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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I (Uni Hd)

Her­mes der Bote der Göt­tin­nen und Göt­ter beglei­tet auch die­se her­me­neu­ti­sche Vor­le­sung

  • § 1: Hin­füh­rung zum Pro­blem

Ver­ehr­te Damen und Her­ren,

 

ich begrü­ße Sie in die­ser Vor­le­sung zu einer Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments!

Inhalt

1       Pro­ömi­um

2       Über­blick

3       Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen

4       All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

5.     Hin­wei­se und Fra­gen der Teilnehmer/innen

Wie Sie am Inhalts­ver­zeich­nis sehen kön­nen, hat die heu­ti­ge Vor­le­sung vier Abschnit­te. Zunächst erläu­te­re ich im Pro­ömi­um bzw. der Vor­re­de skiz­zen­haft das­je­ni­ge, was ich vor­ha­be. Sodann gebe ich einen Über­blick über den geplan­ten Inhalt und bestimm­te for­ma­le Aspek­te die­ser Vor­le­sung. Wei­ter ver­su­che ich einen Anschluss­punkt für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem im Neu­en Tes­ta­ment selbst zu fin­den, da in 1Kor 14 m. E. das zen­tra­le Pro­blem der Fremd­heit expli­zit erwähnt und mit der Metho­de der Über­set­zung ange­gan­gen wird.

Der letz­te Abschnitt the­ma­ti­siert das Pro­blem der all­ge­mei­nen und der spe­zi­el­len Her­me­neu­tik, wie es auch in Schlei­er­ma­chers Her­me­neu­tik und Kri­tik, 1977 (stw 211) for­mu­liert wird.

  • 1. Pro­ömi­um

Ange­sichts der hier im Som­mer­se­mes­ter zur Ver­fü­gung ste­hen­den Zeit ist es bewusst nur eine Ein­füh­rung, die Sie anre­gen soll, wei­ter­zu­ar­bei­ten – oder im eige­nen Leben oder Ihrer beruf­li­chen Pra­xis wei­ter­füh­ren­de Lösun­gen zu fin­den, die Sie zufrie­den­stel­len.

Das Neue Tes­ta­ment ist ein inter­es­san­ter Gegen­stand, der sich auf das Leben bezieht und prak­tisch ange­wen­det wer­den will. Natür­lich han­delt es von Jesus von Naza­reth usf. Aber es geht immer dar­um, dass sol­che Rede von Jesus, vom Geist, auch vom Vater auf die Lebens­si­tua­ti­on der dama­li­gen Men­schen bezo­gen war und auch dar­auf bezo­gen wer­den soll­te. Das Neue Tes­ta­ment ist also eine Art Gebrauchs­li­te­ra­tur, die in der reli­giö­sen Pra­xis ent­stan­den und auf die Fort­set­zung der reli­giö­sen Pra­xis bezo­gen ist. Es gibt daher nie­mals ein Neu­es Tes­ta­ment ohne das Alte Tes­ta­ment bzw. die Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen, denn die­se Schrif­ten gehör­ten zur Pra­xis­si­tua­ti­on der dama­li­gen Men­schen, wir wer­den das in der Vor­le­sung ein wenig ver­fol­gen, weil der kano­ni­sche Cha­rak­ter des Alten Tes­ta­ments für das Chris­ten­tum immer wie­der pro­ble­ma­ti­siert wor­den ist. Aber es ist der Fall, dass man/frau neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te am bes­ten ver­steht, wenn man/frau sie als Fort­schrei­bung alt­tes­ta­ment­li­cher Tex­te ver­steht, was durch­aus auch Kri­tik bedeu­ten kann.

Dass es sich um alte Tex­te han­delt, die gut 1800 oder 1900 Jah­re alt sind, hat zu beson­de­ren Fra­gen geführt. Ist es über­haupt reli­gi­ös zuläs­sig, sol­che alten Tex­te Men­schen zuzu­mu­ten, die heu­te mit Smart­pho­ne oder Tablet unter­wegs sind? Selbst Flücht­lin­ge sind heu­te zwar noch zu Fuß, aber jeden­falls oft mit Smart­pho­ne auf dem Weg und machen Sel­fies mit der Bun­des­kanz­le­rin, was dann über Sozia­le Medi­en ver­brei­tet wird. Lei­der steht vom Smart­pho­ne und von Face­book oder Twit­ter im Neu­en Tes­ta­ment nichts, dafür aber von Dämo­nen, Engeln und dem „Auf­ste­hen“ Jesu bzw. sei­nem „Auf­ge­weckt­wer­den“, was häu­fig falsch oder zumin­dest fahr­läs­sig über­setzt wird, indem man es in einen dog­ma­ti­schen Begriff ver­wan­delt, kirch­lich ist von der Auf­er­ste­hung bzw. der Auf­er­we­ckung die Rede. Aber sowohl in den Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen als auch im Neu­en Tes­ta­ment ist stets nur von „auf­ste­hen“ und „auf­ge­weckt wer­den“ die Rede – also ein her­me­neu­ti­sches Pro­blem, dem wir uns hier wid­men müs­sen. Offen­bar wer­den für zen­tra­le reli­giö­se Kon­zep­te ganz all­täg­lich ver­wen­de­te Kon­zep­te ver­wen­det und ihr Sinn aus­ge­dehnt.

