im frü­hen Chris­ten­tum, 106).

Es geht also um Wahr­neh­mung der frem­den Inter­es­sen und um selbst­kri­ti­sche Wahr­neh­mung. Nicht die ande­ren tun auf jeden Fall mir Böses. Son­dern ich selbst bin das Pro­blem. Dabei wird in der „Berg­pre­digt“ der Ande­re vor mir geschützt, sodass so etwas wie die Kon­zep­ti­on einer „Ver­letz­lich­keit des Lebens“ ent­steht (Hans Weder). Ihrer muss ich inne wer­den – und mich selbst als Ver­let­zen­den wahr­neh­men.

4.   Zwei sittliche Radikalismen

Unter die sitt­li­chen Radi­ka­lis­men, die in der Chris­ten­tums­ge­schich­te sel­ten bzw. immer nur von klei­nen Min­der­hei­ten befolgt wor­den sind, fal­len u. a.

  • das Schwur­ver­bot
  • die pazi­fis­ti­sche Grund­hal­tung
  •  die Ableh­nung der Reich­tums­welt und damit ver­bun­den
  •  das Zins­ver­bot

Selig [Glück­lich] sind die­je­ni­gen, die Frie­den schaf­fen, denn sie wer­den Söh­ne und Töch­ter Got­tes hei­ßen (5,9).

Selig [Glück­lich] sind die Sanft­mü­ti­gen, denn „sie wer­den das Land besit­zen“ (5,5)

Ihr habt gehört, dass gesagt ist: „Auge um Auge und Zahn um Zahn“.
Ich lege euch das so aus, dass ihr dem Bösen nicht wider­ste­hen sollt. Son­dern wer dich auf die rech­te Backe schlägt, dem hal­te auch die ande­re hin (5,38f).

Ihr habt gehört, das gesagt ist: „Du sollst dei­nen Nächs­ten lie­ben“ und dei­nen Feind has­sen. Ich lege euch das so aus: Liebt eure Fein­de und bit­tet für die­je­ni­gen, die euch ver­fol­gen! – damit ihr Söh­ne und Töch­ter eures Vaters in den Him­meln seid. Denn er lässt sei­ne Son­ne auf­ge­hen über Böse und Gute und lässt reg­nen über Gerech­te und Unge­rech­te (5,43-45).

Es ist völ­lig klar, dass die­je­ni­gen das Reich der Him­mel erben, die Frie­den schaf­fen, wäh­rend das für die­je­ni­gen, die Krieg füh­ren, schwer­lich gilt. Man kann Krieg füh­ren, Län­der erobern, aber eben das „Reich“ des „gro­ßen Königs“ nicht. Daher sind Sanft­mut und Frie­den schaf­fen ange­sagt. Sanft­mut im Umgang mit ande­ren und akti­ves Ein­set­zen für Frie­dens­lö­sun­gen – anstel­le von Krieg­füh­rung.

Die­se Hal­tung gilt auch inner­ge­sell­schaft­lich. Die rab­bi­ni­sche Aus­le­gung von

Auge um Auge und Zahn um Zahn“ (Ex 21,23-25)

inter­pre­tiert den Text als Prin­zip der sozia­len Ver­trags­ge­rech­tig­keit. Kein Über­maß an Ver­gel­tung, allen glei­che und genau abge­mes­se­ne Antei­le, also nicht „Zahn um Ohr“.

Die „Berg­pre­digt“ aber negiert die­se Art der Ver­trags­ge­rech­tig­keit: „Ihr sollt dem Bösen nicht wider­ste­hen!“

Auch eine völ­lig pas­si­ve Hin­nah­me von Unge­rech­tig­keit soll nicht statt­fin­den: „ Dem­je­ni­gen, der dich auf die rech­te Backe schlägt, dem hal­te auch die ande­re hin!“. Das Unrecht wird bezeich­net, ihm wird aber gewalt­los begeg­net. Das gilt auch, wenn ein Römer einen „nötigt, eine Mei­le [mit einer Traglast] zu gehen. Dann gehe mit ihm zwei!“

Es geht also bei der Nega­ti­on des Wider­stan­des gegen das Böse nicht um eine unter­tä­ni­ge und zustim­men­de Hin­nah­me des­sen. Aber man ver­sucht, den Kreis­lauf der Gewalt und des Unrech­tes zu unter­bin­den – und beim Unrecht Tuen­den einen Refle­xi­ons­pro­zess aus­zu­lö­sen.

