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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


BILD und Aris­to­te­les">All­tags­phi­lo­so­phi­sche Kolum­ne: BILD und Aris­to­te­les

Aris­to­te­les

Gele­gent­lich wun­dert man/frau sich, wenn gesell­schaft­lich schwie­ri­ge Sach­ver­hal­te erör­tert wer­den – und man/frau zugleich auf Bil­dung ver­traut, die ein biss­chen phi­lo­so­phisch gemä­ßigt sein könn­te. Z. B. ich hof­fe, dass Men­schen dar­über nach­den­ken wür­den, was Men­schen tun und war­um sie dies tun.

Da BILD auf Twit­ter prä­sent ist und beob­ach­tet wird, hat­ten wir in die­ser Woche ein Spit­zen­pro­dukt des Bou­le­vard-Jour­na­lis­mus wahr­zu­neh­men, näm­lich der Grü­ne Vol­ker Beck sei mit einer (bzw. der) Hit­ler-Dro­ge erwischt wor­den. Es han­delt sich um einen „sophis­ti­schen Fehl­schluss“, wie das Aris­to­te­les im zwei­ten Buch sei­ner Rhe­to­rik nennt. Jemand, der an der öffent­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on teil­nimmt, müs­se in der Lage sein, sol­che Fehl­schlüs­se zu erken­nen.

BILD unter­stellt, dass es sich bei der von Beck mit­ge­führ­ten Sub­stanz um „Crys­tal Meth“ han­de­le, eine (oder die) Hit­ler-Dro­ge, die in der „Schwu­len­sze­ne“ in Ber­lin ver­brei­tet sei. Ob das für Les­ben oder Trans­se­xu­el­le auch gilt, wird nicht behaup­tet oder unter­stellt.

Wie kommt BILD zu die­ser For­mu­lie­rung?

Es ist bekannt, dass unter den vie­len Men­schen, die in den 1930/40er Jah­ren Per­vi­tin nah­men (Deut­sche und Nicht-Deut­sche), auch Adolf Hit­ler gewe­sen sein soll. Per­vi­tin und „Crys­tal Meth“ sind Vari­an­ten von Metham­phet­amin. Den­ken voll­zieht sich in Schluss­fol­ge­rungs­pro­zes­sen, so die Ansicht von Aris­to­te­les bis Charles Peirce. Und die­ser Pro­zess ist auch bei BILD nach­zu­voll­zie­hen.

Danach gilt:

Hit­ler [a] (wie vie­le ande­re) hat Per­vi­tin [x] genom­men [RN],

 

also: aRNx als for­ma­le Bezeich­nung der zwei­stel­li­gen oder dya­di­schen Rela­ti­on „Neh­men“, die stets so funk­tio­niert: Jemand nimmt etwas, wobei für „jemand“ etwa Namen und für „etwas“ etwa Dro­gen ein­zu­set­zen sind.

Dar­aus folgt BILD zufol­ge:

Wenn Hit­ler Per­vi­tin genom­men hat, ist Per­vi­tin eine (oder die) Hit­ler-Dro­ge.

Wenn heu­te jemand wie Beck Crys­tal Meth“ nimmt, nimmt er die (oder eine) Hit­ler-Dro­ge.

Der sophis­ti­sche Fehl­schluss besteht dar­in, dass aus aRNx geschlos­sen wird, das x = ax ist, was offen­sicht­lich falsch ist. Denn außer Hit­ler haben das Mil­lio­nen Men­schen getan. Rich­tig ist nur, dass auch Hit­ler Per­vi­tin genom­men hat, also wie „Crys­tal Meth“ eine Dar­rei­chungs­form von Metham­phet­amin.

Da auf männ­li­che Homo­se­xua­li­tät ange­spielt wird, schlägt BILD vor, „Crys­tal Meth“ als Hit­ler-Dro­ge zu ver­ste­hen, die wohl auch eine Schwu­len-Dro­ge sei – und letzt­lich muss man/frau sich fra­gen, war Hit­ler homo­se­xu­ell?

