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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


§ 6 Bildlichkeit

Kin­der­zeich­nung von „Gott“

 

 

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

 

ich begrü­ße Sie zum § 6 der Vor­le­sung zur „Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments“. Das Han­dout brin­ge ich mit.

Die Vor­le­sung hat vier Abschnit­te:

 

1 . Kur­ze Hin­füh­rung

2 Gen 1,26f LXX als her­me­neu­ti­scher Aus­gangs­punkt für die Rede von „Bild­lich­keit“ in der Bibel

3 Der Hin­weis Witt­gen­steins

4 Der „auf­ge­weck­te Gekreu­zig­te‘‘ als Bild Got­tes und sei­ne Schwes­tern und Brü­der

5. Rück­fra­gen und eigent­stän­di­ge Bei­trä­ge

 

 

1.  Kurze Hinführung

 

Man kann den Ein­druck gewin­nen, im Pro­tes­tan­tis­mus wer­de seit eini­gen Jah­ren der Seh­sinn ent­deckt und „Bil­der“ wür­den gele­gent­lich als gefähr­li­che Zei­chen betrach­tet. Dabei steht u. a. die Bil­der­stür­me­rei bzw. der Iko­no­klas­mus Pate. Hier in Hei­del­berg wur­de das The­ma von Jan Ass­mann bedient[1]. Doch weder sei­ne Mono­the­is­mus­the­sen noch die Iko­no­klas­mus­the­se fand in der Gelehr­t/in­n/n-Repu­blik grö­ße­re Zustim­mung, eher in den Medi­en. Was ich in der zwei­ten Vor­le­sung in Bezug auf das Ver­hält­nis von dyna­mi­scher Schrift­aus­le­gung und dem Ent­ste­hen der Behaup­tung, der Gott Isra­els sei der ein­zi­ge Gott über­haupt, gesagt habe, ver­dankt sich der kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung mit Ass­mann.

Zum The­ma Bild/er vgl. den 2011 als Bei­trag zu den Her­me­neu­ti­schen Unter­su­chun­gen der Theo­lo­gie erschie­ne­ne Ros­to­cker Tagungs­band, der von Phil­ipp Sto­ell­ger und Tho­mas Klie her­aus­ge­ge­ben wor­den ist[2]. Das wird in der heu­ti­gen und der nächs­ten Vor­le­sung berück­sich­tigt. Ich set­ze aber biblisch ein.

2.  Gen 1,26f LXXals hermeneutischer Ausgangspunkt für die Rede von „Bildlichkeit“ in der Bibel

Die­ses The­ma wird schon seit der Anti­ke dis­ku­tiert. Und es steht selbst­ver­ständ­lich schon in der Ein­lei­tung zur Bibel, als die ich die Urge­schich­te in Gen 1-11 ver­ste­he. Der Text ist auch die Ein­lei­tung zum neu­tes­ta­ment­li­chen Teil der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on, wir sahen dies in der letz­ten Vor­le­sung, weil Pau­lus auf Gen 2f und Gen 1,26f zurück­ge­grif­fen hat. Wer sei­nen Text in Korinth ver­ste­hen und mit ihm ein­ver­stan­den sein oder aber ihm wider­spre­chen will, muss die­se bei­den Tex­te ken­nen, eben­so gilt das für Gal 3,28. Das ist das Prin­zip der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung. Ich hat­te auch erwähnt, dass Mag­da­le­ne Frett­löh Gen 1,26f als Bedin­gung der Mög­lich­keit ver­steht, das Bil­der­ver­bot durch­zu­füh­ren – und ange­mes­sen von Gott zu reden. M. E. aber führt die Lek­tü­re von Gen 1,26f mit bibel­erfah­re­nen Men­schen oft dazu, dass die­se zwi­schen Gen 1,26f und Gen 20,1ff einen Wider­spruch sehen: Wie kann Gott Bil­der haben, wenn der Deka­log doch ver­bie­tet, dass Men­schen sich Bil­der von ihm machen sol­len? Man/frau kann das so lösen, dass Gott ja selbst in Gen 1,26f Bil­der von sich macht – und das ist kla­rer­wei­se erlaubt. Dage­gen dür­fen die ver­schie­den­ge­schlecht­li­chen Men­schen es nicht tun. Aber es bleibt doch recht hef­tig, dass man/frau kei­ne männ­li­chen oder weib­li­chen Bil­der von Gott machen soll, sie es aber bei­de sind. Wer also meint, dass Juden­tum sei biblisch als bild­lo­se Reli­gi­on kon­zi­piert, liegt ein­deu­tig falsch, Gott hat Bil­der von sich, näm­lich uns. Zurück­hal­tend möch­te ich sagen: Zumin­dest gibt es eine wesent­li­che Posi­ti­on in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen, die ein­deu­tig anders aus­ge­legt ist.

Die LXX geht aber noch einen Schritt wei­ter. Nach ihr wäre zu über­set­zen, dass Gott die Men­schen nach sei­nem Bild, nach „unse­rem Bild“ (κατ᾽ εἰκόνα ἡμετέραν [kath‘ eiko­na heme­ran), geschaf­fen habe. Ob das den hebräi­schen Text wie­der­gibt, ist mög­lich, aber nicht ganz sicher. Ich ori­en­tie­re mich an der LXX, die völ­lig klar for­mu­liert, dass Gott ein Bild von sich habe, nach dem er die Men­schen erschafft, die Men­schen sind ihm/ihr ähn­lich. Der grie­chi­sche Begriff ὁμοίωσις (homoio­sis) wird z. B. auch von Pla­ton ver­wen­det. Dabei ist im grie­chi­schen Sprach­ge­brauch von εἰκών häu­fig impli­ziert, dass es um etwas Ähn­li­ches gehe[3]. Eikon und homoio­sis bil­den für vie­le grie­chi­sche Ohren ein homo­se­mes Wort­spiel, d. h., die Zei­chen eikon und homoio­sis bezeich­nen Gott in Bezie­hung auf den Inter­pre­t­an­ten Ähn­lich­keit und Unähn­lich­keit  D. h., die Men­schen sind iko­ni­sche Zei­chen[4] von Gott, weil sie struk­tu­rell mit Gott gleich sind, ob Gott als andro­gy­nes Wesen ver­stan­den ist, kann erwo­gen wer­den. Aber sie sind nicht ganz so wie Gott, son­dern ihm/ihr ähn­lich. Das ist – wie wir in der drit­ten Vor­le­sung an Schlei­er­ma­cher sahen, ein pla­to­ni­scher Gedan­ke:

Jedes end­li­che Sein im enge­ren Sinn, d. h. jedes Leben ist als Bild des Abso­lu­ten ein Inein­an­der von Gegen­sä­zen.

So hat­te Schlei­er­ma­cher in sei­ner Ethik for­mu­liert[5]. Wir wen­den das auch auf Gen 1,26f LXX an.

Wäh­rend die Men­schen eine ver­schie­den­ge­schlecht­li­che dif­fe­ren­zier­te Ein­heit bil­den kön­nen, in der das Gegen­satz­phä­no­men besteht: Omnis deter­mi­na­tio est nega­tio, ist das bei Gott nicht der Fall. Sie/er ist m. E. als gegen­satz­los ver­stan­den – und des­halb erfolgt die Schöp­fung nach seinem/ihrem Bild, sodass die Men­schen zugleich Gott ähn­lich sind, aber auch unähn­lich. Sie sind iko­ni­sche Zei­chen Got­tes.

Der Bil­der­dis­kurs bezieht sich auf den grie­chi­schen Aus­druck εἰκών (eikon) zurück. Aus­drü­cke wie icon, iko­nisch usf. sind Spät­fol­gen die­ses Aus­drucks, ob aber das Ver­hält­nis von Ähn­lich­keit und Unähn­lich­keit erhal­ten geblie­ben ist, ist jeweils zu erfra­gen. Jeden­falls für pla­to­nisch inspi­rier­te Tex­te wie Gen 1,26f gilt dies.

Das mag über­ra­schen, aber der Ein­fluss pla­to­ni­scher Gedan­ken war groß auf das alex­an­dri­ni­sche Juden­tum, wie in Vor­le­sung II schon erwähnt. Im Neu­en Tes­ta­ment haben  wir den Hebrä­er­brief, der ähn­lich inspi­riert ist. Aus­schlag­ge­bend ist Sap 13, wo das Ver­hält­nis zur grie­chi­schen Phi­lo­so­phie und Kul­tur ins­ge­samt reflek­tiert wird:

13 1Von Natur aus sind alle Men­schen nich­tig, die von der Gott­heit

nichts wis­sen, die in den sicht­ba­ren Gütern nicht die wirk­lich Sei­en­de

zu erken­nen ver­moch­ten, / und die, wenn sie den Wer­ken ihre Auf merk­sam­keit zuwen­den, nicht aner­ken­nen, wer sie gestal­tet, / 2 son­dern

mei­nen, das Feu­er oder der *Geist oder die flüch­ti­ge Luft / oder der Kreis

der Gestir­ne oder das mäch­ti­ge Was­ser / oder die welt­be­herr­schen­den Him­mels­leuch­ten sei­en *Göt­ter. / 3Wenn sie sich aber an deren Schön­heit erfreu­ten und sie für Göt­ter hiel­ten, / soll­ten sie auch erken­nen, um wie viel bes­ser als die­se die Kraft ist, die sie lei­tet; / der Ursprung aller Schön­heit näm­lich hat sie erschaf­fen. / 4Wenn sie aber über deren Macht und Wirk­kraft stau­nen, / soll­ten sie an ihnen mer­ken, wie viel mäch­ti­ger die ist, die sie berei­tet hat. / 5Aus der Grö­ße und der Schön­heit der Geschöp­fe / lässt sich durch einen ana­lo­gen Schluss die­je­ni­ge schau­en, die sie geschaf­fen hat. / 6Trotzdem trifft sie des­we­gen nur gerin­ger Tadel: / Sie las­sen sich schnell irre­füh­ren, / auch wenn sie Gott suchen und fin­den wol­len. / 7 Sie hal­ten sich näm­lich bei den Wer­ken auf, durch­for­schen sie / und las­sen sich vom Anblick ver­füh­ren, weil das, was sie sehen, schön ist. / 8 Aller­dings sind sie trotz­dem nicht ent­schuld­bar; / 9wenn sie so viel zu erken­nen ver­moch­ten, / dass sie die *Welt tref­fend erfas­sen konn­ten – / war­um haben sie die bestim­men­de Macht dar­in nicht schnel­ler gefun­den? 10Unglücklich sind sie und set­zen auf Totes ihre Hoff­nung, / die Wer­ke von Men­schen­hän­den *Göt­ter oder Göt­tin­nen genannt haben, / Gold und Sil­ber, hand­werk­lich Gestal­te­tes, / Nach­bil­dun­gen von Lebe­we­sen / oder unbrauch­ba­ren Stein, ein Werk alter­tüm­li­cher Hand.

11 Es ist so, als ob Men­schen, die Holz bear­bei­ten, einen geeig­ne­ten Baum

absäg­ten, / des­sen Bor­ke rings­um kun­dig ent­fern­ten / und ihn schön bear­bei­te­ten, / dar­aus ein nütz­li­ches Gerät berei­te­ten zum Dienst im All­tag. /

12 Die Abfäl­le ihres Werk­stücks aber ver­wen­de­ten sie / für die Zube­rei­tung

von Essen, um sich zu sät­ti­gen[6].

