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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


III">Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments III

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

 

ich begrü­ße Sie zur ers­ten Vor­le­sung zum The­ma „Neu­tes­ta­ment­li­che Her­me­neu­tik in der Moder­ne“ , in der es aus­führ­lich um den Ent­wurf Schlei­er­ma­chers gehen soll.

Viel­leicht über­rascht es Sie, dass ich Schlei­er­ma­cher und Bult­mann als wich­tigs­te Ver­tre­ter der Moder­ne anse­he und sie nur durch Mag­da­le­ne Frett­löh ergän­zen wer­de. Natür­lich set­ze ich mich bei der Dis­kus­si­on des Bild­be­griffs auch mit den Bei­trä­gen Phil­ipp Sto­ell­gers aus­ein­an­der, sodass Sie nicht befürch­ten müs­sen, ich beach­te­te aktu­el­le Bei­trä­ge nicht. Ich bin nur der Über­zeu­gung, dass man­ches schon gesagt ist – und dar­auf möch­te ich Sie hin­wei­sen. Phil­ipp ist auch seit Lan­gem her­me­neu­tisch unter­wegs und ist oft damit beschäf­tigt zu ver­hin­dern, dass bestimm­te Kon­zep­te falsch ver­wen­det wer­den. Aber in die­ser Vor­le­sung geht es dar­um, die Kon­zep­te aller­erst zu ent­de­cken, daher demons­trie­re ich das stets an Bei­spie­len.

Das Han­dout die­ser Vor­le­sung befin­det sich hier.

Die heu­ti­ge Vor­le­sung ent­hält drei Tei­le:

1 Der Ansatz Fried­rich D. E. Schlei­er­ma­chers: Omnis deter­mi­na­tio est nega­tio – jede Bestim­mung ist eine Ver­nei­nung (alles ande­ren) – und die Kon­se­quen­zen der Gel­tung die­ser Regel

2 Das Wesen des Chris­ten­tums als dyna­mi­sches Prin­zip der Fort­schrei­bungs­pro­zes­se im Chris­ten­tum

3 Die Bedeu­tung die­ses Ansat­zes

4. Rück­fra­gen

1                Der Ansatz Fried­rich D. E. Schlei­er­ma­chers: Omnis deter­mi­na­tio est nega­tio – jede Bestim­mung ist eine Ver­nei­nung (alles ande­ren) – und die Kon­se­quen­zen der Gel­tung die­ser Regel

An Schlei­er­ma­cher ist beein­dru­ckend, dass er Theo­lo­gie vor dem Hin­ter­grund einer umfas­sen­den Bil­dung in dia­lek­ti­scher Gesprächs­füh­rung wie in man­chen pla­to­ni­schen Dia­lo­gen betreibt. Damit ist gemeint, dass er bestimm­te Posi­tio­nen oder Fest­le­gun­gen nie­mals iso­liert affir­miert oder behaup­tet, son­dern häu­fig den gesam­ten Pro­zess offen­legt, wie er zu einer bestimm­ten Fest­le­gung gekom­men ist und wel­che ande­ren Mög­lich­kei­ten es ansons­ten gibt[1].

Das müs­sen oder soll­ten wir als aller­ers­tes ver­ste­hen.

Schlei­er­ma­cher hat sehr früh Spi­no­za­stu­di­en betrie­ben. Dar­aus ergibt sich, dass sein Ansatz durch die­sen bestimmt ist, vor allem die Regel des Baruch de Spi­no­za hat ihn geprägt:

Omnis deter­mi­na­tio est nega­tio – jede Bestim­mung ist die Ver­nei­nung (alles ande­ren)[2]. Spi­no­za redet vom Uni­ver­sum – und Schlei­er­ma­cher tut es seit den Reden Über die Reli­gi­on eben­falls. Wir als ein­zel­ne Men­schen sind s. E. eine Dar­stel­lung des Uni­ver­sums, jede ein­zel­ne Frau und jeder ein­zel­ne Mann. Als bestimm­te Dar­stel­lung des Uni­ver­sums ver­nei­nen wir alle ande­ren – und umge­kehrt. Das gilt auch für grö­ße­re sozia­le Ein­hei­ten wie Reli­gio­nen. Wenn Reli­gio­nen im Uni­ver­sum bestimm­te Grö­ßen sind, dann sind sie von allen ande­ren durch deren Ver­nei­nung bestimmt – und umge­kehrt gilt das für die­se eben­falls.

Inter­es­sant wird das, wenn es dyna­misch gedacht wird, dann erscheint das Uni­ver­sum als Pro­zess, in dem stän­dig neue Neu­be­stim­mun­gen vor­ge­nom­men wer­den – und umge­kehrt.

Dadurch kommt es zur Fest­le­gung in der Ethik[3]:

Die Ethik ist … vor­läu­fig Bezeich­nung des Lebens der Ver­nunft, und die­ses in sei­nem not­hwen­di­gen Gegen­saz ist Han­deln auf die Natur.