Offen­bar ste­cken daher sol­che her­me­neu­ti­schen Pro­ble­me schon in den Tex­ten selbst. Und in die­ser Vor­le­sung wird die The­se ver­tre­ten, dass das her­me­neu­ti­sche Pro­blem nicht erst mit der Auf­klä­rung ent­stan­den ist, son­dern schon seit dem Juden­tum in auf­schluss­rei­cher Wei­se behan­delt wird. Auch der Unter­schied von Katho­li­zis­mus, Ortho­do­xie einer­seits und Pro­tes­tan­tis­mus ande­rer­seits lässt sich dar­auf zurück­füh­ren – und Luthers gegen die Römi­sche Kir­che gewen­de­tes Prin­zip sola scrip­tu­ra („Allein die Schrift“) ist eine Fort­schrei­bung bestimm­ter Auf­fas­sun­gen, die in der schrift­ge­lehr­ten Debat­te im Juden­tum ent­stan­den sind, weil dort erkannt wur­de, dass die Schrift nicht ein­heit­lich ist, son­dern recht ver­schie­de­ne Posi­tio­nen ent­wi­ckelt wer­den, wes­halb Ver­fah­ren ent­wi­ckelt wur­den, Tex­te zu gewich­ten. Damit ist gemeint, in den Schrif­ten gibt es ange­sichts der gegen­wär­ti­gen Got­tes­er­fah­rung wich­ti­ge­re und unwich­ti­ge­re Schrif­ten. Und Luthers Prin­zip sola scrip­tu­ra ist gewich­tet, weil nicht alles gleich wich­tig ist, son­dern s. E. z. B. der Jako­bus­brief eine „stro­her­ne Epis­tel“ dar­stellt. Kern die­ses Kon­zepts ist das­je­ni­ge, was „Chris­tum trei­bet“, also eine bestimm­te Erlö­sungs­kon­zep­ti­on, die sich auf Chris­tus bezieht. Die­se Ent­schei­dung ist aber durch­aus auch anders mög­lich – und setzt eine her­me­neu­ti­sche Refle­xi­on vor­aus, weil dann etwa die Pau­lus­brie­fe in den Vor­der­grund der Auf­merk­sam­keit tre­ten.

Her­me­neu­tik in dem Sinn, wie der Aus­druck in die­ser Vor­le­sung basal ver­stan­den wer­den soll, besagt also:

Ver­ste­hen, was der Sinn von Tex­ten oder all­ge­mei­ner von Zei­chen­kom­ple­xen, die vor­lie­gen, besagt – und  zu fra­gen, ob und wie ‚wir‘ damit ein­ver­stan­den sein kön­nen.“ Das ist m. E. nicht erst seit der Auf­klä­rung und Schlei­er­ma­cher der Fall.

Das Chris­ten­tum ist also von Anfang an eine her­me­neu­ti­sche Reli­gi­on, die stets auf Schrift­aus­le­gung ange­wie­sen ist, wel­che die  Schrift auf die gegen­wär­ti­ge  Situa­ti­on bezieht und  sie in der Regel im  Licht der gegen­wär­ti­gen Got­tes­er­fah­rung fort­schreibt.

Ich begin­ne daher in der über­nächs­ten Woche mit einer Skiz­ze die­ses Pro­blems, wor­in deut­lich wer­den könn­te, wie das hier ver­tre­te­ne Modell ent­stan­den ist und wel­che ande­ren Optio­nen es in Juden­tum und Chris­ten­tum gege­ben hat, gibt bzw. geben könn­te.

  • 2. Über­blick

  • 1: Hin­füh­rung zum Pro­blem (18.04)
  • 2: Die Ent­ste­hung der Schrift­re­li­gi­on im Juden­tum und ihre Bedeu­tung für das her­me­neu­ti­sche Pro­blem (02.05.)

I. Moder­ne

  • 3: Das Modell Fried­rich Schlei­er­ma­chers in der „Kur­zen Dar­stel­lung“ (09.05)
  • 4: Das Pro­blem der im All­tag prä­sen­ten expe­ri­men­tel­len Metho­de in den Natur­wis­sen­schaf­ten und die Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung: Rudolf Bult­mann (23.05.)
  • 5: Die Not­wen­dig­keit, die Geschlech­ter­fra­ge zu berück­sich­ti­gen (Mag­da­le­ne F. Frett­löh) (30.05.)

II. Vor­schlag: Bild­lich­keit und Nar­ra­ti­vi­tät berück­sich­ti­gen

  • 6: Die Fra­ge der Bild­lich­keit reli­giö­ser Rede und Zei­chen­kom­ple­xe (06.06.)
  • 7: Die (mög­li­che) Extra­va­ganz reli­giö­ser Bil­der, Charles Peirce u. a. (13.06.)
  • 8: Pro­blem­ge­schich­ten (20.06.)
  • 9: Dua­lis­ti­sche Erzähl­wei­sen (27.06.)
  • 10: Erfolgs­ge­schich­ten (04.07.)
  • 11: Die Berg­pre­digt (11.07.)
  • 12: Extra­va­ganz in Para­beln (παραβολαί [para­bo­lai]) (18.07.)
  • 13: Epi­log, Abschluss­dis­kus­si­on (25.07.)

Ich beab­sich­ti­ge immer ca. eine Stun­de zu lesen, Ver­ständ­nis­fra­gen äußern Sie bit­te nach Ende eines Abschnitts und vor dem Beginn des nächs­ten. Ich wün­sche mir nach dem gesam­ten Vor­trag eine Sach­dis­kus­si­on, die eine hal­be Stun­de dau­ern kann. Ob und wann Sie zuvor eine Pau­se wün­schen, ent­schei­den Sie.

Ihnen liegt stets eine knap­pe Zusam­men­fas­sung von Struk­tur und Inhalt jeder Vor­le­sung vor, heu­te auf einem Blatt Papier, ich hat­te aber einen WLAN-fähi­gen Bea­mer bean­tragt.

