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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


§ 9 Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments

  1. Hin­füh­rung
  2. Das Evan­ge­li­um der ver­zwei­fel­ten Lebens­si­tua­tio­nen: Mat­thäu­sevan­ge­li­um (Mtev)
  3. Dua­lis­ti­sche Rekon­struk­ti­on und Dekon­struk­ti­on des Opfer­bil­des: Der Hebrä­er­brief
  4. Die Sie­ger und Ver­lie­rer – und die­je­ni­gen, die immer schon ver­lo­ren haben: Die Apo­ka­lyp­se (Offen­ba­rung) des Johan­nes
  5. Das Abend­mahl aus dua­lis­ti­scher Per­spek­ti­ve: Mat­thäu­sevan­ge­li­um
  6. Rück­fra­gen

Dabei liegt m. E. auch den lehr­haf­ten Kon­zep­tio­nen eine ele­men­ta­re erzäh­le­ri­sche, nar­ra­ti­ve Struk­tur zugrun­de. Aris­to­te­les hat in sei­ner Poe­tik nüch­tern fest­ge­stellt, Erzäh­lun­gen besä­ßen einen Anfang, eine Mit­te und ein Ende. Für dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen gilt dann, dass in der­ar­ti­gen Erzäh­lun­gen am Anfang, in der Mit­te und am Ende immer ein kon­tra­dik­to­ri­scher Gegen­satz zwi­schen einer posi­ti­ven Grö­ße und einer nega­ti­ven Grö­ße vor­liegt: Das Eine ist das aus­schlie­ßen­de Gegen­teil des Ande­ren –  und umge­kehrt. Wenn man eine der­ar­ti­ge Posi­ti­on aus­drü­cken will, sie kom­mu­ni­ka­tiv prä­sent m möch­te, muss man über  die gewöhn­li­che Spra­che hin­aus­ge­hen. Logi­sche Kor­rekt­heit ist dann völ­lig unzu­rei­chend. Dua­lis­ti­sche Per­spek­ti­ven lie­ben das Para­dox, den tat­säch­lich aus­ge­drück­ten kon­tra­dik­to­ri­schen Wider­spruch. Das ist rhe­to­risch erlaubt und üblich. Ent­spre­chend ist die Bil­der­welt von einer fas­zi­nie­ren­den bizar­ren Wider­sprüch­lich­keit: die Welt ist aus den Fugen gera­ten:

Die reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Bedeu­tung sol­cher dua­lis­ti­schen Erzähl­wei­sen bzw. Kon­zep­tio­nen für das Ent­ste­hen des Chris­ten­tums ist durch grö­ße­re Text­fun­de nach dem zwei­ten Welt­krieg gut doku­men­tiert. So wur­den in den Höh­len von Qum­ran am Toten Meer eine Rei­he von dua­lis­ti­schen Schrif­ten des Juden­tums gefun­den. In Ägyp­ten, in Nag Ham­ma­di fand man eine (über­wie­gend) kop­ti­sche  Biblio­thek von gnos­ti­schen Schrif­ten, die eben­falls dem dua­lis­ti­schen Mus­ter fol­gen. Schon immer aber hat­te man die früh­jü­di­sche Apo­ka­lyp­tik als Fall einer dua­lis­ti­schen Anschau­ung erkannt.

Es gibt also in der Spät­an­ti­ke in der Reich­wei­te des Chris­ten­tums ver­schie­de­ne dua­lis­ti­sche Strö­mun­gen, die dann auch z. B. im Manichäis­mus wie­der auf­tau­chen.

Abb. 17 Basa­le Stru­kur dua­lis­ti­scher Erzäh­lun­gen

Mat­thä­us

Das Mtev ent­wirft sich in beson­de­rer Wei­se als Evan­ge­li­um der exis­ten­zi­el­len Ver­häng­nis­se. Fort­wäh­rend wer­den nar­ra­tiv und rhe­to­risch Situa­tio­nen ima­gi­niert, die ein­zel­ne Per­so­nen oder Grup­pen in aus­weg­los erschei­nen­de Lagen brin­gen, denen sie sich nur schwer oder gar nicht zu ent­zie­hen ver­mö­gen.

Wer sich zusam­men mit einem Rechts­geg­ner auf dem Weg zum Gericht befin­det, soll­te bes­ser unter Rechts­ver­zicht den Streit mit ihm schlich­ten, bevor bei­de ihr Ziel errei­chen. Denn der Rechts­geg­ner wer­de sei­nen Beglei­ter dem Rich­ter, die­ser ihn dem Gerichts­die­ner über­ge­ben, sodass er schließ­lich im Gefäng­nis lan­den  wer­de   mög­li­cher­wei­se der Fol­ter aus­ge­setzt, wie man aus der Para­bel vom Schalks­knecht ent­neh­men mag (5,25f; vgl. 18,23ff). Wer im Namen Jesu pro­phe­zei­te, Dämo­nen aus­trieb und Wun­der tat, wird vom Men­schen­sohn im Gerichts­sze­na­rio nicht gekannt, weil er nicht dem Wil­len Got­tes, son­dern der Gesetz­lo­sig­keit folg­te (7,15ff).

Unter den reich­lich spon­tan ein­ge­la­de­nen Ersatz­gäs­ten eines könig­li­chen Hoch­zeits­fes­tes (22,1ff) fin­det sich ein Mann, der kein Hoch­zeits­ge­wand trägt – ange­sichts der merk­wür­di­gen Ein­la­dungs­si­tua­ti­on eigent­lich nicht sehr ver­wun­der­lich. Doch der Mann muss hin­aus in die Fins­ter­nis – der Ort, wo „Heu­len und Zäh­ne­knir­schen sein wird“, ein mat­t­häi­scher Topos, den er mit einer beacht­li­chen Red­un­danz vor­trägt (Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30).

So kann es schließ­lich nicht ver­wun­dern, dass aus mat­t­häi­scher Per­spek­ti­ve einem Men­schen, der Per­len vor die Schwei­ne wirft, abson­der­li­che Gefah­ren dro­hen (7,6). Nicht  nur, dass die Schwei­ne die wert­vol­len Per­len zer­tre­ten wer­den, nein: Wer gewor­fen hat, muss damit rech­nen von den Schwei­nen zer­ris­sen zu wer­den.

Die­se abson­der­li­chen Situa­tio­nen las­sen sich noch ver­meh­ren, ihnen allen ist ein Zug gemein­sam, dass ein Moment der schreck­li­chen Über­ra­schung, des eigent­lich undurch­schau­ba­ren, des fins­ter Ver­häng­nis­vol­len ein­tritt.

Vie­le Sze­nen im Mtev haben etwas Traum­haft­t­rau­ma­ti­sches. Man erwacht aus einem Alb­traum, merkt aber, dass es glück­li­cher­wei­se nicht „bloß“ ein Traum war, son­dern es ist erschre­cken­de Wirk­lich­keit.