Die Phy­sik wäre also ent­spre­chend die Bezeich­nung des Lebens der Natur, wie die­se auf die Ver­nunft han­delt und sie so modi­fi­ziert. Lei­der hat Schlei­er­ma­cher kei­ne der­ar­tig ent­wi­ckel­te Phy­sik hin­ter­las­sen wie sei­ne Ethik, sodass wir ange­sichts des wei­te­ren Ver­laufs der Wis­sen­schafts­ge­schich­te uns beim nächs­ten Mal mit dem Pro­gramm Bult­manns befas­sen wer­den, das ich im Kon­text der prag­ma­tis­ti­schen Kon­zep­tio­nen von Charles Peirce und John Dew­ey inter­pre­tie­ren wer­de. Es kann sein, dass die roman­ti­sche Idee der Eigen­ak­ti­vi­tät der Natur, wel­che die Ver­nunft modi­fi­ziert, die bei Schel­ling, Schlei­er­ma­cher u. a. vor­liegt, nicht durch­führ­bar war. M. E. bleibt sie aber nicht zuletzt ange­sichts der öko­lo­gi­schen Kri­se ein erns­tes Desi­de­rat und immer wei­ter zu erwä­gen.

Für unser wei­te­res Vor­ge­hen begnü­gen wir uns also mit der Ethik. Das Han­deln der Ver­nunft auf die Natur voll­zieht sich im mensch­li­chen Han­deln, das nach Schlei­er­ma­cher domi­nant vier Güter wählt:

  • den Staat, unter den auch die Wirt­schaft fällt. Dies ist das orga­ni­sie­ren­de Han­deln der Ver­nunft unter all­ge­mei­ner Per­spek­ti­ve;
  • die freie Gesel­lig­keit, womit Spiel, Aus­tausch im roman­ti­schen Salon u. a. gemeint sind. Dies ist orga­ni­sie­ren­des Han­deln der Ver­nunft unter indi­vi­du­el­ler Per­spek­ti­ve.

Dem steht das bezeich­nen­de Han­deln der Ver­nunft rela­tiv gegen­über.

  • Bezeich­nen­des Han­deln mit all­ge­mei­nem Cha­rak­ter: Wis­sen­schaft (inklu­si­ve Phi­lo­so­phie).
  • Bezeich­nen­des Han­deln mit indi­vi­du­el­lem Cha­rak­ter: Reli­gi­on.

Abb. 8: Hand­lungs­ty­pen ( orga­ni­sie­ren­des und bezeich­nen­des Han­deln) und gewähl­te Güter nach der Ethik

Schlei­er­ma­cher betont, dass die­ses Sche­ma der Hand­lungs­ty­pen von orga­ni­sie­ren­dem Han­deln und bezeich­nen­dem Han­deln mit den indi­vi­du­el­len und all­ge­mei­nen Cha­rak­te­ren spe­ku­la­tiv (im Sin­ne von hypo­the­tisch) sei – und immer wei­ter über­prüft wer­den müs­se. Wenn ein Mann oder eine Frau in gesell­schaft­li­ches Han­deln ein­tritt, dann geschieht dies viel­leicht unre­flek­tiert. Das aber geschieht reflek­tiert, wenn eine Theo­lo­gin oder ein Theo­lo­ge tat­säch­lich im Kon­text der christ­li­chen Reli­gi­on han­delt, sofern er oder sie von Schlei­er­ma­chers Modell inspi­riert sein soll­te.

Ich nen­ne die wich­tigs­ten Punk­te. Wenn Schlei­er­ma­chers Annah­me rich­tig sein soll­te, dann müs­sen sie und er unter­stel­len, dass sie selbst jeweils Dar­stel­lun­gen des Uni­ver­sums sind, streng indi­vi­du­ell, womit sie alle ande­ren ver­nei­nen – und doch auf sie bezo­gen sind. Vor allem Johan­nes Ditt­mer hat den rela­tio­na­len Cha­rak­ter von Schlei­er­ma­chers Theo­rie betont.

Auch das Chris­ten­tum, in dem er oder sie han­deln, ist indi­vi­du­ell, weil es auf­grund sei­ner Bestimmt­heit alles ande­re ver­neint – und zugleich auf es bezo­gen ist.

Eine der wich­tigs­ten Ein­sich­ten, die man mit Schlei­er­ma­chers Modell leicht erwirbt, besteht dar­in, dass das Chris­ten­tum nicht die ein­zi­ge Reli­gi­on ist, dass nicht alles Reli­gi­on ist – und es wohl dar­auf ankommt, alles auf­ein­an­der zu bezie­hen. Stär­ker als Schlei­er­ma­cher wird man heu­te beto­nen müs­sen, dass nicht mehr alle Men­schen sich als reli­gi­ös ver­ste­hen. Das Modell Schlei­er­ma­chers könn­te Theolog/inn/en beschei­de­ner und ent­täu­schungs­re­sis­ten­ter machen. Zugleich aber öff­net das Modell Schlei­er­ma­chers die Augen für das gan­ze Uni­ver­sum, in dem gilt:

Jedes end­li­che Sein im enge­ren Sinn, d. h. jedes Leben ist als Bild des Abso­lu­ten ein Inein­an­der von Gegen­sä­zen.[4]

Bild“ impli­ziert bei dem moder­nen Pla­to­ni­ker Schlei­er­ma­cher Ähn­lich­keit und Unähn­lich­keit. Das Abso­lu­te ist gegen­satz­los. Und so ist das Abso­lu­te auf das Rela­ti­ve, End­li­che bezo­gen.