Der „ana­lo­ge Schluss“ ist wohl ein Schluss vom Klei­ne­ren aufs Grö­ße­re, der aber durch Ent­spre­chung, wie die Bibel in gerech­ter Spra­che ἀναλόγως (ana­lo­gos) in 13,5 über­setzt, ermög­licht ist. Logisch-semio­tisch han­delt es sich um eine Hypo­the­se bzw. Abduk­ti­on. Die Auto­ren von Sap 13 ver­ste­hen das aber wohl noch nicht so.

Sap 13 macht also Frie­den mit der grie­chi­schen Kul­tur, allein die Bil­der und Sta­tu­en von Göt­tin­nen und Göt­tern wer­den scharf kri­ti­siert, wie bei Dtjes und Jer. Auch hier ist zu erken­nen, dass der kri­ti­sche Aspekt im „Sich-ein-Bild-Machen“ liegt. Aber die Leis­tun­gen der vor­s­o­kra­ti­schen Phi­lo­so­phie wer­den aner­kannt, auch wenn sie nicht zur Erkennt­nis des einen, ein­zi­gen wah­ren Got­tes geführt hät­ten, den die Sapi­en­tia aber für mög­lich hält. Sowohl in Mat 6, 1Kor 1, Röm 1 als auch in Joh 1 fin­den sich Reso­nan­zen die­ses wich­ti­gen bibli­schen Tex­tes.

Das soll­te uns ermu­ti­gen, auch Gen 1,26f noch etwas tief­sinn­ger zu inter­pre­tie­ren.

Das hier eine Bild­auf­fas­sung bezüg­lich Mensch und Gott gilt, ist m. E. über­zu­fäl­lig. Denn seit dem sechs­ten Jahr­hun­dert v. d. Z. gab es sei­tens Xeno­pha­nes in Grie­chen­land die The­se, dass die Göt­ter und Göt­tin­nen Bil­der sei­en, die sich die Men­schen mach­ten. Jen­seits die­ser Bil­der, die Xeno­pha­nes als blo­ße Fik­tio­nen ansah, gab es für ihn den alles ande­re als anthro­po­mor­phen, men­schen­ähn­li­chen Gott.

Die Bibel reagiert dar­auf so, dass sie sagt, gut, das ist so. Aber Gott hat ein eige­nes Bild von sich, dem­entspre­chend er die Men­schen geschaf­fen hat.

U. a. besteht die Leis­tungs­fä­hig­keit die­ses Kon­zepts dar­in, die Mög­lich­keit ver­schie­de­ner Bil­der von Gott in der Bibel anzu­deu­ten und die Leser/inn/en damit nicht völ­lig allein damit zu las­sen, dass Gott Trans­for­ma­tio­nen durch­zu­ma­chen scheint.

Uns ent­las­tet das Kon­zept davon, die Bibel für his­to­risch rich­tig und natur­wis­sen­schaft­lich exakt zu ver­ste­hen, was eigent­lich auch seit 300 Jah­ren klar ist, dass dies nicht der Fall ist. Wer das tun will, trifft aber immer wie­der auf Ein­wän­de von Christ/inn/en., die m. E. ängst­lich und zugleich nicht hin­rei­chend über die Bibel infor­miert sind.

Fol­gen wir der Ein­lei­tung der Bibel, dann gilt:

Sie will bild­lich gele­sen wer­den, geschrie­ben von ver­schie­den­ge­schlecht­li­chen Bil­dern Got­tes, der eben­falls ein Bild von sich hat und die Men­schen danach geschaf­fen hat.

Bei­de Wesen, Gott und der ver­schie­den­ge­schlecht­li­che Mensch, sind mit­hin bild­li­che Wesen – und Bil­der ver­wen­den­de oder Bil­der pro­du­zie­ren­de Wesen. Zumin­dest in der LXX ist damit unter­stellt, dass der bild­li­che Mensch auch bild­lich von Gott spricht.

Gen 1,26f ist aber auch ein Beleg dafür, dass schon in der Anti­ke und auch in der Bibel reli­giö­se Rede als bild­li­che Rede auf­ge­fasst wur­de. Das zeigt sich in der grie­chi­schen Phi­lo­so­phie und an der Homer-Inter­pre­ta­ti­on in den Schu­len sowie in der alle­go­ri­schen Aus­le­gung der LXX im alex­an­dri­ni­schen Juden­tum und auch im NT (Hebrä­er­brief).

Dies ist jeden­falls der Weg, wie eine Herm­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments den Inhalt ihrer Tex­te inter­pre­tie­ren kann. Sie muss nicht ver­su­chen, die Bil­der, Erzäh­lun­gen usf. irgend­wie his­to­risch oder als Beschrei­bung natür­li­cher Sach­ver­hal­te zu lesen.

3.  Der Hinweis Wittgensteins

Die Inter­pre­ta­ti­on reli­giö­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on als bild­lich ist­phi­lo­so­phisch vor allem von Lud­wig Witt­gen­stein vor­ge­schla­gen wor­den. Sei­ne Posi­ti­on ist den­je­ni­gen von Bult­mann und Dew­ey ver­wandt. Er ver­wen­det aber expli­zit einen Bild­be­griff, um reli­giö­se Kom­mu­ni­ka­ti­on zu kenn­zeich­nen.