Auf die­se Wei­se folgt die „Berg­pre­digt“ dem pla­to­ni­schen Mot­to:

… dass man näm­lich nicht das Leben am höchs­ten ach­ten muss, son­dern das gut(e) Leben“ (Pla­ton, Kri­ton, 48b)

Das ist völ­lig ernst zu neh­men. Pla­ton beschreibt hier die Hal­tung des Sokra­tes nach sei­nem unge­recht­fer­tig­ten Todes­ur­teil. Er könn­te flie­hen, will dies aber nicht, weil er dann die Geset­ze Athens brä­che.

Inso­fern steht die Kon­zep­ti­on eines „guten Lebens“ höher als das Prin­zip der Selbst­er­hal­tung des Lebens.

Die­sen unge­wöhn­lich hohen sitt­li­chen Anspruch erhebt auch die „Berg­pre­digt“. Ihre For­de­run­gen zu erfül­len, wird oft bedeu­ten, Nach­tei­le für sich selbst in Kauf zu neh­men – im Extrem­fall bis zum eige­nen Tod.

Die Begrün­dung die­ser Hal­tung wird im tugend­haf­ten Han­deln Got­tes gese­hen. Er liebt auch die­je­ni­gen, die ihn nicht ver­eh­ren und ableh­nen. Und wer Sohn oder Toch­ter die­ses Got­tes sein will, soll auch sei­ne Fein­de lie­ben.

Man darf die­se Hal­tung nicht mit arg­lo­ser, wohl­mei­nen­der Nai­vi­tät ver­wech­seln. Es geht um die Wahr­neh­mung des ande­ren Men­schen als Fein­des, nicht schon um sei­ne Inter­pre­ta­ti­on als „eigent­li­chen Freund“, der sich bedau­er­li­cher­wei­se gera­de falsch ver­hält. In der Welt der „Berg­pre­digt“ gibt es Fein­de. Und gera­de sie stel­len als die Frem­des­ten die Bewäh­rungs­pro­be für das sitt­li­che Niveau des Gefor­der­ten dar.

De lebens­form­ori­en­tier­te Aus­le­gungs­typ der „Berg­pre­digt“ betont die grund­le­gend pazi­fis­ti­sche Aus­rich­tung des Tex­tes und die Ver­bind­lich­keit die­ser Ori­en­tie­rung.

Das wird kei­nes­wegs unbe­grün­det gelas­sen. Die Geschich­te zeigt – mit weni­gen Aus­nah­men – dass Gewalt in der Regel nicht zur Ver­bes­se­rung einer Lage bei­trägt. Bes­ten­falls folgt eine Erschöp­fung des Besieg­ten. Die pazi­fis­ti­sche Posi­ti­on weiß dies und spricht daher offen über die Kos­ten-Nut­zen-Rech­nung der Sie­ger.

In die­ser Fra­ge herrscht sehr viel Ver­wir­rung. Dazu gehört teil­wei­se eine Igno­ranz der völ­ker­recht­li­chen Fra­ge, die durch die UNO-Char­ta klar defi­niert ist, Krieg ist dar­in in der Fol­ge von Kants Schrift „Zum ewi­gen Frie­den“ geäch­tet – und wird durch recht­li­che Koope­ra­ti­on ersetzt. Dies kann man durch­aus als Wir­kungs­ge­schich­te der Berg­pre­digt lesen.

 

Sam­melt euch nicht Schät­ze auf Erden, wo Mot­te und Rost sie ver­nich­ten und wo Die­be ein­bre­chen und steh­len!