Man­fred Frank hat sowohl in der „Ein­lei­tung“ zur Her­aus­ga­be der „Her­me­neu­tik und Kri­tik“ 1977 bei Suhr­kamp als auch detail­liert in das „Invi­di­vi­du­el­le All­ge­mei­ne“, 1977 (Frank­furt a. Main) her­vor­ge­ho­ben, dass jene spi­no­zis­ti­sche Regel in den moder­nen Semio­ti­ken ver­wen­det wor­den ist, um das jeweils bestimm­te Ele­ment als in sei­ner Bedeu­tung usf. durch Nega­ti­on von allen ande­ren mit­be­stimmt zu sehen. Wir wen­den das in der Fol­ge auf Schlei­er­ma­chers Spre­chen an.

2                Das Wesen des Chris­ten­tums als dyna­mi­sches Prin­zip der Fort­schrei­bungs­pro­zes­se im Chris­ten­tum

Schlei­er­ma­chers Theo­lo­gie­ent­wurf in sei­ner „Kur­zen Dar­stel­lung“ ist m. E. noch immer anre­gend, da er dar­legt, was wir tun müs­sen,  wenn wir theo­lo­gisch han­deln. Schlei­er­ma­cher spricht zeit­ty­pisch nur von Theo­lo­gen, die ent­spre­chend han­deln, ihm war aber klar, dass es irgend­wann auch Theo­lo­gin­nen sein wür­den.

Theolog/inn/en sind Men­schen, die an der „Kir­chen­lei­tung“ teil­neh­men, womit er nicht bloß die Orga­ne der Lan­des­kir­chen meint, son­dern jedes Enga­ge­ment in Gemein­den, z. B. im Kir­chen­vor­stand.

Die Theo­lo­gie eig­net nicht Allen, wel­che und sofern sie zu einer bestimm­ten Kir­che gehö­ren, son­dern nur dann und sofern sie an der Kir­chen­lei­tung Theil haben …[5]

Hier­zu bedarf es dann geeig­ne­ter Ver­mitt­lungs­ver­fah­ren, wie theo­lo­gi­sche Wis­sen­schaft und enga­gier­te Gemein­de­glie­der inter­agie­ren.

Schlei­er­ma­cher hat mit­hin kei­nen auto­ri­tä­ren Theo­lo­gie­be­griff, son­dern in der Gemein­de ent­wi­ckel­te und aka­de­mi­sche Theo­lo­gie kön­nen ein Kon­ti­nu­um bil­den oder soll­ten es jeden­falls güns­ti­gen­falls tun.

Denn Theo­lo­gie ist kei­nes­wegs ein scharf abge­grenz­ter Wis­sen­schafts­teil, der einen scharf abge­grenz­ten Aus­schnitt der Rea­li­tät bear­bei­te­te. Statt­des­sen ver­bin­det sie zur Lösung einer prak­ti­schen Auf­ga­be ver­schie­de­ne Dis­zi­pli­nen des Wis­sen­schafts­sys­tems.

Die Theo­lo­gie … ist eine posi­ti­ve Wis­sen­schaft, deren Tei­le zu einem Gan­zen nur ver­bun­den sind durch ihre gemein­sa­me Bezie­hung auf das … Chris­ten­tum.[6]

Da Schlei­er­ma­cher zufol­ge das Chris­ten­tum eine Reli­gi­on ist, benö­tigt man eine Typen­theo­rie der Reli­gio­nen, wel­che die Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie lie­fert. Schlei­er­ma­cher zufol­ge gehört das Chris­ten­tum zum Typus der ethi­schen Reli­gi­on, der vom Typus der ästhe­ti­schen Reli­gi­on unter­schie­den ist, wozu er die asia­ti­schen Reli­gio­nen rech­net. Zu den ethi­schen Reli­gio­nen gehö­ren auch Islam und Juden­tum. Das lässt sich alles noch typen­theo­re­tisch aus­mit­teln, zur genau­en Bestim­mung einer ein­zel­nen Reli­gi­on führt das nicht. Schlei­er­ma­cher führt bei­de Aspek­te aus:

Alles was dazu gehört um von die­sen Grund­la­gen [sc. der Ethik] aus … das Wesen des Chris­ten­tums, wodurch es eine eig­en­thüm­li­che Glau­bens­wei­se ist, zur Dar­stel­lung zu brin­gen … bil­det den Theil der christ­li­chen Theo­lo­gie, wel­chen wir die phi­lo­so­phi­sche Theo­lo­gie nen­nen.[7]

Das ist ein nicht bloß empi­ri­sche Betrach­tungs­wei­se. Den­noch ist auch die­se erfor­der­lich, um das Wesen des Chris­ten­tums genau zu bestim­men und es hand­lungs­lei­tend zu machen:

Die Kir­chen­lei­tung erfor­dert aber auch die Kennt­niß des zu lei­ten­den Gan­zen in sei­nem jedes­ma­li­gen Zustand, wel­cher, da das Gan­ze ein geschicht­li­ches ist, nur als Ergeb­niß der Ver­gan­gen­heit begrif­fen wer­den kann; und die­se Auf­fas­sung in ihrem gesam­ten Umfang ist die his­to­ri­sche Theo­lo­gie im wei­te­ren Sin­ne des Wor­tes.