Es ist gesagt wor­den, dass das Chris­ten­tum auf einer his­to­ri­schen Grund­la­ge beruht. Es ist tau­send­mal von intel­li­gen­ten Men­schen gesagt wor­den, dass die Unbe­zwei­fel­bar­keit in die­sem Fall nicht aus­reicht. Selbst wenn es genau­so vie­le Bewei­se wie für Napo­le­on gäbe. Denn die Unbe­zwei­fel­bar­keit wür­de nicht aus­rei­chen, mein gan­zes Leben zu ändern.[7]

M. E. behaup­tet Witt­gen­stein zu Recht, dass die His­to­ri­zi­tät Jesu usf. exis­ten­zi­ell uner­heb­lich wäre. Ent­schei­dend ist, ob ich „mein gan­zes Leben … änder(e)“. Die­se Lebens­än­de­rung kann durch Bil­der ermög­licht wer­den, aber eben nicht durch „Bewei­se“. Die Reli­gi­on als Lebens­form arbei­tet mit­hin mit ande­ren Kom­mu­nikti­ons­for­men als die Wissenschaft(en).

Witt­gen­stein for­mu­liert das pro­gram­ma­tisch:

Reli­giö­se Bil­der sind “Lebens­re­geln in Bil­der geklei­det”[8].

Das ist eher ein reli­gi­ons­so­zio­lo­gi­scher Ent­wurf. Die Lebens­re­geln einer reli­giö­sen Form, hier beson­ders der christ­li­chen, wer­den durch „Bil­der“ bezeich­net.

Witt­gen­stein zeigt auf, dass es in reli­giö­sen Bil­dern dar­um geht

  • das eige­ne Leben zu ändern.

Und die in reli­giö­sen Bil­dern dar­ge­stell­ten Lebens­re­geln sind

  •          Trans­for­ma­ti­ons­re­geln, wie die­se Ände­rung geschieht bzw. sta­bil blei­ben kann.

M. E. macht Witt­gen­stein mit Recht dar­auf auf­merk­sam, dass hier kei­ne his­to­ri­schen oder natur­wis­sen­schaft­li­chen Bewei­se eine Ver­bes­se­rung oder Ent­las­tung für reli­gi­ös inter­es­sier­te Men­schen erbrin­gen.

Was also lebens­än­dernd ist, muss nicht durch die expe­ri­men­tel­le

Metho­de als wahr­schein­lich gel­ten­de Regel bestä­tigt sein.

Es muss auch nicht den Cha­rak­ter wahr­schein­li­cher his­to­ri­scher Vor­gän­ge haben.

Es kön­nen auch Bil­der sein, die zu Lebens­än­de­run­gen füh­ren.

Die Ein­lei­tung zur Bibel belegt mit­hin, dass die jüdi­sche und christ­li­che Reli­gi­on kei­ne Fäl­le aus der Kin­der- oder Jugend­zeit von Natur- oder Geschichts­wis­sen­schaft sind.

Was sind sol­che Bil­der?

Es gibt:

  • Men­ta­le Bil­der (inne­re visu­el­le Phä­no­me­ne im Bewusst­sein, die neu­ro­na­le Pro­zes­se als Kor­re­lat besit­zen – auch Träu­me müs­sen erin­nert wer­den);
  • plas­ti­sche Dar­stel­lun­gen, z. B. Sta­tu­en;
  • gra­fi­sche Dar­stel­lun­gen wie Zeich­nun­gen, Bil­der der     bil­den­den Kunst oder im Inter­net;
  • sprach­li­che Bil­der, wozu Meta­phern, Sym­bo­le und          Erzäh­lun­gen gehö­ren – und
  • Dazu kom­men:
  • Got­tes Selbst­bild und sei­ne weib­li­chen und männ­li­chen Bil­der (Gen 1,26f).

Dabei besagt der beim letz­ten Mal im Gespräch mit Mag­da­le­ne Frett­löh erar­bei­te­te Sinn des Bil­der­ver­bots, dass wir sol­che Bil­der als Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wei­sen von Gott und Men­schen ver­wen­den, die sich mit­hin kein Bild von Gott oder Men­schen machen  – und sich ihrer zu bemäch­ti­gen ver­su­chen. Aber wenn wir Gott und unse­re Mit­men­schen nicht ver­ge­gen­ständ­li­chen oder „veob­jek­ti­vie­ren“ wol­len, soll­ten wir bild­lich von ihnen spre­chen, sie malen usf. Das ist wohl der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mo­dus der Reli­gi­on, sicher auch der Kunst. Das ist natür­lich an allen Reli­gio­nen zu unter­su­chen. Für das Neue Tes­ta­men und die Prä­ka­no­ni­sche Edi­ti­on gilt dies jeden­falls.

Wie die Zusam­men­stel­lung der ver­schie­de­nen For­men von Bil­dern zeigt, geht es nicht nur um sprach­li­che Zei­chen, son­dern da Män­ner und Frau­en sowie Ritua­le ein­be­zo­gen sind, um alle bekann­ten Zei­chen­for­men. Frau­en und Män­ner sind leib­li­che Wesen, also sind Gefüh­le, Emp­fin­dun­gen eben­falls zei­chen­bil­dend (etwa in Berüh­run­gen, Seuf­zern, Begeis­te­rungs­äu­ße­run­gen, Geschmacks­emp­fin­dun­gen und Geruchs­emp­fin­dun­gen). Das zen­tra­le Über­gangs­ri­tu­al des Abend­mahls fin­det nur dann statt, wenn Brot geges­sen und Wein (Trau­ben­saft) getrun­ken wird. Zu Ritua­len gehört etwa der Gesang, mit­hin sind im Neu­en Tes­ta­ment auch musi­ka­li­sche Zei­chen erfasst bzw. ange­deu­tet[9].

Immer aber geht es um Fol­gen­des:

Mk 1,14: Nach­dem … Johan­nes gefan­gen genom­men wor­den war, kam Jesus nach Gali­läa und pre­dig­te das Evan­ge­li­um Got­tes

15 und sag­te: „Die Zeit ist erfüllt und die Got­tes­herr­schaft ist nahe her­bei­ge­kom­men.