Die Vor­le­sung steht als Gan­ze jeden Sonn­tag Abend unter www.alltagundphilosophie.com. Eben­so fin­det sich dort die Zusam­men­fas­sung der Vor­le­sung. Der jeweils aktu­el­le Link steht immer in der Zusam­men­fas­sung (heu­te: http://alltagundphilosophie.com.www256.your-server.de/2016/04/10/einfuehrung-in-die-hermeneutik-des-neuen-testaments-i/), die Ihnen zur Ver­fü­gung gestellt wird. Sie kön­nen sich also ent­schei­den, ob Sie den Text am Sonn­tag Abend laden bzw. aus­dru­cken, hier über WLAN ver­fol­gen oder nur zuhö­ren wol­len. Der Link ist aber wich­tig, weil ich die Dis­kus­si­on mit in den Text auf­neh­men möch­te. Das ist dann gegen 18 Uhr am Mon­tag erfolgt. Ich fra­ge  zu Beginn jeder Vor­le­sung, ob Rück­fra­gen oder Ergän­zun­gen zur letz­ten Stun­de Ihrer­seits vor­lie­gen.

Die­je­ni­gen Damen und Her­ren, die Leis­tungs­punk­te möch­ten, müs­sen sich ent­spre­chend anmel­den. Glei­ches gilt für die­je­ni­gen, die eine Beno­tung möch­ten (Vor­le­sungs­prü­fung oder Arbeit). Schei­ne sind, falls erfor­der­lich, immer noch mög­lich.

Das Neue Tes­ta­ment ist in Grie­chisch geschrie­ben, nach mei­ner Auf­fas­sung war auch Jesus zumin­dest zwei­spra­chig, wie auch die Evan­ge­li­en andeu­ten. Er hat also min­des­tens Ara­mä­isch und Grie­chisch gespro­chen. Fremd­spra­chi­ge Tex­te wer­den daher hier immer über­setzt, wenn ich sie aus­le­ge. Zum Ori­gi­nal bie­te ich einen beque­men Link. Natür­lich kön­nen Sie auch das grie­chi­sche Neue Tes­ta­ment als Buch mit­brin­gen. Fremd­spra­chi­ge Begrif­fe ste­hen Ihnen immer auch in Umschrift zur Ver­fü­gung. Keine/r soll­te sich daher aus die­ser Vor­le­sung aus­ge­grenzt füh­len. Falls den­noch etwas zu ver­bes­sern sein soll­te, äußern Sie sich bit­te ganz frei und offen.

  • 3. Das Pro­blem, das hin­ter der Her­me­neu­tik steht: die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen

 

 

 

 

Auch die­ses Pro­blem ist im Neu­en Tes­ta­ment selbst­ver­ständ­lich schon bekannt (1Kor 14,1-16.23f [Ori­gi­nal: wibilex.de]):

1 Setzt alles auf die Lie­be und bemüht euch um eure geist­ge­wirk­ten Fähig­kei­ten, am  meis­ten dar­um pro­phe­tisch zu reden. 2Wenn ihr in Zun­gen redet, sprecht ihr nicht mit Men­schen, son­dern mit Gott. Nie­mand sonst ver­steht es, ihr redet aus Ein­ge­bung des gött­li­chen Geis­tes geheim­nis­voll.

3Wenn ihr aber pro­phe­zeit, dann bewirkt eure Rede, dass Gemein­schaft auf­ge­baut wird und Men­schen gestärkt und getrös­tet wer­den.

4Wer in Zun­gen redet, baut sich selbst auf. Wer pro­phe­tisch redet, baut die Gemein­de auf. 5 Ich fin­de es gut, wenn ihr alle in Zun­gen redet, bes­ser aber, wenn ihr pro­phe­tisch redet. Die pro­phe­ti­sche Rede ist der Zun­gen­re­de vor­zu­zie­hen, es sei denn, die Zun­gen­re­de wird über­setzt, sodass die Gemein­de davon auf­ge­baut wird.

6 Jetzt seht, Geschwis­ter, wenn ich zu euch kom­me und rede in Zun­gen – was habt ihr davon, wenn ich nicht auch über ande­res zu euch spre­che: über Offen­ba­run­gen, Got­tes­er­fah­run­gen, pro­phe­ti­sche Erkennt­nis­se, Leh­ren?

7 Eben­so ver­hält es mit den unbe­leb­ten Musik­in­stru­men­ten, sei es eine Flö­te oder eine Lau­te, wenn ich die Klän­ge nicht unter­scheid­bar mache, wie soll dann das gehört wer­den, was ich mit Flö­te oder mit der Lau­te spie­le? 8Oder auch wenn ich einen unkla­ren Fan­fa­ren­ton abge­be – wer wird sich zum Krieg bereit­ma­chen? 9 So ist es auch bei euch: Wenn ihr beim Reden kei­ne deut­li­chen Wor­te von euch gebt, wie soll das Gere­de­te ver­stan­den wer­den? Ihr wer­det in den Wind reden.

10 Es gibt wer weiß wie vie­le Spra­chen in der Welt, und nichts ist ohne Spra­che. 11Wenn ich den Sinn der Spra­che nicht ken­ne, blei­be ich für die, die sie spre­chen, ein unver­ständ­li­cher Aus­län­der und sie eben­so für mich. 12So soll­tet auch ihr, wenn ihr um die Gaben des Geis­tes ringt, nach dem suchen, was die Gemein­de auf­baut. Das wird euch reich beschen­ken. 13 Des­halb soll­ten alle, die in Zun­gen reden, dar­um beten, ihre Wor­te auch über­set­zen zu kön­nen. 14Wenn ich näm­lich in Zun­gen rede, betet mein Herz, was ich aber im Sinn habe, bleibt fol­gen­los. 15Was bedeu­tet das? Ich wer­de mit dem Her­zen und mit dem Ver­stand beten. Ich wer­de mit dem Her­zen und mit dem Ver­stand sin­gen.