Die Gegen­wart kann nicht als Keim einer dem Begriff mehr ent­spre­chen­den Zukunft rich­tig behan­delt wer­den, wenn nicht erkannt wird, wie sie sich aus der Ver­gan­gen­heit ent­wik­kelt hat.[8]

Die zeit­be­zo­ge­ne Erläu­te­rung ist sehr wich­tig. Schlei­er­ma­cher unter­stellt, dass das Wesen des Chris­ten­tums nicht immer und über­all ange­mes­sen dar­ge­stellt wird, son­dern Theo­lo­gie ist des­halb not­wen­dig, damit das gesche­hen kann. Vor allem hat Schlei­er­ma­cher das Chris­ten­tum als semio­ti­schen Pro­zess ver­stan­den und die Dis­zi­pli­nen im Blick auf die Bestim­mung und Fort­bil­dung des Wesens des Chris­ten­tums so kon­zi­piert, wie die Abb. 9 und 10 zei­gen:

Abb. 9 Das Chris­ten­tum als dyna­mi­sches semio­ti­sches Sys­tem I

 

Abb. 10 Das Chris­ten­tum als dyna­mi­sches semio­ti­sches Sys­tem II

Die Her­me­neu­tik als Kunst­leh­re des Ver­ste­hens ist in die­sem Pro­zess mehr­fach erfor­der­lich. Zunächst müs­sen Theolog/inn/en das Chris­ten­tum in sei­ner Dif­fe­ren­ziert­heit ver­ste­hen, beim Chris­ten­tum etwa den Gegen­satz von pries­ter­re­li­giö­sen und schrift­re­li­giö­sen Typen erken­nen. Die Bestim­mung des Chris­ten­tums ist aber nur dann prä­zi­se,  wenn es von den ande­ren Typen des ethi­schen und des ästhe­ti­schen Typs abge­grenzt wer­den kann. Die Bedeu­tung einer ein­zel­nen Reli­gi­on ist mit­be­stimmt von den ande­ren Reli­gio­nen, die Reli­gio­nen bil­den ein Sys­tem, das durch die Regel von Spi­no­za omnis deter­mi­na­tio  est nega­tio bestimmt ist. Nie­mand ver­steht mit­hin das Chris­ten­tum gut, wenn er nicht zugleich auch den Islam und das Juden­tum ver­stan­den hat. Das Umge­kehr­te gilt auch für Theolog/inn/en die­ser bei­den Reli­gio­nen. Und man muss den Unter­schied des eige­nen Reli­gi­ons­ty­pus der ethi­schen Reli­gi­on von dem der ästhe­ti­schen Reli­gi­on ver­ste­hen. Die­ser ist eher pas­siv wahr­neh­mend, wäh­rend jener aus dem reli­giö­sen Gefühl her­aus han­delt. Dabei ist Schlei­er­ma­cher wohl schon in den Reden Über die Reli­gi­on eine Ein­sicht gelun­gen, die man­chen sei­ner Nachfolger/innen ver­schlos­sen geblie­ben ist. Jene ästhe­ti­schen Reli­gio­nen arbei­ten nicht mit einem zen­tra­len Got­tes­kon­zept, wes­halb Schlei­er­ma­cher stets ver­mei­det bei Bestim­mun­gen des Reli­gi­ons­be­griffs den Got­tes­be­griff ein­zu­füh­ren. Und das ist rich­tig.

Alles dies müss­te man/frau eigent­lich selbst leis­ten, aber Schlei­er­ma­cher lässt die Rezep­ti­on von Exper­ten­wis­sen zu, wel­ches in sei­ner Spra­che Vir­tuo­sen pro­du­zie­ren. Uner­läss­lich für jede Theo­lo­gin und jeden Theo­lo­gen ist:

(Für die Kennt­nis des Urchris­ten­tums gilt:) Daß wegen des genau­en Zusam­men­han­ges mit der phi­lo­so­phi­schen Theo­lo­gie, als dem Ort aller Princi­pi­en, Jeder sei­ne Aus­le­gung selbst bil­den muß: so giebt es auch hier nur weni­ges, was man sich von den Vir­tuo­sen … kann geben las­sen.[9]

D. h., Schlei­er­ma­cher unter­stellt, dass das Wesen des Chris­ten­tums in den neu­tes­ta­ment­li­chen Schrif­ten am ehes­ten aus­ge­spro­chen sei – und daher müs­se jede/r Theolog/e/in sich eine kom­pe­ten­te eige­ne Auf­fas­sung bil­den.

