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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


IV">Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments IV

Ich begrü­ße Sie zum § 4 der Vor­le­sung über die Ein­füh­rung in die neu­tes­ta­ment­li­che Her­me­neu­tik. Zunächst die Fra­ge, gibt es noch Rück­fra­gen zur letz­ten Vor­le­sung über Schlei­er­ma­cher?

 

Die heu­ti­ge Vor­le­sung über Rudolf Bult­mann hat drei Abschnit­te:

Inhalts­ver­zeich­nis

1 Ein­füh­rung

2 Exis­ten­zia­le Inter­pre­ta­ti­on – Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung

3 Fort­schrei­bung

4. Rück­fra­gen und Kri­tik

Das Han­dout der Vor­le­sung befin­det sich hier.

 

1               Ein­füh­rung

Rudolf Bult­mann ist wie Schlei­er­ma­cher ein außer­ge­wöhn­li­cher Theo­lo­ge, der welt­of­fen leb­te und dach­te. Vgl. Sie den Über­blick im Wiki­pe­dia-Arti­kel, wo auch wich­ti­ge Lite­ra­tur­an­ga­ben zu fin­den sind. Sowohl in sei­ner Schu­le und noch stär­ker bei sei­nen Geg­nern herrscht aber eine Lek­tü­re vor dem Hin­ter­grund von Über­ver­ein­fa­chun­gen vor, die sicht­bar macht, dass im evan­ge­li­schen Dis­kurs zu wenig Übung in wis­sen­schafts­theo­re­ti­schen und phi­lo­so­phi­schen Fra­ge­stel­lun­gen besteht. In bei­den Dis­zi­pli­nen war Bult­mann aber gut – und daher wird er m. E. auch heu­te noch in man­chen Aspek­ten falsch inter­pre­tiert und/oder auch falsch bewer­tet. Die durch­schnitt­li­chen Feh­ler fin­den sich auch im Wiki­pe­dia-Arti­kel.

Drei Leis­tun­gen Bult­manns tre­ten her­vor:

  1. gehör­te er zu den Ver­tre­tern der Form­ge­schich­te, die für das Neue Tes­ta­ment eine Art reli­gi­ons­so­zio­lo­gisch inspi­rier­ter hypo­the­ti­scher Theo­rie der Ent­ste­hung der syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en ent­wi­ckel­te, was sich in Bult­manns „Geschich­te der syn­op­ti­schen Tra­di­ti­on“, 1921ff nie­der­schlug. Es geht um eine Art Theo­rie der urchrist­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on, was die syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en betrifft.
  2. war er der bedeu­tends­te Ver­tre­ter der „Reli­gi­ons­ge­schicht­li­chen Schu­le“ in der neu­tes­ta­ment­li­chen Wis­sen­schaft, wobei hier die Beschrei­bung dua­lis­ti­scher Ent­wür­fe von Gno­sis und Apo­ka­lyp­tik wich­tig waren.
  3. ent­wi­ckel­te er im Gespräch mit Luther, Kier­ke­gaard und auch Mar­tin Hei­deg­ger eine her­me­neu­ti­sche Metho­de, wie bibli­sche Tex­te bei soge­nann­ten „moder­nen Men­schen“ nicht bloß ein „Error-Signal“ aus­lö­sen, die exis­ten­zia­le Inter­pre­ta­ti­on, die seman­tisch koex­ten­siv mit dem „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm“ ist. Nach der bis­her in die­ser Vor­le­sung ent­wi­ckel­ten Begriff­lich­keit han­delt es sich dabei tat­säch­lich um „Her­me­neu­tik“, die ja dazu bei­tra­gen soll, frem­de Zei­chen als sol­che zu erken­nen – und zu über­set­zen. Die impli­zi­ten Leser/innen des NT sind jetzt „moder­ne Men­schen“.

Der drit­te Punkt ist der für uns wich­tigs­te Punkt. Zu den ers­ten bei­den aber eini­ge knap­pe Anmer­kun­gen. Wie in der letz­ten Vor­le­sung bemerkt, setzt sich in der exege­ti­schen Theo­lo­gie all­mäh­lich die Ein­sicht durch, dass die Gat­tun­gen der syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en als beim Sprach­er­werb gelern­te rhe­to­ri­sche Gat­tun­gen Chrie,  Mythos (fabu­la), Gno­me und Para­bel sind. Da die Schü­ler dabei auch lern­ten, die Tex­te situa­ti­ons­ge­mäß zu vari­ie­ren, stellt vor die­sem Hin­ter­grund der syn­op­ti­sche Befund kein gro­ßes Rät­sel dar. In eini­gen Städ­ten ging die­ser Erkennt­nis­pro­zess lang­sa­mer als in ande­ren vor sich, in Mar­burg deu­te­te sich das schon zu mei­ner Stu­di­en­zeit an.

Daher fin­det sich gele­gent­lich bei Systematiker/inn/en der sym­pa­thi­sche Ver­such, ihr bibel­wis­sen­schaft­li­ches Wis­sen zu demons­trie­ren, indem sie bestimm­te Kon­zep­te mit einem „Sitz im Leben“ ver­bin­den. Aber die­se Begriff­lich­keit war lite­ra­tur­wis­sen­schaft­lich boden­los – und das Gemein­te, dass bestimm­te Text­gat­tun­gen auf einen regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den sozia­len Ver­wen­dungs­kon­text schlie­ßen las­sen, gilt nur für Ritua­le, also für Tex­te in der Bibel, wel­che das Initia­ti­ons­ri­tu­al des Juden­tums, die Beschnei­dung der Vor­haut des männ­li­chen Penis, oder das zen­tra­le Über­gangs­ri­tu­al im Juden­tum, die Pes­sach­fei­er, the­ma­ti­sie­ren. Im Chris­ten­tum gilt es für Tex­te, wel­che die Tau­fe und sol­che, wel­che das Abend­mahl the­ma­ti­sie­ren. Alles ande­re wird sich wahr­schein­lich anders beschrei­ben las­sen. Auf jeden Fall hat Bult­mann stets nach­voll­zieh­ba­re Beschrei­bun­gen der ele­men­ta­ren syn­tak­ti­schen Struk­tur der Gat­tungs­mus­ter gelie­fert.