Nie­mand kann zwei Her­ren die­nen, … Gott oder dem Mam­mon! (6,19.24)

Auch hier ist die Bot­schaft völ­lig klar. Das Schät­ze­s­am­meln wird nega­tiv bewer­tet. Es ist ohne­hin immer vom Ver­fall bedroht. Aber einen „Schatz im Him­mel“ erwirbt man damit nicht. Und dar­auf käme es ja eigent­lich an.

Tat­säch­lich wird die­ser Trieb als pseu­do­re­li­gi­ös betrach­tet. Man macht sich sei­nen eige­nen Gott:

Denn wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein!

Inso­fern wird Geld und Besitz hier durch die Bezeich­nung einer phö­ni­zi­schen Gott­heit geäch­tet.

Was ist so schlimm am Schät­ze­s­am­meln? Sagen doch die Weis­heits­schrif­ten des Alten Tes­ta­ments (mit Aus­nah­me von Hiob und Kohe­let), dass es zur Lebens­er­fül­lung des wei­sen Gerech­ten gehört, dass er gro­ßen Besitz und in die­sem Sin­ne Lebens­glück erreicht:

Ehre den Herrn [durch Gaben] von dei­nen Gütern, …
so fül­len sich dei­ne Scheu­nen mit Über­fluss
und dei­ne Kel­tern lau­fen über von Wein (Prov 3,9f)

Natür­lich soll man von die­sem gerecht erwor­be­nen Über­fluss den sozi­al Bedürf­ti­gen etwas abge­ben.

Die Ten­denz der „Berg­pre­digt“ schlägt aber einen ande­ren Ton an:

Selig [Glück­lich] sind die Armen im Geis­te (sc. Got­tes). Denn ihnen gehört das Reich der Him­mel (5,3).

Unter­stellt ist hier, dass die sozia­le Bedürf­tig­keit auch eine grö­ße­re Offen­heit für die gött­li­che Wirk­lich­keit impli­ziert.

Daher gibt es hier eine ein­deu­ti­ge Opti­on für die Armen.

War­um ist dies der Fall? Für die anti­ke Welt war Reich­tum und Armut in der Regel an Land­be­sitz gebun­den. Zu der in Rede ste­hen­den Zeit war das Land äußerst ungleich ver­teilt. Auf eine Ver­än­de­rung die­ser Ver­hält­nis­se bestand kei­ne rea­lis­ti­sche Hoff­nung.

Das spie­gelt sich in der Hal­tung der „Berg­pre­digt“. Das Schät­ze­s­am­meln wird ent­spre­chend geäch­tet, weil damit die Ten­denz, dass der Reich­tum sich immer in einer Rich­tung sta­bi­li­siert, kri­ti­siert wer­den kann.

Es geht mit­hin eher nicht um eine blo­ße Wirt­schafts­feind­lich­keit. Wohl aber wer­den sol­che öko­no­mi­schen Ver­hält­nis­se abge­lehnt, wel­che die unglei­che Ver­tei­lung von Reich­tum und Armut sta­bi­li­sie­ren. Und es wird unter­stellt, dass der Reich­tums­trieb qua­si­re­li­gi­ös besetzt sei:

Wo dein Schatz ist, da wird auch dein Herz sein …

 

Die Wirt­schafts­form, die damit ange­zielt ist, ist wie­der­um nicht prin­zi­pi­ell „wirt­schafts­feind­lich“. Son­dern es wird eine rela­tiv ega­li­tä­re und soli­da­ri­sche Wirt­schaft ange­strebt. Die­se kann zwar erfah­rungs­ge­mäß nicht auf „Almo­sen“ ver­zich­ten (6,1ff). Gleich­wohl eröff­net sich so eine Chan­ce, dass alle selbst­stän­dig am wirt­schaft­li­chen Ver­lauf Anteil gewin­nen kön­nen.