So ver­hält es sich auch in der para­bo­li­schen Erzäh­lung[1] von den fünf törich­ten und fünf wei­sen jun­gen Frau­en (25,1ff): Die­ser Text hebt beson­ders ein­drucks­voll den Zug des Biz­za­ren, Uner­wart­ba­ren, fins­ter Ver­häng­nis­vol­len her­vor – ein Zug, in dem gewöhn­li­che Erfah­rung in äußerst ver­frem­de­ter, extra­va­gant umko­dier­ter Erzähl­wei­se erscheint. Das Reich der Him­mel wird in der ima­gi­nier­ten Situa­ti­on, wenn der Men­schen­sohn kommt, dem Han­deln von 10 jun­gen Frau­en ver­gleich­bar sein, die auf einen Bräu­ti­gam war­ten. Der poly­ga­me Bräu­ti­gam kommt aller­dings ziem­lich zu spät zur Hoch­zeit. Als er schließ­lich ange­kün­digt wird, ist es schon Mit­ter­nacht. Die düpier­ten Frau­en war­ten erstaun­li­cher­wei­se immer noch, statt ihn sau­sen zu las­sen. Doch nur fünf hat­ten Öl bei sich, kön­nen in der Nacht also sehen. Den ande­ren wird der Rat erteilt, sie soll­ten in der Nacht noch Öl

kau­fen. Als sie zurück­keh­ren, ist ihre Chan­ce dahin. Der Bräu­ti­gam hat sich mit  fünf Frau­en begnügt und bekun­det, er ken­ne die ande­ren nicht. Die Erzäh­lung ist nicht nur alle­go­risch über­dehnt, sie ist gro­tesk kon­zi­piert. Sie wirkt wie ein Traum, aus dem Mann oder Frau schweiß­ge­ba­det auf­wacht, hof­fend, dass alles anders, irgend­wie nor­mal ist. Doch lei­der sind bizar­rer Traum und ver­häng­nis­vol­ler Wach­zu­stand iden­tisch.

Im Neu­en Tes­ta­ment reizt ins­be­son­de­re Mt die bizar­ren Mög­lich­kei­ten des dua­lis­ti­schen Erzähl­mus­ters aus. Den Höhe­punkt bil­det das soge­nann­te Gleich­nis bzw. die Para­bel vom „Gro­ßen Welt­ge­richt“ (Mt 25,31ff):

Wenn aber der Men­schen­sohn in sei­nem Glanz kom­men wird und alle Engel mit ihm,

dann wird er sich auf den Thron sei­nes Glan­zes set­zen.

Und vor ihm wer­den sich alle Völ­ker (bzw. „Hei­den“) ver­sam­meln.

Und er wird sie von­ein­an­der schei­den,

wie der Hir­te die Scha­fe von den Zick­lein zu schei­den pflegt.

Und er wird die Scha­fe auf sei­ne rech­te Sei­te stel­len,

die Zick­lein aber links.

Dann wird der König zu denen sagen, die rechts von ihm ste­hen:

Kommt her, Geseg­ne­te mei­nes Vaters!

Ihr wer­det das König­reich erben, das für euch seit Erschaf­fung der

Welt berei­tet wor­den ist.

Denn ich hun­ger­te und ihr gabt mir zu essen,

ich hat­te Durst und ihr gabt mir zu trin­ken.

Ich war fremd und ihr nahmt mich auf.

Ich war nackt und ihr gabt mir Klei­dung.

Ich war krank und ihr habt mich besucht.

Ich war im Gefäng­nis und ihr kamt zu mir.’

Dann wer­den ihm die Gerech­ten ant­wor­ten und sagen:

Herr,

wann haben wir gese­hen, dass du hun­gerst und dir zu essen gege­ben?

Oder dass du Durst hat­test und wir dir zu trin­ken gaben?

Wann aber haben wir dich als Frem­den gese­hen und dich auf­ge­nom­men?

Oder als Nack­ten und wir haben dich beklei­det?

Wann aber haben wir gese­hen, dass du krank oder im Gefäng­nis warst und

sind zu dir gekom­men?’

Und der König wird ant­wor­ten und zu ihnen sagen:

Wahr­haf­tig, ich sage euch:

Was ihr jeweils an einem die­ser mei­ner gerings­ten Brü­der getan habt,

das habt ihr an mir getan!’

Dann wird er auch zu denen sagen, die links von ihm ste­hen:

Geht fort von mir, Ver­fluch­te, in das ewi­ge Feu­er,

das für den Teu­fel und sei­ne Engel berei­tet wor­den ist.

Denn ich hun­ger­te und ihr gabt mir nicht zu essen.

Ich hat­te Durst und ihr gabt mir nicht zu trin­ken.

Ich war fremd und ihr nahmt mich nicht auf.

Ich war nackt und ihr habt mich nicht beklei­det.

Ich war krank und im Gefäng­nis und ihr habt mich nicht besucht.’

Dann wer­den sie ant­wor­ten und sagen:

Herr,

wann haben wir gese­hen, dass du hun­gerst

oder Durst hast

oder fremd

oder nackt

oder krank

oder im Gefäng­nis bist

und haben dir nicht gedient?’

Dann wird er ihnen ant­wor­ten und sagen:

Wahr­haf­tig, ich sage euch:

Was ihr jeweils nicht an einem die­ser Gerings­ten getan habt,

habt ihr auch nicht an mir getan!’

Und die­se wer­den weg­ge­hen in die ewi­ge Fol­ter.

Die Gerech­ten aber in das ewi­ge Leben.

War­um wer­den die einen ewig gefol­tert, die ande­ren aber als Erben des Rei­ches ein­ge­setzt? War­um sind die einen geseg­net, die ande­ren aber ver­flucht? Die Ant­wort des Tex­tes scheint auf den ers­ten Blick klar zu sein. Die einen haben sich um sozi­al Rand­stän­di­ge geküm­mert, die ande­ren aber nicht, sodass sie nun Scha­fe und Zick­lein sind, wobei letz­te­re eben beson­ders ger­ne wegen ihres wohl schme­cken­den Flei­sches geschlach­tet wer­den. Doch sagt das der Text nicht. Die dia­lo­gi­schen Par­ti­en sind statt­des­sen auf­wän­dig gestal­tet. Sie umfas­sen jeweils zwei Unter­ab­schnit­te. Im jeweils ers­ten Abschnitt gibt der könig­li­che Men­schen­sohn das zukünf­ti­ge Schick­sal der Geseg­ne­ten und Ver­fluch­ten bekannt und begrün­det dies jeweils aus­führ­lich.