Der zwei­te Punkt bleibt wich­tig, weil Bult­mann u. a. dua­lis­ti­sche Mus­ter in der Apo­ka­lyp­tik und der Gno­sis iden­ti­fi­zier­te. Die Fun­de in Qum­ran und in Nag Ham­ma­di haben die Quel­len­la­ge erheb­lich ver­bes­sert. Für die heu­ti­ge Arbeit ist das noch von erheb­li­cher Bedeu­tung und lässt sich nar­ra­to­lo­gisch rekon­stru­ie­ren. Lei­der trat in der „Reli­gi­ons­ge­schicht­li­chen Schu­le“ der umfas­sen­de­re Blick auf die Welt­re­li­gio­nen zurück, sodass Schlei­er­ma­cher hier einen kla­ren Vor­sprung vor Bult­mann hat.

2               Exis­ten­zia­le Inter­pre­ta­ti­on – Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung

Vgl. Sie dazu mei­nen Arti­kel vor allem wg. der Lite­ra­tur­an­ga­ben

Das Zei­chen „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ bezeich­net einen Begriff (einen Inter­pre­t­an­ten), der ein bestimm­tes her­me­neu­ti­sches Ver­fah­ren (als dyna­mi­sches Objekt) zum Aus­druck bringt, das von Rudolf Bult­mann 1941 in dem Auf­satz „Neu­es Tes­ta­ment und Mytho­lo­gie“ vor­ge­schla­gen wur­de (Bult­mann 1951; vgl. 1952). Dabei geht es um die Inter­pre­ta­ti­on supra­na­tu­ra­ler (über­na­tür­li­cher) Auf­fas­sun­gen bei Schöp­fung und Erlö­sung. Dar­ge­legt hat er die­ses Ver­fah­ren umfas­send 1949 in sei­ner „Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments“ (Bult­mann 1984). Die Vor­le­sung stellt zunächst die Zeit­dia­gno­se Bult­manns dar, auf wel­che die „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ reagiert (2.1.). 2.2. expli­ziert sodann sei­nen Lösungs­vor­schlag.

2.1. Die expe­ri­men­tel­le Metho­de als „Objek­ti­vie­rung“ der Rea­li­tät

Bult­mann unter­stellt, dass die Metho­de, wel­che abge­stuft in den Natur­wis­sen­schaf­ten Phy­sik, Che­mie und Bio­lo­gie, aber auch in roman­ti­schen For­men die­ser Wis­sen­schaf­ten (Ditt­mer 2001) erfolg­reich war und sich als rea­li­täts­tüch­tig erwie­sen hat, das Expe­ri­ment (Bult­mann 1952, 181) dar­stellt. Was expe­ri­men­tell nicht nach­voll­zo­gen wer­den kann, gilt als über­na­tür­lich (supra­na­tu­ral). Damit bewegt er sich auf dem Niveau der prag­ma­tis­ti­schen Auf­fas­sung die­ser Ent­wick­lung (z. B. Dew­ey 1934). Auch die quan­ten­me­cha­ni­sche Ent­wick­lung in der Phy­sik ändert dar­an nichts (vgl. Bult­mann 1952, 181), denn auch sie beruht u. a. auf den Expe­ri­men­ten Wer­ner Hei­sen­bergs. Dar­über hin­aus grei­fen die expe­ri­men­tel­len Ergeb­nis­se in den All­tag der Men­schen ein. Ich tra­ge mei­ne Vor­le­sung gera­de mit­hil­fe eines Tablet vor. Dies beruht sei­nem Ent­ste­hen nach auf der expe­ri­men­tel­len Metho­de – und alle Ver­än­de­run­gen die­ser im All­tag gegen­wär­ti­ger Men­schen prä­sen­ten Tech­no­lo­gi­en eben­falls. Bult­manns Bei­spie­le sind das Radio und das elek­tri­sche Licht, aber auch die natur­wis­sen­schaft­lich ver­fah­ren­de Medi­zin (Bult­mann 1951, 18) – und natür­lich gilt das eben­falls für roman­tisch inspi­rier­te Medi­zin­for­men wie Homöo­pa­thie und Osteo­pa­thie. Mit­hin ist der All­tag der Men­schen so durch die expe­ri­men­tel­le Metho­de der genann­ten Wis­sen­schaf­ten bestimmt, wie die dadurch erzeug­ten Pro­duk­te den All­tag „moder­ner“ Men­schen bestim­men.

Die­se Metho­de ist Bult­mann zufol­ge „objek­ti­vie­rend“ (vgl. z. B. Bult­mann 1952, 188). D. h., auf­grund bestimm­ter expe­ri­men­tel­ler Vor­ga­ben erge­ben sich stets glei­che Ergeb­nis­se. Dass die­se der Wahr­schein­lich­keits­lo­gik fol­gen, wie in der Quan­ten­me­cha­nik beson­ders gut sicht­bar ist, spricht nicht gegen die­se Auf­fas­sung. Aus­führ­lich: Dew­ey 2008.

Bult­manns wesent­li­ches Argu­ment ist mit­hin all­tags­ori­en­tiert: Der „moder­ne Mensch“ nimmt in sei­nem All­tag an der durch die expe­ri­men­tel­le Metho­de gepräg­ten Kul­tur Teil. Supra­na­tu­ra­le Annah­men im reli­giö­sen Bereich pro­du­zie­ren daher einen logi­schen Wider­spruch, der exis­ten­zi­ell nicht zumut­bar ist.

2.2. Die her­me­neu­ti­sche Reak­ti­on auf die expe­ri­men­tel­le Metho­de

Sofern also neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te ver­su­chen, Rea­li­tät des Glau­bens bzw. eine reli­giö­se Rea­li­tät dar­zu­stel­len, ver­wen­den sie anschei­nend „objek­ti­ve“ „Vor­stel­lun­gen“ (z. B. Bult­mann 1951, 23), die in dop­pel­ter Wei­se pro­ble­ma­tisch sind. Zum einen sind sie kaum auf­grund der expe­ri­men­tel­len Metho­de ent­stan­den. Zum ande­ren aber drü­cken die­se „Vor­stel­lun­gen“ gegen ihren Gehalt die­sen unan­ge­mes­sen aus. Und eben die­se in sich wider­sprüch­li­che Dar­stel­lungs­wei­se bezeich­net Bult­mann als „Mythos“ bzw. als „mytho­lo­gisch“:

Der eigent­li­che Sinn des Mythos ist nicht der, ein objek­ti­ves Welt­bild zu geben; viel­mehr spricht sich in ihm aus, wie sich der Mensch in sei­ner Welt ver­steht; der Mythos will nicht kos­mo­lo­gisch, son­dern anthro­po­lo­gisch – bes­ser exis­ten­zi­al inter­pre­tiert wer­den. Der Mythos redet von der Macht oder den Mäch­ten, die der Mensch als Grund und Gren­ze sei­nes Han­delns und Erlei­dens zu erfah­ren meint“ (Bult­mann [1951], 22; Recht­schrei­bung hier u. ö. leicht ange­passt [M. P.]).