5.   Das religiöse Zentrum der Bergpredigt

Mit den letz­ten Erwä­gun­gen zu Reichtum/Armut nähern wir uns dem reli­giö­sen Zen­trum der „Berg­pre­digt“. Auch vom Umfang des Tex­tes her gese­hen, steht das „Unser Vater“ in der Mit­te des Tex­tes:

9 So also betet.

*Du, Gott, bist uns Vater und Mut­ter im Him­mel,

dein Name wer­de *gehei­ligt.

10 Dei­ne *gerech­te Welt kom­me.

Dein Wil­le gesche­he,

wie im Him­mel, so auf der Erde.

11Das Brot, das wir brau­chen,

gib uns heu­te.

12 Erlass uns unse­re Schul­den,

wie auch wir denen ver­ge­ben,

die uns etwas schul­dig sind.

13 Und füh­re uns nicht in Ver­su­chung,

son­dern erlö­se uns aus dem Bösen.

Dar­in liegt die ele­men­ta­re Schlicht­heit und Grö­ße der Reli­gi­on der „Berg­pre­digt“. Ihre sitt­li­chen Radi­ka­lis­men ruhen auf dem Ver­trau­en auf den himm­li­schen Vater auf.

Auf das Kom­men sei­nes Rei­ches wird gehofft und es wird erbe­ten. Dann wird im Him­mel und auf der Erde der Wil­le Got­tes Gül­tig­keit haben, was zur­zeit nicht der Fall ist. Man ist selbst fort­wäh­rend gefähr­det vom Bösen, häuft Schul­den vor Gott an.

Die ele­men­ta­re Sitt­lich­keit und Reli­gio­si­tät der „Berg­pre­digt“ und der Bezug auf die Wirt­schafts­form kommt ins­be­son­de­re durch die Brot­bit­te zum Aus­druck:

Gib uns das Brot, das wir täg­lich benö­ti­gen!

Mehr bedarf es nicht zu einem „guten Leben“. Natür­lich ist „das täg­li­che Brot“ aus­le­gungs­fä­hig, was dies in jeder Gegend genau heißt. Aber es ist klar, dass eine beschei­de­ne Lebens­form gemeint ist. Die­se beschei­de­ne Lebens­form macht einen am ehes­ten so unab­hän­gig, dass man „zuerst das Reich und sei­ne Gerech­tig­keit suchen“ kann (6,33). Dann wird der himm­li­sche Vater schon für Nah­rung und Klei­dung sor­gen.

Dar­in besteht die ein­drucks­vol­le reli­giö­se Poin­te der „Berg­pre­digt“. Ein ele­men­ta­res Leben im Ver­trau­en als Geschöpf des himm­li­schen Vaters führt zu einer sta­bi­len ele­men­ta­re Ver­sor­gung:

Seht auf die Vögel des Him­mels! Sie säen nicht und sie ern­ten nicht und sam­meln nicht in Scheu­nen – und euer himm­li­scher Vater ernährt sie doch! …
Betrach­tet die Lili­en des Fel­des, wie sie wach­sen! Sie arbei­ten nicht und spin­nen nicht. Ich sage euch aber, dass auch Salo­mo in all sei­ner Pracht nicht wie eine von die­sen geklei­det war (6,26.28).

Um wie­viel mehr wird Gott sich dann um sei­ne mensch­li­chen Geschöp­fe sor­gen. Daher gilt:

Sorgt euch nicht um euer Leben, was ihr essen oder was ihr trin­ken sollt, noch um euren Leib, wie ihr ihn klei­den sollt! (6,25)

6.   Der dualistisch gebrochene Lohngedanke

Man hört auch, dass ihr Lohn­ver­ständ­nis unsitt­lich sei, weil man eine sitt­li­che Hand­lung nicht auf­grund eines Lohn­ver­spre­chens tun dür­fe, son­dern weil man sie an sich für gut hal­te.

