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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Röm 8,26-30: Leben­dig­keit (EfG Gries­heim)

26 In unse­rer Ohn­macht steht uns der Geist bei, wenn wir kei­ne Kraft mehr haben, so zu beten, wie es nötig wäre. Der Geist selbst tritt für uns ein mit wort­lo­sem Stöh­nen. 27 Gott kennt unse­re Her­zens­an­lie­gen und ver­steht, wofür der Geist sich ein­setzt, weil er im Sin­ne Got­tes für die hei­li­gen Geschwis­ter ein­tritt. 28 Alles wirkt zum Guten zusam­men für die, die Gott lie­ben, weil Gott ent­schie­den hat, sie zu rufen. Das wis­sen wir. 29Denn alle, die Gott von Anfang an kann­te, hat Gott auch von Anfang an zu bestimmt, das glei­che Wesen und das glei­che Schick­sal zu haben wie der Sohn, damit die­ser der Erst­ge­bo­re­ne unter vie­len Geschwis­tern sei. 30 Die von Anfang an dazu bestimmt waren, die wur­den auch geru­fen. Die geru­fen wur­den, die wur­den auch gerecht gespro­chen. Die gerecht gespro­chen wur­den, wur­den auch mit gött­li­cher Klar­heit erfüllt.[1]

 

Lie­be Gemein­de,

 

wir nähern uns Pfings­ten. Das Wet­ter ist früh­lings­haft warm, es zeigt sich Leben in der Natur, sicher auch Leben­dig­keit. Viel­leicht sind wir auch leben­di­ger gestimmt, nach­dem die kal­te oder küh­le Zeit wohl ver­gan­gen ist. Und hier ist die Leben­dig­keit bei eini­gen erhöht, dass der SV Darm­stadt 98 wei­ter in der Bun­des­li­ga ist …

Das ist die Zeit nach Ostern, in der beson­ders des Geis­tes Got­tes gedacht wird, der uns leben­dig macht. Wir haben in der Schrift­le­sung gehört, was dar­aus folgt, dass Got­tes Geist über der Urflut schweb­te, ein chao­ti­scher Zustand, fins­ter – eine wüs­te und lee­re Erde, wie Luther über­setzt. Und in die­sem Geist ist ein krea­ti­ves Poten­zi­al, das sich aus der gedul­di­gen Ruhe sei­nes Schwe­bens über der Urflut ent­fal­tet. In sechs Tagen ent­steht all­mäh­lich eine Ord­nung auf der Erde, mit Licht und Fins­ter­nis, Was­ser und Land, Pflan­zen und Tie­ren, Män­nern und Frau­en als Bil­dern Got­tes – und Gott fin­det das in 1,31 sehr gut.

Aber das bleibt nicht so und die Zeit nach Ostern ist die Zeit der neu­en Schöp­fung, die sich nach dem Auf­we­cken Jesu von Naza­reth von den Toten ent­fal­tet. Und dabei arbei­tet der Geist mit. Er schwebt über und in unse­rem ohn­mäch­ti­gen Leben, das wir gewöhn­lich nicht als ohn­mäch­tig wahr­ha­ben wol­len. Wir glau­ben oder wol­len das glau­ben, dass wir stark und kom­pe­tent sind, so will es auch die Gesell­schaft, in der wir leben.

Aber Pau­lus sagt:

26 In unse­rer Ohn­macht steht uns der Geist bei, wenn wir kei­ne Kraft mehr haben, so zu beten, wie es nötig wäre. Der Geist selbst tritt für uns ein mit wort­lo­sem Stöh­nen.

Pau­lus unter­stellt, dass wir unser Leben in stän­di­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Gott voll­zie­hen soll­ten, nur so ist Leben voll­stän­dig und leben­dig – auch ganz­heit­lich. Dann kann es vor­kom­men, dass wir zu kraft­los sind, um zu beten, dann tritt der Geist für uns ein und stöhnt für uns. Er prä­sen­tiert unse­re ohn­mäch­ti­ge Situa­ti­on vor Gott, vor dem Vater. Gemeint ist ein eher schmerz­vol­les Stöh­nen, viel­leicht auch Seuf­zen.

Gott hört die­ses Seuf­zen, unser Stöh­nen, der Geist ist die Ver­bin­dung zu unse­rem Her­zen, sodass Gott wahr­nimmt, wie unser Stre­ben, wie unse­re Lebens­kraft beschaf­fen ist. Gott nimmt wahr, was wir füh­len, wol­len und den­ken. Der Geist ist die direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on unse­res Her­zens mit Gott – und wenn die Lebens­kraft schwach ist oder gar Ohn­machts­er­fah­run­gen uns prä­gen, dann seufzt der Geist für uns.

Mit die­sem wort­lo­sen Seuf­zen oder Stöh­nen sind wir nicht allei­ne. Mit uns seufzt die Schöp­fung, die Tier- und Pflan­zen­welt, die auf die Frei­heit der Söh­ne und Töch­ter Got­tes hofft, wie aus 8,22 her­vor­geht.