Kehrt um und ver­traut auf das Evan­ge­li­um!“

Es geht in die­sen Bil­dern also um eine Keh­re des eige­nen Lebens, um eine Umkehr ange­sichts der nahe gekom­me­nen Got­tes­herr­schaft – die Men­schen sol­len  ange­sichts des­sen ihr Leben ändern. Wie Witt­gen­stein rich­tig sah, gilt dies jeden­falls für das Chris­ten­tum. Der ursprüng­li­che Umkehr­ruf Jesu und die Erzäh­lun­gen von sei­ner Auf­er­ste­hung  bzw. genau­er von sei­nem „Auf­ste­hen“ haben die­sel­be Bot­schaft:

Du musst Dein Leben ändern!“ (Ril­ke)

Unter die­sen Bil­dern sind m. E. die Erzäh­lun­gen am wich­tigs­ten, da sie Selbst­ver­ständ­nis­se nar­ra­tiv dar­stel­len kön­nen. Der Wind hat sich in eini­gen Wis­sen­schaf­ten in den letz­ten 20 Jah­ren gedreht. Die Fra­ge, ob die erzäh­le­ri­schen Ent­fal­tun­gen des Umkehr­rufs Jesu unbe­deu­tend oder bedeu­tend sind, lässt sich heu­te dis­ku­tie­ren. Es scheint ernst­haft erwo­gen wer­den zu kön­nen, ob die ver­schie­de­nen sozia­len Sys­te­me nicht durch­weg an Erzäh­lun­gen oder Nar­ra­ti­ven ori­en­tiert sind[10].

Das lässt sich teils mit­ein­an­der ver­bin­den, teils aber auch nicht. Schon Schlei­er­ma­cher sah in sei­nen Reden, dass die Ver­un­si­che­rung des indi­vi­du­el­len Lebens durch den Zwang, an der Markt­kom­mu­ni­ka­ti­on teil­neh­men zu müs­sen, um sich selbst erhal­ten zu kön­nen, der Kon­zen­tra­ti­on auf reli­giö­se Bil­der nicht güns­tig sei.[11] Etwas pla­ka­tiv kann heu­te gefragt wer­den, ob sich die Fol­ge des Umkehr­rufs Jesu, die sich in der Fein­des­lie­be aus­drückt und ihre groß­ar­ti­ge Dar­stel­lung in der Erzäh­lung vom Barm­her­zi­gen Sama­ri­ta­ner (Lk 10,25-37) gefun­den hat, nicht durch ande­re Erzäh­lun­gen aus der Spiel­theo­rie stark infra­ge gestellt wird. Denn die­se reden vom „kon­kur­rie­ren­den Nut­zen­ma­xi­mie­rer“, wenn sie bei­spiels­wei­se das „Gefan­gen­di­lem­ma“[12] erzäh­len.[13]

Es wird in die­sen Erzäh­lun­gen nahe­ge­legt, den eige­nen Vor­teil zu suchen. Ham­pe weist mit Recht dar­auf hin, dass die­se Erzäh­lun­gen gegen­wär­tig welt­weit mäch­ti­ger sind als ande­re, die vor­her bedeu­tend waren.

4.  Der „aufgeweckte Gekreuzigte‘‘ als Bild Gottes und seine Schwestern und Brüder

Wir ori­en­tie­ren uns an Bult­manns Dik­tum, Jesus von Naza­reth sei ins Keryg­ma „auf­ge­stan­den“ bzw. auf­er­stan­den und wen­den uns nun der her­me­neu­tisch auf­schluss­rei­chen Figur zu, die von Chris­tus als εἰκών θεοῦ (eikon theou [Bild Got­tes] spricht. Eck­art Rein­muth (vgl. Anm. 3) hat dazu einen wich­ti­gen Bei­trag geleis­tet, der die­se Rede in der Kai­ser­zeit loka­li­siert, in der ein Gekreu­zig­ter als Bild Got­tes als got­tes­läs­ter­lich, jeden­falls aber nicht als staats­kon­form ange­se­hen wur­de. War Jesus von Naza­reth doch vom römi­schen Staat gewalt­sam und grau­sam hin­ge­rich­tet – und aus der römi­schen Gesell­schaft aus­ge­schlos­sen wor­den. Dies ist sowohl im pau­li­ni­schen Kon­text als auch im Hebr notiert. Aber die Pas­si­ons­ge­schich­ten der Evan­ge­li­en­samm­lung bie­ten aus­führ­li­che nar­ra­ti­ve Dar­stel­lun­gen die­ses Gesche­hens, die natür­lich men­ta­le Bil­der bei den Rezi­pie­ren­den erzeu­gen. Nie­mand bei Ver­stand kann über­se­hen, dass die Christ/inn/en Gott mit dem Schick­sal die­ses gefol­ter­ten, ver­höhn­ten und ermor­de­ten Men­schen zusam­men­se­hen, zumal sie mythoi von sei­nem „Auf­ste­hen“ bzw. „Auf­ge­weckt­wer­den“ erzäh­len, die ja besa­gen, dass Gott sich mit dem aus der römi­schen Gesell­schaft Aus­ge­schlos­se­nen „iden­ti­fi­ziert“ hat, wie seit Eber­hard Jün­gel immer wie­der gesagt wird, auch Rein­muth tut es: 271. Und dies war den anti­ken Leser/inne/n eben­falls prä­sent  – und das ist auch das Ziel der Pas­si­ons­ge­schich­ten. Also als Bele­ge für das Vor­kom­men der Rede von der εἰκών θεοῦ (eikon theou [Bild Got­tes]) sind m. E. auch die Pas­si­ons­ge­schich­ten der Evan­ge­li­en zu wer­ten.