16Wenn du Gott mit dem Her­zen dankst, wie sol­len die Unkun­di­gen auf ihren Plät­zen das Amen zu dei­nem Dank­ge­bet spre­chen? …

23Wenn nun die gan­ze Gemein­de an einem Ort zusam­men­kommt und alle in Zun­gen reden, und es kom­men Unkun­di­ge oder Ungläu­bi­ge dazu, wer­den sie nicht fra­gen: Seid ihr ver­rückt gewor­den? 24Wenn aber alle pro­phe­tisch reden, und Unkun­di­ge oder Ungläu­bi­ge kom­men her­ein, so wer­den sie von allen mit der Wahr­heit kon­fron­tiert und her­aus­ge­for­dert.[1]

In Korinth war eine etwas wil­de Situa­ti­on ein­ge­tre­ten, wenn wir Pau­lus fol­gen kön­nen. Wer die bes­ten Geis­tes­ga­ben besit­ze, könn­te das The­ma gewe­sen sein. Dabei hat die Zun­gen­re­de offen­bar einen Vor­sprung, wohl doch ein Lal­len o. Ä., das fast dada­is­tisch die gewöhn­li­che Spra­che zer­stört. Schott­roff über­setzt γλώσση (glos­se) mit „Eksta­se“. Das fin­de ich zu extrem. Aber sicher fin­det bei die­sem dada­is­ti­schen Reden ein Über­gang in Tran­ce­phä­no­me­ne statt. Mir kommt es bei der alten Über­set­zung Zun­gen­re­de auf die­ses von Pau­lus her­vor­ge­ho­be­ne Phä­no­men ihrer öffent­li­chen Unver­ständ­lich­keit an.

Pau­lus ist kein schlim­mer Geg­ner der Zun­gen­re­de, sie gilt ihm als indi­vi­du­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on (des Her­zens) mit Gott, die für Ein­zel­ne o. k. ist, aber für den Gemein­de­zu­sam­men­hang nicht. Vgl. die Anti­the­se in 14,2:

Wenn ihr in Zun­gen redet, sprecht ihr nicht mit Men­schen, son­dern  mit Gott.

D. h.:

  • Es gibt einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang zwi­schen dem/r Ein­zel­nen und Gott, in dem die Zun­gen­re­de als die Spra­che des Her­zens (vgl. 14,14) das geeig­ne­te Medi­um ist. Gott ver­steht also dada­is­ti­sche Zei­chen. – Und
  • es gibt einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­zu­sam­men­hang unter den Men­schen. Und hier gilt: Alle Betei­lig­ten soll­ten mög­lichst so mit­ein­an­der kom­mu­ni­zie­ren, dass alle teil­ha­ben kön­nen. Pau­lus bezieht sogar den Unkun­di­gen bzw. Lai­en ein, wie ἰδιώτης (idio­tes [vgl. 14,16 u. 23f) über­setzt wer­den kann.

In 14,23f radi­ka­li­siert Pau­lus das sogar noch. Der Got­tes­dienst soll so gestal­tet sein, dass ein Unkun­di­ger oder Ungläu­bi­ger über­zeugt wer­den kann. Und in die­sen Zusam­men­hang gehört die Her­me­neu­tik, die hier mit

διερμηνεύειν (diher­me­neu­ein [vgl. 14,5 u. 13]) gemeint ist und kon­kret das Über­set­zungs­phä­no­men meint. Wer also Zun­gen­re­de für den öffent­li­chen Gemein­de­kon­text über­set­zen kann, ist ein/e Hermeneutiker/in. Das gilt für alle Fremd­heits­phä­no­me­ne. Pau­lus wen­det hier Erkennt­nis­se der stoi­schen Semio­tik an, die schon auf Aris­to­te­les und mög­li­cher­wei­se die Sophis­ten zurück­ge­hen. Der Sinn von Zei­chen wird durch Dif­fe­renz erzeugt, was Pau­lus an Musik­tö­nen exem­pli­fi­ziert, den­ken Sie an die Ton­lei­ter.

… wenn ich die Klän­ge nicht unter­scheid­bar mache, wie soll dann das gehört wer­den, was ich mit Flö­te oder mit der Lau­te spie­le?  (14,7)

Und die­je­ni­gen ver­ste­hen ein Trom­pen­si­gnal, die sei­ne regel­mä­ßi­ge Ver­wen­dung ken­nen:

Oder auch wenn ich einen unkla­ren Fan­fa­ren­ton abge­be – wer wird sich zum Krieg bereit­ma­chen? (14,8)

Dar­aus ergibt sich induk­tiv für das Spre­chen, weil es ein ähn­li­ches zei­chen­haf­tes Phä­no­men ist, das sich eben­falls an öffent­lich bekann­te Regeln hält:

So ist es auch bei euch: Wenn ihr beim Reden kei­ne deut­li­chen Wor­te von euch gebt, wie soll das Gere­de­te ver­stan­den wer­den? Ihr wer­det in den Wind reden. (14,9)

An die­sem Text lässt sich erken­nen, dass in der Anti­ke vie­le Ele­men­te schon ange­dacht oder aus­ge­ar­bei­tet waren, die dann von Charles Peirce zu einer gewis­sen Per­fek­ti­on gebracht wor­den sind[2]. D. h.: Pau­lus ver­tritt die The­se, öffent­li­che Zei­chen­sys­te­me sei­en dazu da, dass Fremd­heit gemil­dert oder über­wun­den wer­de. Und wo das schwie­rig ist, wie bei den Zungenredner/inne/n oder den Ausländer/innen hilft die Her­me­neu­tik, wel­che die Kunst ist, Zei­chen aus einen Ver­wen­dungs­kon­text in einen ande­ren zu über­set­zen.