Die­ses Zitat gibt mit eini­gen sei­ner Ele­men­te die inne­re Glie­de­rung von 2.2. vor: 2.2.1. kos­mo­lo­gi­sche Dar­stel­lungs­wei­se bzw. Inter­pre­ta­ti­ons­wei­se des Mythos; 2.2.2. die ent­spre­chen­de „anthro­po­lo­gi­sche“ bzw. „exis­ten­zia­le“ Dar­stel­lungs­art – und 2.2.3. das vom Mythos dar­ge­stell­te Exis­tenz­ver­ständ­nis, wel­ches die „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ ihm ent­nimmt.

2.2.1     Das kos­mo­lo­gi­sche, objek­ti­ve Welt­bild des „Mythos“

Vie­le bibli­sche Tex­te z. B. im NT kön­nen so ver­stan­den wer­den, als stell­ten sie ein „objek­ti­ves“ Gesche­hen dar, dass so gewe­sen ist und auch ent­spre­chend hin­ge­nom­men wer­den muss: „Jesus von Naza­reth ist von den Toten ‚auf­ge­weckt‘ wor­den“ ist sicher­lich eine Behaup­tung, die man aus vie­len Tex­ten exzer­pie­ren könn­te (vgl. z. B. 1Kor 15,1ff).

Kos­mo­lo­gisch inter­pre­tiert“ bedeu­tet das, dass Jesu irdi­sche, phy­si­sche Leib­lich­keit in eine himm­li­sche, geist­li­che Leib­lich­keit ver­wan­delt wor­den ist (vgl. 1Kor 15,44) – und so „erscheint“ (ὤφθη oph­the) der ‚Auf­ge­stan­de­ne‘ vie­len bzw. wird von ihnen „gese­hen“ (1Kor 15,5-8). Die his­to­ri­schen Fra­gen, die sich hier stel­len, ob es sich tat­säch­lich so ver­hal­ten hat, dass er eini­gen erschie­nen ist bzw. die­se eine Visi­on von ihm hat­ten, sind beacht­lich – und nicht sicher zu beant­wor­ten, weil es dazu in den kano­ni­schen Evan­ge­li­en zu vie­le abwei­chen­de Dar­stel­lun­gen gibt – und zudem kein „neu­tra­les“ Pro­to­koll der Ereig­nis­se zu exis­tie­ren scheint. Die Fra­ge Bult­manns geht aber deut­lich dar­über hin­aus: Lässt sich das mit der expe­ri­men­tel­len Metho­de bear­bei­ten? Wel­che Bedin­gun­gen müs­sen gege­ben sein, dass sich dies als eine wie­der­hol­ba­re Situa­ti­on erfas­sen lässt? Denn um eine wie­der­hol­ba­re Situa­ti­on han­delt es sich ja: Chris­tus ist der ers­te (ἀπαρχή apar­chē) der ‚Schla­fen­den‘ (κεκοιμημένων keko­imē­mé­non), der von den Toten ‚auf­ge­weckt‘ (ἐγήγερται ἐκ νεκρῶν egēger­tai ek nekrōn) wur­de (vgl. 1Kor 15,20). Und auf die­se Fra­ge Bult­manns ist bis­lang kei­ne Ant­wort gege­ben wor­den, die im Sin­ne der expe­ri­men­tel­len Metho­de ernst zu neh­men wäre.

Gäbe es dar­auf und für ver­gleich­ba­re anschei­nend „objek­ti­ve kos­mo­lo­gi­sche“ Dar­stel­lun­gen eine Ant­wort, wären mit­hin die Bedin­gun­gen oder eini­ge Bedin­gun­gen in der Natur so, dass sich dies wie­der­holt ereig­nen – und dies expe­ri­men­tell über­prüft wer­den – könn­te, wäre Bult­mann wider­legt.

2.2.2     Die anthro­po­lo­gi­sche Poin­te des „Mythos“

Bult­mann zufol­ge „will“ der „Mythos“ aber gar nicht objek­tiv-kos­mo­lo­gisch inter­pre­tiert wer­den, son­dern anthro­po­lo­gisch bzw. „exis­ten­zi­al“. Für das Ver­ständ­nis von Bult­manns Pro­gramm ist wesent­lich, dass er Tex­te wie das Bei­spiel 1Kor 15 so ver­steht, dass dar­in „Grund und Gren­ze mensch­li­chen Han­delns und Erlei­dens“ so dar­ge­stellt sind, dass sich dar­aus eine Auf­fas­sung ergibt, „wie sich der Mensch in sei­ner Welt ver­steht“ (vgl. Bult­mann 1951, 22) – also für 1Kor 15 etwa, dass der end­li­che Mensch sich nicht von sei­ner Sor­ge um sei­nen bzw. Angst vor sei­nem zukünf­ti­gen Tod umtrei­ben lässt – son­dern sich gegen­wär­tig als ganz gehal­ten emp­fin­det und sich selbst als frei von der Angst vor dem Tod ver­steht. Sol­che Inter­pre­ta­tio­nen stel­len lebens­be­stim­men­de Selbst­ver­ständ­nis­se bzw. Exis­tenz­ver­ständ­nis­se dar, die Bult­mann im Anschluss an Søren Kier­ke­gaard und Mar­tin Hei­deg­ger als Kern per­so­na­ler Exis­tenz begreift. Bult­mann zufol­ge bie­tet Hei­deg­gers Struk­turan­ana­ly­se des „Daseins“ in „Sein und Zeit“ einen ange­mes­se­nen Rah­men, inner­halb des­sen eine exis­ten­zia­le Inter­pre­ta­ti­on vor­ge­hen kann. Denn dort wer­den for­ma­le Mög­lich­kei­ten des geschicht­li­chen Exis­tie­rens zu erfas­sen gesucht, die das tat­säch­li­che Exis­tie­ren bestim­men. Bult­mann hat für die­sen Ent­wurf gro­ße Sym­pa­thie, legt sich aber dar­auf nicht fest (Bult­mann 1952, 191ff). Für Bult­mann steht aber fest, dass das her­me­neu­ti­sche Ver­fah­ren der „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ an die „rich­ti­ge“ Phi­lo­so­phie gewie­sen ist. Dabei han­delt es sich um ein phi­lo­so­phi­sches Unter­neh­men, wel­ches sich damit befasst, „das mit der mensch­li­chen Exis­tenz gege­be­ne Exis­tenz­ver­ständ­nis in ange­mes­se­ner Begriff­lich­keit zu ent­wi­ckeln“ (Bult­mann 1952, 192). Davon sind auch „mythi­sche“ Tex­te bestimmt. Sie drü­cken das aber ambi­va­lent und z. T. auch irre­füh­rend aus, wes­halb „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ erfor­der­lich ist. Bult­mann sichert mit die­ser The­se auch For­mu­lie­run­gen wie die­je­ni­ge ab, der Mythos wol­le anthro­po­lo­gisch inter­pre­tiert wer­den.