Das aber wird kom­men, denen, die beru­fen oder geru­fen sind, wird sich alles zum Guten wen­den. Sie sind schon gerecht­fer­tigt – und sie tra­gen schon den Glanz Got­tes an sich, sie sind von gött­li­cher Klar­heit erfüllt.

Das ist ein begeis­ter­ter Text des Pau­lus, lie­be Gemein­de. Das Elend der Tier- und Pflan­zen­welt wird sich damit ändern, dass wir als Töch­ter und Söh­ne Got­tes bzw. als Brü­der und Schwes­tern Jesu zur Frei­heit gelan­gen und die siche­ren Zei­chen der Recht­fer­ti­gung sind da.

Den­noch sieht Pau­lus, dass nicht alle so begeis­tert und enthu­si­as­tisch sind wie er. O. k., er ist Apos­tel – und muss das als Enter­tai­ner auch leis­ten, könn­ten man­che mei­nen. Doch er erzählt häu­fig von sei­nen eige­nen Lei­den:

7Wir haben aber die­sen Schatz in irde­nen Gefä­ßen, damit die über­schwäng­li­che Kraft von Gott sei und nicht von uns.

8Wir sind von allen Sei­ten bedrängt, aber wir ängs­ti­gen uns nicht. Uns ist ban­ge, aber wir ver­za­gen nicht.

9Wir lei­den Ver­fol­gung, aber wir wer­den nicht ver­las­sen. Wir wer­den unter­drückt, aber wir kom­men nicht um.

10Wir tra­gen alle­zeit das Ster­ben Jesu an unserm Lei­be, damit auch das Leben Jesu an unserm Lei­be offen­bar wer­de.

11Denn wir, die wir leben, wer­den immer­dar in den Tod gege­ben um Jesu wil­len, damit auch das Leben Jesu offen­bar wer­de an unserm sterb­li­chen Fleisch.

So heißt es in 2. Korin­ther­brief 4,7-11, wie Luther über­setzt. Das ist unge­fähr so auch in Röm 8,26ff gemeint, das Bru­der- und Schwes­ter-Sein zum gekreu­zig­ten und auf­ge­weck­ten Jesus von Naza­reth ist nicht harm­los. Denn Gott liebt sei­ne Schöp­fung und hat sich ent­schlos­sen gewalt­los für die Uni­ver­sa­li­sie­rung der Lie­be ein­zu­tre­ten. Daher hilft der Geist uns, wenn wir erschöpft und ohn­mäch­tig sind.

Pau­lus ver­sucht in uns jene Ruhe des Geis­tes zu erzeu­gen, die der Geist benö­tigt, um schöp­fe­risch zu wer­den, wie wir aus 1. Mose 1 gehört haben. So schwebt der Geist auch über der Urflut und dem Cha­os unse­res Lebens, er ist mit­ten drin. Er tritt für uns bei Gott ein, sodass für Gott unse­re ohn­mäch­ti­ge Situa­ti­on ganz prä­sent ist. Wie mit Chris­tus lei­det Gott dann mit uns, um alles zum Guten zu wen­den. Das ist der Pro­zess unse­rer Leben­dig­keit.

Der Text sagt uns nicht zuletzt, dass wir nicht über­heb­lich sein sol­len. Wir haben hei­li­ge Geschwis­ter wie Alex­an­der Gau­land, Bea­trix von Storch und Frau­ke Petry, die ihre ohn­mäch­ti­ge Situa­ti­on laut her­aus­schrei­en – und im Sin­ne des Pau­lus den Geist nicht stell­ver­tre­tend stöh­nen oder seuf­zen las­sen. Statt­des­sen has­sen sie offen­siv ande­re Geschöp­fe Got­tes – und fin­den damit in unse­rer Gesell­schaft Anklang. Für die­se hei­li­gen Geschwis­ter soll­ten wir beten und sie nicht aus­gren­zen. Denn der Geist ist schöp­fe­risch, also haben wir Hoff­nung für sie, dass sie dem Geist ruhig den Raum geben, für sie zu stöh­nen und zu  seuf­zen. Denn sie schrei­en bloß ihre eige­ne Ohn­machts­si­tua­ti­on her­aus – und Gott hört das. Und wir soll­ten dafür beten, dass sie das bes­ser ver­ste­hen und zulas­sen. Dadurch wür­den sie neue Leben­dig­keit gewin­nen. Das ist nicht leicht, aber dar­auf dür­fen wir hof­fen.

 

Amen

 

 

[1] Die Über­set­zung lehnt sich an Clau­dia Jans­sen, „Bibel in gerech­ter Spra­che“ an.

« Ver­an­stal­tun­gen in Darm­stadt (TUD) am 03.05. – Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments III »

Info:
Röm 8,26-30: Leben­dig­keit (EfG Gries­heim) ist Beitrag Nr. 5104
Autor:
Martin Pöttner am 7. Mai 2016 um 12:45
Category:
Religiöse Rede
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