Wir ver­su­chen das in der  Fol­ge kurz mit­tels Peirce‘ drei­stel­li­ger bzw. genu­in tria­di­scher Bezeich­nungs­re­la­ti­on zu ver­ste­hen.

 

 

Abb. 1 ist die all­ge­mei­ne Beschrei­bung der Bezeich­nungs­re­la­ti­on, die stets drei Aspek­te

mit­ein­an­der ver­bin­den muss: ein sinn­li­ches Etwas, dass wahr­ge­nom­men wer­den kann, das Zei­chen (1);

die­ses Zei­chen bezeich­net Etwas, das Peirce als dyna­mi­sches Objekt fasst, es genügt, wenn wir es das Bezeich­ne­te (2) nen­nen.

Die Bezie­hung von Zei­chen und Bezeich­ne­ten ist aber nur dann sinn­voll, wenn jemand die­se Bezie­hung inter­pre­tiert, also irgend­je­mand oder etwas ver­steht stets  den Zusam­men­hang von Zei­chen und Bezeich­ne­tem. Die Rela­ti­on hat mit­hin einen selbst­re­fe­ren­zi­el­len Aspekt, den Peirce Inter­pre­tant (3) nann­te. Wie Umber­to Eco gezeigt hat, lässt sich in die­se tria­di­sche Bezeich­nungs­re­la­ti­on auch die struk­tu­ra­le Zei­chen­auf­fas­sung von Signi­fi­kant und Signi­fakt inte­grie­ren. Nur wen alle die­se Aspek­te mit­ein­an­der ver­bun­den sind, han­delt es sich um eine Bezeich­nungs­re­la­ti­on.

Wir wen­den das für den Aspekt der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit Men­schen in 1Kor 14 an:

Nach Pau­lus kön­nen so alle etwas ver­ste­hen, wie Abb. 2 zu zei­gen ver­sucht.

 

Aber er lässt die Mög­lich­keit der ini­vi­du­el­len Kom­mu­ni­ka­ti­on des Her­zens mit Gott durch die wohl lal­len­de Zun­gen­re­de zu:

 

Abb. 3

 

Das ver­hin­dert Pau­lus zufol­ge, dass das korin­thi­sche Chris­ten­tum zu einem Mys­te­ri­en­kult wird, son­dern sei­ne got­tes­dienst­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on muss auch von Lai­en oder Ungläu­bi­gen ver­stan­den wer­den kön­nen.

Das wäre kein pau­li­ni­scher Text, wenn die Her­me­neu­tik nicht ein Fall der zen­tra­len christ­li­chen Tugend, des zen­tra­len christ­li­chen Ver­nunft­po­ten­zi­als wäre, wie wir im Anschluss an Schlei­er­ma­chers Ethik for­mu­lie­ren wol­len[3]: der ἀγάπη (aga­pe), der Lie­be (vgl. 14,1). Die­se nimmt den Ver­stand zur Hil­fe, um eine Kom­mu­ni­ka­ti­on auf­zu­bau­en, die nie­man­den aus­schließt, son­dern für die Gemein­de inklu­siv ist. Pau­lus ver­wen­det den Ver­stan­des­be­griff wie Kant. Es han­delt sich mit Schlei­er­ma­cher um das Ver­nunft­po­ten­zi­al der Beson­nen­heit, wie der Ver­stand ver­wen­det wer­den soll. Dem­ge­gen­über ver­weist der Geist hier wie in Röm 8,26f auf das indi­vi­du­el­le Phä­no­men der direk­ten Kom­mu­ni­ka­ti­on des Her­zens mit Gott. Gott ver­steht auch ganz indi­vi­du­el­le Zei­chen, er ist ein Super­her­me­neu­ti­ker. Das kann er, weil  er der Inbe­griff jenes Ver­nunft­po­ten­zi­als der Lie­be ist.

  • 4. All­ge­mei­ne und spe­zi­el­le Her­me­neu­tik?

Schlei­er­ma­cher hat­te die­se Fra­ge so ver­stan­den, ob es beson­de­rer Regeln bedür­fe, die ange­wen­det wer­den müs­sen, um neu­tes­ta­ment­li­che Tex­te zu ver­ste­hen, die über das­je­ni­ge hin­aus­gin­gen, die man/frau benö­tig­te, um ande­re auf Grie­chisch geschrie­be­ne Tex­te zu ver­ste­hen. Er hat­te das bejaht, weil er dem Hebrais­mus vie­ler neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te ein beacht­li­ches Gewicht zuschrieb. Damit ist gemeint, dass das Grie­chi­sche im Neu­en Tes­ta­ment gele­gent­lich so klingt, als hät­te ein Hebrä­isch oder Ara­mä­isch spre­chen­der Mensch die­sen Text ver­fasst, der dabei aus einer die­ser Spra­chen ins Grie­chi­sche über­setzt hät­te. Dazu kom­men noch Tex­te wie der Kreu­zes­schrei Jesu im Mar­ku­sevan­ge­li­um und Mat­thäu­sevan­ge­li­um (vgl. Mk 15,33f par):

Mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen? –

ein Zitat aus Ps 22, des­sen Laut­struk­tur ara­mä­isch bzw. hebrä­isch in grie­chi­schen Zei­chen dar­ge­legt und dann expli­zit ins Grie­chi­sche über­setzt wird.