Phi­lo­so­phisch erscheint Bult­mann dies gerecht­fer­tigt, weil er im Gefol­ge einer neu­kan­tia­ni­schen Inter­pre­ta­ti­on sei­nes Leh­rers Wil­helm Herr­mann (vgl. Bult­mann 1951, 17 u. ö.), die den kar­te­si­schen Dua­lis­mus wei­ter­führt, behaup­tet:

Der moder­ne Mensch hat merk­wür­di­ger­wei­se die dop­pel­te Mög­lich­keit, sich ganz als Natur zu ver­ste­hen oder als Geist, indem er sich in sei­nem eigent­li­chen Selbst von der Natur unter­schei­det.“ (Bult­mann 1951, 18f)

Dar­in unter­schei­det sich Bult­mann von Dew­ey 1934, mit dem er in vie­len Punk­ten über­ein­stimmt. Bei­de leh­nen „supra­na­tu­ra­le“ reli­giö­se Dar­stel­lun­gen als irre­füh­rend und mit der expe­ri­men­tel­len Metho­de unver­ein­bar ab. Eben­so inter­pre­tie­ren sie reli­giö­se Inter­pre­ta­tio­nen, die aktu­ell ver­ständ­lich sind, als (rea­le) Mög­lich­kei­ten, die das Leben gegen­wär­ti­ger Men­schen prak­tisch bestim­men kön­nen.

2.2.3    Das im „Mythos“ dar­ge­stell­te und exis­ten­zi­al inter­pre­tier­te Exis­tenz­ver­ständ­nis

Bult­mann hat sein Pro­gramm in sei­ner „Theo­lo­gie des Neu­en Tes­ta­ments“ durch­ge­führt. Sie beginnt mit den berühm­ten Sät­zen:

Die Ver­kün­di­gung Jesu gehört zu den Vor­aus­set­zun­gen der Theo­lo­gie des NT und ist nicht ein Teil die­ser selbst. Denn die Theo­lo­gie des NT besteht in der Ent­fal­tung der Gedan­ken, in denen der christ­li­che Glau­be sich sei­nes Gegen­stan­des, sei­nes Grun­des und sei­ner Kon­se­quen­zen ver­si­chert. Christ­li­chen Glau­ben aber gibt es erst, seit es ein christ­li­ches Keryg­ma gibt, d. h. ein Keryg­ma, das Jesus Chris­tus als Got­tes escha­to­lo­gi­sche Heils­tat ver­kün­digt, und zwar Jesus Chris­tus den Gekreu­zig­ten und Auf­er­stan­de­nen.“ (Bult­mann 1984, 1f)

Dar­in steckt zunächst das Pro­blem der „Auf­er­ste­hung Jesu“ bzw. des „Auf­ste­hens“ Jesu, wie diese/s „ent­my­tho­lo­gi­siert“ dar­ge­stellt wer­den kann – und wie rele­vant inhalt­lich die Ver­kün­di­gung Jesu für das christ­li­che bzw. glau­ben­de Exis­tenz­ver­ständ­nis ist. Dar­auf wird am Ende von 2.2.3. ein­ge­gan­gen. Sodann ver­sucht Bult­mann sei­ne Auf­fas­sung, dass es eine for­mal „rich­ti­ge“ Struk­tur­ana­ly­se mensch­li­cher Exis­tenz als Expli­ka­ti­on von Exis­tenz­mög­lich­kei­ten gebe, die dann im christ­li­chen Exis­tenz­ver­ständ­nis bzw. den ein­zel­nen indi­vi­du­el­len glau­ben­den Selbst­ver­ständ­nis­sen das Leben von Men­schen prak­tisch bestim­men kön­nen, anhand der Dar­stel­lung der pau­li­ni­schen Theo­lo­gie zu leis­ten. Danach lässt sich der Aus­druck πίστις (pís­tis dt. Glau­be) als in einer zwei­fa­chen Bezie­hung zum „Men­schen“ ste­hend ana­ly­sie­ren: 1. „Der Mensch vor der Offen­ba­rung der πίστις“ (Bult­mann 1984, 191ff). 2. „Der Mensch unter der πίστις“ (Bult­mann 1984, 271ff). Die ein­zel­nen „Begrif­fe“, wel­che Bult­mann dann ana­ly­siert, wer­den stets auch als Bezeich­nun­gen (rea­ler) Mög­lich­kei­ten mensch­li­chen Erle­bens und Han­delns zu erfas­sen ver­sucht. Bult­mann gelingt es dabei zu zei­gen, dass die pau­li­ni­sche Ver­wen­dung von σῶμα (sōma dt. Leib) an eini­gen Stel­len dazu ten­diert, dass der

Mensch … nicht ein σῶμα (hat), son­dern er ist σῶμα. Denn nicht sel­ten kann man σῶμα ein­fach durch ‚ich‘ (oder ein dem Zusam­men­hang ent­spre­chen­des Per­so­nal­pro­no­men über­set­zen); so 1Kor 13,3; 1Kor 9,27, 1Kor 7,4. oder etwa Phil 1,20)…“ (Bult­mann 1984, 195)

Damit erreicht er, dass die seit Kier­ke­gaar­ds „Begriff Angst“ übli­che Inter­pre­ta­ti­on des Men­schen als Selbst­ver­hält­nis bzw. als das „Sich-zu-sich-selbst-Ver­hal­ten“, das durch die 1. Pers. Sin­gu­lar inde­xi­ka­lisch ange­zeigt wird, als for­ma­le Struk­tur der exis­ten­zia­len Inter­pre­ta­ti­on auch bei Pau­lus nach­ge­wie­sen wer­den kann. Hei­deg­ger hat die­sen Aspekt wei­ter prä­zi­siert, indem er die­ses Sich-zu-sich-selbst-Ver­hal­ten als stän­di­ges Ver­hal­ten zur eige­nen Zukunft bestimmt. Damit erscheint eine Inter­pre­ta­ti­on neu­tes­ta­ment­li­cher und bibli­scher Tex­te mit per­so­na­len Kate­go­ri­en die­sen nicht gewalt­sam ange­tan. Und eine sol­che Inter­pre­ta­ti­on ist für die „Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung“ nach Bult­mann uner­läss­lich.

