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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Pre­digt zu Gen 1,26-31 (EfG Gries­heim)

26Da sprach Gott: »Wir wol­len Men­schen machen – nach unse­rem Bild und uns ähn­lich. Sie sol­len über die Fische des Mee­res, die Flug­tie­re des Him­mels, das Vieh, die gan­ze Erde, alle Kriech­tie­re herr­schen, die auf dem Boden krie­chen.« 27Da schuf Gott den Men­schen, nach dem Bild Got­tes schuf er den Men­schen, er schuf sie männ­lich und weib­lich.

28Dann seg­ne­te Gott sie, indem Gott zu ihnen sprach: »Seid frucht­bar, ver­mehrt euch, füllt die Erde und bemäch­tigt euch ihrer. Und beherrscht die Fische des Mee­res, die Vögel des Him­mels und alle Tie­re, die auf der Erde krie­chen.« 29Da sprach Gott: »Seht, ich über­ge­be euch alle Gewäch­se auf der gan­zen Flä­che der Erde, die Samen ver­brei­ten, sowie jeden Baum, an dem Baum­früch­te sind. Die Samen ver­brei­ten. Das soll euch als Nah­rung die­nen. 30Auch allen Tie­ren der Erde, allen Vögeln des Him­mels, allem, was auf der Erde kriecht, das leben­dig ist, soll alles grü­ne Gewächs als Nah­rung die­nen.« So geschah es.

31Und Gott sah alles, was er geschaf­fen hat­te: Sieh hin, es ist sehr gut.

Es wur­de Abend, es wur­de Mor­gen: der sechs­te Tag.[1]

 

Lie­be Gemein­de,

 

das ist ein wich­ti­ger Text. Män­ner und Frau­en sind nach dem Bild Got­tes geschaf­fen, sie tra­gen des­halb die Struk­tur des Bil­des Got­tes an sich, sie sind in der Ver­schie­den­ge­schlecht­lich­keit Bil­der Got­tes, Gott ähn­lich. Sie sind selbst nicht Gott, aber gott­ähn­lich. Des­halb sol­len sie über die ande­ren Geschöp­fe herr­schen, was hier nicht bedeu­tet, dass wir Tie­re töten und essen dürf­ten. Wir als Män­ner und Frau­en sol­len uns wohl vege­ta­risch ernäh­ren, auch vegan ist nicht ganz aus­ge­schlos­sen. Denn nur von den Samen von Pflan­zen und Bäu­men wird gespro­chen, es ist gar nicht von Milch und Honig die Rede.

Das alles ist nach dem Urteil Got­tes sehr gut.

Die Herr­schaft über die Tie­re ist wohl als bewah­ren ver­stan­den, so könn­te alles gut sein. Har­mo­nisch leben Frau­en und Män­ner als Bil­der Got­tes zusam­men und ach­ten ent­spre­chend ihrer Bild­struk­tur ein­an­der und die Tie­re. Aber es kommt anders. Schon die Para­die­s­er­zäh­lung ändert etwas. Eva und Adam schaf­fen es zwar, sitt­lich genau­so gut urtei­len zu kön­nen wie Gott, weil sie auf Anra­ten der Schlan­ge vom Baum der Erkennt­nis des Guten und Bösen essen. Aber damit sie nicht auch noch unsterb­lich wer­den, indem sie vom Baum des Lebens essen, ver­treibt Gott sie aus dem Para­dies. Dabei bestimmt er, dass Eva die Last der Ver­trei­bung stär­ker zu spü­ren bekommt. Sie hat die Schmer­zen bei der Geburt, begehrt ihren Mann und die­ser wird dadurch zu ihrem Herrn, der klas­si­sche patri­ar­cha­le Satz:

Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Müh­sal schaf­fen, wenn du schwan­ger wirst; unter Mühen sollst du Kin­der gebä­ren. Und dein Ver­lan­gen soll nach dei­nem Mann sein, aber er soll dein Herr sein – wie Luther über­setzt (1. Mose 3,16).