Schlei­er­ma­cher ist wei­ter im Recht, dass wir sol­che Sprach­ei­gen­tüm­lich­kei­ten berück­sich­ti­gen müs­sen. Den­noch unter­schätzt er wohl die Bedeu­tung der Sep­tuagin­ta (LXX), der grie­chi­schen jüdi­schen Bibel, die oft den Hin­ter­grund „hebrai­sie­ren­der“ Tex­te aus­macht. Vie­le Pas­sa­gen des Neu­en Tes­ta­ments sind durch die Spra­che der LXX geprägt, denn das Chris­ten­tum ist im Grie­chisch spre­chen­den Juden­tum ent­stan­den, ich hat­te ein­gangs auch auf Jesus ver­wie­sen. Zudem kommt in die­sem Bezug zur LXX zum Aus­druck, dass das Alte Tes­ta­ment der ers­ten Christ/inn/en die LXX war. Den­noch ist die­se Sprach­ei­gen­tüm­lich­keit zu berück­sich­ti­gen. Und natür­lich fiel das dem Pla­ton-Über­set­zer Schlei­er­ma­cher auf.

Gleich­wohl war Schlei­er­ma­cher der Über­zeu­gung, dass die all­ge­mei­nen her­me­neu­ti­schen Regeln ange­wen­det und wenn nötig ergänzt wer­den müss­ten. 1977 wur­de sei­ne „Her­me­neu­tik und Kri­tik“ bei Suhr­kamp durch Man­fred Frank neu her­aus­ge­ge­ben, weil Schlei­er­ma­cher Frank zufol­ge die all­ge­mei­nen Regeln des Ver­ste­hens, die semio­tisch rekon­stru­ier­bar sind, am bes­ten dar­ge­legt hat. Inter­es­san­ter­wei­se hat das eher in Lite­ra­tur­wis­sen­schaft und Phi­lo­so­phie Berück­sich­ti­gung gefun­den und lei­der weni­ger in jener Dis­zi­plin, die für Schlei­er­ma­cher selbst so wich­tig war: im Neu­en Tes­ta­ment bzw. der neu­tes­ta­ment­li­chen Theo­lo­gie. Immer­hin nähert sich die­se heu­te doch der Über­zeu­gung an, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te Gat­tun­gen ver­wen­den, die in der grie­chi­schen Lite­ra­tur üblich waren und wei­te Stre­cken des Neu­en Tes­ta­ments bes­ser ver­stan­den wer­den kön­nen, wenn sie als Tex­te ver­stan­den wer­den, wel­che die Regeln der anti­ken Rhe­to­rik ver­wen­den, weil die­se zur grie­chi­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on dazu­ge­hör­ten und schon ele­men­tar beim Erler­nen der grie­chi­schen Spra­che mit­ge­lernt wur­den.

Die Fra­ge Schlei­er­ma­chers ist also ernst zu neh­men und immer mit­zu­be­ar­bei­ten. Dem­ge­gen­über gibt es aber kon­ser­va­ti­ve Grup­pie­run­gen, die mei­nen, es gebe eine beson­de­re theo­lo­gi­sche Her­me­neu­tik, mit der man/frau die Bibel bes­ser und gege­be­nen­falls nur ver­ste­hen kön­ne. Danach gibt es beson­de­re spi­ri­tu­el­le Regeln, wel­che den all­ge­mei­nen Regeln hin­zu­fü­gen wären. Das wird von  Grup­pen z. B. um das Geist­li­che Rüst­zen­trum Kre­lin­gen ver­tre­ten, also Grup­pen, die aus der Bekentnnis­be­we­gung „Kein ande­res Evan­ge­li­um“ ent­stan­den sind, die sich gegen Bult­manns Ent­my­tho­lo­gi­sie­rungs­pro­gramm for­miert hat­te. So etwas gibt es nicht nur in Nie­der­sach­sen, son­dern auch in Baden-Würt­tem­berg. Wer die Dis­kus­si­on um den Bil­dungs­plan der Lan­des­re­gie­rung ver­folgt hat, konn­te dort die Stim­me radi­ka­ler evan­ge­li­ka­ler Grup­pie­run­gen ver­neh­men. Denn weib­li­che und männ­li­che Homo­se­xua­li­tät sind zu ver­ur­tei­len, ja – und was ist Trans­se­xua­li­tät? Steht gar nicht in der Bibel!

Ähn­li­ches fin­det sich in den den Ver­ei­nig­ten Staa­ten, im Bibel­gür­tel des Mitt­le­ren Wes­tens, dem bible belt.

Ich erwäh­ne das, weil ich selbst mer­ke, dass man­che Stu­die­ren­den in Hei­del­berg und Darm­stadt dadurch geprägt sind – und man glau­ben könn­te, wie­der in den 1950er Jah­ren ange­kom­men zu sein. Die­se Vor­le­sung geht auf bestimm­te Aspek­te ein, wel­che sol­che Grup­pie­run­gen trak­tie­ren und zeigt, dass das argu­men­ta­tiv halt­los ist. Ins­be­son­de­re ist mit den in Kre­lin­gen und anders­wo belieb­ten Inspi­ra­ti­ons­the­sen die tat­säch­li­che Gestalt der Bibel nicht zu erfas­sen.

Mei­ne ver­ehr­ten Damen und Her­ren!

Wir befin­den uns in einer schwie­ri­gen Pha­se unse­rer Gesell­schaft, aber auch Euro­pas ins­ge­samt. Eine Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments muss dar­auf ein­ge­hen, damit nicht eine Wie­der­ho­lung der Jah­re nach 1933 ein­tritt. Durch die AfD kom­men die eben genann­ten Grup­pen wie­der in Kon­takt mit den­je­ni­gen Tra­di­tio­nen, die sie selbst in der Wei­ma­rer Repu­blik unter­stützt hat­ten, näm­lich den deutsch­na­tio­na­len und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen. Ich erwar­te daher auch ein Wie­der­erstar­ken des offe­nen Anti­se­mi­tis­mus in Deutsch­land. In der AfD ist er bis­her nur latent vor­han­den und wird durch die Isla­mo­pho­bie ver­deckt, aber die­se ist nichts ande­res. Z. B. auf twit­ter kön­nen Sie mei­ne Behaup­tung über­prü­fen.