Was der Pau­lus- und dann auch der Johan­nes-Teil (Bult­mann 1984, 354ff) expli­zit aus­füh­ren, fin­det sich ver­dich­tet schon in Bult­mann 1951, 28ff. Bult­mann ver­steht dies so, dass die struk­tu­rel­len Beschrei­bun­gen einen dyna­mi­schen Pro­zess bezeich­nen, der poten­zi­ell in jedem ein­zel­nen Leben nach­voll­zo­gen wer­den kann. Er unter­stellt, die Situa­ti­on der Men­schen sei prin­zi­pi­ell von der Sor­ge bestimmt (Bult­mann 1951, 28). Dar­aus ergibt sich für jeden Men­schen die rea­le Mög­lich­keit, sich auf das­je­ni­ge zu kon­zen­trie­ren, wes­halb sie oder er sich sorgt – und sich dage­gen abzu­si­chern ver­sucht. Dar­aus folgt, dass er oder sie sein bzw. ihr

Leben“, die jewei­li­ge „eigent­li­che Exis­tenz ver­liert, und … der Sphä­re (ver­fällt), über die er“ oder sie „zu ver­fü­gen und aus der er“ bzw. sie ihre oder „sei­ne Sicher­heit zu gewin­nen meint“ (ebd.).

Die posi­ti­ve Alter­na­ti­ve zu die­ser abge­si­cher­ten und unfrei­en Exis­tenz­form wäre das

ech­te Leben“: „Dem­ge­gen­über wäre ein ech­tes Leben der Men­schen das­je­ni­ge, das aus dem Unsicht­ba­ren, Unver­füg­ba­ren lebt, das also alle selbst geschaf­fe­nen Sicher­hei­ten preis­gibt“ (Bult­mann 1951, 29).

Aus sei­ner nega­ti­ven, unfrei­en Lage könn­te sich der Mensch zu einer posi­ti­ven exis­ten­zia­len Gegen­mög­lich­keit bewe­gen: Das ist die

radi­ka­le Hin­ga­be an Gott, … die damit gege­be­ne Gelöst­heit von allem welt­lich Ver­füg­ba­ren, also die Hal­tung der Ent­welt­li­chung, der Frei­heit“ (ebd.).

Nun ver­hält es sich so,

dass sich der Mensch von sei­ner fak­ti­schen Welt­ver­fal­len­heit gar nicht frei­ma­chen kann“ (Bult­mann 1951, 35). Mit­hin erreicht er die­sen Zustand der Frei­heit nur mit­tels einer Akti­on Got­tes, sei­ner „Heils­tat“, dem „Chris­tus­ge­sche­hen“ (Bult­mann 1951, 40-48).

Bult­mann besteht also dar­auf, dass es im Chris­ten­tum um eine Erlö­sungs­re­li­gi­on geht. Und Chris­tus fun­giert in ihr als Erlö­ser­fi­gur. Das Chris­tus­ge­sche­hen besitzt eine dop­pel­te Struk­tur. Einer­seits bezeich­net es die nega­ti­ve Struk­tur der Men­schen:

Denn wenn das  Kreuz das Gericht über die ‚Welt‘ ist …, so ist damit gesagt, dass in ihm das Gericht über uns, die den Mäch­ten der ‚Welt‘ ver­fal­le­nen Men­schen, voll­zo­gen ist.“ (Bult­mann 1951, 42)

Ande­rer­seits wird aber auch die end­li­che Struk­tur der Men­schen im Chris­tus­ge­sche­hen bezeich­net. Denn es han­delt sich um ein

befrei­en­des Gericht“, das sich in Raum und Zeit voll­zieht – und  Chris­tus ist „für uns gekreu­zigt“ (Bult­mann 1951, 48).

Dar­aus ergibt sich kei­ne sta­bi­le Struk­tur, son­dern ein ange­foch­te­nes Leben im Glau­ben (Bult­mann 1951, 45f).

    Die Ver­kün­di­gung Jesu als Vor­aus­set­zung der Theo­lo­gie des NT

Bult­mann 1984, 2ff, inter­pre­tiert die Ver­kün­di­gung Jesu des Nahe­ge­kom­men­seins der Got­tes­herr­schaft (βασιλεία τοῦ θεοῦ basi­leía toú theoú; Mk 1,14f) als Ruf zur „Ent­schei­dung, wor­an sie [die Men­schen] ihr Herz hän­gen wol­len: an Gott oder an die Güter der Welt … Die meis­ten Men­schen haf­ten an irdi­schen Gütern und Sor­gen …“ (Bult­mann 1984, 9). Das lässt sich also Bult­mann zufol­ge exis­ten­zi­al eben­so inter­pre­tie­ren, wie zuvor gezeigt. Die Ver­kün­di­gung Jesu ist ein escha­to­lo­gi­sches Ereig­nis, stellt die Ange­re­de­ten also vor die Fra­ge, wie sie sich in ihrem „Sich-zu-sich-selbst-Ver­hal­ten als Ver­hal­ten zur eige­nen Zukunft“ ent­schei­den wol­len. Der Unter­schied besteht nun dar­in, dass Chris­tus als Got­tes Heils­tat ver­kün­digt wird, was der Hypo­the­se Bult­manns zufol­ge Jesus selbst nicht getan hat. So kommt es zur berühm­ten und gran­dio­sen For­mu­lie­rung:

Mehr­fach, und meist als Kri­tik wird gesagt, dass nach mei­ner Inter­pre­ta­ti­on des Keryg­mas Jesus ins Keryg­ma auf­er­stan­den sei. Ich akzep­tie­re die­sen Satz. Er ist völ­lig rich­tig, vor­aus­ge­setzt, dass er rich­tig ver­stan­den wird. Er setzt vor­aus, dass das Keryg­ma selbst escha­to­lo­gi­sches Gesche­hen ist; und er besagt, dass Jesus im Keryg­ma wirk­lich gegen­wär­tig ist, dass es sein Wort ist, das den Hörer im Keryg­ma trifft.“ (Bult­mann 1967, 469)

Ent­my­tho­lo­gi­siert besagt die Auf­er­ste­hung bzw. das „Auf­ste­hen“ Jesu von Naza­reth mit­hin, dass die kirch­li­che Ver­kün­di­gung („Keryg­ma“) die Men­schen vor die glei­che Ent­schei­dung stellt, wie es Jesus tat.

Da nach Bult­mann, die von ihm als „Jesus“ ange­se­he­ne Text­schicht wesent­li­che Punk­te des Juden­tums ent­hält, ist der Anti­ju­da­is­mus­vor­wurf gegen Bult­mann unbe­rech­tigt.