Dar­auf ant­wor­ten die Geseg­ne­ten und Ver­fluch­ten. Sie bekun­den ihr Erstau­nen. Der Men­schen­sohn ant­wor­tet dar­auf und teilt die Regel mit, nach wel­cher „der Hir­te“ die Schei­dung von Scha­fen und Zick­lein voll­zo­gen hat­te. Das Han­deln gegen­über den sozi­al Rand­stän­di­gen war ein Han­deln gegen­über dem könig­li­chen Men­schen­sohn. Die einen haben gegen­über dem Men­schen­sohn ange­mes­sen gehan­delt, die ande­ren nicht. Das Ergeb­nis ist Segen und Fluch, Erbe des Rei­ches und ewi­ge Fol­ter. Bei­de, Geseg­ne­te und Ver­fluch­te, wer­den in der Gerichts­sze­ne von die­sem Kri­te­ri­um über­rascht. Sie kann­ten es zur­zeit ihres Han­delns in der gewöhn­li­chen Wirk­lich­keit nicht. Das ist beson­ders stark an den

Ver­fluch­ten zu erken­nen. Sie stan­den ja links, sodass

sie hören konn­ten, was der Men­schen­sohn den rechts

Ste­hen­den sag­te. Daher brauch­ten sie nur die

kon­tra­dik­to­ri­sche Nega­ti­on zu bil­den, um ihr Schick­sal

zu erfas­sen. Doch auch sie sind über­rascht, in

gestei­ger­ter Wei­se über­rascht, obgleich jetzt eine

Über­ra­schung nicht mehr ange­sagt wäre –  son­dern

Auf­be­geh­ren oder viel­leicht depres­si­ve Resi­gna­ti­on.

Dar­in zeigt sich ein recht typi­sches dua­lis­ti­sches kom­mu­ni­ka­ti­ves Para­dox:

Der schrift­li­che Text teilt selbst­re­fle­xiv mit, dass es im

Welt­ge­richt eine Über­ra­schung geben wird, obgleich es zuvor

schon bekannt und schrift­lich fest­ge­hal­ten ist, dass es im

Welt­ge­richt eine Über­ra­schung geben wird. Auch die Regel, die

im Welt­ge­richt so viel Über­ra­schung her­vor­ruft, wird im Text

schrift­lich fest­ge­hal­ten. Und trotz­dem die­se Über­ra­schung!

Der Haupt­ty­pus der Rezep­ti­on des Tex­tes im Chris­ten­tum

miss­ver­steht ihn pro­duk­tiv: Z. B. Dia­ko­nie und Cari­tas leben von

der sozi­al­mo­ra­li­schen Poin­te des Diens­tes an den sozi­al

Rand­stän­di­gen –  und an die­ser Pra­xis gibt es m. E. auch nichts

zu kri­ti­sie­ren.

Gleich­wohl ist die Bot­schaft des Tex­tes noch tie­fer ange­sie­delt:

Der Text knüpft an die in Dtn 30 geäu­ßer­te Auf­fas­sung

an, dass „Segen“ und „Fluch“ auf­grund der gött­lich

ein­ge­räum­ten Hand­lungs­macht und Refle­xi­ons­kraft in die

Hand der Men­schen gelegt sind. Wer den Wil­len

Got­tes tut, hier also sozia­len Ein­schluss und sozia­le

Wech­sel­sei­tig­keit beför­dert, erlangt regel­mä­ßig Segen und

umge­kehrt. Zugleich negiert der Text aber die­se Auf­fas­sung.

Er respek­tiert ihr hohes Ethos. Doch er glaubt nicht an die

Mög­lich­kei­ten der gött­lich ein­ge­räum­ten Hand­lungs­macht

und Refle­xi­ons­kraft. Er ver­län­gert auch nicht bloß den Tun-

Erge­hens­zu­sam­men­hang in die End­zeit, sodass sich posi­ti­ves

und nega­ti­ves Erge­hen erst im Escha­ton zeig­ten. Mt ent­fal­tet

dem­ge­gen­über ein radi­kal dua­lis­ti­sches Erzähl­kon­zept.

In dua­lis­ti­schen Erzäh­lun­gen wird der kon­tra­dik­to­ri­sche

Grund­ge­gen­satz der Erzäh­lung am Anfang eta­bliert und

sowohl in der Mit­te als auch am Ende auf­recht­erhal­ten. Der

Grund­ge­gen­satz wird mit­hin in Erzäh­lun­gen die­ser Art nicht

ver­mit­telt und in kei­ner Wei­se besei­tigt. Das Mtev gehört zu

die­sem Erzähl­ty­pus. Dies erklärt die erzäh­le­ri­sche

Begeis­te­rung für aus­weg­lo­se exis­ten­zi­el­le Desas­ter, für

fins­ter Ver­häng­nis­vol­les, für schreck­li­che Traum­si­tua­tio­nen,

die lei­der iden­tisch mit dem Wach­zu­stand sind. Irgend­wann

hat sich der kon­tra­dik­to­ri­sche Gegen­satz von „Reich der

Him­mel“ und „ewi­gem Feu­er“, von „Men­schen­sohn“ und

Teu­fel“ aus­ge­bil­det. Bei­de säen, der eine Unkraut, der

ande­re Wei­zen (Mt 13). Bei­de haben gegen­wär­tig ihren

frei­lich nicht sicher bestimm­ba­ren Herr­schafts­be­reich. Und

bei­de wer­den am Ende über die Gesell­schaft ihrer Engel

hin­aus nicht allei­ne sein.

Her­me­neu­tisch muss vor all­zu nai­ven Schlüs­sen gewarnt wer­den, wir wer­den mit Witt­gen­stein die Lebens­re­geln zu vers­terhen ver­su­chen, die bild­haft aus­ge­drückt sind.

Geseg­ne­te und Ver­fluch­te wis­sen nicht, dass sie Geseg­ne­te

und Ver­fluch­te sind, obgleich sie den schrift­li­chen Text Mt

25,31-46 ken­nen. Die Wirk­lich­keit wird mit­hin als absurd

erfah­ren. Man ist an der gött­lich ein­ge­räum­ten

Hand­lungs­macht und Refle­xi­ons­kraft ver­zwei­felt. Trotz­dem

ten­diert der Text zu einer radi­ka­len Lebens­än­de­rung, hin zum

Dienst an den sozi­al Rand­stän­di­gen. In die­sem Sin­ne haben

Dia­ko­nie und Cari­tas Recht. Aller­dings erwächst im Mtev vor

dem dua­lis­ti­schen Hin­ter­grund kei­ne Zufrie­den­heit und

Sta­bi­li­tät im sozia­len Tun. Denn wer weiß, dass er oder sie

nicht weiß, ob sie oder er Ver­fluch­te oder Geseg­ne­ter ist, lebt

boden­los. Allein die ernst­haf­te sitt­li­che Lebens­pra­xis steht im

Vor­der­grund. Das Ziel des Rei­ches lässt sich dar­aus frei­lich

nicht ablei­ten …

Abb. 18: Dua­lis­ti­sche Erzäh­lung im Mat­thäu­sevan­ge­li­um

Hebrä­er

Der Hebrä­er­brief gehört zu den rät­sel­haf­tes­ten Tex­ten

im NT. Er ist Teil der Pau­lus­brief­samm­lung der

Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on und hat eine ent­spre­chen­de

Redak­ti­on am Brief­schluss erfah­ren (13,22-25). Doch

der Text ist der pau­li­ni­schen Sprach­welt eher fremd. Er

stammt auf kei­nen Fall von Pau­lus selbst.