Ich wer­de die­se Auf­fas­sung gleich ver­tei­di­gen. Zunächst plau­si­bi­li­sie­re ich, was Schlei­er­ma­cher meint. Er lieb­te das Johan­nes­evan­ge­li­um – und nahm an, der Schü­ler, den Jesus lieb­te, sei als jun­ger Mensch zu Jesus und sei­nen Schü­lern gesto­ßen – und von Jesus beson­ders beein­druckt gewe­sen, sodass er die­sen Ein­druck in sei­nem Evan­ge­li­um dar­ge­stellt habe. Der Schü­ler, den Jesus lieb­te, hat das Wesen des Chris­ten­tums am bes­ten dar­ge­stellt. Alle Dar­stel­lun­gen muss­ten wegen der „natür­li­chen Unvoll­kom­men­heit“ Schwä­chen auf­wei­sen, aber bei die­sem bild­sa­men Schü­ler sind Schlei­er­ma­cher zufol­ge die wenigs­ten vor­ge­kom­men. Aus heu­ti­ger Sicht hat Schlei­er­ma­cher dar­in Recht, dass er erkennt, in der Prä­ka­no­ni­schen Edi­ti­on kommt dem Schü­ler, den Jesus lieb­te, eine sehr bedeu­ten­de Rol­le zu, eben­so dem Johan­nes­evan­ge­li­um. Schlei­er­ma­chers eige­ne Theo­lo­gie, die man an den Glau­bens­leh­ren eini­ger­ma­ßen nach­voll­zie­hen kann, ist selbst durch das Johan­nes­evan­ge­li­um geprägt, dazu kom­men noch Pau­lus­an­sät­ze. Das ist m. E. auch o. k. Das ein­zi­ge, was man aus heu­ti­ger Sicht kri­ti­sie­ren soll­te, ist: Schlei­er­ma­cher ver­kann­te, dass das Johan­nes­evan­ge­li­um auf den ande­ren Evan­ge­li­en (zumin­dest dem Mar­ku­sevan­ge­li­um auf­ruh­te) und eine Fort­schrei­bung der­sel­ben dar­stellt[10]. Daher ist es wahr­schein­li­cher, dass der Schü­ler, den Jesus lieb­te, eine bewusst namen­los gelas­se­ne lite­ra­ri­sche Figur war, wel­che die Tugend der Lie­be, die für das Johan­nes­evan­ge­li­um so zen­tral ist, beson­ders ide­al dar­stellt. In der Sache ändert das m. E. nichts. Schlei­er­ma­cher ent­schei­det sich für die­sen im Neu­en Tes­ta­ment pro­mi­nen­ten Typus, der ein­zi­ge Schwach­punkt ist nur, dass er das mit einer Ursprungs­hy­po­the­se ver­bun­den hat, die heu­te hin­fäl­lig ist.

Schlei­er­ma­chers Ansatz läuft dar­auf hin­aus, dass im Neu­en Tes­ta­ment das Wesen des Chris­ten­tums am ehes­ten aus­ge­spro­chen ist, liest man es im Kon­text der phi­lo­so­phi­schen Theo­lo­gie. Und his­to­ri­sche Theo­lo­gie zusam­men mit der phi­lo­so­phi­schen Theo­lo­gie betrach­tet den jewei­li­gen Zustand des Chris­ten­tums, stellt eine Dia­gno­se und die prak­ti­sche Theo­lo­gie ent­wi­ckelt Ver­fah­ren, wie der jet­zi­ge Zustand dem Wesen des Chris­ten­tums bes­ser ange­nä­hert wer­den kann. In die­sem Aspekt ist Schlei­er­ma­chers Theo­lo­gie­mo­dell ein Fall der dyna­mi­schen Schrift­aus­le­gung, die aber durch phi­lo­so­phisch umfas­sen­de Refle­xi­on gestützt ist.

Letz­te­res bleibt wich­tig. Denn Schlei­er­ma­cher reflek­tier­te vor dem Hin­ter­grund sei­ner Über­set­zungs­er­fah­rung, dass es sich bei sei­nen Beob­ach­tun­gen um eine all­ge­mei­ne Struk­tur han­deln müs­se:

Da auch die meis­ter­haf­tes­te Über­set­zung nicht ver­mag die Irra­tio­na­li­tät der Spra­chen gegen­ein­an­der auf­zu­he­ben: so giebt es kein voll­kom­me­nes Ver­ständ­niß einer Rede oder Schrift anders als in ihre Urspra­che.

Unter Irra­tio­na­li­tät wird nur die­ses bekann­te ver­stan­den, daß weder ein mate­ri­el­les Ele­ment noch ein for­mel­les in der einen Spra­che ganz in einem der ande­ren auf­geht. (Anm. 5, 186f (§ 126 Ls und Erl)

Viel­leicht haben Sie das an den ange­deu­te­ten Fra­gen ver­stan­den, wie Gen 1,26ff im Hebräi­schen und Grie­chi­schen reprä­sen­tiert ist. Auf die­ses Bei­spiel kom­men wir noch zurück. Ent­schei­dend ist vor allem, dass mit jener Irra­tio­na­li­tät das Pro­blem der Fremd­heit semio­tisch nach­voll­zieh­bar in die Her­me­neu­tik ein­zieht, auf der dann ande­re Fremd­hei­ten auf­ru­hen wie die­je­ni­ge des Islam oder des Neo­hin­du­is­mus. Schlei­er­ma­cher hat also ein Modell ent­wi­ckelt, das für das Phä­no­men des Indi­vi­du­el­len und Ande­ren bzw. all­ge­mei­ner des Frem­den gerüs­tet ist, wir sahen das in 1Kor 14: Dar­in liegt ein wesent­li­ches Ele­ment der Her­me­neu­tik. Und der umfas­sen­de Ansatz Schlei­er­ma­chers ist so zu ver­ste­hen, dass unbe­scha­det ihrer Indi­vi­dua­li­tät alle ein­zel­nen Ereig­nis­se oder Ereig­nise­quen­zen doch sozi­al ver­mit­telt wer­den, m. E. macht dies das Modell der gesell­schaft­li­chen Dyna­mik aus, die frei­heits­ori­en­tiert  und zugleich sozi­al enga­giert ist, wie wir es spä­ter vor allem bei dem Prag­ma­tis­ten John Dew­ey vor­fin­den.