Pro­ble­ma­tisch könn­ten wei­ter Kol­le­gen sein, die sich der evan­ge­li­ka­len Tra­di­ti­on ver­dan­ken und z. B. in Tübin­gen Neu­es Tes­ta­ment gelehrt haben …

Nicht so pro­ble­ma­tisch für den Ent­wurf, den ich ver­tei­di­ge, ist die Schu­le Karl Barths. Denn wir wer­den Mag­da­le­ne Frett­löh ken­nen­ler­nen, die als eine Art Uren­ke­lin Posi­ti­ves aus Barth her­aus­holt – und Barth viel­leicht bes­ser ver­steht als die­ser sich selbst ver­stan­den hat. Aber Barth hat selbst 1968 sei­ne Schlei­er­ma­cher-Kri­tik mit einem Fra­ge­zei­chen ver­se­hen. Und in den 1960er Jah­ren hat­te Eber­hard Jün­gel in „Got­tes Sein ist im Wer­den“ gezeigt, dass es kei­ne unüber­wind­li­chen Grä­ben zwi­schen Barth und Bult­mann gibt.

Spe­zi­ell und „all­ge­mein“ besagt in unse­rer Gesell­schaft auf jeden Fall, dass die Eigen­art die­ser Tex­te als reli­giö­se Tex­te wahr­ge­nom­men wird. Denn Reli­gio­si­tät ist nicht mehr selbst­ver­ständ­lich. Das merkt man zur­zeit recht deut­lich an der fatal unge­bil­de­ten Debat­te über den Islam. Dabei ergibt sich m. E. als Haupt­pro­blem, dass die Bild­lich­keit die­ser Tex­te als „blo­ße“ Bild­lich­keit“ inter­pre­tiert wer­den kann. Sie könn­ten dann als fik­tio­na­le  Bei­trä­ge wie in der „Heu­te-Show“ oder bei Jan Böh­mer­mann miss­ver­stan­den wer­den, nur nicht ganz so wit­zig. Immer­hin erlaubt die anti­ke Rhe­to­rik man­ches in die­se Rich­tung, auch wenn das männ­li­che Becken nicht der­art im Zen­trum steht wie bei Böh­mer­mann, aber auch bei Oli­ver Wel­ke und bei Caro­lin Hebe­kus, die frei­lich das weib­li­che Becken the­ma­ti­siert. Es ist aber wohl so, dass die fik­tio­na­le, z. T. sar­kas­ti­sche Text­welt im Neu­en Tes­ta­ment uns aus unse­ren Gewohn­hei­ten her­aus­ho­len möch­te und eine Chan­ce zur Neu­ori­en­tie­rung bie­ten könn­te.  Das wer­den wir in die­ser Vor­le­sung unter­su­chen und offen dis­ku­tie­ren. Immer­hin emp­fiehlt Pau­lus sar­kas­tisch den­je­ni­gen, die zur Beschnei­dung der Vor­haut des Penis raten, sich lie­ber gleich kas­trie­ren zu las­sen (Gal 5,12), „bewusst ver­let­zend“, wie die Frau Bun­des­kanz­le­rin sagen wür­de. Und Gala­ti­en lag in der heu­ti­gen Tür­kei …

M. E. geht es dar­um, dass die neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te als reli­giö­se Tex­te wahr­ge­nom­men wer­den, die bild­lich kom­mu­ni­zie­ren – und das häu­fig im Medi­um der Erzäh­lung. Und die Her­me­neu­tik hat die Auf­ga­be, die Tex­te gut zu ver­ste­hen – und in den Kon­text einer plu­ra­len und demo­kra­ti­schen Gesell­schaft zu über­set­zen bzw. Vor­schlä­ge dazu zu machen. Und sie soll dazu bei­tra­gen, dass die­se Tex­te auch noch 2016 im Leben wei­ter fort­ge­schrie­ben wer­den kön­nen.

 

Ich fas­se knapp zusam­men:

  1. Das Chris­ten­tum ist als her­me­neu­ti­sche Reli­gi­on mit Bezug auf Schrift­aus­le­gung vor dem Hin­ter­grund ent­spre­chen­der Pro­zes­se im Juden­tum ent­stan­den.
  2. Die Her­me­neu­tik nimmt die Fremd­heit der Zei­chen­ver­wen­dung ande­rer Men­schen ernst.
  3. Sie über­setzt die frem­den neu­tes­ta­ment­li­chen Tex­te für eine plu­ra­le und demo­kra­ti­sche Gesell­schaft.
  4. Sie ist enga­giert für die erzäh­le­ri­sche Bild­lich­keit neu­tes­ta­ment­li­cher Tex­te, weil die­se eine Chan­ce bie­ten könn­te, har­te Gewohn­hei­ten infra­ge zu stel­len, um Neu­ori­en­tie­rung zu ermög­li­chen.
  5. Hin­wei­se und Fra­gen der Teilnehmer/innen

