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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Dostojewski (1821-1881) (VHs Bad R

1               Die russische Orthodoxie

Die­se bil­det einen wesent­li­chen Hin­ter­grund der rus­si­schen Kul­tur.

Ich habe von Frau Beger eine Anfra­ge des Kur­ses erhal­ten, wor­in der Unter­schied zwi­schen römisch-katho­li­scher Kir­che und ortho­do­xer Kir­che bzw. ortho­do­xen Kir­chen bestehe.

Die ortho­do­xe Kir­che und die römisch-katho­li­sche Kir­che waren ursprüng­lich ver­eint. Man kann das im vier­ten Jahr­hun­dert d. Z. anset­zen. Seit der Mit­te des drit­ten Jahr­hun­derts hat­te sich im Chris­ten­tum der Typ der Pries­ter­re­li­gi­on durch­ge­setzt. Bis ca. 200 d. Z. gab es im Chris­ten­tum kei­ne kir­chen­lei­ten­den Per­so­nen, die Pries­ter waren (vgl. das Neue Tes­ta­ment). Aus einem Brief des Cypri­an von Kar­tha­go aus dem Jahr 250 d. Z. geht her­vor, dass jetzt das Abend­mahl bzw. die Eucha­ris­tie als Opfer­hand­lung inter­pre­tiert wur­de. Und in der reli­gi­ons­ge­schicht­li­chen Welt der Anti­ke, zu der auch das Juden­tum gehör­te, wur­den Opfer von Priester/inne/n durch­ge­führt. Im Chris­ten­tum gab es dann nur Pries­ter, weil nach 3. Mose 11ff Frau­en wg. ihrer Mens­trua­ti­on als unrein gal­ten. Daher konn­ten sie kei­ne Pries­te­rin­nen wer­den.

Ansons­ten aber über­nahm das Chris­ten­tum die Struk­tur der grie­chi­schen bzw. römi­schen Reli­gi­on.

Das führ­te trotz staat­li­cher Ver­fol­gung dazu, dass das Chris­ten­tum im vier­ten bzw. fünf­ten Jahr­hun­dert d. Z. Reichs­re­li­gi­on des römi­schen Reichs wur­de. Dies galt für alle Tei­le des römi­schen Reichs. Dies spal­te­te sich aber in ein west­rö­mi­sches Reich und ein ost­rö­mi­sches Reich. Das west­rö­mi­sche Reich hat­te sein Zen­trum in Rom, das ost­rö­mi­sche Reich in Byzanz bzw. Kon­stan­ti­no­pel, dem heu­ti­gen Istan­bul. Kon­stan­ti­no­pel heißt: „Stadt Kon­stan­tins“, nach dem Kai­ser, der das Chris­ten­tum legi­ti­miert hat­te – und selbst zum Chris­ten­tum kon­ver­tiert war.

Daher war die reli­giö­se Struk­tur im römi­schen Reich und nach sei­ner Spal­tung homo­gen. Es gab ver­schie­de­ne wich­ti­ge Zen­tren: Jeru­sa­lem, Alex­an­dria, Antio­chia, Rom und dann Kon­stan­ti­no­pel. Von die­sen erhob der Bischof von Rom, den Anspruch schon immer der wich­tigs­te zu sein, weil der ers­te Bischof von Rom Petrus gewe­sen sei. Das wur­de von den ande­ren Zen­tren nicht aner­kannt, sie erkann­ten den Bischof von Rom nicht als Ober­haupt an. Dar­aus rührt ihre Selbst­be­zeich­nung als „auto­ke­pha­le“ Zen­tren, was heißt: „das eige­ne Haupt sein“, von grie­chisch (αὐτός usf.) autos: selbst usf. und kepha­le (κεφαλή): Haupt. D. h.: Die soge­nann­ten „ortho­do­xen“ Kir­chen haben kei­ne eige­ne reli­giö­se Struk­tur, son­dern leh­nen die Ober­haupt­funk­ti­on des römi­schen Bischofs ab, der sich dann „Papst“ nann­te.

Von die­sen Kir­chen aus wur­de auch „Russ­land“ mis­sio­niert, seit Wla­di­mir I., der Fürst der Kie­wer Rus, 988 getauft wur­de, beginnt die glei­che reichs­re­li­giö­se Struk­tur wie im west- und ost­rö­mi­schen Reich.

Der wich­tigs­te sicht­ba­re Unter­schied besteht in der Wen­de der römisch-katho­li­schen Kir­che zum Zöli­bat nach der Jahr­tau­send­wen­de (clu­nia­zen­si­sche Reform)[1], wäh­rend ortho­do­xe Pries­ter ver­hei­ra­tet sein kön­nen, wobei füh­ren­de Posi­tio­nen wie „Patri­arch“ einer auto­ke­pha­len Kir­che das Zöli­bat vor­aus­set­zen.

Wich­tigs­ter dog­ma­ti­scher Unter­schied ist, dass in der Ost­kir­che der Geist von Vater und Sohn aus­geht, wäh­rend der Wes­ten allein den Vater als wesent­lich ansieht.