3               Fort­schrei­bung

3.1    Kri­tik am „Mythos“-Begriff Bult­manns

Hier ste­hen sowohl Bult­mann als auch sei­ne Kri­ti­ker vor der Tat­sa­che, dass der abend­län­di­sche Mythos-Dis­kurs – wie der Alt­phi­lo­lo­ge Mar­cel Deti­en­ne über­zeu­gend gezeigt hat – seit den Grie­chen ganz über­wie­gend von der Dif­fe­renz zwi­schen μῦθος (mýthos) und λόγος (lógos) bestimmt ist, wobei bei­de Zei­chen je nach Ver­wen­dungs­si­tua­ti­on bzw. Ver­wen­dungs­zu­sam­men­hang ganz unter­schied­li­che Begrif­fe (Inter­pre­t­an­ten) bezeich­nen. Mit­hin gibt es kei­nen ein­deu­ti­gen oder gar „rich­ti­gen“ Mythos­be­griff, der auf ein bestimm­tes dyna­mi­sches Objekt ver­wie­se. Ich habe daher das Ver­fah­ren gewählt, zu bestim­men, wie Bult­mann den Begriff „Mythos“ ver­wen­det. Dabei glaub­te ich in mei­ner Dis­ser­ta­ti­on gezeigt zu haben, dass die „ent­my­tho­lo­gi­sier­te“ exis­ten­zia­le Spra­che Bult­manns, die einen dyna­mi­schen Pro­zess bezeich­net, der struk­tu­ra­len Mythos-Gram­ma­tik nach Clau­de Levi-Strauss folgt.

3.2    Die pro­tes­tan­ti­sche Kri­tik

1952 rüg­ten die Bischö­fe der Ver­ei­nig­ten Evan­ge­lisch-Luthe­ri­schen Kir­chen Bult­manns Ansatz, ohne dass es zu einer Lehr­ver­ur­tei­lung kam. Dar­in zeig­te sich – ähn­lich wie bei dem halb­her­zi­gen Stutt­gar­ter Schuld­be­kennt­nis – dass die Evan­ge­li­schen Kir­chen in Deutsch­land noch nicht in der demo­kra­ti­schen und plu­ra­len Moder­ne, ihrem All­tag ange­kom­men waren. Natür­lich waren die pro­tes­tan­ti­schen Grup­pen, wel­che das Zur-Macht-Kom­men des Natio­nal­so­zia­lis­mus begüns­tigt hat­ten, noch immer ein­fluss­reich. Immer­hin war es dann in den 1970er Jah­ren nicht mehr all­zu anstö­ßig, sich auf Bult­mann zu bezie­hen. Aber in die Gemein­den kam Bult­manns Pro­gramm nur wenig, sodass mir heu­te man­ches wie 1952 vor­kommt. Bult­manns Über­set­zungs­vor­schlag wur­de also nicht völ­lig über­hört, hat­te aber kei­ne ent­schei­den­de Brei­ten­wir­kung.

3.3     Die semio­ti­sche Fort­schrei­bung von Bult­manns Pro­gramm

M. E. soll­te Bult­manns Pro­gramm aber fort­ge­schrie­ben wer­den. Dabei ori­en­tie­re ich mich an der Beob­ach­tung, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te (und das gilt auch für die LXX) rhe­to­risch mit Klang­fi­gu­ren und Argu­men­ten sti­li­siert sind, wel­che die Leser/innen an der Inter­pre­ta­ti­on der Tex­te betei­li­gen. Eben­so ist das bei nar­ra­ti­ven Aspek­ten der Fall. Im Anschluss an mei­nen Leh­rer Wolf­gang Har­nisch und an Ch. S. Peirce ver­tre­te ich ein Extra­va­ganz­kon­zept, wel­ches unter­stellt, dass reli­giö­se Zei­chen oft All­tags­be­grif­fe oder All­tags­kon­zep­te sind, die dann aber gegen ihre All­tags­ver­wen­dung unge­wöhn­lich und befremd­lich ver­wen­det wer­den. Die Über­set­zun­gen von κεκοιμημένων (keko­imē­mé­non) und ἐγήγερται (egēger­tai) in 1Kor 15,20 in die­sem Arti­kel machen dar­auf auf­merk­sam.  קוֻם (kum), ἀνίσταναι (anhi­sta­nai) und ἐγείρεσθαι (ege­i­rest­hai) bezeich­nen sowohl den all­täg­li­chen Vor­gang des Auf­ste­hens bzw. Auf­ge­weckt­wer­dens als auch den­je­ni­gen, wel­cher dem Tod folgt. Die glei­che Ambi­gui­tät liegt beim „Schla­fen“ (κοιμᾶν [koi­man]) vor. Anders als Bult­mann glau­be ich also, dass eher kaum „objek­ti­ve“ Dar­stel­lun­gen vor­zu­lie­gen schei­nen. Wie die Anhän­ger Whiteheads unter­stel­le ich mit der prag­ma­tis­ti­schen semio­ti­schen Auf­fas­sung, den Geist / Natur-Dua­lis­mus ver­mei­den zu kön­nen. Dazu akzep­tie­re ich Dew­eys Begriff der „semio­ti­schen Auto­no­mie“. Da der Geist somit semio­tisch auf­ge­fasst wird und jedes Zei­chen einen mate­ri­el­len bzw. sinn­li­chen Aspekt auf­weist, lässt sich der „Geist“ nicht scharf von der „Natur“ unter­schei­den (zur Anti­ke vgl. Lin­de 2013, 217ff; zu Peirce mit eigen­stän­di­ger Fort­schrei­bung 780ff).

Bult­mann hat­te m. E. Recht mit sei­ner Hal­tung zur Fra­ge nach dem „his­to­ri­schen Jesus“. Zum einen zeigt das sei­ne wis­sen­schafts­theo­re­ti­sche Über­le­gen­heit, denn sol­che Fra­gen kön­nen aller­höchs­tens hypo­the­tisch beant­wor­tet wer­den. Daher gibt es immer ande­re hypo­the­ti­sche Ant­wor­ten, was sich in der Fol­ge genau­so gezeigt hat.

Zum ande­ren aber wen­det er die pau­li­nisch-luthe­ri­sche Auf­fas­sung der Selbst­recht­fer­ti­gung mit­tels des Geset­zes, wie sie in Röm 7,7ff aus­ge­spro­chen ist, auf die Exege­se an. Ver­traue ich auf mei­ne exege­ti­sche Hypo­the­se und lege die­ses Ver­trau­en mei­nem Glau­ben zugrun­de, dann bege­he ich nach Pau­lus die­je­ni­ge grund­le­gen­de Sün­de, die mich in die Ver­zweif­lung stürzt. Vie­le in sei­ner Schu­le haben das nicht hören wol­len.