Die­se Kri­tik ist zwei­fel­los berech­tigt, wenn sie zutrifft. Und sie scheint zuzu­tref­fen:

Passt auf, dass ihr eure Gerech­tig­keit nicht vor den Men­schen aus­übt, um von ihnen gese­hen zu wer­den! Wenn ihr euch doch so ver­hal­tet, habt ihr kei­nen Lohn bei eurem Vater in den Him­meln! (6,1)

Und wenn ihr betet, sollt ihr euch nicht so ver­hal­ten wie die Schau­spie­ler! Denn sie beten gern in den Syn­ago­gen und sie ste­hen an den Ecken der Stra­ßen, um sich von den Leu­ten sehen zu las­sen. Wahr­haf­tig, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon erhal­ten. Du aber geh beim Gebet in dei­ne klei­ne Kam­mer und schließ die Tür zu und bete zu dei­nem Vater im Ver­bor­ge­nen. Und dein Vater, der ins Ver­bor­ge­ne sieht, wird es dir ver­gel­ten (6,5f)

Tex­te die­ser Art las­sen sich noch ver­meh­ren. Sie betref­fen vor allem auch die Begrün­dun­gen in den Selig­prei­sun­gen:

Selig [Glück­lich] sind die Trau­ern­den. Denn sie wer­den getrös­tet wer­den.

Wer sich also im Sin­ne der „Berg­pre­digt“ indi­vi­du­ell ernst­haft ver­hält und sich nicht kon­ven­tio­nell an ihrer Sitt­lich­keit und Reli­gio­si­tät ori­en­tiert, wird Lohn erhal­ten und das Reich erben. Dar­auf scheint ins­ge­samt das Sche­ma der Kri­tik Kants zu pas­sen.

Damit hät­te man mög­li­cher­wei­se attrak­ti­ve For­de­run­gen, aber unsitt­lich begrün­det. War­um muss ich mei­nen Feind lie­ben, um damit das Reich zu erben? Genügt es nicht, schlicht den Feind zu lie­ben, weil das die zutref­fen­de sitt­li­che Posi­ti­on ist?

Mir scheint, die Kri­tik aus die­ser an sich anspruchs­vol­len Rich­tung über­sieht die Eigen­art einer reli­giö­sen Bil­der­welt:

In der Tat bezieht der mat­t­häi­sche Dua­lis­mus die Sitt­lich­keit auf das Jüngs­te Gericht. Aber nie­mand weiß, wie es aus­geht. „Scha­fe“ und „Zick­lein“ wer­den über­rascht sein, wie das Urteil im Gericht aus­sieht – vor allem dann, wenn sie es schon sicher zu ken­nen glau­ben.

Auf die­se kom­ple­xe Wei­se ent­zieht die mat­t­häi­sche dua­lis­ti­sche Bil­der­welt der spä­te­ren auf­klä­re­ri­schen Kri­tik den Boden. Zwar wird die Ernst­haf­tig­keit der Sitt­lich­keit durch das Gerichts­bild gewür­digt. Wir ver­hal­ten uns je als Ein­zel­ne sitt­lich vor dem Forum Got­tes, nicht vor dem Forum der Men­schen, weil man so etwas immer und gewöhn­lich-tra­di­tio­nell tut. Es kommt auf den exis­ten­zi­el­len Antrieb an, das eige­ne Leben ganz zu ändern. Aber man weiß nicht, ob Gott letzt­end­lich zu einem posi­ti­ven Urteil kommt. Damit wird die sitt­li­che Hand­lung als sol­che in den Mit­tel­punkt gestellt. Ich agie­re pazi­fis­tisch und wirt­schaft­lich ega­li­tär, weil mir dies als die ange­mes­se­ne Lebens­form ein­leuch­tet – nicht, weil ich mir davon das ewi­ge Leben sicher ver­spre­chen kann. Die dua­lis­tisch-kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­trier­te Bil­der­welt bewegt sich hier auf einem schma­len Grat. Sie scheint aber nicht abge­stürzt zu sein … Auf die­se Wei­se ver­mei­det sie wohl, „das Hei­li­ge vor die Schwei­ne zu wer­fen“ und wird daher wohl auch nicht von ihnen zer­tre­ten oder zer­ris­sen.