Die ortho­do­xen Kir­chen haben den pla­to­ni­schen Bild­be­griff (εἰκών [eikon]) im Zen­trum ihrer reli­giö­sen Pra­xis, wie er auch in der grie­chi­schen Über­set­zung der Hei­li­gen Schrif­ten der Juden und Jüdin­nen in 1. Mose 1,26ff (Sep­tuagin­ta) ver­wen­det wird. Das schlägt sich in der Iko­nen­ver­eh­rung nie­der, die eine mys­ti­sche Ver­sen­kung ange­sichts des dar­ge­stell­ten Bil­des aus­löst.

M. E. ist die­se Pra­xis berech­tigt, falls der Mensch als Mann und Frau tat­säch­lich als Bild Got­tes auf­ge­fasst wird, wie 1. Mose 1,26-31 fest­zu­le­gen ver­su­chen. Dann ver­wei­sen wir iko­nisch im Sinn von Peirce auf Gott und die ortho­do­xe Ver­eh­rung der Iko­nen macht das expli­zit.

Inter­es­san­ter­wei­se ist die Ableh­nung der Teil­ha­be der Frau­en an kir­chen­lei­ten­den Funk­tio­nen in der Ortho­do­xie noch stär­ker aus­ge­prägt als in der römisch-katho­li­schen Kir­che, was zu star­ken öku­me­ni­schen Ver­wer­fun­gen mit dem Pro­tes­tan­tis­mus geführt hat.

 

2. Dostojewski

Die Behand­lung von Fjo­dor Michailo­witsch Dos­to­jew­ski in einem Phi­lo­so­phie­kurs ist des­halb nahe­lie­gend, weil er auf vie­le der in Bad Rap­penau behan­del­ten oder zumin­dest erwähn­ten Phi­lo­so­phen mit­tels sei­ner Roma­ne, Novel­len, Brie­fe usf. gewirkt hat, Fried­rich Nietz­sche, Jean Paul Sart­re, Albert Camus. Eben­so hat sei­ne lite­ra­ri­sche Metho­de, die Innen­welt bzw. das Selbst­ver­hält­nis sei­ner Erzähl­fi­gu­ren trans­pa­rent wer­den zu las­sen, auf die Psy­cho­ana­ly­se Ein­druck gemacht, Freud hielt die Brü­der Kara­ma­sow für den groß­ar­tigs­ten Roman, der bis­lang geschrie­ben wor­den sei. Vgl. den Wiki­pe­diaar­ti­kel.

M. E. the­ma­ti­siert Dos­to­jew­ski tat­säch­lich mit­tels der Dar­stel­lung der Innen­welt sei­ner Erzähl­fi­gu­ren ver­schie­de­ne rea­le Mög­lich­kei­ten des Exis­tie­rens, es sind aber sehr vie­le, sie wider­spre­chen ein­an­der oft – und Dos­to­jew­ski zufol­ge ist die­se Viel­falt zu respek­tie­ren:

Mit der Logik allein ist die mensch­li­che Natur nicht zu besie­gen. Die Logik sieht drei Mög­lich­kei­ten, dabei gibt es ihrer eine Mil­li­on! – Ras­kol­ni­kow

Sol­che Gno­men, Sen­ten­zen bzw. Sinn­sprü­che äußern Erzähl­fi­gu­ren – und von ihnen geht die Rezep­ti­on aus, hier sagt Ras­kol­ni­kow, dass die mensch­li­che Natur viel kom­ple­xer als „wahr“, „falsch“ und „nicht ent­scheid­bar“ sei. Mit die­sen drei Mög­lich­kei­ten sei die mensch­li­che Natur nicht zu „besie­gen“, offen­bar ist die Viel­falt von rea­len Mög­lich­kei­ten wider­stän­dig. In ihr fin­den sich Dos­to­jew­ski zufol­ge Ver­bre­chen, Sexua­li­tät, Krank­heit, Reli­gi­on und Poli­tik – und sei­ne Tex­te stel­len dar, dass es kei­ne Ein­heit gibt, son­dern es kommt vie­les Wider­strei­ten­de vor.

Inso­fern ist die exis­ten­zia­lis­ti­sche Rezep­ti­on gerecht­fer­tigt, aber auch Nietz­sche und Camus sind im Recht, die eine The­ma­ti­sie­rung des Nihi­lis­mus in Dos­to­jew­skis Werk sehen. Damit ist gemeint, dass bestehen­de Wer­te stän­dig durch mensch­li­ches Han­deln und Erle­ben infra­ge gestellt wer­den. Nietz­sche hat dar­in die Dar­stel­lung des Todes Got­tes sehen wol­len. Damit ist gemeint, dass das abend­län­di­sche Den­ken eine Wer­te­hier­ar­chie her­vor­ge­bracht habe, die das indi­vi­du­el­le Leben bestim­men soll. Wenn es nun aber sehr viel­fäl­ti­ge Selbst­ver­ständ­nis­se und Lebens­for­men gibt, gerät alles ins Wan­ken. Tat­säch­lich fin­det sich in den Brie­fen fol­gen­der Sinn­spruch:

Wenn es kei­nen Gott gibt, dann ist alles erlaubt.