Es han­delt sich offen­bar um einen Text min­des­tens der

zwei­ten christ­li­chen Gene­ra­ti­on (70+ d. Z.):

Denn wäh­rend ihr der Zeit nach [schon] Leh­rer sein soll­tet, habt

ihr wie­der nötig, dass man euch die ers­ten Anfangs­grün­de der

Aus­sprü­che Got­tes lehrt. Ihr seid sol­che gewor­den, die Milch nötig

haben, nicht fes­te Spei­se … (Hebr 5,12)

Wahr­schein­lich han­delt es sich bei die­ser Äuße­rung des

Autors frei­lich um ein rhe­to­ri­sches under­state­ment.

Tat­säch­lich ent­fal­tet er eine höchst eigen­stän­di­ge Auf­fas­sung

des Chris­ten­tums, die durch­aus phi­lo­so­phisch-pla­to­nisch

inspi­riert ist. Der reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Kon­text der Schrift

ist ein durch das alex­an­dri­ni­sche Juden­tum beein­fluss­tes

Chris­ten­tum.

Der Autor beherrscht die im alex­an­dri­ni­schen Juden­tum

ent­wi­ckel­te alle­go­ri­sche Aus­le­gung der Hei­li­gen Schrif­ten der

Juden und wen­det sie auf das Alte Tes­ta­ment der Chris­ten an,

hier vor allem auf den Opfer­kult.

Denn weil das Gesetz [nur] einen Schat­ten der zukünf­ti­gen Güter ent­hält,

nicht das Bild  der Sachen (οὐκ αὐτὴν τὴν εἰκόνα τῶν πραγμάτων [ouk auten eiko­na ton prag­ma­ton) selbst, kann es durch die glei­chen all­jähr­li­chen

Opfer, die man immer­fort dar­bringt, die [zum Altar im Tem­pel bzw. Zelt]

Hin­zu­tre­ten­den nie­mals zur Voll­endung füh­ren (Hebr. 10,1)

Die jüdi­schen Pries­ter die­nen

[nur] einem Schat­ten­bild der himm­li­schen

Din­ge …,

wie ja Mose Wei­sung emp­fing,

als er das Zelt [in der Wüs­ten­wan­de­rung] her­stel­len

soll­te.

Sieh zu“, heißt es näm­lich, „du sollst alles

nach dem Mus­ter machen, das dir auf dem Ber­ge

[Sinai] gezeigt wor­den ist!“ (ποιήσεις πάντα κατὰ τὸν τύπον τὸν δειχθέντα σοι ἐν τῷ ὄρει [poies­eis pan­ta kata ton typon deicht­hen­ta swo en to orei]). (Hebr 8,5)

Das ist kein Vul­gär­pla­to­nis­mus. Auch Mose hat auf dem Berg

Sinai nur das Mus­ter gese­hen, nicht die durch das Mus­ter

bezeich­ne­ten Sachen selbst. Die schat­ten­haf­ten Bil­der

sind im jüdi­schen Opfer­kult nie­der­ge­legt, zunächst im Zelt

auf der Wüs­ten­wan­de­rung, dann im Jeru­sa­le­mer Tem­pel.

Der Hebrä­er­brief ver­wen­det also die pla­to­ni­sche

Unter­schei­dung von Mus­ter und schat­ten­haf­tem Bild.

Frei­lich ist das jüdi­sche Bild nicht beson­ders gut gera­ten:

Denn wenn jener ers­te Bund [bzw. das ers­te Tes­ta­ment] ohne Tadel

gewe­sen wäre, so wür­de nicht Raum für einen zwei­ten gesucht

wer­den.

Der Opfer­kult im Juden­tum wird also pla­to­nisch

rekon­stru­iert. Es han­delt sich um ein durch­aus zu

tadeln­des Bild des Mus­ters. Es muss also noch etwas

Bes­se­res kom­men. Man darf dies zunächst als eine ers­te

Dua­li­tät fest­hal­ten, die durch­aus viel­leicht schon Züge

eines Dua­lis­mus von zwei Wel­ten ent­hält: dem Dua­lis­mus

des die wah­ren Sachen bezeich­nen­den Mus­ters und den

schat­ten­haf­ten Bil­dern –  so wird jeden­falls die

pla­to­ni­sche Unter­schei­dung von Bild und Mus­ter (etwa

im Dia­log Tima­i­os) im Hebr ver­stan­den. Dort wird aber nicht zwi­schen τύπος (typos) und εἴϰων (eikon), son­dern zwi­schen παράδειγμα (para­deig­ma) und εἴϰων unter­schie­den, z. B. 30aff. Wir ver­ste­hen jetzt auch den pla­to­ni­schen Gedan­ken in Gen 1,26f viel­leicht noch etwas genau­er. Denn Mose macht das Bild nach dem Mus­ter, wel­ches die Sachen selbst bezeich­net, dort Gott nach sei­nem Bild selbst, hier die Regeln des Opfer­kul­tes. Gemeint ist die Zei­chen­form, die Peirce u. a. als Type/Token-Form bezeich­nen, wobei Type das Mus­ter oder den Typ und Token das Ein­zel­er­eig­nis meint, aller­dings als streng iko­nisch bestimmt.

Abb. 19: „Pla­to­ni­sche“ Bezeich­nun­gen in der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on

Da das Gesetz [nur] einen Schat­ten der zukünf­ti­gen Güter ent­hält[,]

muss der neue Bund bzw. das neue Tes­ta­ment den

Schat­ten des Geset­zes über­bie­ten, ihm frei­lich auch in

bestimm­ter Wei­se ent­spre­chen.

Auf den ers­ten Blick besteht die Ent­spre­chung im Hebr

in der Kon­zep­ti­on des Opfers. Dabei legt der Autor

frei­lich die Haupt­be­deu­tung auf die Funk­ti­on des

jüdi­schen Ober­pries­ters. Da die­ser auch als „Gesalb­ter“

(Meschiach) bezeich­net wer­den kann (vgl. Lev 8),

wird die Ober­pries­ter­funk­ti­on bild­lich auch auf den

Chris­tus Jesus von Naza­reth über­tra­gen. Das Pries­ter- und

Opfer­bild im Hebr wird mit­hin als Chris­tus­bild gese­hen.

Wor­in besteht nun die Über­bie­tung zwi­schen jüdi­schem

Ober­pries­ter und dem ein­zig­ar­ti­gen Chris­tus-Ober­pries­ter

Jesus?