 

Zum Schluss die­ses Abschnitts noch der Hin­weis auf eine wich­ti­ge Stel­le:

Das voll­kom­me­ne Ver­ste­hen einer Rede oder Schrift ist eine Kunst­leis­tung, und erheischt eine Kunst­leh­re oder Tech­nik, wel­che wir durch den Aus­drukk Her­me­neu­tik bezeich­nen.

Kunst, schon in einem enge­ren Sin­ne, nen­nen wir jede zusam­men­ge­sez­te Her­vor­brin­gung, wobei wir uns all­ge­mei­ner Regeln bewußt sind, deren Anwen­dung im ein­zel­nen nicht wie­der auf Regeln gebracht wer­den kann. Mit Unrecht beschränkt man gewöhn­lich den Gebrauch der Her­me­neu­tik auf grö­ße­re Wer­ke und schwie­ri­ge Ein­zel­hei­ten. Die Regeln kön­nen nur eine Kunst­leh­re bil­den, wenn sie aus der Natur des gesam­ten Ver­fah­rens genom­men sind, und also auch das gan­ze Ver­fah­ren umfas­sen.

… Eine sol­che Kunst­leh­re ist nur vor­han­den, sofern die Vor­schrif­ten ein auf unmit­tel­bar aus der Natur des Den­kens und der Spra­che kla­ren Grund­sä­zen beru­hen­des Sys­tem bil­den.[11]

Sehr wich­tig ist, dass Schlei­er­ma­cher im Anschluss an Pla­ton und ins­be­son­de­re Aris­to­te­les den Begriff der Kunst­leh­re defi­niert. Er wählt lei­der die Bezeich­nung Tech­nik, um den grie­chi­schen Begriff zu ver­deut­schen, er heißt τέχνη (tech­ne). In unse­rem Sprach­ge­brauch ist aber eine Tech­nik eine Metho­de, die vor dem Hin­ter­grund kla­ren Regel­wis­sens siche­re Erfol­ge erzielt. Bei Aris­to­te­les ist aber z. B. in der Rhe­to­rik die krea­ti­ve Anwen­dung von bewähr­ten Regeln gemeint – und das gibt Schlei­er­ma­cher hier auch auf den Ein­zel­fall bezo­gen exakt wie­der. Der Ein­zel­fall kann von ande­ren Fäl­len sei­nes Typs abwei­chen, wes­halb die Regeln krea­tiv ange­wen­det wer­den müs­sen, Peirce spricht in die­sem Fall von Abduk­ti­on, Schlei­er­ma­cher von Divina­ti­on. In jedem Fall ist es ein hypo­the­ti­sches Ver­fah­ren, das kri­tisch über­prüft wer­den muss, wozu es eine öffent­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on geben muss.

Der zwei­te Punkt besteht dar­in, dass Schlei­er­ma­cher der Ansicht war, dass die Regeln der Her­me­neu­tik auf die Natur des Den­kens und der Spra­che zurück­ge­hen müss­ten. Das unter­schei­det ihn z. B. von Witt­gen­stein und sei­ner Schu­le, die nur die beob­acht­ba­ren Sprach­re­geln zulas­sen. Von Gada­mer schwei­gen wir jetzt ganz. Es ver­bin­det aber Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik mit der Semio­tik Peirce’, der auch den men­ta­len und ins­ge­samt kör­per­li­chen Aspekt des Men­schen ein­be­zie­hen und semio­tisch inter­pre­tie­ren woll­te und nicht nur sei­ne Teil­neh­mer­rol­le im Sprach­sys­tem akzep­tie­ren. Der Aus­druck „Den­ken“ umfasst hier syn­ek­dochisch auch Gefüh­le, Wil­lens­äu­ße­run­gen usf.

3               Die Bedeu­tung die­ses Ansat­zes

Sofern das inner­halb der evan­ge­li­schen Theo­lo­gie über­haupt zur Kennt­nis genom­men wird, wird meis­tens ver­mu­tet, vie­les sei ver­al­tet, so etwa in der Ein­lei­tung bei Phil­ipp Viel­hau­er, auch bei Gerd Thei­ßen, ähn­lich bei Wolf­gang Har­nisch, eben­so bei Hans Weder. Die letz­ten drei waren alle mei­ne Leh­rer. Mit Aus­nah­me von Har­nisch haben die­se alle aber den Ein­fluss der Rhe­to­rik auf das Neue Tes­ta­ment und die Prä­ka­no­ni­sche Edi­ti­on eher miss­ach­tet. Bei Thei­ßen deu­tet sich jetzt eine Wen­de an. Seit es aber durch Stu­di­en im angel­säch­si­schen und im skan­di­na­vi­schen Kon­text deut­lich gewor­den ist, dass die syn­op­ti­schen Evan­ge­li­en auf den beim Grie­chisch­ler­nen erwor­be­nen rhe­to­ri­schen Gat­tun­gen Chrie, Gno­me, Mythos bzw. fabu­la und Para­bel beru­hen, deu­tet sich eine Wen­de an.[12] Schlei­er­ma­chers Ansatz ist dadurch nicht in allem gerecht­fer­tigt, er steht aber nicht mehr als nicht dis­kus­si­ons­wür­dig da.