7. Rückfragen und Erwiderungen

Ich hof­fe, das deut­lich gewor­den ist, wie stark die Berg­pre­digt-Aus­le­gung von dem Modell der Aus­le­gung der „Geset­ze der Väter“ abhän­gig ist. Wg. der Tro­eltsch-Dis­kus­si­on wei­se ich dar­auf­hin, dass Tro­eltsch in sei­nen Sozi­al­leh­ren die­ses Modell nicht erkannt hat, das wird stär­ker seit den 1980er Jah­ren beach­tet.

  1. M. E. ver­steht man Luthers Geset­zes­kon­zep­ti­on am bes­ten, wenn man sei­ne Rede vom theo­lo­gi­schen oder poli­ti­schen Gebrauch des Geset­zes wie Röm 7,7ff ver­steht. Das Gesetz treibt uns in die Sün­de, weil wir uns ein­bil­den, wir wür­den gut bzw. gerecht, wenn wir es erfüll­ten. Luther hielt die Berg­pre­digt-Maxi­men nicht für uner­füll­bar, son­dern man muss zwi­schen „für sich selbst“ und „für ande­re“ unter­schei­den. Dazu hat er eine kom­ple­xe Zwei-Rei­che- und Zwei-Regi­men­te-Leh­re ent­wi­ckelt. Der lebens­form­ori­en­tier­te Ansatz sieht aber rich­tig, dass das mit der Berg­pre­digt nicht über­ein­stimmt.
  2. Ich hal­te die neu­kan­tia­ni­sche Unter­schei­dung von Ver­ant­wor­tungs- und Gesin­nungs­ethik nicht für sinn­voll. Der Ethik­ent­wurf der Berg­pre­digt ist fast voll­stän­dig (nur indi­vi­du­el­les Orga­ni­sie­ren fehlt). Folg­lich über­nimmt jemand, der nach ihr „wei­se“ han­delt, Ver­ant­wor­tung in bezug auf die gesam­te Mensch­heit, was ja der Sinn der „Gol­de­nen Regel“ ist, wobei ich hier den Aspekt der Fremd­heit ande­rer Men­schen beto­ne.
  3. M. E. sind vie­le Regeln der Berg­pre­digt in das Völ­ker­recht ein­ge­gan­gen. Daher nei­ge ich dazu, dass eine Kla­ge vor dem BVG wg. Ange­la Mer­kels Flücht­lings­po­li­tik nicht erfolg­reich gewe­sen wäre (Asyl­recht + Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on, wel­che die Bun­des­re­pu­blik ja rati­fi­ziert hat).
  4. In der Tat geht die Berg­pre­digt bei der Fort­schrei­bung von „Gesetz und Pro­phe­ten“ sehr weit, man­che Tex­te wie Josua bis 2. Samu­el wer­den nega­tiv gewich­tet, wäh­rend ande­re Tex­te wie Jes 42,1-4 und Sach 9,9f sehr wich­tig wer­den. Genau­so ver­hält es sich mit dem ers­ten Gebot. Dies wird im Kon­text der Urge­schich­te und Dtjes als Äuße­rung des einen Got­tes, wel­cher der ein­zi­ge Gott ist, gese­hen, sodass das auch zur „Gol­de­nen Regel“ passt. M. E. wird man dem Alten Tes­ta­ment nur dann gerecht, wenn man sieht, dass der Fort­schrei­bungs­pro­zess schon dort begon­nen hat. Des­we­gen betont die Vor­le­sung das Modell der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung.

 

 

[1] Bibel in gerech­ter Spra­che, z. St.

[2] Ob das ein ethisch hin­rei­chen­des Modell ist, kann bezwei­felt wer­den, Güter und Tugen­den feh­len.


« § 10 Erfolgsgeschichten – § 12 Schluss »

Info:
§ 11 Die Bergpredigt (Mt 5-7) ist Beitrag Nr. 5317
Autor:
Martin Pöttner am 16. Juli 2016 um 14:43
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments
Tags:
 
Trackback:
Trackback URI

Keine Kommentare »

No comments yet.

Kommentar-RSS: RSS feed for comments on this post.

Leave a comment