M. E. kann Bult­manns Kon­zen­tra­ti­on auf die Ent­schei­dung durch einen gefühls­be­stimm­te­ren Begriff pro­blem­los ersetzt wer­den, etwa dass uns ein bestimm­tes Selbst­ver­ständ­nis anzieht o. Ä.

Das „Mythos‘‘-Problem kann vor allem nar­ra­to­lo­gisch ange­gan­gen wer­den. Die exis­ten­zia­le Sprech­wei­se Bult­manns, die einen dyna­mi­schen Pro­zess beim Men­schen bezeich­net, fort von den „Mäch­ten“, denen sie oder er ver­fal­len ist, hin zur Frei­heit, lässt sich mit Levi-Strauss’ beschrei­ben. Das ist die Pro­blem­ge­schich­te, es gibt aber noch min­des­tens zwei wei­te­re Erzähl­ty­pen, die dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­se und die Erfolgs­ge­schich­te. Bei der dua­lis­ti­schen Erzähl­wei­se hilft uns die Reli­gi­ons­ge­schicht­li­che Schu­le, die gnos­ti­sche und apo­ka­lyp­ti­sche Tex­te erschlos­sen hat­te und durch die Fun­de nach dem Zwei­ten Welt­krieg mehr als bestä­tigt wur­de. Die Tex­te wie das 1Hen oder bestimm­te Tex­te aus Nag Ham­ma­di sind aber eher Fan­ta­sy-Lite­ra­tur. Und das wirft einen Schein auf das Mat­thäu­sevan­ge­li­um, den Hebrä­er­brief und die Apo­ka­lyp­se des Johan­nes.

Dage­gen bezeich­net die Erfolgs­ge­schich­te im luka­ni­schen Dop­pel­werk und der Redak­ti­on der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on eine Art Nor­mal­auf­fas­sung, wie sie im Chris­ten­tum häu­fig vor­kommt.

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

ich fas­se zusam­men:

  1. Bult­mann bleibt dar­in im Recht, dass die Fra­ge nach dem „his­to­ri­schen Jesus“ boden­los ist und wir im NT nur früh­christ­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on vor­lie­gen haben. Wich­tig sind immer noch die Stu­di­en zu Gno­sis und Apo­ka­lyp­tik.
  2. Bult­manns Idee den „Mythos“ als per­so­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form zu inter­pre­tie­ren und ihn von den „objek­ti­ven“ Dar­stel­lungs­for­men der Wis­sen­schaf­ten zu unter­schei­den, ist zutref­fend.
  3. Die Idee, den/die explizite/n Leser/in als „moder­ner Mensch“ zu bestim­men, ist dadurch zu ergän­zen, dass der/die expli­zi­te Leser/in wie gezeigt bei der Inter­pre­ta­ti­on mit­ar­bei­tet. Das gelingt, wenn Nar­ra­ti­vi­tät und Bild­lich­keit in den Vor­der­grund gestellt wird. Das Extra­va­ganz-Kon­zept setzt zwin­gend die Mit­ar­beit der Leser/innen vor­aus. Damit liegt auch die Bestim­mung des „Wesens des Chris­ten­tums“ bei den Leser/inne/n. Die Her­me­neu­tik hilft „objek­ti­vis­ti­sche“ Miss­ver­ständ­nis­se zu ver­mei­den.

    4              Rück­fra­gen und Kri­tik

    Rück­fra­gen zu Schlei­er­ma­cher

    Hier­bei ging es noch­mals um das Dis­zi­pli­nen­pro­blem, ins­be­son­de­re um das Ver­hält­nis von Exege­se und Dog­ma­tik. Letz­te­re ist heu­te Teil der Sys­te­ma­ti­schen Theo­lo­gie, wozu dann etwa auch Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie gehört.

    Bei ‚Schlei­er­ma­cher geht es um ein Ver­hält­nis von Phi­lo­so­phi­scher Theo­lo­gie und den Dis­zi­pli­nen der his­to­ri­schen Theo­lo­gie, wozu auch Glau­bens- und Sit­ten­leh­re des aktu­el­len Chris­ten­tums gehö­ren, mit­hin die dif­fe­ren­zier­te Beschrei­bung der ver­schie­de­nen aktu­el­len Glau­bens­äu­ße­run­gen. Die­se müs­sen dar­auf­hin beur­teilt wer­den, inwie­weit sie das Wesen des Chris­ten­tums aus­drü­cken. Das geht Schlei­er­ma­cher zufol­ge nicht ohne Inter­pre­ta­ti­on der Bezie­hung sol­cher Glau­bens­äu­ße­run­gen auf das Neue Tes­ta­ment, da dort am ehes­ten die­ses Wesen aus­ge­drückt sei, was ich auch ver­tei­digt habe. Aber Theolog/innen müs­sen prin­zi­pi­ell alle Arbeits­gän­ge – auch die prak­tisch-theo­lo­gi­schen – selbst durch­füh­ren kön­nen. Für man­ches kön­nen sie auch auf Vir­tuo­sen zurück­grei­fen. Aber bei Neu­en Tes­ta­ment nicht. Und für Arbei­ten in der Schu­le und/oder im Pfarr­amt ist es wich­tig, die gesam­te Brei­te der glau­bens- und sit­ten­mä­ßi­gen Auf­fas­sun­gen etwa des Pro­tes­tan­tis­mus zu ken­nen. Aber nach Schlei­er­ma­cher ver­hält es sich nicht so, dass die his­to­ri­schen Dis­zi­pli­nen der Sys­te­ma­ti­schen Theo­lo­gie zuar­bei­ten, weil es bei ihm kei­ne Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie gibt, wohl aber Bezü­ge auf die Ethik und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie, im Neu­en Tes­ta­ment genau­so wie in der Glau­bens­leh­re als Beschrei­bung der aktu­el­len Glau­bens­äu­ße­run­gen.

    Die Dog­ma­tik hat nicht zuletzt in Tübin­gen nach dem Zwei­ten Welt­krieg Fort­schrit­te gemacht, sodass heu­te rela­tio­na­le Kon­zep­te für bestimm­te Dog­men ver­wen­det wer­den, was Schlei­er­ma­cher sicher­lich gefal­len wür­de. Ich den­ke, dass der Ansatz Jün­gels, weil er auch prak­tisch aus­ge­legt ist, wich­tig ist. Für Schlei­er­ma­cher wäre aber ein Kri­te­ri­um, wie dadurch aktu­el­le Glau­bens­kom­mu­ni­ka­ti­on bestimmt ist.