An der inhalt­li­chen Bestimmt­heit der Bezeich­nung eikon theou mit dem Gekreu­zig­ten hält Rein­muth m. E. zu Recht fest. Er bestimmt aller­dings nicht den Zei­chen­cha­rak­ter des so bestimm­ten Bil­des Got­tes, son­dern ana­ly­siert sei­ne wahr­schein­li­che Ver­wen­dungs­wei­se als Gegen­zei­chen gegen kai­ser­li­che „Bild­pro­gram­me“.

Aber auch hier han­delt es sich wie in Gen 1,26f um ein iko­ni­sches Zei­chen. Die­ses bezeich­net Gott vor dem Hin­ter­grund von Inter­pre­t­an­ten, wel­che die grau­sa­me Pra­xis des Römi­schen Reichs betref­fen – und auf die­sen Inter­pre­t­an­ten­as­pekt legt Rein­muth Wert. Die Bri­sanz der Bezeich­nung liegt frei­lich dar­in, dass der (auf­ge­weck­te) Gekreu­zig­te das Bild Got­tes sein soll. M. E. ist es wesent­lich, hier den iko­ni­schen Cha­rak­ter wie in Gen 1,26f zu bestim­men. Er ist Gott ähn­lich, aber eben auch unähn­lich  – wie das bei Frau­en und Män­nern im Ver­hält­nis zu Gott eben­falls der Fall ist. Wäre Gott sozu­sa­gen „abge­bil­det“, dann wäre Gott eben­falls zumin­dest zeit­wei­se tot. Doch die iko­ni­sche Zei­chen­form ermög­licht es, das als einen Aspekt im Pro­zess Got­tes zu bestim­men, frei­lich ein sol­cher, der das Wesen Got­tes bild­lich bestimmt. Von Gott kann nicht mehr genau gere­det wer­den, wenn sie oder er nicht auf die­sen kon­kre­ten Hin­rich­tungs- und Aus­schlie­ßungs­tod bezo­gen wird.

Rein­muth weist nach, dass die­se Eer­zeu­gung men­ta­ler Bil­der Got­tes zur rhe­to­ri­schen Pra­xis des Pau­lus gehört hat. Im Vor­der­grund steht Gal 3,1 mit der For­mu­lie­rung, dass Pau­lus den Galater/innen doch Chris­tus als Gekreu­zig­ten vor Augen gemalt habe: οἷς κατ’ ὀφθαλμοὺς Ἰησοῦς Χριστὸς προεγράφη ἐσταυρωμένος (hois kat‘ oph­tal­mous Iesus Chris­tos pro­egra­fe estau­ro­me­nos). Pau­lus nimmt hier auf sei­ne rhe­to­ri­sche Pra­xis Bezug und erin­nert an sie. Die unbe­son­ne­nen Galater/innen schei­nen das ver­ges­sen zu haben. Was hier nur ange­deu­tet ist, ist im 2Kor 4,3ff expli­zit sicht­bar:

3Wenn aber unse­re *Freu­den­bot­schaft den­noch zuge­deckt ist,

dann ist sie es bei den Ver­lo­re­nen, 4 bei Men­schen, die ungläu­big sind und

Gott nicht ver­trau­en. Ihr Ver­stand ist von der *Gott­heit die­ses *Zeit­al­ters ver­dun­kelt wor­den. So sehen sie das hel­le Licht der Freu­den­bot­schaft nicht,

den *Licht­glanz des Mes­si­as, wel­cher das Bild Got­tes ist.

5Wir ver­kün­den ja nicht uns selbst, son­dern dass Jesus Chris­tus *Herr ist –

und uns selbst um Jesu wil­len als Men­schen, die für euch *Skla­ven­ar­beit tun.

6Denn Gott sprach: Licht soll aus der Dun­kel­heit auf­strah­len, und Gott hat

ein hel­les Strah­len in unse­re Her­zen gege­ben, sodass wir das *Leuch­ten der

Gegen­wart Got­tes im Ange­sicht des *Mes­si­as Jesus erken­nen.

7Doch die­sen Schatz haben wir in zer­brech­li­chen Gefä­ßen. So stammt die

alles über­stei­gen­de Kraft von Gott und nicht von uns. 8Von allen Sei­ten

wer­den wir bedrängt, doch wir haben Raum. Wir wis­sen nicht wei­ter,

doch wir ver­zwei­feln nicht. 9Wir wer­den ver­folgt, doch nicht von Gott

im Stich gelas­sen. Wir wer­den zu Boden gewor­fen, doch wir gehen nicht

zugrun­de. 10Immer tra­gen wir das Ster­ben Jesu an unse­rem *Leib mit

uns. Genau­so erscheint an unse­rem Leib auch das Leben Jesu. 11Wir,

die wir leben, wer­den ja wegen Jesus fort­wäh­rend dem Tod aus­ge­lie­fert.

Somit erscheint Jesu Leben auch in unse­rer sterb­li­chen *Exis­tenz. 12Daher

ist in uns der Tod wirk­sam, aber das Leben in euch.[14]

In der Auf­zäh­lung, rhe­to­risch der  Ekphra­sis der Ereig­nis­se, die sich am σῶμα  (soma, Leib) des Pau­lus für die Rezi­pie­ren­den sicht­bar voll­zie­hen, erscheint bild­lich die Offen­ba­rung des auf­ge­weck­ten Gekreu­zig­ten. Am lei­den­den Leib des Pau­lus wer­den Tod bzw. Ster­ben Jesu und auch das Leben Jesu offen­bar, die Über­set­zung Mar­le­ne Crü­se­manns in der Bibel in gerech­ter Spra­che wählt den Aus­druck „erschei­nen“, was o. k. ist. Soweit das Bei­spiel, in dem das gesam­te Syn­drom ent­hal­ten ist, das Pau­lus in Gal 3,1 meint. Rein­muth zeigt wei­ter, dass in der Rhe­to­rik Text, Rede und Bild kei­ne getrenn­ten Medi­en sind (259ff), sodass das für eine Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments auch kein The­ma ist. Vie­le Tex­te ver­su­chen men­ta­le Bil­der zu erzeu­gen, was zur rhe­to­ri­schen Pra­xis gehört.