Der jüdi­sche Ober­pries­ter geht ein­mal im Jahr am Gro­ßen

Ver­söh­nungs­tag ins Aller­hei­ligs­te

nicht ohne Blut, das er für sich selbst und für die aus Unwis­sen­heit

began­ge­nen Sün­den des Vol­kes dar­bringt (Hebr 9,7).

Eben dar­in besteht die Über­bie­tung des Chris­tus-

Ober­pries­ters:

Chris­tus aber, der als Ober­pries­ter der künf­ti­gen Güter kam, ist durch

das grö­ße­re und voll­kom­me­ne­re [himm­li­sche] Zelt, das nicht mit

Hän­den gemacht, das heißt, nicht von die­ser Schöp­fung ist, und nicht

durch das Blut von Böcken und Käl­bern, viel­mehr durch sein eige­nes

Blut ein­mal in das Hei­lig­tum ein­ge­gan­gen und hat eine ewi­ge Erlö­sung

erlangt (Hebr 9,11f).

Es han­delt sich also um eine ewi­ge Erlö­sung im Unter­schied zur

all­täg­li­chen bzw. jähr­li­chen Erlö­sung im Zelt bzw. Tem­pel, die

fort­wäh­rend wie­der­holt wer­den muss. Das ist jetzt nicht mehr

der Fall. Da sich der Chris­tus-Ober­pries­ter selbst geop­fert hat, ist

er nun ins himm­li­sche Hei­lig­tum (im Unter­schied zum

geschöpf­li­chen Zelt bzw. Tem­pel, die von „Hän­den erbaut“ sind)

ein­ge­gan­gen, in dem kei­ne wei­te­ren Opfer mehr statt­fin­den.

Die­ses Selb­stop­fer des makel­lo­sen Ober­pries­ters Chris­tus hat

alle Opfer ein­mal für alle­mal über­flüs­sig gemacht:

Und jeder Pries­ter steht zwar täg­lich da und ver­rich­tet den Got­tes­dienst

und bringt immer wie­der die­sel­ben Opfer dar, die doch die Sün­den nie­mals

völ­lig hin­weg­neh­men kön­nen. Die­ser [Chris­tus] aber hat sich, nach­dem er

ein ein­zi­ges Opfer für die Sün­den dar­ge­bracht hat, für immer zur Rech­ten

Got­tes gesetzt und war­tet fort­an, bis sei­ne Fein­de zum Sche­mel sei­ner

Füße gemacht wer­den. Denn durch eine ein­zi­ge Opfer­ga­be hat er die,

wel­che gehei­ligt wer­den, für immer zur Voll­endung geführt (Hebr 10,11-14).

Mit die­ser Posi­ti­on wird der jüdi­sche Opfer­kult nicht nur

pla­to­nisch rekon­stru­iert (als bloß schat­ten­haf­tes Bild),

son­dern auch der Opfer­kult über­haupt dekon­stru­iert.

Denn für die Erlö­sung ist fort­an kein wei­te­res Opfer mehr

not­wen­dig –  wor­in aber kul­tur­über­grei­fend die Funk­ti­on

eines fort­wäh­ren­den Opfer­kul­tes besteht.

Es bleibt frei­lich die Fra­ge, ob im Hebr auch das Opfer­bild

ins­ge­samt dekon­stru­iert wor­den ist. In der Regel beant­wor­tet man

die­se Fra­ge mit „Nein!“, sofern man sich die­se Fra­ge

über­haupt stellt. So wird der Hebr gera­de als zen­tra­ler Text

für die Kon­ser­vie­rung des Opfer­bil­des im Chris­ten­tum

gele­sen. Man argu­men­tiert, dass die Selb­stop­fe­rung des Chris­tus-

Ober­pries­ters gera­de die Grund­le­gung der christ­li­chen

Reli­gi­on in einem ein­ma­li­gen unüber­biet­ba­ren Opfer

dar­stel­le. Und es scheint durch­aus so, als sei dies der Fall.

Sieht man frei­lich genau­er zu, dann wird durch den Hebr

die Opfer­struk­tur als sol­che in Fra­ge gestellt. Wel­cher Art

Opfer auch immer: es kann nur bestimm­te vor­lie­gen­de

Sün­den süh­nen bzw. das Hei­lig­tum rei­ni­gen, um

gewöhn­li­che Opfer dar­brin­gen zu kön­nen.

Das „Opfer“ des Chris­tus-Ober­pries­ters ist frei­lich nicht

von die­ser Art. Es ist ein „Opfer“ ganz eige­ner Art, eine

sprach­lich dar­ge­stell­te kri­ti­sche Selbst­re­fe­renz des

Opfer­kul­tes, um ihn zu been­den.

Gegen den Main­stream der Aus­le­gung des Hebr ist m. E.

aller­dings noch mehr zu sagen: Mit der sprach­li­chen Destruk­ti­on

des gewöhn­li­chen Opfer­bil­des durch die Dar­stel­lung des

Selb­stop­fers des Chris­tus-Ober­pries­ters beab­sich­tigt der Hebr

wohl nicht nur, dass die kon­kre­ten Tier- und Nah­rungs­op­fer

auf­hö­ren.

Das kri­ti­sche, neu ent­wi­ckel­te Spre­chen vom Selb­stop­fer Chris­ti

soll zumin­dest auch die Zen­tra­li­tät des Spre­chens vom Opfer im

Chris­ten­tum been­den.

Denn unser „Ober­pries­ter“ opfert nicht immer wei­ter, son­dern

hat sich für immer zur Rech­ten Got­tes gesetzt und war­tet fort­an, bis sei­ne

Fein­de zum Sche­mel sei­ner Füße gemacht wer­den (Hebr 10,12)

–  wie der Hebr im Anschluss an den „mes­sia­ni­schen“ Psalm

109LXX for­mu­liert.

Er ist also auch im eigent­li­chen Sin­ne kein Ober­pries­ter mehr.

Auch das Spre­chen vom Opfer kann daher m. E. auf­hö­ren. Es

ent­spricht ja gar nicht der himm­li­schen Wirk­lich­keit, son­dern

gehört der ver­gan­ge­nen schat­ten­haf­ten Bild­wirk­lich­keit an…

Die pla­to­ni­sche Dua­li­tät, viel­leicht auch ein Zwei-Wel­ten-

Dua­lis­mus erlaubt es dem Hebr mit­hin den Opfer­kult zu

rekon­stru­ie­ren und viel­leicht sogar das Opfer­bild kri­tisch zu

eli­mi­nie­ren, also ein Fall von Dekon­struk­ti­on …

Aber in dua­lis­ti­schen Wel­ten lieb man/frau das Para­dox. Und so kennt auch der Hebr die dua­lis­ti­sche para­do­xe Lücke. So sehr der „Ober­pries­ter“ zur Rech­ten

Got­tes sit­zen mag, so sehr sei­ne Erlö­sung ein für alle­mal ewig gel­ten mag – sie funk­tio­niert eben nicht bzw. nur teil­wei­se. Des­halb ist der Hebr tat­säch­lich ein Fall dua­lis­ti­schen Spre­chens:

Erin­nert euch … der frü­he­ren Tage, in denen ihr, nach­dem ihr erleuch­tet

wor­den wart, viel Kampf der Lei­den erdul­det habt… Denn ihr habt mit

den Gefan­ge­nen gelit­ten und den Raub eurer Güter mit Freu­den

hin­ge­nom­men in der Erkennt­nis, dass ihr für euch einen bes­se­ren Besitz

habt. Dar­um werft eure Zuver­sicht nicht weg, die eine gro­ße Beloh­nung

besitzt.