  • Zunächst hat die Zeit­pla­nung nicht funk­tio­niert, wir soll­ten beim nächs­ten Mal dar­über noch ein­mal kurz spre­chen. Den­ken Sie bit­te dar­über nach!
  • Eine wich­ti­ge Ver­ständ­nis­fra­ge betraf den Zusam­men­hang von Ver­stand, Lie­be und Ver­nunft­po­ten­zi­al. Im Anschluss an Schel­ling und Schlei­er­ma­cher soll­te m. E. der Ver­nunft­be­griff die drei „Ver­mö­gen“ Ver­stand, Wil­le und Gefühl umfas­sen. Schlei­er­ma­cher betreibt im Anschluss an Aris­to­te­les (und Pla­ton) eine Güter­ethik, wor­auf dann Tugen­den und Pflich­ten zuge­ord­net sind. Die Tugen­den ver­steht er als Poten­zen der Ver­nunft, in mei­ner Spra­che als Ver­nunft­po­ten­zia­le. Die Tugen­den sind Hand­lungs­wei­sen der Ver­nunft, um bestimm­te gewähl­te Güter erzie­len zu kön­nen. Pau­lus hat das Gut Gemein­de gewählt und die Lie­be sowie der beson­ne­ne Gebrauch des Ver­stan­des sind dann Tugen­den bzw. Ver­nunft­po­ten­zia­le, um den Gemein­de­auf­bau zu errei­chen.
  • Eine wei­te­re Fra­ge betraf den Kri­tik­punkt an den evan­ge­li­ka­len bzw. fun­da­men­ta­lis­ti­schen Inspi­ra­ti­ons­hy­po­the­sen. Ich hal­te es durch­aus für mög­lich, Bibel­tex­te als inspi­riert zu ver­ste­hen. Nur ist das kei­ne objek­tiv deut­li­che Mög­lich­keit, son­dern eine exis­ten­zi­el­le Fest­le­gung, die sich lebens­prak­tisch bewäh­ren muss. So las­sen sich m. E. auch die Bezü­ge auf Inspi­ra­ti­on wie im 2Petr ver­ste­hen, die ja ange­sichts des Wis­sens der Unein­heit­lich­keit der Schrift geschrie­ben wor­den sind. Das wäre nur anders, falls z. B. das Neue Tes­ta­ment eine deut­lich ein­heit­li­che Bot­schaft hät­te. Das ist aber nicht der Fall, also muss das anders ver­stan­den wer­den. Das wer­de ich ab dem nächs­ten Mal deut­li­cher aus­füh­ren. Jeden­falls ist der/die impli­zi­te Leser/in des Neu­en Tes­ta­ments, aber auch der Bibel ins­ge­samt eine/r, die/der selbst­stän­dig mit Dif­fe­ren­zen umge­hen kann. Unse­re fun­da­men­ta­lis­ti­schen Brü­der und Schwes­tern ver­wei­gern sich die­ser text­in­ter­nen Rol­len­zu­schrei­bung, indem sie alle Dif­fe­ren­zen leug­nen. Dass das aber­wit­zig ist, zei­gen die ers­ten drei Kapi­tel der Bibel. Die Vor­le­sung ver­sucht auch zu ver­ste­hen, war­um unse­re Schwes­tern und Brü­der der­art agie­ren.
  • Ganz rich­tig war die Ver­mu­tung, die im Anschluss an die Vor­le­sung geäu­ßert wur­de: ob ich das Neue Tes­ta­ment bzw. die Bibel als Lite­ra­tur ver­ste­he. Die Abschnit­te zu Bild­lich­keit und Nar­ra­ti­vi­tät ver­su­chen das abzu­si­chern. Dies setzt u. a. die Beant­wor­tung der Fra­ge vor­aus, ob und in wel­cher Wei­se man/frau einen sol­chen Umgang mit Lite­ra­tur als so exis­tenz­be­stim­mend erfah­ren oder erle­ben kann, dass sich das Rea­li­täts­ver­ständ­nis auf Gott hin öff­net.
  • Alle Über­set­zun­gen sind erlaubt, z. B. auch die­je­ni­ge Mar­tin Bubers. Für jeman­den, der die Ori­gi­nal­spra­chen nicht beherrscht, sind Ten­den­zen leich­ter zu erken­nen, wenn sie/er eine Über­set­zung besitzt oder zu Rate zieht wie die Zür­cher Bibel, die den Anspruch hat, im Kon­takt mit der wis­sen­schaft­li­chen Aus­le­gung die Ori­gi­na­le wie­der­zu­ge­ben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Die Über­set­zung des Tex­tes lehnt sich teil­wei­se an Lui­se Schott­roff, „Bibel in gerech­ter Spra­che“, 2. Aufl. 2005, 2125f, an.

[2] Vgl. Charles Peirce, Phä­no­men und Logik der Zei­chen, 2. Aufl. 1993 (stw 425); Mar­tin Pött­ner, Rea­li­tät als Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ansät­ze zur Beschrei­bung der Gram­ma­tik des pau­li­ni­schen Spre­chens in 1Kor 1,4-4,21 im Blick auf lite­ra­ri­sche Pro­ble­ma­tik und Situa­ti­ons­be­zug des 1. Korin­ther­briefs, 1995 (Theo­lo­gie 2); Gesche Lin­de, Zei­chen und Gewiss­heit. Semio­ti­sche Ent­fal­tung eines pro­tes­tan­tisch-theo­lo­gi­schen Begriffs (RPT 69), 2013.

[3] Vgl. Schlei­er­ma­cher, Ethik (1812/13) mit spä­te­ren Fas­sun­gen der Ein­lei­tung, Güter­leh­re und Pflich­ten­leh­re, hg. u. ein­gel. v. H.-J. Bir­kner, 1981 (PhB 335), 16 u. ö.

« Der gute Mensch Leo Tol­s­toi. Das Pro­blem ernst­haf­ter Ethik (VHs Bad Rap­penau) – Pre­digt zu Gen 1,26-31 (EfG Gries­heim) »

Info:
Ein­füh­rung in die Her­me­neu­tik des Neu­en Tes­ta­ments I (Uni Hd) ist Beitrag Nr. 5018
Autor:
Martin Pöttner am 10. April 2016 um 13:55
Category:
Hermeneutik des Neuen Testaments,Zeichen und Philosophie
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