    Rück­fra­gen zu Bult­mann

    1. Zur Form­ge­schich­te bzw. Form­kri­tik: Bult­manns Gat­tungs­be­stim­mun­gen waren vor allem Weis­heits- bzw. Pro­phe­ten­sprü­che (heu­te: Gno­me, Sinn­spruch); Wun­der­ge­schich­ten (heu­te: mythoi); Streit­ge­sprä­che, bio­gra­fi­sche Apoph­theg­men (heu­te: Chrie); Gleich­nis­se (heu­te: Para­beln) und dann noch legen­den (heu­te: mythoi).
    2. Ver­hält­nis zu Dew­ey. Dew­ey ist Natu­ra­list, und zwar ein sol­cher (wie heu­te Haber­mas), der die Ver­spre­chen der Auf­klä­rung wie Frei­heit, sozia­le Gerech­tig­keit usf. als natür­li­che Vor­gän­ge inter­pre­tie­ren kann. Dem­ge­gen­über mein­te Bult­mann, wg. des Frei­heits­pro­blems das Selbst­ver­hält­nis von der Natur unter­schei­den zu müs­sen. (Was man aber auch nicht wg. der Gehirn­for­schung tun soll­te, es gibt hier auch Tho­mas Fuchs, der ein ent­spre­chend inter­es­san­tes Buch geschrie­ben hat: Das Gehirn – ein Bezie­hungs­or­gan, 2008ff. Aber an Sin­ger und Roth sieht man, wes­halb Bult­mann so optiert hat.) Wich­tig: Dew­ey ver­steht reli­giö­se Äuße­run­gen eben­falls als sol­che, wel­che die rea­le Mög­lich­keit eröff­nen, selbst prak­tisch reli­gi­ös zu sein.
    3. Das Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­blem: Es war zu spü­ren, dass eini­ge Pro­ble­me hat­ten, das Fah­ren­las­sen aller Sicher­hei­ten in Bezug auf his­to­ri­sche und natür­li­che Sach­ver­hal­te zu akzep­tie­ren, ich habe des­halb das Auf­/er/­steh/e/u/n/g/s-Pro­blem recht aus­führ­lich the­ma­ti­siert. Für Bult­mann ist es tat­säch­lich ein Pro­blem einer per­so­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­on, die mich – bzw. in der ich mich – festleg/e/t. Das soll sein Ent­schei­dungs­be­griff leis­ten, nach Jün­gel eine Selbst­be­stim­mung im Sin­ne der aris­to­te­li­schen πρᾶξις (pra­xis), die in sich selbst ruht und nichts her­stellt. Bult­mann will objek­ti­vis­ti­sche Miss­ver­ständ­nis­se aus­schlie­ßen, um die­se per­so­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on zu errei­chen. Und er ist über­zeugt, dass „Mythen“ auch so inter­pre­tiert wer­den wol­len. Hier soll­te man/frau sich die Fra­ge vor­le­gen, ob eben sol­che objek­ti­vis­ti­schen Sach­ver­hal­te durch die expe­ri­men­tel­le Metho­de gedeckt sind – und ggf. Expe­ri­men­te durch­füh­ren. Bult­mann ver­sucht des­we­gen, den Glau­ben vom Hän­gen an objek­ti­ven Gege­ben­hei­ten frei­zu­be­kom­men – und hat in der mys­ti­schen Posi­ti­on des frü­hen Luther einen erns­ten Gesprächs­part­ner. Auch Barth behaup­tet kei­ne objek­ti­ven Fak­ten, wenn Jün­gel in sei­nen Barth-Stu­di­en recht hat, weil die Offen­ba­rung stets ein anre­den­des Phä­no­men ist.
    4. Alle­go­ri­sches Ver­fah­ren? Vgl. Sie dazu in der ers­ten Vor­le­sung die Pas­sa­ge zur alex­an­dri­ni­schen jüdi­schen Schrift­aus­le­gung. Bult­mann sieht das nicht so, denn er mein­te, mit sei­ner Inter­pre­ta­ti­on von σῶμα (soma, Leib) bei Pau­lus gezeigt zu haben, dass die­ses Modell des per­so­na­len Selbst­ver­hält­nis­ses in der Bibel an ziem­lich pro­mi­nen­ter Stel­le vor­kommt. Er hält stets die Regel ein, dass Sach­kri­tik immer auch zumin­dest in der Text­welt ange­legt sein muss. D. h., die Bibel legt selbst zumin­dest nahe, sie per­so­nal zu inter­pre­tie­ren. Eben­so kann das Johan­nes­evan­ge­li­um als Text ver­stan­den wer­den, der die apo­ka­lyp­ti­sche Escha­to­lo­gie „ent­my­tho­lo­gi­siert“.
    5. Die­se Fra­ge führ­te uns wei­ter. Denn die Beto­nung der per­so­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form erscheint Bult­mann not­wen­dig, um das objek­ti­vie­ren­de Vor­ge­hen der Natur­wis­sen­schaf­ten kri­tisch zu wür­di­gen. Z. B. die mit­tel­al­ter­li­che Alle­go­re­se hat­te kei­nen der­ar­ti­gen Gesprächs­part­ner. Für Bult­mann ist es klar, dass nicht nur die Natur­wis­sen­schaf­ten einen Zugang zur Rea­li­tät haben, es gibt auch per­so­na­le For­men des Rea­li­täts­zu­gangs. Und Hei­deg­ger u. a., ich habe auf Dew­ey ver­wie­sen, sahen das eben­so. Und Bult­mann hat m. E. nach­ge­wie­sen, dass die Bibel so inter­pre­tiert wer­den kann.
    6. Bult­manns Ansatz hat in sei­nem Schü­ler Hans Jonas eine wich­ti­ge Fort­schrei­bung erlebt. Im Prin­zip Ver­ant­wor­tung for­dert er ein, die Ver­fah­ren wie Pro­gnos­tik kon­se­quent ein­zu­set­zen, um die Gefah­ren viel­leicht noch mäßi­gend zu beein­flus­sen, die 1979 schon erkenn­bar waren (GAU, Kli­ma­ka­ta­stro­phe). Denn die Natur­wis­sen­schaf­ten haben das Pro­blem, dass durch die Anwen­dung ihrer Theo­ri­en die öko­lo­gi­sche Kri­se beför­dert wird. Das war seit der Roman­tik geahnt wor­den und Bult­mann hat das eben­falls gese­hen, ein wei­te­res Argu­ment für eine nicht-objek­ti­vie­ren­de Betrach­tungs­wei­se.

 

 

 

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Info:
Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments IV ist Beitrag Nr. 5121
Autor:
Martin Pöttner am 22. Mai 2016 um 11:35
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments
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