Offen­bar kann man dies tun. Das wäre noch nicht wei­ter

auf­fäl­lig, es könn­te sich um eine Vari­an­te des

Pro­blem­ge­schich­ten­mo­dells han­deln. Doch der Hebr meint

expli­zit etwas ande­res:

Denn es ist unmög­lich, die­je­ni­gen wel­che ein­mal erleuch­tet wor­den sind

und die himm­li­sche Gabe geschmeckt haben und des hei­li­gen Geis­tes

teil­haf­tig gewor­den sind und das glanz­vol­le Wort Got­tes geschmeckt haben

und [dann doch] abge­fal­len sind, von neu­em zur Buße zu brin­gen, da sie

für sich den Sohn Got­tes noch ein­mal kreu­zi­gen und der Schan­de

preis­ge­ben (Hebr 6,4-6).

Dar­in besteht eben der Dua­lis­mus des Hebr: Wer die

himm­li­sche Welt ver­lässt, geht zurück zu den Schat­ten und hat

kei­ne Zukunft. Der ursprüng­li­che Dua­lis­mus zwi­schen

himm­li­schem Urbild und irdi­scher Schat­ten­welt ist durch die

ein­ma­li­ge ewi­ge Erlö­sung mit­hin nicht über­wun­den wor­den,

son­dern bloß bestä­tigt wor­den. Auch am Ende der Erzäh­lung

kann es mit­hin wei­ter einen kon­tra­dik­to­ri­schen Gegen­satz

geben.

Abb. 20: Dua­lis­ti­sche Erzäh­lung im Hebrä­er­brief

 

Apo­ka­lyp­se

Nach dem letz­ten Buch der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on haben vie­le

Tex­te aus dem Juden­tum, auch aus dem Grie­chen­tum und aus

Ägyp­ten ihre Gat­tungs­be­zeich­nung erhal­ten: Apo­ka­lyp­se

(Offen­ba­rung).

Offen­ba­rung Jesu Chris­ti, die ihm Gott gege­ben hat, sei­nen Skla­ven zu

zei­gen, was bald gesche­hen soll. Und er hat es durch Sen­dung sei­nes

Engels sei­nem Skla­ven Johan­nes kund­ge­tan, der das Wort Got­tes und das

Zeug­nis Jesu Chris­ti bezeugt –  alles, was er gese­hen hat (Apk­Joh 1,1f).

Johan­nes befin­det sich auf der Insel Pat­mos vor der

klein­asia­ti­schen Küs­te in der Ägä­is und schaut, was in naher

Zukunft gesche­hen wird.

Das Gat­tungs­mus­ter ist in der Tat ver­brei­tet: Eine ange­se­he­ne

reli­giö­se Figur erhält Offen­ba­run­gen der Zukunft in einer

Gegen­wart, die als kri­sen­haft erfah­ren bzw. erlebt wird. In der

Regel sind die ange­se­he­nen reli­giö­sen Figu­ren nicht die

tat­säch­li­chen Auto­ren, son­dern fun­gie­ren als fik­ti­ve Auto­ren.

Das gehört zur Gat­tungs­kon­ven­ti­on.

Die Kri­sen­er­fah­rung scheint in Bedro­hungs­er­fah­run­gen klein­asia­ti­scher

christ­li­cher Gemein­den durch römi­sche Behör­den zu lie­gen (Apk­Joh 2f). Die­se Gemein­den ver­sucht Johan­nes zur Stand­haf­tig­keit in den Ver­fol­gun­gen zu ermu­ti­gen:

Johan­nes an die sie­ben Gemein­den in der Pro­vinz Asia … (Apk­Joh 1,4)

Da der­ar­ti­ge Bedro­hungs­er­fah­run­gen

in rela­tiv frü­her Zeit his­to­risch nicht

aus­zu­ma­chen sind, bleibt die Datie­rung

der Schrift unsi­cher. Es gibt sogar die

Hypo­the­se (Gerd Thei­ßen), dass die

Kon­fron­ta­ti­on mit dem römi­schen Staat, die in Apk­Joh

13ff ange­deu­tet ist, pro­phe­tisch auf das drit­te und  vier­te Jahr­hun­dert d. Z. vor­aus­wei­se.

Wie die eben­falls apo­ka­lyp­ti­sche Kriegs­rol­le aus den Höh­len von

Qum­ran liebt die Apk­Joh das Kriegs­bild mit ent­spre­chen­den

Sie­gern und Ver­lie­rern:

Wer ein Ohr hat, der höre, was der Geist der Gemein­de sagt: Wer siegt [in den

Ver­fol­gun­gen trotz Todes­dro­hung stand­haft bleibt], dem soll durch den

zwei­ten Tod kein Leid gesche­hen.

Gedacht ist mit ers­ten Tod offen­bar an eine Hin­rich­tung, mit dem

zwei­ten Tod aber an die end­gül­ti­ge Ver­nich­tung:

Und der Tod und das Toten­reich wur­den in den Feu­er­see gewor­fen. Dies ist

der zwei­te Tod, der Feu­er­see (Apk­Joh 20,14).

Eine Beson­der­heit der Apk­Joh besteht dar­in, dass sie vor der

all­ge­mei­nen Toten­auf­we­ckung das 1 000jährige Frie­dens­reich

der Gerech­ten vor­sieht, ins­be­son­de­re der Mär­ty­rer, die zu die­sem

Zweck in der ers­ten Auf­we­ckung auf­ste­hen. In die­ser Zeit ist

der „Dra­che“, die „alte Schlan­ge“, der Teu­fel bzw. der Satan in der

Unter­welt in Fes­seln (Apk­Joh 20) –  eine bizar­re Bil­der­welt, die

teil­wei­se an Fan­ta­sy-Pro­duk­tio­nen erin­nert und auf das 1Hen zurück­greift.

Die Apk­Joh ist ein­deu­tig eine anti­rö­mi­sche Schrift, auch wenn

dies alle­go­risch aus­ge­drückt wird. Es ist fort­wäh­rend von

Baby­lon bzw. der Hure Baby­lon die Rede –  der Stadt des

judäi­schen Exils, nicht direkt von Rom.