Die­ser Satz ist nur dann sinn­voll, wenn Dos­to­jew­ski unter­stellt, dass die sitt­li­chen Wer­te bzw. Nor­men durch eine Art gött­li­chen Gesetz­ge­ber ent­stan­den sei­en, was aber ange­sichts der Viel­falt der Welt­kul­tu­ren wohl eine abwe­gi­ge Hypo­the­se ist. Zudem klingt die natur­wis­sen­schaft­lich gestütz­te Mög­lich­keit an, dass die Welt sich einem selbst­or­ga­ni­sie­ren­den Pro­zess ver­dankt.

In Russ­land ist mit Dos­to­jew­ski jeden­falls expli­zit die Moder­ne ange­kom­men. Nach sei­ner Haft reis­te er viel in Euro­pa umher, auch nach Deutsch­land. Er war revo­lu­tio­när gesinnt gewe­sen und woll­te den Zaren stür­zen, er kam in ein Straf­la­ger, schwor den revo­lu­tio­nä­ren Ide­en ab. Aller­dings hielt er an der spi­ri­tu­el­len Idee fest, dass durch Mensch­lich­keit sich ein Para­dies auf Erden errei­chen las­se, eine Art „christ­li­chen Sozia­lis­mus“. Unter den ver­schie­de­nen Exis­tenz­mög­lich­kei­ten ist das aber nur eine. Jeden­falls war Dos­to­jew­ski weder Athe­ist noch Agnos­ti­ker.

Lenin u. a. fan­den das spä­ter nicht ein­deu­tig genug, unter Sta­lin war er ver­pönt. In der post­sta­li­nis­ti­schen Pha­se locker­te sich das, in der DDR erschien eine deutsch­spra­chi­ge Gesamt­aus­ga­be.

Es ist klar, dass Dos­to­jew­ski ein bedeu­ten­der Autor ist, sei­ne Erzähl­kunst war inno­va­tiv. Phi­lo­so­phisch ist wich­tig, dass dar­in der Zug der Moder­ne zum Aus­druck kommt, in der es eine irre­du­zi­ble Plu­ra­li­tät von Lebens­for­men gibt.

Phi­lo­so­phisch (und theo­lo­gisch) ist von Belang, dass Dos­to­jew­ski das Kon­zept der Not­wen­dig­keit Got­tes expli­zit infra­ge gestellt hat:

Ein Wun­der ist es, dass ein sol­cher Gedan­ke – der Gedan­ke der Not­wen­dig­keit Got­tes – einem so wil­den und bösen Tier wie dem Men­schen in den Kopf kom­men konn­te. So hei­lig, so rüh­rend, so wei­se und so ehren­voll für den Men­schen ist die­ser Gedan­ke. – Die Brü­der Kara­ma­sow Buch V,3

Das Zitat ist m. E. iro­nisch zu lesen. Das wil­de und böse Tier hat einen Gedan­ken her­vor­ge­bracht, der sei­ner Natur wider­spricht. Und vie­le Men­schen leben gar nicht nach die­sem Gedan­ken.

Seit Karl Barth fin­den sich eini­ge evan­ge­li­sche Theo­lo­gen, die die­sen Gedan­ken der Not­wen­dig­keit Got­tes infra­ge gestellt haben. Damit wur­den sie gesprächs­fä­hig gegen­über Posi­tio­nen wie der­je­ni­gen von Sart­re, der die Frei­heit des Men­schen betont. Wahr­schein­lich steckt die­se Beto­nung auch hin­ter Dos­to­jew­skis Werk: Wer sich zu jener spi­ri­tu­el­len Sozia­lis­mus­form ent­schließt, tut dies aus frei­en Stü­cken. Aber nie­mand soll­te über­se­hen, wie Men­schen sein kön­nen. In Der Spie­ler hat Dos­to­jew­ski die Spiel­sucht als rea­le Exis­tenz­mög­lich­keit erzählt, der Dos­to­jew­ski selbst in Baden-Baden, Wies­ba­den und Paris ver­fal­len war. Eine völ­lig stim­mi­ge mora­li­sche Welt erscheint Dos­to­jew­ski unmög­lich. Jeden­falls exis­tiert sie zur­zeit nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Der Papst Gre­gor VII. mach­te den Pries­ter fak­tisch zum Mönch. Der Hin­ter­grund war, dass es Fami­li­en­dy­nas­ti­en von Pries­tern und Bischö­fen gab. Aus­gangs­punkt war das Klos­ter Cluny.

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Dostojewski (1821-1881) (VHs Bad R ist Beitrag Nr. 4991
Autor:
Martin Pöttner am 2. April 2016 um 20:09
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Allgemein,Was ist der Mensch?
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