Die ande­re Posi­ti­on, wel­che die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments im Sin­ne Schlei­er­ma­chers für obso­let hält, ist in der Prak­ti­schen Theo­lo­gie behei­ma­tet. Dort folgt man eher nicht Schlei­er­ma­cher, son­dern Ernst Tro­eltsch – und die Mei­nung bei Wil­helm Gräb u. a. ist dann eher, die gegen­wär­ti­ge Erfah­rung genü­ge, um dem Chris­ten­tum zu die­nen. Die Debat­te um die „Bibel in gerech­ter Spra­che“ hat die Schwä­che die­ser Posi­ti­on klar gemacht. Wur­de doch argu­men­tiert, die anti­ke Gesell­schaft sei eine patri­ar­cha­le Gesell­schaft gewe­sen, heu­te sei das anders und heu­te müs­se man dann auch anders spre­chen, auch eini­ge mei­ner Leh­rer haben so argu­men­tiert.

Wenn es sich so ver­hiel­te, hät­te das Chris­ten­tum flä­chen­de­ckend die Men­schen­rech­te ver­letzt – und sei­ne nor­ma­ti­ven Tex­ten wider­sprä­chen ihnen. Es ging gar nicht dar­um, Schwä­chen der „Bibel in gerech­ter Spra­che“ im Blick auf ihre Kanon­auf­fas­sung u. a. zu the­ma­ti­sie­ren, son­dern dar­um, sich nicht in der Auf­fas­sung stö­ren zu las­sen, seit eini­ger Zeit sei alles bes­ser.

Schlei­er­ma­chers Ansatz hat dem­ge­gen­über den Vor­zug, dass er sah, wenn die moder­nen Ent­wick­lun­gen gar nicht in eine Wir­kungs­ge­schich­te des Neu­en Tes­ta­ments gehö­ren, dann ist das Chris­ten­tum als schäd­li­che Ent­wick­lung in der Geschich­te ent­tarnt. So ist es.

 

Ich fas­se zusam­men:

 

1.Schleiermacher wen­det die Regel omnis deter­mi­na­tio est nega­tio an, womit er Reli­gio­nen usf. struk­tu­riert. Die­se Regel ist sowohl in der struk­tu­ra­len Semio­tik als auch in der Semio­tik Peirce‘ als Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip von Zei­chen­sys­te­men aner­kannt.

2.Das „Wesen des Chris­ten­tums“ ist ein dyna­mi­sches Prin­zip, das es erlaubt, das Chris­ten­tum als semio­ti­schen Pro­zess zu ver­ste­hen. Schlei­er­ma­cher kon­zi­piert die Her­me­neu­tik als Kunst­leh­re und zeigt, dass das Ver­ste­hen des Frem­den für sie irre­du­zi­bel ist.

3.Dass die exege­ti­sche Theo­lo­gie essen­zi­ell an der Bestim­mung des „Wesens des Chris­ten­tums“ betei­ligt ist, ist berech­tigt und lässt sich ver­tei­di­gen.

4. Rück­fra­gen

Die Fra­gen bezo­gen sich häu­fig auf die Ter­mi­no­lo­gie Schlei­er­ma­chers, die z. T. heu­te anders ver­wen­det wird.

a) „Dar­stel­lung“ ist schon in den Reden ein semio­ti­scher Begriff und ent­spricht bei Peirce „Zei­chen“.

b) Schwie­rig erscheint der Begriff „ästhe­ti­sche“ Reli­gio­nen. Er wur­de schon vor­kan­tisch ver­wen­det, um wahr­neh­mungs­ori­en­tier­te Aspek­te mensch­li­chen Han­delns zu bezeich­nen. Das ist am grie­chi­schen Begriff  αἴσθησις  (ais­the­sis) ori­en­tiert. Wenn die Kunst­theo­rie den sinn­li­chen Wahr­neh­mungs­as­pekt betont, heißt sie „Ästhe­tik“. Davon ist Schlei­er­ma­chers reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­sche Ver­wen­dung des Begriffs bestimmt. Er will damit fest­hal­ten, dass in Bud­dhis­mus und Hin­du-Reli­gio­nen der Wahr­neh­mungs­as­pekt ange­sichts von Medi­ta­ti­on und Yoga usf. stark domi­niert. Ob Sie das über­zeugt, müs­sen Sie selbst her­aus­fin­den.

c) Lei­der hat sich Schlei­er­ma­chers Theo­lo­gie­mo­dell nicht durch­ge­setzt. Ins­be­son­de­re ver­hal­ten sich die Dis­zi­pli­nen ein­an­der abschlie­ßend gegen­über. Schlei­er­ma­cher meint mit den Dis­zi­pli­nen theo­lo­gisch not­wen­di­ge Funk­tio­nen. Daher muss jede/r Neutestamentler/in auch das Johan­nes­evan­ge­li­um reli­gi­ons­phi­lo­so­phisch betrach­ten, um beur­tei­len zu kön­nen, was es zum „Wesen des Chris­ten­tums“ bei­trägt. Und alle Student/inn/müssen es Schlei­er­ma­cher zufol­ge eben­falls tun.