Das dürf­te aus Sicht der Frau­en dann doch nicht so gut sein. Aber es pas­sie­ren noch ande­re Geschich­ten. Es gibt den ers­ten Mord, man lebt ansons­ten zwar lan­ge, aber nur Hen­och macht es so gott­ge­fäl­lig (1. Mose 5,24), sodass er direkt zu Gott kommt, ohne zu ster­ben. Dann pas­siert die Geschich­te mit den Söh­nen Got­tes, die mensch­li­che Frau­en schwän­gern (1. Mose 6,1-4). Da hat es Gott satt – und fin­det die Sache nun nicht ein­mal mehr befrie­di­gend, er beschließt alles zu ersäu­fen – und die gro­ße Sint­flut setzt ein. Noah hat Ver­wand­te und sons­ti­ge Geschöp­fe mit­neh­men dür­fen. Nach­dem das Was­ser gesun­ken ist, schließt Gott mit Noah einen Bund, der alle umfasst, auch die Tie­re. Aber ab dann ist das Essen von Tie­ren und das Töten von Tie­ren erlaubt.

Ein sen­si­bler Mensch wie Pau­lus sieht das und spricht vom Seuf­zen der Krea­tur in Röm 8, die auf die Frei­heit der Kin­der Got­tes hof­fe. Ähn­lich sieht er in dem Text in der Schrift­le­sung, dass in Chris­tus die Macht­ver­hält­nis­se oder Vor­zugs­ver­hält­nis­se von männ­li­chen und weib­li­chen Men­schen vor­bei sei­en, eben­so ver­hiel­te es sich bei Juden und Grie­chen sowie bei Her­ren und Sklav/inn/en. In der neu­en Schöp­fung, die mit dem „Auf­we­cken“ Jesu beginnt, wer­den also die Ver­hält­nis­se wie­der her­ge­stellt, die in der ers­ten Schöp­fungs­er­zäh­lung gemeint sind, Pau­lus denkt ja auch beson­ders an die Tie­re.

Die Vor­stel­lung, dass Män­ner und Frau­en ein gleich­be­rech­tig­tes Bild Got­tes sind, ist wun­der­bar. Das ist selbst bei Pau­lus nicht über­all durch­ge­hal­ten

(vgl. 1Kor 11,2ff), aber in Gal 3,26-28 tut er es. Für die Gemein­de­or­ga­ni­sa­ti­on heißt das vor allem, dass Män­ner und Frau­en bei­de in der Gemein­de leh­ren. Das ist im Neu­en Tes­ta­ment durch­aus nicht ganz sel­ten fest­ge­hal­ten, aber es gibt auch Gegen­ten­den­zen.

Das mag für man­che Men­schen ein schwie­ri­ger Aspekt der Bibel sein. Sieht man genau­er zu, gibt es meh­re­re Fäl­le wie in den bei­den Schöp­fungs­er­zäh­lun­gen.

Was macht die Bibel da mit uns? Ich fin­de es wit­zig, dass Gene­ra­tio­nen von Kolleg/inn/en zu bele­gen ver­su­chen, dass Jako­bus so unge­fähr das Glei­che wie Pau­lus gesagt hat, obgleich Jako­bus expli­zit etwas ande­res sagt. In der Bibel soll es kei­ne Span­nun­gen geben, so unter­stel­len unse­re Schwes­tern und Brü­der. Das sah Luther anders. Er war ein frei­er Mensch gewor­den und nann­te daher den Jako­bus­brief eine stro­her­ne Epis­tel. Luther hat­te auch durch sei­nen Kon­takt mit rab­bi­ni­schen Theo­lo­gen gelernt, dass die­se die Schrif­ten gewich­te­ten – und dar­über strit­ten, wel­che und war­um eine Posi­ti­on die wich­ti­ge­re war.