Ein letz­ter Aspekt sind die Schwes­tern und Brü­der des Bil­des Got­tes. Denn die­se wer­den dem Bild des Soh­nes Got­tes gleich, wie Röm 8,29 fest­hält. Der auf­ge­weck­te Gekreu­zig­te ist ja der Erst­ge­bo­re­ne unter vie­len Schwes­tern und Brü­dern. Bei Pau­lus zeigt sich daher ganz deut­lich, dass die Bild­struk­tur von Frau und Mann in die Leib­lich­keit der Geschwis­ter des Gekreu­zi­gen über­geht. Εἰκών θεοῦ (eikon theou [Bild Got­tes]) ist daher ein Trans­for­ma­ti­ons­kon­zept mit­tels des­sen die Unter­schie­de von Men­schen und Gott bezeich­net wer­den, aber eben auch ihre gro­ße Nähe. Der Cha­rak­ter des Kon­zepts als iko­ni­sches Zei­chen, das Gott bezeich­net – und das vor dem Hin­ter­grund der anti­ken Bil­der­welt der Kreu­i­gungs­stra­fe gibt ein exis­ten­zi­el­les Selbst­ver­ständ­nis zu ver­ste­hen, das viel­leicht immer noch rele­vant ist.

Ich fas­se zusam­men:

  1. Der Aus­druck εἰκών θεοῦ bezeich­net die Men­schen als iko­ni­sche Zei­chen, die Gott vor dem Hin­ter­grund des Inter­pre­t­an­ten Ähn­lich­keit und Unähn­lich­keit
  2. Die Behaup­tung Witt­gen­steins, reli­giö­se Bil­der sei­en „Lebens­re­geln in Bil­der geklei­det“, ist frucht­bar.
  3. Wird der Gekreu­zig­te als εἰκών θεοῦ ver­stan­den, wer­den sowohl Gott als auch die Men­schen näher bestimmt. Hier rückt die Leib­lich­keit in den Vor­der­grund
  4. 5.  Rückfragen und eigenständige Beiträge

    1. Ich den­ke, es ist wich­tig, die Bild­auf­fas­sung in der Ein­lei­tung zur Bibel auf die Posi­ti­on des Xeno­pha­nes zu bezie­hen. Es wird daher nicht geleug­net, dass Men­schen Bil­der von Gott pro­du­zie­ren – aber das reicht nicht aus. Denn Gott hat selbst ein Bild von sich, nach dem er die Men­schen erschaf­fen hat.

    Die Posi­ti­on des Xeno­pha­nes lässt nur nicht-anthro­po­mor­phe Rede von Got zu, das Gegen­teil ist aber über­wie­gend in der Bibel der Fall. Wei­ter­hin ermög­licht Gen 1,26f, die viel­fäl­ti­gen Got­tes­kon­zep­tio­nen in der Bibel als Bil­der zu lesen.

    1. Die­se The­se kann nur ein­leuch­ten, wenn es meh­re­re Fäl­le ähn­li­chen Spre­chens inner­halb der Bibel gibt. M. E. habe ich das durch die Ana­ly­se der Bezeich­nung ϵἰκών θεοῦ (eikon theou) zu leis­ten ver­sucht, weil die glei­che Struk­tur bei Pau­lus erneut auf­taucht (iko­ni­sches Zei­chen, das im Inter­pre­t­an­ten­as­pekt das Zei­chen als dem Bezeich­ne­ten ähn­lich und unähn­lich dar­stellt).
    2. Die Metho­de, die ich ver­wen­det habe, ist die­je­ni­ge der Abduk­ti­on. Ich hat­te die Idee, dass es so sein kön­ne. Dann muss ich Gen 1,26f nicht völ­lig iso­liert als Ein­zel­er­eig­nis in der Bibel inter­pre­tie­ren, son­dern unter­stel­len, dass es ein Fall einer Regel Der her­me­neu­ti­sche Aspekt die­ser Regel besagt: Ange­sichts der Viel­falt in der Bibel soll­te bild­lich von Gott und den Men­schen gespro­chen wer­den. Ich ver­stär­ke die Plau­si­bi­li­tät die­ser Annah­me durch den Hin­weis auf Xeno­pha­nes. Dies wird aber erst dann hin­rei­chend ver­stärkt, wenn min­des­tens ein zwei­ter Fall die­ser Regel bestimmt wer­den kann, was ich mit der Pau­lus-Inter­pre­ta­ti­on ver­sucht habe nach­zu­wei­sen. D. h.: Eine Abduk­ti­on nimmt ein irri­tie­ren­des Ein­zel­er­eig­nis wahr (1), unter­stellt hypo­the­tisch, es sei ein Fall einer Regel (2) und über­prüft das wei­ter, indem ähn­li­che Fäl­le gesucht wer­den.
    3. Ver­wan­delt die Bild­theo­rie reli­giö­ser Kom­mu­ni­ka­ti­on, reli­giö­ses Han­del nin Ethik? M. E. ist das nicht so gefähr­lich, wenn die Ethik Schlei­er­ma­chers zugrun­de gelegt wird, weil dort der Reli­gi­on mit indi­vi­du­el­lem Bezeich­nen ja ein bestimm­ter Ort in allen mensch­li­chen Hand­lun­gen zuge­wie­sen wird – und Witt­gen­steins Bild­kon­zep­ti­on zeigt eine Mög­lich­keit auf, wie sol­che Bezeich­nungs­pro­zes­se eine Lebens­form bestim­men kön­nen. Alle Aspek­te reli­giö­ser Zei­chen kön­nen prak­tisch inter­pre­tiert wer­den. Ich habe dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das bei Gen 1,1-2,4a auf der Hand liegt, weil dort jeden­falls auch der Zeit­rhyth­mus von Arbeit und Ruhe erzäh­le­risch bestimmt wird.
    4. Eine ande­re Fra­ge ist, ob die­se Schlei­er­ma­cher­sche Fort­schrei­bung Witt­gen­steins des­sen eige­nem Ethik­ver­ständ­nis ent­spricht, das kein kogni­ti­ven usf. Begrün­dun­gen usf. zulässt. „Ich han­de­le so!“. Ich wür­de das nicht als Fun­da­men­ta­lis­mus betrach­ten, son­dern mit dem Aspekt der Erst­heit bei Peirce inter­pre­tie­ren, ein spon­ta­ner Aspekt der Erfah­rung, den ich erst ein­mal hin­neh­me und ent­spre­chend han­de­le. Nach Peirce ergibt sich aber in unse­rer Erfah­rung ein zwei­ter Aspekt, in dem wir Wider­stand spü­ren, z. B., wenn es ande­re Posi­tio­nen gibt oder ande­re Aspek­te mei­ne spon­ta­ne Wahr­neh­mung infra­ge­stel­len. Den ers­ten und zwei­ten Aspekt ver­su­chen wir dann durch eine all­ge­mei­ne­re Kon­zep­ti­on zu ver­bin­den, das ist der drit­te Aspekt der Erfah­rung (Phä­no­men und Logik, 51ff). Ich wür­de Witt­gen­stein aber kon­ze­die­ren, dass man/frau sich auf die­sen ers­ten Aspekt beschrän­ken kann, wenn er/sie sich dazu ent­schei­det. Witt­gen­stein erin­nert mich in die­ser Fra­ge etwas an Kier­ke­gaard.
    5. Die Idee, das sozia­le Sys­te­me wie das Wirt­schafts­sys­tem an Nar­ra­ti­ven ori­en­tiert sind, klingt zwar viel­leicht steil, ist aber m. E. plau­si­bel, vgl. Ham­pe.