d) „His­to­ri­sche Theo­lo­gie“ umfasst nach dem heu­ti­gen Sprach­ge­brauch Altes Tes­ta­ment, Neu­es Tes­ta­ment, Kir­chen­ge­schich­te und Dog­ma­tik, wobei bei Schlei­er­ma­cher bei Letz­te­rer die aktu­el­len Glau­bens- und Sit­ten­leh­ren einer Kir­chen­ge­mein­schaft gemeint sind. In sei­nen Glau­bens­leh­ren (1811/1834) kön­nen Sie das Dar­stel­lungs­mo­dell fin­den, wie er das Dis­zi­pli­nen­pro­blem löst. In län­ge­ren Ein­lei­tun­gen zitiert er Lehn­sät­ze aus der Ethik und Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie, die all­ge­mein ori­en­tie­ren. Exakt wird dann der all­ge­mei­ne Cha­rak­ter mit dem his­to­risch aktu­el­len Cha­rak­ter von 1811 und 1834 ver­bun­den, wie er sich in Preu­ßen zeig­te.

e) Dyna­mik. Das ist in der Tat das zen­tra­le The­ma. Schlei­er­ma­cher nimmt an, dass das Wesen des Chris­ten­tums im Auf­tre­ten Jesu prä­sent war und die neu­tes­ta­ment­li­chen Dar­stel­lun­gen davon mehr oder weni­ger unvoll­kom­men waren. Sodass es natür­lich von Anfang an kon­tro­vers war, wie es zu bestim­men ist. Und Schlei­er­ma­cher wählt das Johan­nes­evan­ge­li­um aus, was nicht ohne Alter­na­ti­ve ist. Wei­ter­hin ist die phi­lo­so­phi­sche Theo­lo­gie mit ihren ethi­schen und reli­gi­ons­phi­lo­so­phi­schen Prin­zi­pi­en stets mit­be­tei­ligt, sodass Schlei­er­ma­chers Modell ein plu­ral aus­ge­leg­tes Chris­ten­tum erwar­ten lässt.

f) Irra­tio­na­li­tät

Das Phä­no­men der Irra­tio­na­li­tät der Spra­chen wer­den wir an die­sen Punk­ten von Gen 1,26 aus­führ­lich the­ma­ti­sie­ren, weil das auch den biblisch ver­wen­de­ten Bild­be­griff betrifft. Hier die For­mu­lie­run­gen in LXX und Hebräi­scher Bibel: κατ᾽ εἰκόνα ἡμετέραν (kat‘ eiko­na heme­teran) / בְּצַלְמֵ֖נוּ (bezal­me­nu) . Sehen Sie sich dazu ver­schie­de­ne deut­sche und eng­li­sche Über­set­zun­gen an. Das for­mel­le (syn­atkti­sche) Ele­ment der Irra­tio­na­li­tät wird hier durch Akku­sa­tiv (griech.) und Dativ (hebr.) reprä­sen­tiert, das mate­ri­el­le (inhalts­se­man­ti­sche) Ele­ment durch εἰκών (eikon) und צֶלֶם (zäläm). Letz­te­res bezeich­net oft das Göt­t/er/in­nen-Bild, gewöhn­lich eine Sta­tue, ers­te­res kann auch ein men­ta­les Bild bezeich­nen, das jemand von sich hat. Die Ent­schei­dung ist abhän­gig davon, wie der jewei­li­ge Kon­text das ein­zel­ne Zei­chen bestimmt. Das wer­den wir spä­ter zu ver­ste­hen ver­su­chen.

[1] Zu Schlei­er­ma­chers Ansatz vgl. die bis­lang uner­reich­te Stu­die von Johan­nes Ditt­mer,  Schlei­er­ma­chers Wis­sen­schafts­leh­re als Ent­wurf einer pro­zes­sua­len Meta­phy­sik in semio­ti­scher Per­spek­ti­ve. Tria­di­zi­tät im Wer­den, 2001 (TBT 113 [Lit. !]). Zum Leben Schlei­er­ma­chers vgl. Kurt Nowak, Göt­tin­gen, 22002 (UTB 2215).

[2] Baruch de Spi­no­za, Brie­fe (59).

[3] Vgl. Vor­le­sung I (Anm. 3), 7.

[4] Vgl. Vor­le­sung I (Anm. 3), 8.

[5] F. D. E. Schlei­er­ma­cher, Kur­ze Dar­stel­lung des theo­lo­gi­schen Stu­di­ums (1811/1830), Ber­lin usf. 2002, 141 (§ 3 Ls), vgl. auch die Erl.

[6] Vgl. Anm. 5, 139 (§ 1 Ls).

[7] Vgl. Anm. 5, 145 (§ 24 Ls), bei Schlei­er­ma­cher gesperrt.

[8] Vgl. Anm. 5, 149f (§ 26 Ls und Erl), bei Schlei­er­ma­cher gesperrt.

[9] Vgl. Anm. 5, 174 (§ 89 Ls).

[10] Vgl. Hart­wig Thy­en, Das Johan­nes­evan­ge­li­um (HNT 6), 2005.

[11] Vgl. Anm. 5, 189 (§ 132 Ls und Erl, eben­so § 133 Ls).

[12] Vgl. die Lite­ra­tur in mei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift und das ers­te Kapi­tel.

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Info:
Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments III ist Beitrag Nr. 5094
Autor:
Martin Pöttner am 7. Mai 2016 um 13:21
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments
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