Das ist für uns auch in der Fra­ge der Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en und Män­nern der Fall. Ob bei­de das Bild Got­tes sind – oder der Mann der Herr der Frau, ist ein Unter­schied. Und die Bibel sagt nicht ein­fach, was bes­ser ist – obgleich Pau­lus für die neue Schöp­fung meis­tens zur Posi­ti­on der ers­ten Schöp­fungs­er­zäh­lung neigt. Aber die Frau­en sol­len in der Gemein­de schwei­gen und zu Hau­se ihre Män­ner fra­gen, wenn sie etwas nicht ver­stan­den haben, wie ein Schü­ler spä­ter in den 1. Korin­ther­brief ein­fügt. D. h., das im Juden­tum ent­deck­te Prin­zip, dass wir uns ange­sichts der Span­nun­gen in der Bibel selbst Gedan­ken machen sol­len, ist auch für das Chris­ten­tum gül­tig. Wir müs­sen das fair mit­ein­an­der und auch mit den Tex­ten tun.

Im Neu­en Tes­ta­ment gibt es sowohl die Posi­ti­on des Pau­lus, dass die ers­te Schöp­fungs­er­zäh­lung das Modell für die neue Schöp­fung abgibt. Frau­en sind gleich­be­rech­tigt, weil sie wie Män­ner Bil­der Got­tes sind. Aber Eva hat die Sün­de in die Welt gebracht, wen­det der 1. Timo­theus­brief in 2,13 ein – und nimmt damit Bezug auf die zwei­te Schöp­fungs­er­zäh­lung – oder ver­sucht es jeden­falls zu tun.

D. h., es gibt kei­ne ande­re Mög­lich­keit, als sich mit­ein­an­der aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Und das ent­spricht der neu­en Schöp­fung. Denn als die­je­ni­gen, die vom „Auf­ste­hen“ Jesu betrof­fen sind, sind wir frei, fair mit­ein­an­der zu spre­chen. Ich per­sön­lich fin­de die Posi­ti­on von 1Mos 1,26-31 rich­tig, zumal auch Pau­lus meis­tens so argu­men­tiert. Aber die wich­tigs­te Her­aus­for­de­rung besteht dar­in, dass die Bibel uns als freie Men­schen will, die eine über­leg­te Ent­schei­dung tref­fen – und dies im Rah­men der Gemein­de. Und da müs­sen wir mit den ande­ren zurecht­kom­men. Das kann uns dann gelin­gen, wenn wir die oder den Andere/n als frei­es Geschöpf und Bild Got­tes anse­hen.

Jeden­falls ermu­tigt uns unser Pre­digt­text dazu, dank­ba­re Geschöp­fe zu sein. Was kann Grö­ße­res über die Men­schen gesagt wer­den, als dass sie Bil­der Got­tes sei­en? Und als Bild Got­tes neh­men wir auch die Men­schen wahr, die ande­rer Mei­nung sind als wir. Und wir müs­sen ihnen Respekt zol­len. Denn dass sie zu einer eige­nen Mei­nung kom­men, muss uns freu­en. Denn es ist Zei­chen Ihrer Frei­heit.

Und des­halb soll­ten wir uns auch nicht vor der frü­he­ren Pfarr­frau Frau­ke Petry fürch­ten. Denn auch sie nimmt ihre Frei­heit wahr. Und Frei­heit heißt immer, sich auch irren zu kön­nen. Frau­ke Petry ist auch ein Bild Got­tes. Und m. E. ist es ange­bracht, barm­her­zig mit den Bil­dern Got­tes umzu­ge­hen. Ich ler­ne das erst lang­sam.

Sei­en wir also froh, dass uns die neue Schöp­fung ein­deu­tig zu Bil­dern Got­tes macht, Män­ner wie Frau­en.

 

Amen

 

 

 

 

[1] Die Über­set­zung folgt teil­wei­se Frank Crü­se­mann, „Bibel in gerech­ter Spra­che“, 22005, 31, kor­ri­giert sie aber nach der Sep­tuagin­ta, die m. E. dem hebräi­schen Text ent­spricht.

« Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I (Uni Hd) – Ver­an­stal­tun­gen in Darm­stadt (TUD) am 19.04. »

Info:
Pre­digt zu Gen 1,26-31 (EfG Gries­heim) ist Beitrag Nr. 5047
Autor:
Martin Pöttner am 16. April 2016 um 19:07
Category:
Religiöse Rede
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