     

     

     

     

     

     

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Vgl. zuletzt Exo­dus, 2015.

[2] Prä­senz im Ent­zug. Ambi­va­len­zen des Bil­des, 2011 (HUTh).

[3] So auch Eck­hart Rein­muth, Das Bild Got­tes als Poli­ti­kum usf., in: Stoellger/Klie (Anm. 1), 257ff, 265 Anm. 41, mit Bezug auf Rena­te Schle­si­er.

[4] Peirce, Phä­no­men und Logik der Zei­chen (Vor­le­sung I), 64ff.

[5] Ethik (Vor­le­sung I [Anm. 3]), 8.

[6] Bibel in gerech­ter Spra­che, z. St. (leicht ange­passt)

[7]Lud­wig Witt­gen­stein, Gesprä­che über Reli­gi­on, Psy­cho­ana­ly­se, Ästhe­tik, 3 Aufl. 2005, 79f.

 

[8] Witt­gen­stein, Ver­misch­te Bemer­kun­gen. Frank­furt a. M. 1994, 67

[9] Vgl. auch Johann Hin­rich Claus­sen, Got­tes Klän­ge. Eine Geschich­te der Kir­chen­mu­sik, Mün­chen 2014.

[10] Albrecht Koschor­ke, Wahr­heit und Erfin­dung. Grund­zü­ge einer All­ge­mei­nen Erzähl­theo­rie, Frankfurt/M. 2011; Micha­el Ham­pe, Die Leh­ren der Phi­lo­so­phie. Eine Kri­tik, Ber­lin 2014; Mar­tin Pött­ner, Die Zer­brech­lich­keit der Evan­ge­li­ums­kom­mu­ni­ka­ti­on. Semio­ti­sche Stu­di­en zum Mar­ku­sevan­ge­li­um, Hei­del­berg 2001.

[11] Fried­rich Schlei­er­ma­cher, Reden über die Reli­gi­on. An die Gebil­de­ten unter ihren Ver­äch­tern, 1799, drit­te Rede.

[12] Zwei Gangs­ter bege­hen gemein­sam einen Raub und wer­den anschlie­ßend gefasst, ohne dass ihnen der Raub nach­ge­wie­sen wer­den könn­te. Der Gefäng­nis­di­rek­tor steckt die bei­den in getrenn­te Zel­len und unter­brei­tet jedem ein­zeln fol­gen­des Ange­bot:

Die Ver­haf­te­ten kön­nen den Raub geste­hen oder leug­nen.

Leug­nen bei­de, dann kann ihnen der Raub nicht nach­ge­wie­sen wer­den. Sie erhal­ten aber eine Stra­fe von 1 Jahr Gefäng­nis wegen uner­laub­ten Waf­fen­be­sit­zes.

Gesteht jedoch einer, dann fun­giert er als Kron­zeu­ge und wird frei gelas­sen. Der ande­re erhält 5 Jah­re Haft.

Geste­hen bei­de, erhal­ten bei­de 4 Jah­re Haft.

Vgl. Chris­ti­an Rieck, Spiel­theo­rie – eine Ein­füh­rung, Esch­born, 12. Aufl., 2013.

[13] Ham­pe (Anm. 9), 38f u. ö.

[14] Bibel in gerech­ter Spra­che, z. St., leicht ange­passt. In der Tat kann frau erwä­gen, hier „Kör­per“ zu über­set­zen, weil σῶμα auch „Lei­che“ hei­ßen kann. Aber das ent­spricht nich der Vita­li­tät die­ses Tex­tes, in dem das pau­li­ni­sche Selbst­ver­hält­nis prä­sen­tiert wird.

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Info:
§ 6 Bildlichkeit ist Beitrag Nr. 5190
Autor:
Martin Pöttner am 12. Juni 2016 um 12:13
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments
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