Und es kam einer von den sie­ben Engeln, welch die sie­ben Scha­len hat­ten,

rede­te mit mir und sprach: Komm ich will dir das Gericht über die gro­ße

Hure zei­gen, die an vie­len Was­sern sitzt, mit der die Köni­ge der Erde

Unzucht getrie­ben haben, und die Bewoh­ner der Erde sind vom Wein ihrer

Unzucht betrun­ken gewor­den …

Danach sah ich einen ande­ren Engel aus dem Him­mel her­ab­kom­men, der

gro­ße Macht hat­te, und die Erde wur­de erleuch­tet von sei­nem Licht­glanz.

Und er rief mit mäch­ti­ger Stim­me: „Gefal­len, gefal­len ist die gro­ße [Stadt]

Baby­lon“ und ist eine Behau­sung von Dämo­nen und ein Schlupf­win­kel aller

unrei­nen Geis­ter und ein Schlupf­win­kel aller unrei­nen und ver­hass­ten Vögel

gewor­den…

Und ein star­ker Engel hob einen Stein wie ein gro­ßer Mühl­stein, warf ihn

ins Meer und sprach: So wird die gro­ße Stadt Baby­lon mit einem Schwung

weg­ge­wor­fen wer­den und sie wird nicht mehr zu fin­den sein… (Apk­Joh 17f).

Lite­ra­risch ist die Apk­Joh über wei­te Stre­cken kei­nes­wegs eine Auf­zeich­nung urchrist­li­cher Pro­phe­tie, etwa von direk­ten Visio­nen, son­dern ein hoch­kom­ple­xer Fall der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung –  eine Zita­ten­kol­la­ge aus bibli­schen und nicht­bi­bli­schen jüdi­schen pro­phe­ti­schen und apo­ka­lyp­ti­sche Schrif­ten mit ent­spre­chen­den eigen­stän­di­gen Fort­schrei­bun­gen.

So stammt das Engel­zi­tat „Gefal­len, gefal­len ist die gro­ße Stadt

Baby­lon“ etwa aus Jesa­ja 21,9.

Der fik­ti­ve Autor, der „Schü­ler, den Jesus lieb­te“, Johan­nes, sieht also vor­aus, was in Klein­asi­en um die ers­te Jahr­hun­dert­wen­de (oder spä­ter???) gesche­hen wird –  und ver­sucht die Gemein­den zu trös­ten und sie zum „Sie­gen“ in den ihnen vom Römi­schen Reich aggres­siv zuge­mu­te­ten „Kämp­fen“ anzu­hal­ten. Das ent­spre­chen­de end­zeit­li­che Gegen­bild ist das neue Jeru­sa­lem (Apk 21), in dem die­je­ni­gen ewig leben, die nicht ihre Exis­tenz in dem „Feu­er­see“ fris­ten müs­sen bzw. dar­in ver­nich­tet wer­den …

Das Schluss­bild der Apk­Joh ist dua­lis­tisch: Feu­er­see vs. Neu­es Jeru­sa­lem (Apk­Joh 20f).

Die rele­van­te Erzäh­lung beginnt mit der Geschich­te Jesu von Naza­reth:

Sie­he, er kommt mit den Wol­ken“ und sehen wird ihn jedes Auge, auch

die, wel­che ihn durch­bohrt haben und weh­kla­gen wer­den sei­net­we­gen alle

Geschlech­ter der Erde … (Apk­Joh 1,7)

Ich bin der Ers­te und der Letz­te und der Leben­di­ge und ich war tot, und

sie­he ich bin leben­dig in alle Ewig­keit und habe die Schlüs­sel des Todes

und des Toten­rei­ches … (Apk­Joh 1,17f)

Jesus von Naza­reth hat den gewalt­sa­men Tod besiegt und lebt. So

sol­len auch die­je­ni­gen, die ihm fol­gen, sie­gen –  auch wenn sie

gewalt­sam getö­tet wer­den. An der Erlö­ser­fi­gur Jesus ist also

wich­tig, dass er als „geschlach­te­tes Lamm“ (Apk­Joh 3,5 u. ö.) den

Tod besiegt hat und leben­dig ist. Er bezeich­net vor allem die

posi­ti­ve Sei­te des Gegen­sat­zes in der Erzäh­lung. Mit­hin kann er

auch die töten­den römi­schen Fein­de nicht erlö­sen .

In die­sem Kriegs­sze­na­rio gibt es ent­spre­chend zwei Grup­pen:

die einen, die Jesus fol­gen, die ande­ren, die ihn ver­folgt haben

und auch sei­ne Nach­fol­gen­den ver­fol­gen –  die gro­ße Hure

Baby­lon ali­as Rom. Die­se wird wie Tod und Toten­reich im

Feu­er­see“ ver­sin­ken. Ihre Anhän­ger sind nicht im „Buch des

Lebens“ (20,12) auf­ge­zeich­net und ver­sin­ken eben­falls im

Feu­er­see“. Sie sind die­je­ni­gen, die immer schon ver­lo­ren

haben.

Aber auch die Nach­fol­gen­den sind nicht sakro­sankt. Falls sie

nicht stand­haft sind, mit­hin „sie­gen“, dann wer­den sie auch

ver­lie­ren“ –  und also im „Feu­er­see“ ver­sin­ken. Viel­leicht

waren sie nicht im „Buch des Lebens“ auf­ge­zeich­net oder sie

wur­den wie­der gelöscht…

Das Kriegs­sze­na­rio ist für die dua­lis­ti­sche Dar­stel­lung ein

recht geeig­ne­tes Bild. Es gibt Sie­ger und Ver­lie­rer und

Kom­bat­tan­ten, die sich schließ­lich auch als Ver­lie­rer erwei­sen.

Wäh­rend die Römer ohne­hin als Ver­lie­rer fest­ste­hen, leben die

ande­ren zumin­dest in der Gefahr eben­falls zu ver­lie­ren …

Abb. 21: Dua­lis­ti­sche Erzäh­lung in der Apo­ka­lyp­se des Johan­nes

Abend­mahl

Das ist mein Tes­ta­ments­blut, das für vie­le zur Ver­ge­bung der

Sün­den ver­gos­sen wird (Mt 26,28).

Aus der Wen­dung „zur Ver­ge­bung der Sün­den“ wird oft

geschlos­sen, dass Jesu Tod im Mtev als süh­nen­der

Opfer­tod im Sin­ne eines kul­ti­schen Opfers nach Lev 1ff ver­stan­den wird. Das ist aber aus zwei Grün­den eher unwahr­schein­lich. Zunächst –  und das ist

aus­schlag­ge­bend –  dient das Blut des getö­te­ten und

geschäch­te­ten Tiers im jüdi­schen Tem­pel­kult gar nicht

als Süh­ne­mit­tel. Es wird in Becken gesam­melt und so

dem Schöp­fer des Lebens zurück­ge­ge­ben. Das

Wohl­ge­fal­len Got­tes am Opfer wird statt­des­sen durch

die Ver­bren­nung des toten Tiers erreicht –  und so Süh­ne

der Sün­den für den Opfer­herrn erlangt. Wie in Ex 24

kann das Blut eines geschäch­te­ten Opfer­tiers frei­lich für

die Rei­ni­gung des Kult­raums und des Altars ver­wen­det

wer­den, auch zur Rei­ni­gung der Kult­ge­mein­de durch

Bespren­gung. Bei­des liegt aber auch in Mt 26,28 nicht vor.

