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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Fra­gen der Leit­kul­tur?

 

Essen war schon immer ein phi­lo­so­phi­sches The­ma, obgleich Pla­ton mein­te, Kochen sei kei­ne Kunst (τέχνη [tech­ne]), son­dern eine Fer­tig­keit (τρίβη [tri­be]). Kochen ent­springt also nicht einer Kunst­leh­re, in der es Regeln gibt, die aber stets wg. der Indi­vi­dua­li­tät des ein­zel­nen Essens krea­tiv ange­passt wer­den müs­sen, son­dern in unse­rer Spra­che einer Tech­nik, die recht gestanz­te glei­che Fäl­le her­vor­bringt. Seit Aris­to­te­les sehen das man­che Philosoph/inn/en anders, ich auch.

In der CDU-Land­tags­frak­ti­on in Schles­wig-Hol­stein ist ange­sichts der Tat­sa­che, dass in eini­gen Städ­ten dort die Nach­fra­ge nach Schwei­ne­fleisch in Kitas und Schu­len gesun­ken ist, die Idee ent­stan­den, in Schles­wig-Hol­stein müs­se in Kan­ti­nen (von) Schu­len und Kitas stets Schwei­ne­fleisch ange­bo­ten wer­den.

Die Begrün­dung ist aber etwas bri­sant:

Die CDU wol­le damit eine „gesun­de und aus­ge­wo­ge­ne Ernäh­rung“ gewähr­leis­ten, heißt es. Das Nah­rungs­mit­tel­an­ge­bot dür­fe nicht aus „falsch ver­stan­de­ner Rück­sicht­nah­me“ auf Min­der­hei­ten beschränkt wer­den, so der Stand­punkt der Christ­de­mo­kra­ten. „Tole­ranz bedeu­tet in einer plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft auch die Aner­ken­nung und Dul­dung ande­rer Ess­kul­tu­ren und Lebens­wei­sen“, schrieb der CDU-Land­wirt­schafts­po­li­ti­ker Hei­ner Rickers.

Zu den Min­der­hei­ten, die das Schwei­ne­fleisch aus den deut­schen Kan­ti­nen zu ver­drän­gen dro­hen, zäh­len für die CDU neben Mos­lems auch Vege­ta­ri­er und Vega­ner –

so der Stern in sei­nem Bericht.

Man/frau kann dar­über lachen oder spot­ten und sagen, zum Glück ist die CDU in Schles­wig-Hol­stein in der Oppo­si­ti­on. Den­noch ist die Rede von den „Min­der­hei­ten“ doch eher pro­ble­ma­tisch, zumal die­se Min­der­hei­ten die Lebens­wei­se der vor­geb­li­chen Mehr­heits­ge­sell­schaft dul­den sol­len – und in die­sem Fall bit­te Schwei­ne­fleisch essen, was für from­me Mus­li­me und Juden ein Ver­stoß gegen ihre Spei­se­ge­bo­te wäre, für Vega­ner und Vege­ta­ri­er aber nicht ihren Gesund­heits­vor­stel­lun­gen ent­sprä­che. Dass die Juden aus­ge­las­sen wur­den, könn­te zei­gen, dass Mer­kels Erzie­hungs­pro­gramm in der CDU noch nicht ganz erfolg­reich war.

Viel­leicht sind die Kan­ti­nen in Schles­wig-Hol­stein noch nicht fle­xi­bel genug, auf unter­schied­li­che Erwar­tun­gen ihrer Kund/inn/en ein­zu­ge­hen. Wer also unbe­dingt ein Schwei­ne­schnit­zel haben möch­te, soll­te auch eines bekom­men dür­fen. Puten­schnit­zel oder Rin­der­hack wären an sich auch o. k. Aber es kommt hier auf Dif­fe­ren­zie­rung an, auf krea­ti­ve Erwei­te­rung der Regeln, die sicher­lich in einem betriebs­wirt­schaft­lich ver­nünf­ti­gen Rah­men blei­ben soll­te.

Das sind Auf­ga­ben in einer moder­nen und plu­ra­lis­ti­schen Gesell­schaft, wel­che die Ver­schie­den­heit der Men­schen aner­kennt. Und das ist dann auch beim Kochen ein Fall für die Kunst­leh­re (τέχνη [tech­ne]), da ver­schie­de­ne Bedürf­nis­se befrie­digt wer­den sol­len. Die Leit­kul­tur einer sol­chen Gesell­schaft kann daher nicht eine Grup­pe bestim­men, so ist das Grund­ge­setz m. E. auch nicht aus­zu­le­gen. Eben­so ist das auf die euro­päi­sche Viel­falt nicht anzu­wen­den, son­dern stellt einen Rück­fall hin­ter die­se dar. Es hat in der Geschich­te Euro­pas immer Men­schen gege­ben, die kein Schwei­ne­fleisch geges­sen haben. Und da in der CDU oft gedan­ken­los von der jüdisch-christ­li­chen Tra­di­ti­on die Rede ist, besteht hier noch eine Lern­auf­ga­be.

 

p. s. Mi., 02.03.: Sascha Lobo hat in einem Arti­kel auf Spie­gel-Online dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die CDU Schles­wig-Hol­steins nie­man­den ver­pflich­ten wol­le, Schwei­ne­fleisch zu essen (Frank Berg­mann (@hildwin) twit­ter­te um 2:22 PM on Mi., Mär 02, 2016:
Dar­auf ein Mett­bröt­chen! https://t.co/6ay0C1HTSl Erfun­de­ne Schwei­ne­fleisch­pflicht von @saschalobo
(https://twitter.com/hildwin/status/705035504748773376?s=02)

Das ist rich­tig, aber die hier doku­men­tier­ten Äuße­run­gen legen gleich­wohl den kul­tu­rel­len Kon­flikt offen.

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Info:
Fra­gen der Leit­kul­tur? ist Beitrag Nr. 4938
Autor:
Martin Pöttner am 1. März 2016 um 18:09
Category:
Wie wollen wir leben?
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