Soweit die bril­lan­te Logik.

Soll­te Beck tat­säch­lich Dro­gen bei sich gehabt haben, ist sei­ne Krank­schrei­bung nach­zu­voll­zie­hen – und das ist das eigent­li­che Pro­blem.

Natür­lich ist Beck eine Reiz­fi­gur, da er unter­stellt, dass Fra­gen der sexu­el­len Ori­en­tie­rung zu den Men­schen­rech­ten gehö­ren, wor­in ich ihm fol­ge. Mag sein, dass er das nicht immer mit der nöti­gen Gelas­sen­heit zur Spra­che gebracht und sich eben­falls zu spät von der Pädo­phi­lendul­dung im Kon­sti­tu­ti­ons­pro­zess der Grü­nen distan­ziert hat, weil dabei die Men­schen­rech­te von Kin­dern miss­ach­tet wer­den.

Ich kann aber nicht sehen, dass Urtei­le, wie Beck sie fällt oder gefällt hat, „abso­lu­te mora­li­sche“ Wahr­hei­ten sei­en, wie Peter Unfried in der taz behaup­tet – und das als den wah­ren Dro­gen­kon­sum ansieht. Im Ver­lauf der Auf­klä­rung und in den fol­gen­den zwei bis drei Jahr­hun­der­ten sind unter Auf­nah­me anti­ker Ide­en die Men­schen­rech­te ent­stan­den[1], die etwa in den ers­ten 20 Arti­keln des Grund­ge­set­zes für Deutsch­land inter­pre­tiert sind und Ewig­keits­wert besit­zen, was auch durch den Got­tes­be­zug sym­bo­li­siert wird. Wenn Mer­kel gegen eine Ober­gren­ze beim Asyl argu­men­tiert, ist genau das gemeint. Und wenn Beck für die ver­schie­de­nen For­men der Sexua­li­tät dies eben­falls pos­tu­liert, ist das eben­falls gemeint. Bei­de Urtei­le sind heu­te umstrit­ten, das­je­ni­ge Becks und das­je­ni­ge Mer­kels. Aber bei­de sind vom Grund­ge­setz gedeckt und wer es anders sieht, muss vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt kla­gen – das ist das in Deutsch­land vor­ge­se­he­ne Ver­fah­ren.

Es gibt also hohe mora­li­sche Stan­dards in Deutsch­land, ohne dass es dazu kei­ne Dis­kus­sio­nen geben könn­te. Weil die Erör­te­run­gen zur­zeit in Deutsch­land eska­lie­ren, sind wohl sol­che Hin­wei­se auf das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nötig, weil BILD mit sophis­ti­schen Fehl­schlüs­sen ablenkt und viel­leicht Homo­se­xu­el­len­het­ze betreibt oder jeden­falls Leser/innen anspre­chen will, die das ger­ne haben. Eben­so ist in den Medi­en seit Sep­tem­ber der Flücht­lings­dis­kurs ent­gleist. Unfried ist nur dar­in recht zu geben, dass in der Flücht­lings­fra­ge der Schutz der Flücht­lin­ge auch außer­halb der EU mög­lich ist. Schutz aber muss sein. Soweit reicht die in den Men­schen­rech­ten aus­ge­drück­te mensch­li­che Urteils­kraft, um einen Begriff u. a. Han­nah Arendts zu zitie­ren. Es ist klar, dass die­se dis­kur­siv ver­fasst ist. Man/frau muss also mit der AfD und ähn­li­chen Grup­pie­run­gen dis­ku­tie­ren.

[1] Vgl. Hans Joas, Eine neue Geneao­lo­gie der Men­schen­rech­te, 2011.

« Bibel­kun­de Hei­del­berg: Das vier­te Buch Mose – Dik­ta­tur? »

Info:
All­tags­phi­lo­so­phi­sche Kolum­ne: BILD und Aris­to­te­les ist Beitrag Nr. 4953
Autor:
Martin Pöttner am 6. März 2016 um 17:08
Category:
Wie wollen wir leben?
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