Nähe und Unter­schied zu Mk wer­den bei Mt noch auf eine

ande­re Wei­se deut­lich. Es han­delt sich um die Dar­stel­lung

der Judas­fi­gur. Zwar kön­nen auch bei Mt alle Schü­ler nicht

aus­schlie­ßen, dass sie Jesus aus­lie­fern wür­den (Mt 26,22).

Doch Judas wird sze­nisch betont her­vor­ge­ho­ben:

Doch nicht ich, mein Leh­rer?“ Jesus sagt zu Judas: „Du hast es

gesagt!“ (Mt 26,25).

Inso­fern nimmt das beson­de­re ver­häng­nis­vol­le Schick­sal des

Judas sei­nen Ver­lauf. Nach der Aus­lie­fe­rung und der

Ver­ur­tei­lung Jesu ist Judas ver­zwei­felt. Er ist in eine jener

exis­ten­zi­ell ver­häng­nis­vol­len Sze­nen gera­ten, die für das

Mtev so typisch sind:

Und er warf das [von den Pries­tern für sei­ne Aus­lie­fe­rung erhal­te­ne]

Geld in den Tem­pel und ent­fern­te sich. Dann ging er weg und erhäng­te

sich.

Judas steht also für die vie­len Typen im Mtev, die in

exis­ten­zi­ell aus­weg­lo­se Situa­tio­nen gera­ten und eine total

schwar­ze Erfah­rung machen. Daher tötet er sich selbst.

Nimmt man den erstaun­li­chen Zwei­fel ange­sichts der

Gegen­wart des Auf­ge­stan­de­nen in Mt 28,16ff hin­zu,

dann ist frei­lich die erzäh­le­ri­sche Bot­schaft des Mahls

bei Mt nicht sehr viel anders als bei Mk. Das Mahl

erlöst die Teil­neh­men­den jeden­falls nicht so, dass sie

nach dem Genuss von Brot und Wein bes­ser han­del­ten.

Das ist bei Mt umso erstaun­li­cher, als er ja den im Mahl

erin­ner­ten und durch Brot und Wein medi­al

prä­sen­tier­ten Tod Jesu als sün­den­ver­ge­bend ansieht.

Aber der mat­t­häi­sche Dua­lis­mus ist so stark, dass es

jeden­falls in der Zeit völ­lig unklar ist, wem der

Süh­ne­tod Jesu ernst­haft gehol­fen hat.

So ist auch bei Mt das Abend­mahl kein Medi­um der

Iden­ti­täts­stär­kung einer ihrer selbst gewis­sen Grup­pe,

son­dern erin­nert eher an die Gefähr­dun­gen der­ar­ti­ger

Grup­pen­bil­dun­gen.

6. Rück­fra­gen

So weit ich sehe, gab es Nach­fra­gen zur Ein­heit­lich­keit und dem Unter­schied der dua­lis­ti­schen Model­le, den ethi­schen Folge(n), zu Aspek­ten der Rezep­ti­on pla­to­ni­scher Mus­ter – und grund­sätz­li­chen ethi­schen Fra­gen.

  1. Die Model­le bei Mt, dem Hebr und der Apo­ka­lyp­se sind nicht ein­heit­lich. Die letz­te­ren bei­den sind an der jewei­li­gen Grup­pe ori­en­tiert – und bestim­men scharf, wer zum Unheil erlei­det oder das Heil erlangt („iden­ti­täts­zen­triert“). Das Mat­thäu­sevan­ge­li­um aber lässt offen, wer das Heil erlangt oder das Unheil erlei­det („kom­mu­ni­ka­ti­ons­zen­triert“). Damit ist gemeint, dass Mt das dua­lis­ti­sche Mus­ter aus­reizt, um alle fal­schen Sicher­hei­ten infra­ge zu stel­len.
  2. Die Para­bel vom „Gro­ßen Welt­ge­richt“ könn­te vor die Fra­ge füh­ren, ob es dann nicht gleich­gül­tig ist, was wir tun. Wohl genau­so gut, könn­ten wir uns die Fra­ge stel­len, ob es eigent­lich ange­mes­sen ist, Ethik als Fra­ge der Bedin­gung unse­rer Erlö­sung zu begrei­fen – und so ist der Text z. B. von Kier­ke­gaard inter­pre­tiert wor­den. M. E. ist die­se Vor­schlag rich­tig.
  3. Es ist rich­tig, anstel­le von „Mus­ter“ „Urbild“ zu sagen, aber in „Mus­ter“ steckt mehr Dyna­mik. „Schat­ten­bil­der“ ver­weist u. a. auf das Höh­len­gleich­nis.
  4. E. ist ernst­haft zu erwä­gen, ob nicht nur Pau­lus, son­dern auch Mat­thä­us ein Modell auto­no­mer Ethik erwägt. Wie die Wir­kungs­ge­schich­te vie­ler Tex­te des Mat­thäu­sevan­ge­li­ums zeigt, sind die ethi­schen For­de­run­gen uni­ver­sal gemeint gewe­sen (All­ge­mei­ne Erklä­rung der Men­schen­rech­te, UNO-Char­ta und Gen­fer Flücht­lings­kon­ven­ti­on). Vor­her­ge­gan­gen war z. B. auch die ägyp­ti­sche Weis­heit. Eines der Pro­ble­me des Chris­ten­tums besteht dar­in, dass es angeb­lich eine Son­de­r­ethik ver­tritt – und das ist im Kern mit einer hete­ro­no­men Ethik gemeint, selbst Bed­ford-Strohm lässt sich in Talk­shows in die­se Rol­le brin­gen. Wir wer­den das noch­mals aus­führ­lich anhand der Berg­pre­digt dis­ku­tie­ren.

 

 

[1] Auf die Struk­tur der Para­beln wird in der letz­ten Vor­le­sung expli­zit ein­ge­gan­gen, in der Figu­ren­kon­stel­la­ti­on han­delt es sich zumeist um ein Drei­er­ver­hält­nis von dra­ma­ti­scher Haupt­fi­gur (heu­te der Menschensohn/Bräutigam) und ein dra­ma­ti­sches Zwil­lings­paar (heu­te fünf wei­se jun­ge und fünf törich­te jun­ge Frauen/Schafe und Zick­lein).

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Info:
§ 9 Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments ist Beitrag Nr. 5269
Autor:
Martin Pöttner am 2. Juli 2016 um 17:32
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Allgemein
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